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Goliath statt David
Die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) gehört zu den effizientesten Energietechnologien, weil selbst unter Berücksichtigung der Leitungsverluste der Wirkungsgrad wesentlich höher ist als bei getrennter Erzeugung von Strom und Wärme. Deutschland hat sich deshalb eine Verdoppelung der Stromerzeugung aus KWK bis 2020 zum Ziel gesetzt (Meseberg-Ziel). Das ist nur erreichbar, wenn vorrangig das Wärmenetz ausgebaut wird und große Heizkraftwerke zum Einsatz kommen. Von Dieter Attig.

Dr. Dieter Attig ist Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Saarbrücken AG und Präsident des Bundesverbands Kraft-Wärme-Kopplung
(09. Januar 2010) Seit Jahrzehnten kommen Fernwärmeversorgung und KWK in Deutschland kaum voran. Die Stromerzeugung aus KWK stagniert bei zwölf Prozent, während einzelne Nachbarländer beim Dreifachen liegen. Auch der Anteil der Fernwärmeversorgung liegt nur bei 14 Prozent. Der Grund: In Wärmenetze sind hohe Investitionen nötig. Das verhindert die Erschließung riesiger Wärmepotentiale. Darüber hinaus lief KWK bisher den Interessen der großen Strom- und Gasversorger entgegen.
Interessen der Stromlobby
Die Stromerzeugung hat den größten Anteil an der Wertschöpfungskette der Stromversorgung: Die Produktion erfolgt weitgehend in Großkraftwerken. Über 80 Prozent der Kapazitäten liegen bei den vier großen deutschen Energieversorgungsunternehmen. Eine zunehmend dezentrale Stromerzeugung bedroht diese Position. Damit hat die KWK als typische dezentrale Erzeugungstechnologie eine mächtige Lobby gegen sich.
Die Einstellung der Gasversorger
Die Gaswirtschaft versucht seit vielen Jahren, Erdgas direkt an die Heizkunden zu verkaufen und damit andere Heizenergien zurückzudrängen. Auch die Fernwärme steht in Konkurrenz zum Erdgas. In vielen deutschen Städten gibt es neben Wärmenetzen voll ausgebaute Gasnetze. Die Gaswirtschaft ist daher grundsätzlich nicht besonders stark daran interessiert, große Heizkraftwerke zu fördern, die zur Wärmeverteilung ein Wärmenetz benötigen.
Anders verhält es sich mit kleinen dezentralen Miniblockheizkraftwerken: Diese Kunden bleiben Gasabnehmer und erzeugen neben der Heizwärme noch eine kleine Menge Strom. Das Marketing der Gaswirtschaft hat dafür den griffigen Namen Stromerzeugende Heizung verbreitet.
Im Folgenden wird gezeigt, dass die energiepolitischen Vorteile dieser Mikro-KWK nicht nur gering sind, sondern dass solche Aggregate in vielen Fällen weit sinnvollere KWK-Lösungen blockieren.
Neue Gestaltungsmöglichkeiten
Energieversorgungskonzepte zeigen, wie vor allem die Wärmeversorgung effektiver gestaltet werden kann:
In den Außenbezirken einer Stadt oder Gemeinde mit häufig ein- bis dreigeschossiger Bebauung steht die Dämmung der Häuser an erster Stelle. Neubauten müssen ohnehin hoch gedämmt werden, so dass die Heizung nur noch einen sehr geringen Einsatz von Strom, Gas, Solar- oder Biowärme erfordert. Im verdichteten Bereich mit höherer Bebauung und eingestreuten Funktionsgebäuden sind hochwertige Nachdämmungen der Gebäude oft nicht möglich. Dort sollte die Errichtung von Nahwärmenetzen und, wenn möglich, auch von Fernwärmenetzen vorrangig geprüft werden.
Auch kleinere Nahwärmenetze können später zusammengefasst werden, um günstigere große BHKW zu installieren. Werden jedoch einzelne interessante Wärmeabnehmer durch den Einbau eines objektbezogenen Mini-BHKW längerfristig blockiert, ist die Errichtung eines Nahwärmenetzes nicht mehr wirtschaftlich.
Die Parallelverlegung von Stromnetzen wird als volkswirtschaftlicher Unsinn bezeichnet und ist deshalb verboten. Bei den Heizenergien Fernwärme und Gas dagegen lässt man derartiges zu. Hier gilt es, Abhilfe zu schaffen durch den konsequenten Rückbau der Gasnetze in Fern- und Nahwärmegebieten. Liegen beide Sparten in den Händen des örtlichen Stadt- oder Gemeindewerkes, ist diese Forderung auch umzusetzen. Dies kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass mit einer ausreichend langen Ankündigungszeit Gasleitungen außer Betrieb genommen werden.
Dabei sollten auch die Politiker die volkswirtschaftliche Sichtweise nicht aus den Augen verlieren: Die kapitalintensive Nah- und Fernwärme schafft eine weit höhere Wertschöpfung im Land als Öl- und Gasheizungen, denn für Letztere fließt ein Großteil des Geldes ins Ausland, um die Energieträger zu importieren. Darüber hinaus profitiert der Verbraucher von Fernwärme, denn berücksichtigt man die Vollkosten, liegen deren Tarife im Schnitt hierzulande deutlich unter den Preisen bei Öl- und Gasheizungen
(siehe auch Ein Drittel höhere Heizkosten).
Goliath statt David
KWK-Anlagen sollten aus mehreren Gründen möglichst groß gewählt werden: Erstens erzeugen große Anlagen durch gute Wirkungsgrade je Wärmeeinheit viel mehr Strom als eine kleine Anlage. Zweitens kann ein Wärmenetz, das mehrere Verbraucher verbindet, eine Vielzahl zusätzlicher kleiner Kunden erschließen.
Da sich die Effekte multiplizieren, bringen die größeren Systeme eine erheblich höhere Stromausbeute. Das Meseberg-Ziel ist damit nur unter vorrangigem Einsatz großer KWK zu erreichen. Darüber hinaus sind große Netze ideal für einen späteren Umstieg auf Erneuerbare, denn besteht ein Wärmenetz einmal, kann man später auch Wärme aus erneuerbaren Energiequellen einspeisen.
Zudem sind große Fernwärmesysteme preisstabiler, weil Energiekosten durch Kapitalkosten ersetzt werden. Und die besseren Gleichzeitigkeitsfaktoren in größeren Wärmenetzen führen zu einer besseren Ausnutzung der Erzeugungsanlagen. Dies senkt die Kosten.
Fazit
Ist ein Wärmenetz vorhanden, rechnet sich eine KWK-Anlage unter den heutigen Rahmenbedingungen. Sobald sich herausstellt, dass die Wärmenetze mit der jetzigen Förderung nicht ausreichend wachsen, braucht man dafür ein zusätzliches Förderprogramm.
Beispiel: Vorrang für größere Einheiten
Ein Beispiel zeigt, dass eine zentrale größere Fernwärmeversorgung meist vorteilhafter ist als viele kleine KWK-Anlagen: In den 80er-Jahren entwickelten die Stadtväter von Lemgo und Rottweil KWK-Konzepte, obwohl beide Städte mit 50.000 Einwohnern keine typischen Fernwärmestädte sind.
In Rottweil sollten Wärmeinseln einzelne interessante Wärmepotentiale erschließen. Dazu dienten häufig Aggregate mit einer elektrischen Leistung von 50 Kilowatt. Lemgo dagegen setzte gezielt auf ein zentrales Fernwärmenetz. Einzelne Wärmeinseln wurden so konzipiert, dass sie später in das zentrale Netz integriert werden konnten.

Die alte Hansestadt Lemgo
Heute liegt die Stromeigenerzeugung in Lemgo auf der Basis eigener KWK-Anlagen bei 65 Prozent des Bedarfes und sichert damit den wirtschaftlichen Bestand dieses kleineren Stadtwerks. In Rottweil dagegen ist die Eigenerzeugung kaum über zehn Prozent hinausgekommen, denn es fehlte der Anstoß zur Bildung eines zusammenhängenden Fernwärmenetzes.
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