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Wie Reservestatistiken zustandekommen
Die Reserve-Meldungen der einzelnen Staaten sind mit großer Skepsis zu betrachten. Es ist erstaunlich, daß einige Länder über mehr als ein Jahrzehnt hinweg unveränderte Reserven melden, ohne daß diese durch Neufunde belegt wären.
Das würde doch bedeuten, daß dort über viele Jahre jedes Jahr genauso viel Öl gefunden wie gefördert wurde. Allein schon die Tatsache, daß die im Golfkrieg verbrannten zwei Mrd. Barrel die Reservestatistik Kuwaits nicht beeinflussen, nährt die Vorbehalte gegen derartige Statistiken.
Die jährlich übermittelten und publizierten Reservestatistiken sind in keiner Weise originäre und im wissenschaftlichen Sinn erhobene und analysierte Angaben. Vielmehr melden die einzelnen Staaten jedes Jahr ihre Reserven an das Oil and Gas Journal. Dieses veröffentlicht die Angaben unkommentiert und ungeprüft.
Alle weiteren öffentlichen Statistiken, wie z.B. BP Statistical Review of World Energy, Shell, Esso etc. übernehmen diese Zahlen ebenfalls unkommentiert. Dabei entsteht der Eindruck, daß es sich jeweils um unabhängige Analysen handeln würde, was nicht der Fall ist.
Ebenfalls basieren die Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe oder die Zahlenangaben des Bundeswirtschaftsministeriums auf diesen Veröffentlichungen. Außer der Firma Petroconsultants verfügt wohl niemand über ein eigenes originäres Wissen, das den Erfahrungsbereich des eigenen Landes oder einzelner Ölfirmen wesentlich überschreitet.
OPEC-Angaben über Ölreserven fraglich
Die Förderquoten der einzelnen OPEC-Staaten werden auf gemeinsamen Sitzungen jährlich festgelegt. Ein Kriterium bei der Festlegung des Förderanteils bildet die Höhe der Reserven bezogen auf die Einwohner des Landes. Derjenige, der für sich die größten Reserven benennen kann, darf auch entsprechend mehr fördern.
Viele OPEC-Staaten meldeten über Jahre hinweg fast konstante Reserven. Dann aber wurden von einem Jahr auf das andere durch eine Neubewertung der Felder die Reserveangaben verdoppelt, ja teilweise sogar verdreifacht. Nachdem der erste Staat sich dieser Praxis der Neubewertung bediente, zogen andere OPEC-Staaten mit ähnlichen Neubewertungen nach.
Ein weiterer Grund für überhöhte Reserveschätzungen mag auch darin liegen, daß sich die Vergabe internationaler Kredite an den Sicherheiten eines Landes orientiert. Hierzu zählen vor allem dessen Bodenschätze. Dies etwa gleicht dem Hausbesitzer, der der Bank gegenüber den Wert seiner Immobilie selbst festsetzen kann.
Die Hälfte allen Öls bereits verbraucht
Alle wirklich großen Vorkommen hat man schon vor Jahrzehnten entdeckt: 80% des heute geförderten Öls stammt aus Quellen, die 30 Jahre oder länger bekannt sind. Das Maximum der neuen Ölfunde war in den 60er Jahren erreicht.
Trotz intensivster Explorationsbemühungen nach den beiden Ölkrisen werden die neuen Funde immer geringer. Dies ist auch in keiner Weise erstaunlich, denn die geologischen Zusammenhänge, die zur Entstehung von Öl in der Erdgeschichte geführt haben, sind mittlerweile sehr gut verstanden.
Man weiß also, wo man suchen muß und man weiß, wo es nichts zu finden gibt. Es ist auch einsichtig, daß die großen Vorkommen bereits mit einfachen Methoden früher gefunden wurden als die kleinen. Die Summenkurve aller bisher gefundenen Reserven nähert sich längst asymptotisch einem Grenzwert.
Diese Zahlen zeigen, daß wir fast die Hälfte des Erdöls der Welt bereits gefördert haben. Um das Jahr 2000 wird der sogenannte "mid-depletion point" erreicht sein, also der Zeitpunkt, zu dem die Hälfte des insgesamt förderbaren Öls tatsächlich gefördert wurde. Irgendwann in den nächsten Jahren wird die jährliche Ölförderung, die 1996 bei ca. 23 Mrd. Barrel pro Jahr lag, beginnen zurückzugehen.
Rettung durch die Nordseevorkommen?
An dieser Stelle sollte man vielleicht ein paar Bemerkungen zu den Ölvorkommen in der Nordsee machen. Viele Leute meinen, daß man auf Grund des ersten Ölpreis-Schocks Anfang der 70er Jahre angefangen hat, nach Alternativen zu den Ölvorkommen der Nahost-Länder zu suchen.
Prompt habe man in der Nordsee Öl gefunden und konnte den Druck reduzieren. Falls es an anderer Stelle wieder eng wird, wiederholt man dies und sucht sich die "nächste Nordsee", zum Beispiel in Kasachstan oder vor der Küste Angolas.
Dabei wird jedoch übersehen, daß die Vorkommen in der Nordsee sehr wohl vor der Ölkrise schon entdeckt waren und daß es nur ein ökonomisches Problem war, diese schwieriger zu erschließenden Felder auch tatsächlich auszubeuten. Bei der nächsten Ölkrise gibt es keine "noch nicht angegangenen Vorkommen" mehr. Im wesentlichen ist bereits alles gefunden.
Wie lange reicht das Öl noch?
Das Konzept der statischen Reichweite ("Wie lange reicht das vorhandene Öl?") ist aus einer Reihe von Gründen eher irreführend. Zum einen verläuft die Förderung über die Zeit nicht auf einem konstanten Niveau, um dann plötzlich in dem Moment abzubrechen, wenn alles verbraucht ist, sondern der Verlauf folgt einer Glockenkurve.
Zum zweiten wird im Konzept der statischen Reichweite ein konstanter Verbrauch unterstellt. Bezogen auf den Weltverbrauch von Öl haben wir es aber mit einem Wachstum zu tun. Insofern überschätzen die statischen Reichweiten die zeitliche Verfügbarkeit.
Ein weiterer Aspekt ist der, daß nach dem Überschreiten des "mid-depletion point" eines Fördergebietes der Begriff der statischen Reichweite zunehmend irreführend wird. Dies läßt sich leicht am Beispiel der Ölförderung in Deutschland demonstrieren. Hatten wir doch auf dem Fördermaximum 1968 eine statische Reichweite von 11 Jahren. Heute, bei einem Förderniveau von nur noch 40% der Maximalförderung und wesentlich weniger verbliebenen Reserven, hat sich die statische Reichweite jedoch auf 18 Jahre erhöht [4].
Ölschiefer
Neben dem konventionellen Öl gibt es Schweröle, die andere Förder- und anschließend andere Verarbeitungstechniken erfordern. Und es gibt Öl, das in der Natur in Ölsanden oder in Ölschiefer gebunden ist. Diese Vorkommen werden auch als "non-conventional oil" bezeichnet und sind in der Tat sehr groß.
Viele Betrachtungen bezüglich der künftigen Verfügbarkeit von Erdöl unterscheiden nicht sehr scharf zwischen "conventional" und "non-conventional oil". Dahinter steht die Vorstellung, daß es sich eigentlich nur um einen technologischen Unterschied bei der Förderung handelt und daß bei entsprechenden ökonomischen Randbedingungen und entsprechenden Preisen ein gleitender Übergang erfolgen kann von der Förderung und Versorgung mit "conventional oil?" zu einer Gewinnung und Versorgung mit "non-conventional oil".
Es ist wenig wahrscheinlich, daß dem so ist. Während beim konventionellen Öl das Feld nur "angestochen" wird und mit wenigen stationären Förderanlagen der gesamte förderbare Inhalt gewonnen werden kann, muß beim nicht konventionellen Öl der gesamte Teersand, Ölschiefer etc. bewegt, erhitzt, ausgepreßt werden. Das ist eher dem Abbau von Braunkohle im Tagebau vergleichbar als der konventionellen Ölförderung.
Es liegt auf der Hand, daß sich hier sehr schnell eine Kollision mit Belangen des Natur- und Landschaftsschutzes ergeben wird. Hinzu kommen energetische Mehraufwendungen bei der Förderung, die die nutzbare Energieausbeute erheblich einschränken, sowie große Kohlendioxidemissionen.
Die Alternativen zum Öl?
Wenn die Ölförderung ihr Maximum überschreitet, entsteht eine zunehmende Lücke zwischen Energienachfrage und Energieversorgung, die nach Deckung ruft. Zunächst scheint es naheliegend, einfach zum dann nächstgünstigsten Energieträger überzuwechseln.
Genau das haben wir weltweit in den letzten Jahren mit der verstärkten Nutzung von Erdgas bereits gemacht. Jedoch kann ein solcher Übergang allenfalls eine kurze Verschnaufpause gewähren. Er bringt uns einer langfristig tragfähigen Energieversorgung nicht näher.
Sicher wird die zu beobachtende Entwicklung, Gas als relativ sauberen und leicht zu handhabenden Energieträger in möglichst viele Anwendungen zu bringen, sich noch einige Zeit fortsetzen. Doch es ist klar absehbar, daß - je mehr man versuchen wird Erdöl durch Erdgas zu ersetzen - sich dies in sehr kurzer Zeit als nicht realisierbar herausstellen wird. Erdöl und Erdgas werden dann ungefähr gleichzeitig zur Neige gehen.



