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Netzqualität mangelhaft
Die Qualität des deutschen Stromnetzes ist ins Gerede gekommen. Die Reinvestitionsquote sank von 2,5 Prozent im Jahr 1998 auf teilweise unter ein Prozent des Wiederbeschaffungswertes. Das bleibt nicht ohne Folgen für den Zustand der Netze.
(5. Januar 2007) - Die Strombranche will nach eigenen Angaben im Jahr 2007 die Investitionen in die Netze nur leicht steigern, berichtet die Nachrichtenagentur dpa: Von 2,55 Milliarden Euro im Jahr 2006 auf 2,65 Milliarden im Jahr 2007.
Investitionen sanken um 21 Prozent
Die Investitionen in Netze und Kraftwerke sind seit den achtziger Jahren um 40 Prozent gesunken, von 6,8 auf 3,9 Milliarden Euro jährlich. Allein bei den Netzen verringerten sich die Investitionen in den vergangenen fünf Jahren um 21 Prozent je Einwohner, berichtet Prof. Wolfgang Schröppel, Vorsitzender der Energietechnischen Gesellschaft im VDE auf einem Vortrag für den Informationskreis Kernenergie am 17. Oktober 2006 in Berlin (ZfK, 4. November 2006). Den Grund für die Versäumnisse sieht Schröppel in der Marktöffnung.
Mittelspannungsnetze sanieren
Eine Studie der SAG NE nahm die Mittelspannungsnetze von sieben Energieversorgern unter die Lupe (Hilde Hutchings: Mittelspannungsfreileitungen auf dem Prüfstand, ew 2005, Heft 24, S. 70). Ergebnis: Alle Komponenten funktionierten unter den derzeitigen Bedingungen nahezu ordnungsgemäß. Generelle Sicherheitsprobleme gibt es im Freileitungsnetz derzeit noch nicht. Doch ließen sich in sämtlichen untersuchten Netzen Alterungserscheinungen feststellen, die ohne Sanierungsmaßnahmen in naher Zukunft Ursache für Störfälle sein könnten.
Fazit: Nur wer rechtzeitig saniert, kann sicherstellen, dass es nicht zur Unterbrechungen wegen überalterter Bauteile kommt. Bleibt es bei einer "ereignisorientierten" Wartung, die heute immer mehr zur Regel wird, ist zu befürchten, dass das System ausgezehrt wird, mit allen kostspieligen Folgen für Instandsetzung und eine eingeschränkten Versorgungssicherheit.
Sparen rächt sich
Verständnis fürs Knausern bei den Netzinvestitionen zeigte Dr. Wolfgang Fritz auf einem VDE-Kongress am 23. Oktober 2006 in Aachen. Doch sparen am Netz kann sich fürchterlich rächen und in einer Art "Störungskatastrophe" enden, warnt Fritz. Zunächst haben Einsparungen keine nennenswerten Beeinträchtigungen der Zuverlässigkeit zur Folge. Später kann sich die Zuverlässigkeit erheblich verschlechtern. Über längere Zeit vernachlässigte Netzanlagen neigen später zu einer starken, ja katastrophalen Zunahme der Störungen, selbst bei einem scheinbar ausreichend hohen Ersatzbudget.
Der Fachmann zeigte Kurven, nach denen die Störungszahl erschreckend in die Höhe schießt. Sind die Betriebsmittel erst mal überaltert folgt eine Panne der anderen. Man kann die Anlagen gar nicht so schnell ersetzen, wie sie ausfallen. Das weiß jeder Autofahrer, der eine allzu alte "Karre" besitzt.
Fritz plädiert dafür, die Erneuerungstätigkeit von Netzbetreibern durch eine Kennzahl zu bewerten und darüber hinaus Betreibern von überalterten Netzen empfindliche Erlösabschläge aufzuerlegen.
Kabelnetze
Die derzeitige "ereignisorientierte" Netzwartung wird auch in einem Fachartikel der Zeitschrift "Energiewirtschaftliche Tagesfragen" kritisiert (Erneuerungsstrategien …, Kai Steinbich u. a. ET 2006, Heft 11, S. 40). Für den überwiegenden Teil der Kabelnetze wird zurzeit eine ereignisorientierte Wartung angewendet: Nur bei einer spürbaren Störungszunahme auf einer Kabelstrecke werden zustandsorientierte Erneuerungsmaßnahmen vorgenommen. Zwar werden dabei die Gesamtkosten minimiert. Jedoch verschlechtert sich dabei die Versorgungszuverlässigkeit erheblich bei stark ansteigenden Entstörungskosten und Kabelalter.
Hintergründe
Vor der Liberalisierung der Energiemärkte im Jahr 1998 wurden alle Investitionen in die Stromnetze über die genehmigten Tarife von den Kunden bezahlt. Die Stromversorger waren daran interessiert, möglichst viel in die Netze zu investieren, weil das Umsatz und auch Gewinn brachte. Nach 1998 war es möglich, Investitionen als Netzkosten abzurechnen, die nie getätigt wurden. Möglich wurde das durch die sogenannte Nettosubstanzerhaltung.
Statt der historischen Anschaffungswerte wurden nun die Tagesneuwerte der Abschreibung "kalkulatorisch" zugrundegelegt. Die Differenz zwischen kalkulatorischer und tatsächlicher Abschreibung wird als Gewinn verbucht. Gewinne werden so in den Kosten deklariert (vgl. Nettosubstanzerhaltung, Von Hammerstein, Ben Schlemmermeier, VIK-Mitteilungen 4-2004, S. 78).
Die Kunden bezahlen, als wenn die Netze stets auf dem neuesten Stand gehalten worden wären, auch wenn tatsächlich nichts investiert worden ist. Die Nettosubstanzerhaltung wurde von der Versorgungswirtschaft in die Verbändevereinbarung geschrieben und in die Verordnungen zur Berechnung der Netzentgelte übernommen, die auch der Netzentgeltgenehmigung der Bundesnetzagentur zugrunde liegt (vgl. dazu Überlegungen zu einer Verstaatlichung der Netze).
Vor acht Stunden bin ich Zeuge eines schlimmen Unfalls geworden. Ein Mann kletterte im Auftrag der Stadtwerke auf einen Strommast, um die Kabel abzubauen. In dem Moment ist der Mast mit dem Mann umgeknickt. Der Mast stürzte auf den Mann und verletzte ihn so schwer, dass er mit dem Hubschrauber abtransportiert werden musste. Die Strommasten sind über 50 Jahre alt.
Christoph Rygol, Osnabrück


