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Irrsinn oder Notwendigkeit: 100 Prozent Erneuerbare bis 2050

Der bayerische Bundestagsabgeordnete der Grünen, Hans-Josef Fell fordert eine komplette Abkehr von Fossil und Atom bis 2050. Was sich auf den ersten Blick wie ein Wunschtraum anhört, stellt sich beim näheren Nachfragen als realistische Vision heraus. Die Energiedepesche hat Details erfahren.
2. Januar 2007
Habe ich mich verhört oder wollen Sie tatsächlich Deutschland im Jahr 2050 komplett ohne Öl, Gas, Kohle und Uran mit Energie versorgen?
Fell: Sie haben richtig gehört, genau das will ich. Bis dahin würden ansonsten Erdgas, Erdöl und Uran längst nicht mehr die Versorgung decken können und extrem teuer sein. Und die Kohle weiter zu verbrennen können wir nicht mehr zulassen, da dies extrem klimazerstörend ist. CO2-Abscheidung ist wiederum zu teuer. Es bleiben: Die erneuerbaren Energien - zeitlich unbegrenzt und günstig.
Wie soll das möglich sein? Haben Sie konkrete Überlegungen, mit denen Sie belegen können, dass ein solches Ziel verwirklicht werden könnte?
Fell: Im Strombereich sind wir mit den erneuerbaren Energien schon auf dem besten Weg, mit dem Atomausstieg ebenfalls. Die heutigen Ausbaugeschwindigkeiten der erneuerbaren Energien hat noch im Jahre 2000 niemand für möglich gehalten - aber sie sind Realität geworden. Diese Ausbaugeschwindigkeiten weiterlaufen zu lassen, wird die vollständige Umstellung des Stromsektors weit vor 2050 ermöglichen. Im Wärme- und Transportsektor ist es zwingend notwendig, die Ausbaugeschwindigkeiten zu beschleunigen; mit zielorientierten politischen Maßnahmen ist dies sehr wohl auch möglich. Beim Verkehr müssen wir neben den Biokraftstoffen den Elektroantrieb mit Strom aus erneuerbaren Energien voran bringen. In allen Sektoren gilt, dass eine konsequente Einsparung von Energie den Umstieg auf erneuerbare Energien erleichtern wird.
Wie teuer wäre eine solche Umstellung für Privatleute, für die Industrie und den Staat?
Fell: Mehrkosten für Industrie und Verbraucher werden nur noch in den nächsten Jahren anfallen. Je mehr wir die erneuerbaren Energien nutzen, desto billiger werden sie. Dies ist bei den konventionellen Energien völlig anders: ihre Verknappung und die durch sie verursachten Umweltschäden werden die Kosten ins Unbezahlbare steigen lassen. Schon heute senken die Windräder in Deutschland die Stromerzeugungskosten, vor allem weil bei ihnen keine Brennstoffkosten anfallen. Keine Brennstoffkosten haben aber auch Solar-, Wasserkraft- und Geothermieanlagen. Gerade dieser Effekt wird nach erfolgreicher Markteinführung die erneuerbaren Energien viel billiger als die heutige konventionelle Energieversorgung machen; vor allem auch wenn die enormen externen Kosten der fossilen und atomaren Energien auf die Energiekunden und nicht wie heute auf die Steuerzahler umgelegt würden.
Wie sollen zum Beispiel die Autos im Jahr 2050 ohne Benzin fahren?
Fell: Es wird zwei Arten von Fahrzeugen geben. Reine Elektrofahrzeuge, sowie Hybrid-Elektrofahrzeuge, die für längere Strecken zusätzlich Biokraftstoffe benutzen. Bei beiden wird der Strom aus erneuerbaren Energien über die Steckdose zugeführt. Die dafür nötigen besseren, leistungsstärkeren und leichteren Batterien werden bereits entwickelt und demnächst in den Markt eingeführt.
Wie wollen Sie alle Wohnungen des Landes ohne Öl, Gas und Kohle beheizen?
Fell: Zum Einen haben wir mit Dämmmaßnahmen und passiver Sonnenenergienutzung sehr große Einsparmöglichkeiten beim Heizen. Zum Anderen stehen uns hier in großem Umfang erneuerbare Energien zur Verfügung: Abwärme aus dezentraler Stromerzeugung mit Biogas oder Pflanzenöl, Sonnenkollektoren, Erdwärme, Holz und andere Bioenergien, bis hin zu kleinen Windrädern, die Strom für Wärmepumpen liefern. Vor allem wenn wir mit großen Erdspeichern die überschüssige Sonnenwärme des Sommers in den Winter transportieren, brauchen wir keine fossilen Brennstoffe mehr.
Wie soll der Strom im Jahr 2050 erzeugt werden, ja doch wohl nicht komplett aus Windkraft?
Fell: Niemand hat jemals behauptet, nur mit Windenergie die zukünftige Stromerzeugung sichern zu wollen. Wir werden einen Strom-Mix haben aus Wind, Wasser, Solarstrom, Erdwärme, Meeresenergien und Bioenergien. Ein Teil des Stroms wird vermutlich auch aus anderen Regionen kommen wie aus Wind- und Solarparks in Nordafrika. Durch europaweites Angebots- und Nachfragemanagement werden Speicher erst später benötigt werden. Als Speicher können schon die vorhandenen Stauseen eine neue Rolle spielen. Hinzu kommen die Batterien in Elektrofahrzeugen. Möglicherweise werden auch Druckluftspeicher in aufgelassenen Bergwerken helfen die Angebotsschwankungen von Sonne und Wind genau auszugleichen. Sogenannte virtuelle Kraftwerke werden eine wichtige Rolle spielen.
Wo wollen Sie das Geld für eine solche Umstellung hernehmen?
Fell: Wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen stimmen, dann fließt auch das reichlich vorhandene private Kapital. Das EEG und die Steuerbegünstigung von Biokraftstoffen bewirken dies ja schon heute. Wenn in einigen Jahren nach erfolgreicher Markteinführung die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Energien sogar billiger ist als der Kauf konventioneller Energie, dann fließt das private Geld automatisch, ohne staatliche Regulationen. Bis dahin sind Regulationen aber weiterhin erforderlich und müssen vor allem im Wärme- und Treibstoffbereich noch deutlich ausgebaut werden. Doch schon heute erkennen viele Menschen bereits die finanziellen Vorteile der erneuerbare Energien und investieren ihr Kapital, weil sie zu Recht weiter steigende Preise für Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran befürchten.
Mit welchen Energieeinsparungen rechnen Sie bis 2050 bezogen auf das heutige Verbrauchsniveau?
Fell: Das kann man nur über den Daumen sagen. 30 bis 40 Prozent sind schon drin angesichts der zu erwartenden Preissteigerungen bei den fossilen Energien und bei besseren politischen Rahmenbedingungen.
Wie kann man Energieeinsparungen in dieser Größenordnung verwirklichen?
Fell: Zum Einen durch ökonomische Anreize, die auch der Staat setzen kann, durch Umlegung der externen Kosten, die bereits mit der Ökosteuer begonnen wurde. Zum Anderen mit Ordnungsrecht: Energieverschwendende Geräte und Anlagen könnten mit dem so genannten Topp-Runner-Ansatz allmählich aus der Nutzung verschwinden ohne dass der Verbraucher dadurch irgendeinen Nachteil hätte - im Gegenteil!
Benötigen wir die bisherigen Techniken nicht noch für eine gewisse Übergangszeit?
Fell: Sogenannte Übergangstechnologien würden die notwendige Umstellung nur verzögern und kämen vermutlich teuer zu stehen, weil Fehlinvestitionen wahrscheinlich wären und erneuerbare Energien zum Teil heute schon günstiger sind. Es macht keinen Sinn, den Weg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien mit scheinbaren Alternativen zuzumauern, die die Problemlösung nur verschieben. Wir müssen den direkten Weg gehen, sonst verlieren wir nur Zeit und Geld. Was soll zum Beispiel das Gerede darüber, dass CO2-freie Kraftwerke eine Übergangstechnologie wären. Die gibt es nicht. Frühestens 2020 wird diese Technologie breit einsetzbar sein - falls überhaupt. Und dann sollen diese teuren und ineffizienten Übergangskraftwerke auch noch 30 bis 40 Jahre laufen. Hier geht es doch nur darum, veraltete Strukturen künstlich am Leben zu halten. Viel zu teuer ist auch das Erdgas als sogenannte Übergangstechnologie. Und wer auf Uran setzt, hat weder dessen Preisentwicklung mitbekommen, noch nimmt er die Gefahren des internationalen Terrorismus ernst oder die berechtigten Akzeptanzprobleme der Atomenergie.
Was können die Leser der Energiedepesche nun konkret tun, damit Ihre Vorstellungen verwirklicht werden?
Fell: Sie können sich selbstbewusst für erneuerbare Energien und Energieeinsparung einsetzen. Sie sollten selbst in diese investieren, zum Beispiel mit einer , mit Solaranlagen auf dem Dach, Dämmung in der Hauswand, dem Pelletskessel im Keller, dem Pflanzenöl im Auto oder zu einem Ökostromhändler wechseln und alle Möglichkeiten der politischen Einflussnahmen nutzen. Sie können eine unternehmerische Aktivität gründen oder sich in Bildung und Ausbildung aktiv für erneuerbare Energien einsetzen. Erneuerbare Energien sind Bürgerenergien. Sie leben von dem Engagement der Bürger zu Hause, in der Wirtschaft und der Politik. Jeder der selbst im Solarzeitalter angekommen ist, hilft mit, dass sich die ganze Gesellschaft dorthin bewegt.
Vielen Dank für dieses Gespräch.


