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Ökosex
An dieser Stelle lesen Sie unsere ständige Kolumne "Ökosex", verfasst von Martin Unfried, 43, Dozent am European Institute of Public Administration in Maastricht im Bereich der EU-Umwelt- und Klimapolitik.
Homepage mit älteren Beiträge und Videos: www.oekosex.eu
Gebäckträger und Radlerkasten
Warum die Form der nachhaltigen Funktion folgen und das Design von Getränkekisten endlich der Fahrradgesellschaft dienen sollte
(15. Mai 2012) Fahrräder ohne Gepäckträger sind wie französische Filme ohne Juliette Binoche. Sie machen keinen Sinn. Dennoch, und das hat mich bei meiner letzten Deutschland Reise sehr schockiert: sie sind schwer in Mode. Erst waren es die doofen Mountainbikes, die bei euch sogar in den Städten gerne gefahren wurden, obwohl der Rollwiderstand ähnlich schlecht ist wie der eines Schützenpanzers. Und jetzt im Moment sind eher diese alten Rennräder hipp: dünne Rennradreifen, abgesägte Lenker und fehlende Schutzbleche.
Was für ein Quatsch: besonders bei Kopfsteinpflaster, Regen und nach einem Großeinkauf. Da stellt mancher Hipster nämlich fest: mit ultracoolen Bikes kann man nicht mal die kleinste Kekspackung transportieren, weil diese nämlich keinen Gebäckträger haben. Und deshalb haben viele junge Leute einen Rucksack dabei, der allerdings heftig den Rücken belastet. Kein Wunder, dass eine ganze Generation später in die Rückenschule muss.
Meine These: Räder ohne Gepäckträger sind eine Einbahnstraße auf dem Weg ins Nirvana der Nachhaltigkeit. Hier wird in übler Weise die Funktion wegen lächerlicher Form Liebhabereien beschädigt. Wie kann man nur einen Gepäckträger aus Designgründen weglassen? Das raubt dem perfekten Produkt Fahrrad sein bestes Stück. Mit Gepäckträger kann ich beispielsweise als nachhaltiger Gastgeber mühelos Bierkästen mit dem Fahrrad transportieren.
Das geht bei uns in den Niederlanden ganz locker und easy: da gibt es eine besondere Technik. Bierkasten auf den Gepäckträger und dann wird dieser mit einer Hand hinten festgehalten, die andere bleibt am Steuer. Dabei hilft uns das zeitgenössische Bierkastendesign. Nach dem Motto „form follows function“ haben die niederländischen Bierkästen nämlich extra einen Griff in der Mitte, den es von oben zu bedienen gilt. Das klappt hervorragend.
So sind Getränkekisten nur ein Beispiel dafür, wie pfiffigeres Design viele Produkte des Alltags für die Nachhaltigkeit fit machen könnten. Bisher sind diese leider komplett für die Autogesellschaft konzipiert. Beispiel: der Drive-In von Fast-Food Ketten. Wie blöd sieht das denn aus, wenn man da mit dem Fahrrad in der Reihe steht. Insbesondere wenn es regnet. Hier wäre ein Tunnel ins Gebäude rein und eine gesonderte Spur im Restaurant an der Kasse vorbei nicht schlecht.
Anderes Beispiel: feine Anzüge für besonders schicke Business-Gelegenheiten. Auch in diesem Fall ist die Berufskleidung des Politikers und Bankers auf die Benutzung einer klimaschädlichen Limousine zugeschnitten. Wer jemals mit einem Anzug mit Hemd und Krawatte auf einem Rad mit Kettenschaltung einen Berg bei Hagel hinauf fuhr, der weiß, dass Ökologie und Mode noch zwei Welten sind. Ich warte immer noch auf den ersten Business-Bike Anzug, der die Seriosität des gepflegten Auftritts mit der Eleganz der klimafreundlichen Fortbewegung verbindet.
Zurück zum Bier: da hätte ich sogar einen Geheim-Tipp für Brauereien, womit diese steinreich werden können. Es gibt ja schon tolle Kästen, die man in der Mitte teilen kann. Da wäre es natürlich super pfiffig, wenn die Bierkastenhälften mit Haken versehen wären, die links und rechts wie Satteltaschen am Gepäckträger eingehängt werden könnten. Weil heute Norbert Röttgen in NRW verloren hat, stelle ich diese grandiose Ökosex-Design-Idee dem Bundesumweltminister und den deutschen Brauereien kostenlos zur Verfügung. Sozusagen als Gemeinleergut. Das ganze könnten wir „Radlerkasten“ nennen und natürlich sollten wir erst mal mit dem Vertrieb von Radler beginnen.
Garagen zu solaren Wärmespeichern
Nehmen was da ist: Wir sollten vorhandene Infrastruktur öfter umwidmen
(04. Mai 2012) Das Etschtal ist an sich schon spektakulär genug. Alles voller Weinberge und Apfelplantagen und dann geht es links und rechts rockig bergauf. In Rovereto, zwischen Verona und Trento, überrascht auch noch eine in die Brennerautobahn integrierte Photovoltaik-Anlage. Als ich gestern vorbeifuhr schien die Sonne herrlich auf sie herab und blau glänzten die Module in der alpinen Frühlingssonne. Das sind natürlich echte Glücksmomente. Das war Urlaub und Bildungsreise in einem. Also eine Art Doppelnutzen, um den es heute geht.
Photovoltaik an oder auf Lärmschutzwänden ist ja an sich nichts Neues. Diese hier war aber eine eigens konzipierte PV-Lärmschutzwand, mit einem eleganten Knick im oberen Bereich. Sah recht gut aus und leuchtet in der Alpensonne in einem Tal, das mit dem Lärm des Verkehrs kämpft. Nicht nur der Autobahn. Auch die Bahnstrecke kreischt, wenn Güterzüge vorbeirauschen. Da bedeuten PV-Lärmschutzwände eben echten Doppelnutzen.
Was ich in den letzten Tagen der Entschleunigung ebenfalls gesehen habe: solare Heustadl und Carports in Südtirol. Der Solarcarport ist für mich das Symbol des Fortschritts im 21sten Jahrhundert an sich. Das hängt mit dem Erbe der unnachhaltigen Moderne zusammen. Von allen Gebäuden der Moderne sind nämlich Autogaragen mit Abstand die Dämlichsten. Viele Siedlungen in Deutschland sind durch grässliche Betonkisten entstellt. Warum? Damit unsere Autos nicht nass werden. Das ist alles andere als Mehrfachnutzen.
Wie jeder weiß, leben wir ja leider noch lange nicht in einer Öko-, sondern immer noch in einer Garagendiktatur. Der Gesetzgeber schreibt vor, wie viele Garagen pro Wohnung zu bauen sind. Da wäre eine klare gesetzliche Ansage ein Innovation: Garagen zu Solarports. Oder noch besser: Auto auf die Straße stellen und die Garage zum riesen Wasserspeicher umbauen für die saisonale Wärmespeicherung. Natürlich bei Bedarf auch zum Proberaum für die Rockband der Kinder des Autobesitzers. Man stelle sich vor, es gebe in Deutschland eine gesetzlich vorgeschriebene Proberaumbewirtschaftung. Was hätten wir für tolle Bands!
Ähnlich eindimensional war bisher die Verwendung der Autobahn. Soviel Fläche versiegelt, soviel viel Lärm, soviel tote Streifen am Rand und in den Auffahrten. Und eigentlich brummen darauf nur Motoren hin und her. Was könnte man damit nicht alles anstellen? Ich habe mal vor Jahren in einer Kolumne mit der deutschen A7, der Magistrale von Nord nach Süd, angedacht, was die Kombination Erneuerbare und Autobahn bedeuten könnte. Hermann Scheer hatte die Idee politisch vorgestellt und heute versucht die Hermann Scheer-Stiftung mit einer Projektplattform die Idee zu kommunizieren.
Und tatsächlich sind neben Autobahnen oder an Schnellstraßen insbesondere in Bayern in den letzten Jahren einige große Photovoltaik-Freiflächenanlagen entstanden. An der A3 gibt es in der Aschaffenburger Gegend eine sogenannte „Einhausung“, also eine komplette Überbauung, auf die PV montiert wurde. In Rheinland-Pfalz stehen an der A 61 im Hunsrück ziemlich viele Windkraftanlagen. Zugegeben, das ist bisher alles sehr konventionell und spielt sich eher auf den Flächen neben und nicht so sehr direkt an der Autobahn ab.
Was fehlt, sind Ideen für die echte Energieautobahn, die auf der eigenen Fläche Autobahnenergie produziert. Module im Mittelstreifen, Energiepflanzenanbau auf den Grünstreifen daneben oder Energiespeicherung an der Autobahnraststätte. Solche Sachen eben. Im Internet habe ich auch die Idee einer kompletten PV-Überdachung gesehen, die könnte an Stellen mit Gefälle im Winter nebenbei Staus und Unfälle vermeiden. Klingt erst mal schräg und das soll es auch. Was es wohl braucht, sind Konzepte, die jeder erst für bekloppt hält.
Es gibt einen belgischen Professor, der den Ansatz der konsequenten Verwendung vorhandener Infrastruktur propagiert. Kleine Windturbinen in vorhandenen Strommasten und so was. Die Strommasten stehen tatsächlich nur so in der Gegend rum. Genauso wie die vielen Straßenlaternen. Insbesondere in Belgien, womit wir wieder bei der Autobahn wären. Belgien sollte uns in diesen Dingen Hoffnung machen. Da kam einer vor 50 Jahren mit der schrägen Idee, die ganzen Autobahnen zu beleuchten und dafür Hundertausende von Masten aufzustellen. Und? Die Belgier haben das damals tatsächlich gemacht. Wegen des Doppelnutzens nämlich. Vordergründig ging es natürlich um Verkehrssicherheit, aber nebenbei konnten sie auch noch ihren nächtlichen Atomstrom versenken . . .
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