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Wissenschaftler: Mehr Vorfälle in Atomkraftwerken als bekannt Auch nach der Katastrophe von Tschernobyl hat es internationalen Wissenschaftlern zufolge weit mehr Unfälle in Atomkraftwerken gegeben als in der Öffentlichkeit bekannt.

Wissenschaftler: Mehr Vorfälle in Atomkraftwerken als bekannt

(15. Mai 2007) - Auch nach der Katastrophe von Tschernobyl hat es internationalen Wissenschaftlern zufolge weit mehr Unfälle in Atomkraftwerken gegeben als in der Öffentlichkeit bekannt. Die Grünen im Europaparlament legten am Mittwoch in Brüssel eine entsprechende Studie vor. "Wir haben es 21 Jahre nach Tschernobyl mit einer alarmierenden Situation zu tun", sagte der Leiter des Instituts für Risikoforschung der Universität Wien, Wolfgang Kromp, der die Studie mit verfasst hat.

Die Wahrscheinlichkeit eines "schwerwiegenden Unfalls" nehme zu.

Oft mangele es an erfahrenem Personal und Geld. Auch der Terrorismus stelle eine wachsende Bedrohung dar.

Die Atomkraft müsse den "geordneten Rückzug" antreten.

Jedes Jahr gibt es den Autoren zufolge weltweit mehrere tausend Zwischenfälle in den Meilern, bis zu 800 allein in Frankreich.

Die Studie "Restrisiko" beschreibt 16 der gefährlichsten Fälle der vergangenen 20 Jahre, davon zwei in Deutschland. So habe im Dezember 2001 in Brunsbüttel eine Wasserstoffexplosion Rohrleitungen des Sprühsystems am Siedewasserreaktor stark beschädigt. Bis dahin sei eine derartige Explosion nahezu ausgeschlossen worden und die Anlage habe umfangreich nachgerüstet werden müssen.

"Die Wahrnehmung der vergangenen Jahre, dass man die Kernenergie in den Griff bekommen hat, ist eine Illusion", warnte Co-Autor Mycle Schneider.

Ein großes Problem ist den Autoren zufolge die Kategorisierung der Vorfälle. Die Internationale Ereignis-Skala (INES) der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) sei irreführend, weil sie nur die Strahlung bewerte und damit das Gefahrenpotenzial erst berücksichtige, wenn es zu spät sei, hieß es. Die Experten warnten auch vor dem Betrieb von Reaktoren sowjetischer Bauart in Osteuropa. Derartige Pläne etwa des italienischen Energiekonzerns ENEL seien gefährlich. "Diese Sicherheitsphilosophie führt zu deutlichen Risiken", sagte Kromp. Die Vizechefin der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms, warnte davor, die Atomkraft als Gegenmittel zum Klimawandel auszuweiten. "Die Unternehmen nutzen jetzt die Klima-Debatte als dubiose Trittbrettfahrer, um ihre Reaktoren wieder an den Mann zu bringen."

Internationale Bewertungsskala INES

Die Internationale Skala INES zur Bewertung von Vorkommnissen bei Kernkraftwerken umfasst sieben Stufen, wobei

  • 0 für Vorkommnisse mit keiner oder sehr geringer sicherheitstechnischer Bedeutung steht.
  • 1 Störung bei Abweichungen von zulässigen Bereichen für den sicheren Betrieb der Anlage
  • 2 Störfall mit erheblicher Kontamination, begrenzten Ausfällen und unzulässiger Strahlenexposition beim Personal
  • 3 ernster Störfall mit schwerer Kontamination und akuten Gesundheitsschäden beim Personal, weitgehendem Ausfall der gestaffelten Sicherheitsvorkehrungen und sehr geringer Freisetzung
  • 4 Unfall mit Schäden am Reaktorkern, Strahlenexposition mit Todesfolge beim Personal und Belastung der Bevölkerung in Höhe der natürlichen Strahlenexposition
  • 5 ernster Unfall mit schweren Schäden am Reaktorkern und dem Einsatz einzelner Katastrophenschutzmaßnahmen für Bevölkerung
  • 6 schwerer Unfall mit erheblicher Freisetzung und vollem Einsatz von Katastrophenschutzmaßnahmen
  • 7 katastrophaler Unfall mit schwerster Freisetzung und Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weitem Umfeld (Tschernobyl-Unglück im Jahr 1986)

letzte Änderung: 08.05.2017