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Wozu brauchen wir Atomkraftwerke?
Deutschlands Atomkraftwerke sollen bis zum Beginn des übernächsten Jahrzehnts endgültig vom Netz gehen. Gleichzeitig fordern Klimaschützer, die Nutzung fossiler Energieträger einzuschränken. Geht das überhaupt, und wenn ja, wie? Wird hierzulande der Strom knapp?
Von Bernward Janzing
(11. September 2008) Deutsche Atomkraftwerke haben im vergangenen Jahr 133 Milliarden Kilowattstunden Strom geliefert - 22 Prozent des deutschen Bedarfs. Gleichzeitig exportierte die Bundesrepublik 19 Milliarden Kilowattstunden. Ohne Kernkraft muss Deutschland künftig also 114 Milliarden Kilowattstunden ersetzen, einsparen oder importieren.

Experten sind sich sicher, dass erneuerbare Energien die Lücke problemlos schließen können. Der Verband der Netzbetreiber rechnet für die nächsten Jahre mit einem Ausbau der jährlichen Ökostromerzeugung um durchschnittlich acht Milliarden Kilowattstunden. Dieses Tempo ist realistisch, denn es entspricht ziemlich genau dem jährlichen Wachstum, das die Erneuerbaren seit nunmehr acht Jahren vorlegen. Auf 15 Jahre hochgerechnet, liefert Ökostrom bis 2022 zusätzlich 120 Milliarden Elektrizität und kann die Atomkraft vollständig kompensieren.
Woher kommt der Strom der Zukunft?
Den Löwenanteil liefert vermutlich Offshore-Windkraft: Nach Prognosen der Stromwirtschaft soll dieser Zweig der Erneuerbaren bis 2013 etwa 15 Milliarden Kilowattstunden jährlich bringen. Im Jahr 2030 sollen es nach Plänen der Bundesregierung sogar 80 Milliarden Kilowattstunden sein. Zudem sollen die Kapazitäten für die Windkraft an Land in den nächsten fünf Jahren von derzeit 40 Milliarden auf künftig 50 Milliarden Kilowattstunden wachsen. Bis 2020 hält der Bundesverband Windenergie sogar eine Verdopplung für möglich.
Ebenfalls stark anziehen wird die Produktion von Solarstrom: Der Verband der Netzbetreiber schätzt, dass sich die Stromerzeugung aus der Sonne bis 2013 auf 6,6 Milliarden Kilowattstunden verdoppelt. Selbst wenn man konservativ rechnet und von einer Verdopplung der Solarstromkapazität alle fünf Jahre ausgeht, könnte die Photovoltaik 2020 rund 20 Milliarden Kilowattstunden jährlich liefern.
Betrachtet man nun allerdings die Prognosen der Vergangenheit, dann stellt man fest, dass sich die Entwicklung des Ökostroms stets deutlich rasanter vollzog, als es selbst kühnste Optimisten erwartet hatten. Als Greenpeace im Herbst 1991 ein Energiekonzept für Deutschland vorstellte, errechneten die Öko-Visionäre, dass 2020 Windkraftwerke in Deutschland 30 Milliarden Kilowattstunden erzeugen. Doch schon 2007 speisten Windkraftanlagen hierzulande 39,5 Milliarden Kilowattstunden ins Netz. Dieser Zweig stellte damit im vergangenen Jahr 6,4 Prozent des bundesweiten Strommixes. Insgesamt kamen die erneuerbaren Energien auf gut 14 Prozent.
Wie senkt man den Verbrauch?
Wenn die erneuerbaren Energien nun die wegfallende Atomkraft ersetzen können, bleibt eine Frage offen: Wie reduziert man zusätzlich den Anteil der fossilen Energien? Die Antwort ist klar: Um beide Ziele zu erreichen, muss der Stromverbrauch im Land sinken.
Das ist möglich, denn in unserer Wirtschaft schlummern enorme Effizienzpotenziale. Zum Beispiel beim Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung. Der KWK-Anteil an der gesamten Stromerzeugung betrug im Jahr 2006 hierzulande nämlich gerade einmal 12,5 Prozent. Andere Länder setzen schon längst auf diese hocheffizienten Technologie: In Dänemark beträgt der KWK-Anteil 41 Prozent, die Niederlande kommen auf 30 Prozent und Finnland produziert zu 35 Prozent KWK-Strom.
Doch auch moderne Technologie hilft, Stromfresser auszumerzen. So hat beispielsweise das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie ausgerechnet, dass auf diese Weise bis 2015 rund 75 Milliarden Kilowattstunden Strom eingespart werden könnten: Allein fünf Milliarden gehen auf das Konto von Elektroheizungen, die man austauschen sollte. Effizientere Beleutung von Büroräumen könnte 1,5 Milliarden Kilowattstunden sparen, bessere Kühl- und Gefriergeräte helfen, den Verbrauch um 1,7 Milliarden Kilowattstunden zu reduzieren. Effizientere Pumpen in den Heizungskellern bieten weiteres enormes Einsparpotenzial.
Daher wird für die Zukunft der deutschen Stromwirtschaft gerade diese Frage ganz entscheidend sein: Wie effizient werden wir unseren Strom künftig einsetzen? Dazu ein Rechenbeispiel: Steigt der Stromverbrauch in Deutschland jährlich um ein Prozent, wird der Nettostromverbrauch von heute 541 Milliarden auf 616 Milliarden Kilowattstunden im Jahre 2020 wachsen. Gelingt es jedoch, den Verbrauch jährlich um nur ein Prozent zu reduzieren, kommen wir im Jahr 2020 mit 474 Milliarden Kilowattstunden aus. Die Differenz zwischen beiden Szenarien beträgt 142 Milliarden Kilowattstunden - mehr, als alle Atomkraftwerke in Deutschland erzeugt haben.



