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Die neue Brennstoff-Armut
Energiearmut – Mit Stiefeln auf dem Sofa
(24. März 2011) 40 Prozent aller Deutschen greifen zu drastischen Maßnahmen, um Heizkosten zu senken. Das hat eine Befragung von 1.000 Bürgern durch das Meinungsforschungsinstitut emnid ergeben.
Danach saßen an kalten Tagen hochgerechnet 6,2 Millionen Deutsche mit Stiefeln oder Moonboots in der Wohnung, um sich warm zu halten und weniger zu heizen. 16 Millionen wärmten sich in der Wohnung mit Decken. Ein Viertel derjenigen, die sich in Wolldecken kuschelten, um nicht zu frieren, ist zwischen 14 und 29 Jahre alt. Ähnlich hoch ist die Zahl derer, die dicke Strickjacken und lange Unterhosen auch zu Hause tragen.
Und so mancher gibt an, öfters Elektrogeräte laufen zu lassen, um sich zusätzlich zu wärmen. Das ist jedoch keine gute Idee, denn der zusätzliche Stromverbrauch kostet sehr viel mehr, als die heruntergedrehte Heizung spart.
Hochgerechnet rund eine Millionen Bürger geht zwischendurch zum Aufwärmen in Kaufhäuser, Banken oder Ämter.
Die neue Brennstoff-Armut
Eine zunehmende Zahl von Haushalten kann sich keine warme Wohnung mehr leisten. Immer mehr Menschen müssen frieren oder fristen ihr Dasein im Kerzenschein. Das hat aber nichts mehr mit Energiesparen zu tun, sondern mit einem Versagen des Sozialsystems. Blanke Not ist aber auch Konsequenz überteuerter Preise (Brennstoffarmut).
(5. Juni 2006) - In den Schlagzeilen sind es Cent und Prozent, um die Versorger die Energiepreise erhöhen. Für viele Betroffenen geht das an der Wirklichkeit vorbei. Für sie summieren sich die Preiserhöhungen auf mehrere hundert Euro, die für viele schlichtweg unbezahlbar sind. Die gestiegenen Energiekosten werden dadurch zu einer existenziellen Bedrohung. Denn wer die Preise für Strom und Gas nicht mehr aufbringt, rutscht schnell in die Schuldenfalle.
5,2 Millionen Haushalte haben pro Monat netto weniger als 938 Euro zur Verfügung
Über drei Millionen Haushalte in der Bundesrepublik sind überschuldet. Einkommen und Vermögen reichen trotz Reduzierung des Lebensstandards über einen längeren Zeitraum nicht aus, um fällige Forderungen zu begleichen (vgl. Bericht: Lebenslagen in Deutschland, Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung).
Zwischen 2004 und 2006 sind die Gaspreise von 4,55 auf 5,74 Cent je Kilowattstunde gestiegen. Bei einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden sind die monatlichen Heizkosten von 76 auf 96 Euro gestiegen. 1999 waren noch 52 Euro für die Heizung fällig.
In der gleichen Größenordnung erhöhten sich die Stromkosten in den vergangenen beiden Jahren.
Trotz Wohngeld macht die Miete für einkommensschwache Mieter noch einen Anteil von rund 30 Prozent des verfügbaren Einkommens aus.
Die Ausgaben für Energie betragen für Haushalte mit einem Nettoeinkommen zwischen 500 und 900 Euro rund 65 Euro monatlich (Quelle: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2003, Statistisches Bundesamt). Das sind etwa zehn Prozent des verfügbaren Monatseinkommens. Die Energiekosten sind halb so hoch, wie die Ausgaben für Lebensmittel, Getränke, Tabakwaren etc. aus. Sie sind fast genauso hoch wie die monatlichen Ausgaben für Freizeit, Unterhaltung und Kultur, also 69 Euro durchschnittlich.
Betrachtet man das frei verfügbare monatliche Einkommen nach Abzug der Fixkosten, so schlagen die höheren Energiekosten besonders drastisch durch. Hier dürfte ein Anstieg in der Größenordnung von 20 bis 30 Prozent realistisch sein. Für Millionen Haushalte schränken die höheren Energiekosten das frei verfügbare Monatseinkommen drastisch ein. Viele Betroffene sehen keine andere Möglichkeit, als die Heizung schlichtweg abzustellen, um Geld zu sparen. Dadurch vermindert sich die Lebensqualität ganz dramatisch, ohne dass wegen der hohen Fixkosten eine wesentliche finanzielle Entastung erfolgt.
Gegen falsche Rechnungen wehrlos
Überschuldete und arme Haushalte sind am stärksten von Versorgungssperren betroffen. Zudem leiden diese Haushalte unverschuldet am stärksten unter einer fehlerhaften Abrechnungspraxis. Denn Betroffene können die Abrechnung kaum überprüfen. Ihnen fehlt auch das Durchsetzungsvermögen, das zur Korrektur einer falschen Abrechnung leider meist notwendig ist. Die traurige Erfahrung zeigt, dass betroffene meist die Hilfe eines Anwalts benötigen, um sich gegen die Versorger zu behaupten - für arme Haushalte unerschwinglich (weitere Informationen).

Besonders stark betroffen sind auch ältere Rentnerhaushalte, häufig mit alleinstehenden Frauen. Ihre Durchschnittsrenten liegen etwa auf dem Niveau der Armutsgrenze. Hier ist die verdeckte Armut besonders hoch, weil Betroffene oft aus Angst und Scham auf Sozialhilfe verzichten. Gerade für diese Haushalte stellen die einseitig überhöhten Gas- und Strompreiserhöhungen eine ernsthafte materielle Bedrohung dar. In vielen Fällen sind Betroffene behindert oder gebrechlich. Für diese Menschen sind Strom und Heizung unverzichtbar. Leider sind allzu viele Fälle bekannt, in denen Versorgungsunternehmen rücksichtslos auch Kranken und Behinderten über Wochen hinweg Strom und Gas gesperrt haben. "Es ist unfassbar, welches unmenschliche Ausmaß die Gewinnsucht, Schludrigkeit oder Gewissenloskeit hier angenommen haben", kritisiert Dr. Aribert Peters.
Liste der schwarzen Schafe
Der Bund der Energieverbraucher will die Namen von Verantwortlichen in Unternehmen, die sozial Benachteiligten (Rentnern, Kranken, Behinderten) Strom oder Gas absperren, auf einer Liste im Internet veröffentlichen.
Kein Recht zur Sperre
Alle Verbraucher haben ein elementares Recht darauf, mit Wärme und Strom versorgt zu werden. Der Bund der Energieverbraucher ist der Meinung, dass Versorger kein Recht dazu haben, die Versorgung einzustellen. Wer im Zahlungsrückstand ist, muss mit Vorinkassozählern ausgestattet werden, die den weiteren Bezug ermöglichen. In der Regel trifft den Versorger eine Mitschuld für aufgelaufene Zahlungsrückstände.
Billigkeitseinwand hilft Betroffenen
Bevor eine fällige Strom- oder Gasrechnung aus Geldmangel nicht beglichen wird, sollten Betroffene die Billigkeit der Forderung bestreiten. Vor Gericht geht das auch nachträglich. Wesentlich einfacher ist es, wenn der Billigkeitseinwand die Fälligkeit der Forderung von Anfang an verhindert oder verzögert. Betroffene wissen meist zu wenig über diese Möglichkeiten. Deshalb ist verstärkte Aufklärung dringend notwendig.
E.ON hat immer noch nicht begriffen
E.ON Bayern hatte zunächst sozial schwachen Stromkunden einen Rabatt angeboten. Allerdings war man nicht zu echten Zugeständnissen bereit. Deshalb beendete im September 2008 die Caritas Dioszöse Fulde und die Caritas die seit 2007 laufende Kooperation mit E.on Mitte.
Sonderservice für sozial Schwache in Großbritannien
In Großbritannien gibt es für sozial schwache Haushalte schon länger besondere kostenlose Serviceangebote.
Voraussetzungen dafür sind Rentenalter, Behinderung, chronische Krankheit, Sehbehinderung oder Blindheit.
Für diese Gruppen gibt es einen Service, der den Zähler an einer gut zugänglichen Stelle anbringt, den Verbrauch abliest, einen Sicherheitscheck für die Gasinstallation, Vorabinformation bei Versorgungsunterbrechung durch Bauarbeiten, Rechnungsversand an die Adresse eines Betreuers, Rechnung in Großschrift, Blindenschrift, Telefon oder Tonband, Ersatzkochgelegenheit für wartungsbedingte Gasunterbrechungen.
Gerade einkommensschwache Haushalte sollten die fehlende Billigkeit der Gas- und Strompreise bemängeln und die Rechnungen kürzen. Für sie spielen die eingesparten Kosten eine wichtige Rolle. Und es ist für diese Haushalte am allerwenigsten zumutbar, für die Erhöhung der Versorgergewinne den eigenen Lebensstandard noch weiter zu reduzieren.
Sind Ihnen solche Fälle bekannt, dann teilen Sie das dem Verein mit. Allein die Aussicht, in die Liste der schwarzen Schafe aufgenommen zu werden, könnte die Verantwortlichen zu größerer Rücksichtnahme motivieren.


