Social Business: Wirtschaft mit Sinn statt Gewinn
Die Energieversorgung sichern, gleichzeitig Nachhaltigkeit fördern und Armut bekämpfen: Wie das geht, zeigt Grameen Shakti in Bangladesch. Dabei handelt es sich nicht nur das weltweit am schnellsten wachsenden Unternehmen für Solarstromanlagen in Privathäusern. Es ist auch ein leuchtendes Beispiel für ein Social Business, das ohne Gewinnausschüttungen scheinbar Unmögliches möglich macht und das Leben vieler Menschen verbessert – eine Idee, von der wir lernen können.
(17. März 2011) Die Zahlen lassen sich sehen: Grameen Shakti verkauft monatlich 14.000 Solarstromanlagen an die Dorfbewohner von Bangladesch. Bereits eine halbe Million dieser Anlagen sind im Heimatland in Betrieb. Darüber brachte das Unternehmen eine halbe Million technisch verbesserte Kochherde und rund 50.000 Biogasanlagen in den Einsatz. Wie das möglich wurde, beschreibt der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus in seinem neuen Buch „Social Business – Von der Idee zur Tat."
Social Business: Von der Vision zur Tat, Muhammad Yunus, Verlag Hanser Wirtschaft, gebunden, 274 Seiten, ISBN 344-6423516, 19,90 Euro
Moderne Sklaverei
Es war die Begegnung mit einer Frau aus einem kleinen Dorf, die sein Leben für immer verändern sollte: Der Wirtschaftsprofessor Muhammad Yunus traf eine Landsmännin, die trotz harter Arbeit ihrer Armut nicht entkommen konnte. Sie hatte sich fünf Taka (umgerechnet 5 Euro-Cent) von einem Geldverleiher geliehen, um Bambus zu kaufen. Daraus wollte sie Stühle herstellen. Doch der Geldverleiher verlangte zehn Prozent Zinsen pro Woche und zudem musste die fleißige Unternehmerin ihre gesamte Produktion dem Verleiher verkaufen. Der Kredit machte die Frau praktisch zur Sklavin.
Ähnlich ging es vielen in dem Dorf. Muhammad Yunus legte eine Liste der Betroffenen an, die sich Geld geliehen hatten: 42 Personen hatten insgesamt Geld im Wert von 21 Euro geborgt. Ein so kleiner Geldbetrag hatte so viel Armut erzeugt. Der Wirtschaftsexperte griff in die eigene Tasche und gab den Dorfbewohnern das Geld, mit dem sie ihren Kredit zurückzahlen konnten. Die Aufregung und Beglückung im Dorf war enorm. Doch Banken weigerten sich auch weiterhin hartnäckig, die Türen für Arme zu öffnen.
Muhammad Yunus
Muhammad Yunus wuchs als drittes von neun Kindern in Bengalen auf, einer indischen Region, die heute zu Bangladesch gehört. Yunus besuchte die höhere Schule und studierte mithilfe eines Stipendiums in den USA, wo er in Volkswirtschaftslehre promovierte. Von 1970 bis 1972 war er Assistant Professor of Economics an der Middle Tennessee State University in Tennessee, USA. 1972 bekam er eine Professur an der Chittagong University in Bangladesch. Dort arbeitete er ab 1976 als Projektmanager eines Entwicklungsprojekts der Universität, aus dem seine „Grameen Bank" hervorging. Muhammad Yunus ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter 2006 den Friedensnobelpreis. Quelle: Wikipedia
Muhammad Yunus zog die Konsequenzen und bot sich selbst als Bürge für Kredite an. Er entwickelte einfache Regeln, etwa dass die Leute ihre Kredite in kleinen wöchentlichen Raten zurückzahlen. Das System funktionierte, und die Armen zahlten die Kredite ausnahmslos und pünktlich zurück. Weil die Banken sich weiterhin dagegen sperrten, den ärmeren Bewohnern Kredite zu geben, gründete Yunus eine eigene Bank, die „Dorfbank", Grameen Bank (grameen ist das bengalische Wort für Dorf).
Heute ist die Grameen Bank in ganz Bangladesh tätig und hat bereits acht Millionen Kredite vergeben. Der Anteil der weiblichen Kreditnehmer beträgt 97 Prozent. Das liegt zum einen daran, dass Frauen offenbar dafür begabt sind, ein eigenes Unternehmen aufzubauen, zum anderen aber von den konventionellen Banken keine Kredite erhalten.
Die Idee des Social Business
Yunus entwickelte das Konzept des Mikrokredits weiter zum Gedanken des Social Business. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Idee profitfreien Wirtschaftens von einer bloßen Idee zu einer lebendigen und schnell wachsenden Unternehmensform entwickelt. Es verbessert die Lebensbedingungen zahlreicher Menschen und steht an der Schwelle einer explosiven Entwicklung zu einem der weltweit bedeutendsten sozialen und wirtschaftlichen Trends.
Ein Social Business gehört nicht zur gewinnorientierten Welt. Sein Ziel ist es, ein soziales Problem durch wirtschaftliches Handeln zu lösen. Grameen Danone versucht zum Beispiel, das Problem der Mangelernährung durch den Verkauf preisgünstigen Joghurts zu lösen, der mit Mikronährstoffen angereichert ist. Anders als bei einer gemeinnützigen Organisation gibt es bei einem Social Business Investoren und Eigentümer. Es gibt jedoch keinen Gewinn. Überschüsse werden an Arme ausgeschüttet. Die Investoren bekommen ihren ursprünglich eingesetzten Betrag innerhalb eines von ihnen selbst festgelegten Zeitraums zurück, jedoch keinen Cent mehr, nicht einmal einen Inflationsausgleich.
Dabei darf ein Social Business durchaus Gewinne machen. Sie müssen jedoch im Unternehmen verbleiben und für den Geschäftsaufbau eingesetzt werden. Ein Social Business unterscheidet sich dadurch eindeutig sowohl von der Geschäftswelt als auch von der Wohltätigkeit.
Aufruf zum Gewinnverzicht
Für viele Menschen liegt die größte Hürde wohl darin, die Hürde des Gewinnverzichts zu überwinden. Laut Muhammad Yunus ist das der Einstieg in eine völlig neue Welt: Man denkt und handelt anders. Die Tätigkeit im Social Business gleicht dem Aufenthalt in einem Nichtraucherbereich: Schon ein kleiner Zug an der Zigarette verdirbt das gesamte Konzept. Wer sich vom persönlichen finanziellen Gewinn nicht vollständig abkoppelt, wird die Kraft des wahren Social Business nie für sich entdecken.
Den Anfang machen
Yunus bittet jeden, der eine Geschäftsidee für ein Social Business hat, sofort mit der Arbeit zu beginnen. Selbst wenn man nur das Leben von fünf Menschen verbessert, ist ein solches Unternehmen der Mühe wert. Es ist nicht nötig, die Auswirkungen für Millionen von Menschen abzuwarten. „Social Business ist nach meiner Erfahrung ein großer Lernprozess. Stürzen Sie sich hinein, und Sie werden rasch feststellen, dass Sie auf bisher nie gekannte Art denken und handeln", betont der promovierte Volkswirt. „Social Business ist aufregend und bereitet Vergnügen. Viele Menschen meinen, es gebe keine Möglichkeit, die Natur des Menschen zu ändern. Das stimmt einfach nicht. Die heutige Welt ist nicht mehr die Welt, in der unsere Vorfahren lebten. Es gibt keine Seuchen mehr. Die Sklaverei ist ebenso abgeschafft wie die Monarchie. Wir haben keine Apartheid mehr. Auch die Frauen haben das Wahlrecht, Menschen in aller Welt verlangen die Einhaltung der Menschrechte und in den Vereinigten Staaten amtiert jetzt sogar ein schwarzer Präsident. Die Gesellschaft ändert sich wirklich und wir selbst gestalten diesen Wandel." Wer davon ausgehe, dass der „Wohlstandskuchen" eine feste Größe hat, irre: „In Wirklichkeit ist die Wirtschaft ein stetig größer werdender Kuchen – oder sollte es sein. Wir müssen jedoch darauf achten, dass der Kuchen nicht einfach nur größer wird, sondern dass der Teil, der an die Armen geht, schneller wächst als der Kuchen selbst."
Tipps für den Start
Wer ein Social Business gründet, fängt nicht mit der Suche nach einem Geschäftsfeld an, das maximalen Gewinn verspricht. Stattdessen sucht man ein soziales Problem aus und fahndet nach einer unternehmerischen Lösung. „Der erste Instinkt ist das Mitgefühl. Sie erfahren vielleicht von einer Notsituation, unter der Menschen zu leiden haben, und beschließen zu helfen", rät Muhammad Yunus. „Beginnen Sie an Ihrem Wohnort, setzen Sie dabei alles ein, was Ihnen an Fähigkeiten, Ressourcen und anderen Vorteilen zur Verfügung steht." Und: „Tun Sie Ihre Arbeit mit Freuden. Leben Sie das Tag für Tag. Halten Sie sich an die einfachen Dinge." Grundsätze, die auch das eigene Leben mit Sinn erfüllen.
Beispiele für Social Business
Pegasus Ein deutsches Social Business ist zum Beispiel das Berliner Dienstleistungsunternehmen Pegasus, das Menschen mit Handicaps beschäftigt, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance hätten. Die dort Tätigen bewähren sich unter Marktbedingungen und schaffen es von dort aus in die normale Wirtschaft.
Enorm – Wirtschaft für den Menschen 2010 wurde das Wirtschaftsmagazin enorm – wirtschaft für den menschen gegründet. Die Zeitschrift zielt auf die Überwindung ökosozialer Missstände über Social Business, Social Entrepreneurship und soziales Unternehmertum.
Gameya In Ägypten gibt es Millionen von Freundeskreisen in allen sozialen Schichten, die gemeinschaftlich ihre Einkünfte und Ersparnisse verwalten: soziales Geldwesen ohne Gewinn, Zinsen und auf Vertrauensbasis. (DRadio 07.10.2008: "Nicht Geld verleihen, sondern Geschäfte machen")
Phönix Vor 17 Jahren hat der Bund der Energieverbraucher e. V. unter dem Namen Phönix eine bundesweite Marketinginitiative zur Verbreitung der Solarenergie ins Leben gerufen. Die Idee war sehr erfolgreich und begeisterte Hunderte Berater und Multiplikatoren. Die Preise der Solaranlagen purzelten um rund die Hälfte und Phönix errang den größten Marktanteil aller Hersteller in der Bundesrepublik.
Der Verein erhielt für die Phönix-Initiative den Cusanus-Preis der Koblenzer Bürgerschaft auf Vorschlag der damaligen Bundesumweltministerin Angela Merkel.
Aktuell:
Die Regierung und Zentralbank Bangladeschs betreiben derzeit den Rauswurf des Friedensnobelpreisträgers Prof. Muhammad Yunus aus der von ihm gegründeten “Bank für die Armen” Grameen.
Das Oberste Gericht bestätigte am 8. März 2011 deren Vorgehen. Jetzt will der Staat die Macht in der Grameen Bank übernehmen. Grameen gehört derzeit als Genossenschaftsbank den Ärmsten selbst (zu 75 Prozent; ein Viertel sicherte sich auch bisher der Staat als Einflussgröße). Informationen dazu unter sonnenseite.com: Muhammad Yunus soll bleiben!

