ED 04/12 Eine Welt ohne Öl (S.30-31)
Vom Staat zur Bürgergesellschaft Wikinomics als Vorbild

Vom Staat zur Bürgergesellschaft

Der Staat trägt für die Energiearmut die Verantwortung: Es wird höchste Zeit, die menschliche Gemeinschaft besser zu organisieren. Wikinomics und Commons zeigen die Richtung.

(20. Juni 2012) Gelingt es den Bürgern, aus einem Staat, der durch die Interessen weniger gesteuert wird, einen Staat zu machen, der für das Gemeinwohl handelt? Der die Starken im Zaum hält und die Schwachen unterstützt? Eine große Zahl gelungener Bürgerorganisationen könnten den Staat wieder zu dem machen, was er eigentlich ist: einer Bürgerorganisation.

Es gibt schon genügend Beispiele dafür, wie sich Bürger erfolgreich gemeinsam organisieren. Sie geben Mut und Orientierung.

Gemeingüter oder Commons

Menschen haben ein tiefes Streben nach Gemeinsamkeit. Sie kommunizieren miteinander, handeln Regeln aus und wissen oft selbst am besten, was für sie gut ist. Sie sind in der Lage zu kooperieren und Dinge gemeinsam zu nutzen. Solche Gemeingüter, auch Commons genannt können entweder von allen in gleicher Weise genutzt werden, wie zum Beispiel ein Computerprogramm oder ein Musikstück. Oder nur eine Person nutzt sie, etwa ein Stück Brot. Man unterscheidet deshalb zwischen „rivalen“ und „nicht rivalen“ Gemeingütern. Die „Logik der Fülle“ besagt, dass Teilen die Basis für die Vermehrung von Gemeingütern ist.

Die Wirtschafts-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat Prinzipien für die Organisation von Gemeinschaftsgütern formuliert:

  • Es müssen klare und lokal akzeptierte Grenzen zwischen Nutzern und Nichtnutzern gezogen werden.
  • Jeder Teilnehmer kann an der Bestimmung von Regeln teilnehmen und muss sich an diese halten.
  • Der Staat muss das Recht der Nutzer auf die eigenen Regeln anerkennen.

Dabei ist die gemeinschaftliche Produktion und Nutzung weder beschränkt auf immaterielle Güter, noch handelt es sich dabei um eine neue Idee. Im Gegenteil: Gemeinsamer Ackerbau, Jagd oder das gemeinsame Großziehen von Kindern sind elementare Prinzipien menschlicher Entwicklung. Sie wurden erst vergleichsweise spät abgelöst durch einen Tausch, der auf Geld basiert. Doch angesichts der unheilbaren Krise des Geldsystems ist es an der Zeit, sich auf die elementaren Organisationsprinzipien menschlicher Gemeinschaft zurückzubesinnen.

2624 Elinor Ostrom / Foto: IISD

Die Wirtschafts-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom kämpft für Gemeingüter

Die Gemeinschaft erarbeitet dabei gemeinsam die zur Verfügung stehenden Gemeingüter. Alle tragen etwas zu diesem Ziel bei. Geld oder Gewinn spielen dabei keine Rolle. Es gibt keine Befehlsstrukturen, sondern die Zusammenarbeit wird auf andere Weise organisiert. Niemand kann befehlen und keiner muss gehorchen: Das ist die Bedeutung des Wortes „Peer“, nämlich „Gleichberechtigter“.

Erfolgreiche Beispiele für die Herstellung von Gemeingütern und Peer-Produktionen:

  • Wikipedia: Die weltweit größte Wissenssammlung entstand wie ein Wunder ohne Bezahlung und  Gewinninteressen und ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Menschen vernetzen und organisieren.
  • Freie Software, zum Beispiel Linux, Thunderbird oder Firefox: Dank freiwilligem Zusammenwirken vieler Menschen in ganz unterschiedlichen Ländern entstanden diese beliebten Programme.
  • Wikispeed: Bei diesem Projekt haben 100 Freiwillige aus zehn Ländern ein völlig neues Auto innerhalb von drei Monaten entwickelt und auch gebaut. Das Auto verbraucht 1,5 Liter je 100 Kilometer, bietet höchste Sicherheit, lässt sich leicht vom Halter selbst reparieren – so kann der Nutzer innerhalb von zehn Minuten den Motor wechseln, um auf Stromnutzung umzuschalten.
  • Open Source Ecology ist ein Netzwerk aus Landwirten, Ingenieuren und Unterstützern, welches das Global Village Construction Set (GVCS) erdacht und erschaffen hat: Eine kostengünstige, leistungsstarke Open- Source-Technologieplattform. Diese in Do-it yourself-Manier hergestellten Industriemaschinen können genutzt werden, um eine nachhaltige Zivilisation mit modernen Annehmlichkeiten aufzubauen. Das GVCS senkt die Barrieren für den Einstieg in die Landwirtschaft, in den Bau und in die Fertigung. Es ist ein lego-artiger Baukasten in Lebensgröße, bestehend aus modularen Werkzeugen, mit denen sich eine vollständige Wirtschaft aufbauen lässt.
    Auch und gerade im Bereich Energietechnik gibt es viel Wissen bei Opensourceecology.
  • Fablabs: Ein Fab Lab (aus dem Englischen für fabrication laboratory – Fabrikationslabor) ist eine kleine Hightech-Werkstatt. Darin stehen computergesteuerte Werkzeuge zu Verfügung, um zahlreiche verschiedene Materialien zu bearbeiten. Ziel ist, es, „fast alles“ herstellen zu können, inklusive technischer Produkte, die üblicherweise der Massenproduktion vorbehalten sind. Wer will, kann mit Hilfe von einfacher Elektronik den selbstgebauten Objekten sogar noch ein virtuelles Leben einhauchen. Das Labor steht jedem offen, der bereit ist, die Funktionsweise der Geräte zu erlernen. Nach einer kurzen Einführung darf jeder das Labor nutzen um (fast) alles selbst zu bauen. Das Ergebnis ist verblüffend: Wer morgens mit einer Idee kommt, hält oft bereits am Abend begeistert einen fertigen Prototyp in Händen. Solche Fablabs gibt es auch hierzulande in Aachen, München, Berlin, Köln, Hamburg, Nürnberg, Erlangen und Düsseldorf.
Lesetipps

Don Tapscott, Anthony D. Williams | Wikinomics: Die Revolution im Netz | Hanser, München 2007

Silke Helfrich, Heinrich-Böll-Stiftung | Commons : Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat | transcript-Verlag 2012

Diese revolutionäre Form der Zusammenarbeit heißt „Wikinomics“. Den Begriff prägte 2006 der kanadische Unternehmer und Professor für Management Don Tapscott (siehe Lesetipps). Durch das Internet fallen die Kosten der Bündelung von Arbeit, Wissen und Kapital nahezu völlig weg. Tapscott nennt vier Faktoren, die für Wikinomics charakteristisch sind:

  • freiwillige Zusammenarbeit
  • Offenheit
  • eine Kultur des Teilens
  • globales Handeln

Wikinomics bindet erstmals in der Geschichte der Menschheit die Konsumenten als Prosumenten – also als Konsumenten, die auch produzieren – in den Produktionsprozess mit ein.

Teilen statt besitzen

Gemeinschaftlicher Konsum bedeutet Teilen, Tauschen, Leihen, Mieten und Schenken. Durch moderne Technologie entstehen neue Netzwerke. Das Verhalten und der Lebensstil der Konsumenten verändern sich: So stehen beispielsweise viele Autos bis zu 23 Stunden am Tag ungenutzt auf einem Parkplatz. Der Abschied von Privatbesitz lässt neue Formen gemeinsamer Nutzung entstehen – zum Beispiel beim Car-Sharing oder, wenn Nachbarn ein Fahrzeug gemeinsam nutzen.

Stefan Meretz hat in seinem Blog „Keimform“ einige grundsätzliche Überlegungen zur Peer-Produktion und gesellschaftlichen Transformation angestellt, aus denen wir zitieren:

„In freier Software oder allgemeiner commons-basierter Peer-Produktion geht es nicht um Tausch. Geben und Nehmen sind nicht aneinander gekoppelt. (…) Freie Software zeigt sehr deutlich, dass Entwickler/innen nicht dazu gezwungen werden müssen, das zu tun, was sie gerne machen. (…)

Es ist eine übliche Fehlannahme, dass materielle Dinge knapp seien und immaterielle nicht. Es scheint gerechtfertigt zu sein, materielle Dinge als Waren zu behandeln, während immaterielle Güter frei sein können. Diese Annahme verkehrt jedoch eine soziale in eine natürliche Eigenschaft der Dinge. Kein hergestelltes Gut ist von Natur aus knapp. Knappheit ist das Ergebnis der Produktion von Gütern als Waren. Knappheit ist der soziale Aspekt einer Ware, die für den Markt hergestellt wird. Knappheit wird erzeugt duch Gesetze und technische Hürden, begleitet von der andauernden Zerstörung von Gütern, die die Waren knapp genug machen sollen, um einen entsprechenden Preis auf den Märkten zu erzielen.

Da alle Güter, die wir brauchen, hergestellt werden müssen, ist die einzige Frage, wie wir das auf gesellschaftliche Weise tun. Die Warenform ist eine Möglichkeit, die Commonsform ist eine andere. Waren müssen in knapper Form produziert werden, damit sie ihren Preis auf dem Markt erzielen können. Commons-Güter können nach den Bedürfnissen der Menschen und gegebenen produktiven Möglichkeiten hergestellt werden. Dabei mag es aktuelle Begrenzungen geben, aber Grenzen waren stets Aufgaben für menschliche Kreativität, um sie zu überwinden.

Die Commons-Bewegung hat gelernt, dass sowohl rivale wie nicht-rivale Güter als Commons hergestellt werden können, aber sie benötigen unterschiedliche soziale Umgangsweisen. Während nicht-rivale Güter verabredungsgemäß für alle frei verfügbar sein können, um ihre Unternutzung zu verhindern, ist es sinnvoll, die Übernutzung rivaler Güter durch geeignete Regeln und Maßnahmen zu verhindern – entweder durch eine limitierte nachhaltige Nutzung oder durch Ausdehnung der kollektiven Produktion und damit Verfügbarkeit des rivalen Gutes.

Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn Menschen sich entsprechend ihrer Bedürfnisse, Erfahrungen und Kreativität selbst organisieren und Ressourcen und Güter nicht als Waren, sondern als Commons-Ressourcen behandeln.“

letzte Änderung: 16.05.2018