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Klimakompensation

(23. Dezember 2007 aktualisiert 11. Mai 2010) Zusätzlich zu einem Flugticket kann man ein Zertifikat kaufen, das die Umweltbelastung des Flugs wieder ausgleicht. Statt selbst auf Emissionen zu verzichten, bezahlt man dafür, die verursachten Emissionen wieder zu binden oder auf künftigen CO2-Ausstoß zu verzichten. Einige Autohäuser verkaufen mit dem Auto eine Klimakompensation für 15.000 Kilometer Autofahrt. Eine Vignette dazu ist gut sichtbar an der Windschutzscheibe angebracht. Es gibt auch schon "klimaneutrale" Tagungen und Bücher.

Fliegen und Autofahren schadet dem Klima jedoch, egal ob man zusätzlich ein Klimazertifikat erwirbt oder nicht. Man könnte das Zertifikat auch erwerben, ohne zu fliegen oder Tagungen zu veranstalten.

Klimasiegel durchgefallen

Die Bostoner Tufts-Universität hat 13 Klimasiegel untersucht und nur vier empfohlen, darunter Atmosfair und Myclimate. Die anderen scheiterten an zu hohen Verwaltungskosten, falschen CO2-Berechnungen und dem Fehlen effizienter Projekte.

Download Studie:

Wenn die finanzierte Maßnahme auch ohne die zusätzliche Förderung zustande käme, weil sie zum Beispiel wirtschaftlich ist, dann ist die Förderung überflüssig und das Geld dafür hinausgeworfen. Viele Maßnahmen sind jedoch entweder sowieso wirtschaftlich oder erhalten anderweitig Fördergelder.

Die Wirkungsweise von Zertifikaten

Die Klimaverbesserer führen entweder selbst eigene Projekte zur Klimaverbesserung durch oder sie kaufen eines der zahlreichen Emissionszertifikate am Markt. Letzteres ist einfacher und günstiger. Der Nutzen hängt davon ab, wie überzeugend das Zertifikat ist (siehe Kasten). Durch den Kauf eines Zertifikats kann dieses individuelle Dokument nicht mehr den Ausstoß von Emissionen ermöglichen. Es stammt entweder aus einer größtenteils kostenlosen Zuteilung eines EU-Mitgliedsstaats an einen Emittenten oder es ist das Ergebnis eines Emissionsminderungsprojekts in einem Entwicklungsland mit (CER) oder ohne (VER) anerkannte Kontrolle gedruckt.

Preise verschieden

Die Preise der Klimaverbesserer unterscheiden sich gravierend: Bei Atmosfair kostet eine Tonne CO2 ungefähr 20 Euro, bei "Prima-Klima-Weltweit" dagegen nur zehn Euro. Atmosfair investiert in teure Energieprojekte, die unter Beachtung hoher sozialer Standards Klimagase in Entwicklungsländern einsparen: zum Beispiel ein Solarküchen-Projekt in Indien oder eine Biogas-Anlage in Thailand. Prima-Klima lässt Bäume pflanzen. Das ist weitaus billiger. Jedoch kann niemand vorhersehen, ob diese Bäume auch in hundert Jahren noch stehen und CO2 binden. Bei der Climate Company kostet das Klima-Zertifikat für eine Tonne CO2 sogar 59,90 Euro. Aber nur 16 Euro fließen über den Erwerb eines VER-Zertifikats in ein Projekt, das sind gerade 27 Prozent. Bei Atmosfair fließen 88 Prozent in Projekte.

Emissionszertifkate

Der Emissionshandel gilt laut verschiedenen Studien, z. B. der Dag-Hammarskjöld-Stiftung, als fragwürdig. Der Handel dient eher den Interessen von Emissionshändlern, Zertifizierern, Wissenschaftlern und Bürokraten als einer effektiven Emissionsverminderung. Viel Geld verschlingt das Handelssystem selbst. Klimaschützer bemängeln zudem, der Ablasshandel verringere den Druck, das Verhalten nachhaltig zu verändern. Vergleicht man Aufwand und Ertrag vom Emissionshandel mit direkten Investitionen in Erneuerbare, dann schneidet der Emissionshandel erbärmlich schlecht ab.

Je nach Art des Zertifikats unterscheidet man zwischen CO2-Emissionsrechten nach dem Emissionshandelssystem der EU (EUA), dem Emissionshandel nach dem Kyoto-Protokoll (CER usw.) und freien Zertifikaten wie VER und RECS.

EU-Allowance (EUA)

EU-Allowances sind Emissionsberechtigungen, die Unternehmen von EU-Mitgliedsstaaten erhalten. Ein CO2-Emissionsrecht kostet derzeit an der Börse nur wenige Cent je Tonne CO2, weil momentan ein Überangebot herrscht. Noch vergangenes Jahr kostete das Zertifikat rund 30 Euro je Tonne CO2. Im Unterschied zum Klimazertifikat verursacht ein Emissionszertifkat aber keinerlei positiven Einfluss auf die Umwelt. Ganz im Gegenteil hat sein Besitzer das Recht, eine entsprechende Menge CO2 in die Atmosphäre zu blasen.

Certified Emission Reductions (CER)

CERs sind Emissionsreduktionsgutschriften nach dem Kyoto-Protokoll, die Industrie- oder Transformationsländer (Annex-I-Staaten) durch Emissionsminderungsprojekte (CDM Clean Development Mechanism) in Entwicklungsländern (Non-Annex-Staaten), erwirtschaften. Zuerst werden CDM-Projekte vom CDM-Exekutivrat der Klimarahmenkonvention genehmigt. Danach zertifzieren Gutachter die erzeugten CER-Mengen. Diese werden anschließend in das CDM-Register der Klimarahmenkonvention eingetragen und können für die Pflichterfüllung im EU-Emissionshandel in EUAs umgetauscht werden, solange die nationale Quote nicht überschritten ist. Der "Clean Development Mechanism" (CDM) soll nicht nur Emissionsminderungen ermöglichen, sondern auch ausdrücklich die beteiligten Entwicklungsländer auf ihrem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung unterstützen.

Verified Emission Reduction (VER)

Verified Emission Reductions (VER) werden im freiwilligen Klimaschutz als Zertifikate aus Emissionsminderungsprojekten zur Kompensation von Emissionen eingesetzt. In der Regel verwenden Unternehmen, die nicht vom Emissionshandel betroffen sind, sie zu Marketingzwecken. Sie sind nicht kontrolliert und daher wesentlich billiger als CER-Zertifikate.

Voluntary Carbon Standard (VCS)

Die VCS wurde von 2005 der Climate Group, der International Emission Trading Ass. und dem World Council for Sustainable Dev. gegründet, um Treibhausgasreduzierungen zu zertifzieren.

Gold Standard (GS)

Unter Federführung des WWF haben Umwelt- und Entwicklungsexperten im Jahr 2002 einen „Gold-Standard“ entwickelt, der sicherstellen soll, dass die Projekte sowohl klima- als auch entwicklungspolitisch sinnvoll sind. Auch VER-Projekte können den Gold-Standard erhalten.

Renewable Energy Certifikat (RECS)

RECS ist ein Instrument zur Organisation des Handels mit Strom aus erneuerbaren Energien. Gehandelt wird nicht der physikalische Strom, sondern nur der Umweltnutzen. Der Stromerzeuger verkauft seinen Strom an einen Stromhändler oder einen Endverbraucher zum üblichen Strompreis. Den grünen Mehrwert bietet er getrennt an über das Handelssystem RECS. Er will dadurch seine höheren Aufwendungen refinanzieren. Ein Recs-Zertifikat ist ein eindeutig nummeriertes Dokument mit folgenden Standardinformationen: Energieproduzent, Bezeichnung der Produktionsanlage, Energieträger, installierte Leistung, Ausstelldatum.

Der Nutzen der RECS-Zertifikate besteht für den Käufer darin, dass er mit ihnen sein Engagement für eine umweltfreundliche Energieversorgung belegen kann.

Mitglieder der RECS-Initiative sind u. a.: Vattenfall, RWE Energie, Electricité de France (EDF), E.on, EnBW, BP und Shell. Die Initiatoren versuchen, mit Unterstützung der Europäischen Kommission das Handelssystem RECS zum verbindlichen Handelssystem für Strom aus Erneuerbaren zu machen. Die Zertifizierung in Deutschland erfolgt über das Öko-Institut Freiburg.

Kritik am RECS-System kommt vom Solarenergie-Förderverein und von Eurosolar: Wer andere schädigt, ist zur Unterlassung und zum Schadenersatz verpflichtet. Dieser moralische und rechtliche Grundsatz wird durch den RECS-Handel in sein Gegenteil verkehrt: Nicht alle Schädiger der Umwelt - Erzeuger und Verbraucher von konventionell erzeugtem Strom - sollen zahlen, sondern nur diejenigen, die die Schädigung nicht mehr hinnehmen wollen.

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