Prof. Dr.-Ing. Joachim Schneider
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Stadt Eckernförde
Mitglieder der Ratsversammlung
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Eckernförde, den 23.11.2002

Stadtwerke Eckernförde Verbleib, 49,9 %-iger Teilverkauf oder Schenkung?
(Öffentliche Denkschrift an die Ratsmitglieder von Eckernförde)

Sehr geehrte Damen und Herren Ratsmitglieder,

gestatten Sie mir, einige meiner Überlegungen und Meinungen zum Themenkreis "Teilverkauf der Stadtwerke Eckernförde oder nicht"? zur Kenntnis zu geben. Ich melde mich zu Wort als politisch interessierter, denkender Bürger von Eckernförde und als Steuerzahler, nicht aber in meiner Eigenschaft als Hochschullehrer, da meine Lehr- und Forschungstätigkeit nicht das geringste zu tun hat mit dem Gegenstand, der hier zur Debatte steht.

1. Zusammenfassung:

Ich bin der Ansicht, daß die Stadtwerke Eckernförde unabhängig sein und deshalb vollständig in kommunaler Hand bleiben müssen. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation der Stadt und aufgrund der Wirtschaftskraft der Stadtwerke ist die Notwendigkeit eines Teilverkaufs der Stadtwerke nicht mal im Ansatz erkennbar, und schon gar nicht zu den Bedingungen des Vertrages (s. A1; /5(3)/). Im Gegenteil, die Stadtwerke haben, gerade wenn sie vollständig in kommunaler Hand bleiben, gute Chancen, ihre jetzt schon hervorragende Wirtschaftskraft, ihre Umsatzrentabilität und ihren Gewinn einerseits durch konsequente Nutzung innerer Potentiale und andereseits durch den Auf- und Ausbau sowohl horizontaler Kooperations-beziehungen als auch echter vertikaler Kooperationsbeziehungen in Zukunft noch deutlich zu verbessern. Die Stadtwerke können auf diesem Wege zukünftig entscheidend zur wirtschaftlichen Stabilisierung der Stadt beitragen, gerade in Zeiten einer eher unsicheren Zukunft, in der die wirtschaftlichen Bedingungen für die Kommunen in Deutschland schwieriger zu werden scheinen. Jeder Verkauf oder Teilverkauf der Stadtwerke Eckernförde an einen starken Energie-erzeuger führt m.E. in die Abhängigkeit von diesem und wird sich am Ende gegen die elementaren Interessen der Stadt und somit ihrer Bürger richten, weil der beabsichtigte "vertikale Vorwärts-Zusammenschluß", der zunächst nichts mit Kooperation zu tun hat, in erster Linie der Sicherung des Absatzes des Energieerzeugers zu höchstmöglichen Preisen und der Unterbindung des förderlichen Wettbewerbs dient, der jedoch in unserer Zeit, für jedermann nachvollziehbar, dringend notwendig ist (s. auch /1/). Da das dem Vertragsentwurf zugrunde liegende Wertgutachten für die Öffentlichkeit bisher unzugänglich war (s. auch A2 und A3), werde ich im weiteren versuchen, auf der Grundlage der wenigen öffentlich bekannten ökonomischen Eckdaten eine gerundive Wert-abschätzung für die Stadtwerke abzugeben, die unter diesen Voraussetzungen natürlich nur grob sein kann, dafür aber den Vorzug hat, zumindest frei von subjektiven Zielstellungen und Abhängigkeiten zu sein und in diesem Sinne mehr auf die objektive Seite der Angelegenheit abzielt (vgl. /1/). Auf der Grundlage von zwei abschätzenden Bewertungsmöglichkeiten nach /1/ und /2/ wird ein gerundiver Gesamtwert für die Stadtwerke von 100 bis 120 Mio. DM mit Hinblick auf die zu verhindernde Veräußerung ermittelt. Alle weiteren Wert- und Zahlenangaben werden in DM gemacht, weil die verwendeten Eckdaten aus vergangenen Jahren stammen. Bei der näheren Betrachtung des von Ihnen, sehr geehrte Ratsmitglieder, beschlossenen 49,9 %-igen Teilverkaufs der Stadtwerke Eckernförde, insbesondere der Höhe des vereinbarten Preises und der Zahlungsmodalitäten, komme ich zu dem persönlichen Schluß, daß es sich hierbei eher um eine großzügige Schenkung an die E.on-Tochter Schleswag AG Rendsburg als um einen Teilverkauf handelt. Die sicherlich vielschichtigen Gründe für dieses Ihr Streben sind so wenig transparent wie nachvollziehbar und deshalb klärungsbedürftig.

2. Wirtschaftliche Eckdaten der Stadtwerke Eckernförde

Jährliche Umsatzerlöse (gewisse Schwankungen nicht ausgeschlossen): ca. 35 Mio. DM Umsatzrenditen (Umsatzrentabilitäten): ca. 0,13 Jährliche Betriebs- und Finanzergebnisse: ca. 4,5 Mio. DM Mittlere jährliche Investitionen über die letzten 27 Jahre: ca. 3 bis 3,5 Mio. DM Gesamtinvestitionen in Anlagen und Versorgungsleitungen in 27 Jahren: 80 bis 85 Mio. DM Zukunftserwartung an die Rendite- bzw. Ergebnis-Entwicklung: Faktor 1,5 Derartige Eckdaten kennzeichnen ein ökonomisches "Juwel" im Stadtwerke-Bereich der BRD. Diese Ansicht vertreten auch Experten, wie beispielsweise der Energie- und Finanzminister des Landes Schleswig-Holstein, Herr Möller, der den Anteilsverkauf der Eckernförder Stadtwerke bedauerte, sowie Verbände, wie der Verband kommunaler Unternehmen e.V. in Köln und der Bund der Energieverbraucher e.V. in Rheinbreitbach, und offensichtliche Insider, wie der Eckernförder Bürger, Herr Buß, ehemaliger Bürgermeister von Eckernförde, der sich dennoch vehement für den Teilverkauf einsetzte (s. /5(2)/). Die Zukunftserwartungen an die Umsatzrendite- bzw. die Ergebnis-Entwicklung vom Faktor 1,5 werden deshalb auch vom potentiellen Käufer durch den angebotenen strategischen Preiszuschlag zu 0,5 des avisierten Grundpreises ausdrücklich bestätigt (s. auch /5(3)/). Eckdaten des geplanten Anteilsverkaufs an die Schleswag AG Rendsburg(s. /5(3)/): Grundpreis: 10,73 Mio. DM Strategischer Zukunftszuschlag: 5,37 Mio. DM Gesamtpreis bei sofortiger Einmal-Zahlung: 16,10 Mio. DM (Zahlungsweise, rein rechnerisch, ohne Zinsen: 16 Jahresraten zu ca. 1 Mio. DM) Zahlungsweise unter Berücksichtigung von Zinsen: 16 Jahresraten zu ca. 1,3 Mio. DM

3. Abschätzung einer Bewertung für die Stadtwerke

Es gibt eine ganze Reihe, zum Teil sehr aufwendiger Möglichkeiten, den "wahren" Wert eines Unternehmens im Hinblick auf dessen Verkauf abzuschätzen (s. /1/ bis /4/). Angesichts der verfügbaren Wirtschaftsdaten werden zwei realitätsnahe und zugleich vorzüglich einfache Möglichkeiten der Bewertung ausgewählt: die erste basiert auf den momentanen und zukünftig möglich scheinenden Gewinnen, denn diese sind für einen Käufer beide in erster Linie interessant, die zweite bezieht sich auf homologe, das heißt gleichliegende Präzedenzfälle. Abschätzung 1: Der derzeitige jährliche Gewinn beträgt ca. 4,5 Mio. DM. Der Unternehmenswert ergibt sich aus der Teilung dieses Gewinns durch einen alternativen Renditsatz (Zinssatz von Staatsanleihen, derzeit bei ca. 0,05) zu ca. 90 Mio. DM. Die offensichtlich auch von der Schleswag akzeptierte Höhe des zukünftigen Gewinnes ergibt sich aus der Höhe des vereinbarten strategischen Zuschlages von 0,5 auf den Grundpreis. Diese Gewinnentwicklung wird offensichtlich infolge natürlicher Verschlankung des Unternehmens, Anpassung der Verbrauchertarife an bundesübliches Niveau, Synergieeffekte, Rationalisierungsmaßnahmen u.ä. für möglich gehalten. Der jährliche Gewinn könnte dann bis zu 6,75 Mio. DM betragen, der Unternehmenswert läge somit bei ca. 135 Mio. DM. Abschätzung 2: Es gibt gemäß Einschätzung des VkU e.V. Köln und gemäß einiger persönlicher Informationen (s. /2/) eine Reihe von Präzedenzfällen für den Verkauf kommunaler Versorgungsunternehmen, bei denen Verkaufserlöse bis zum Dreifachen des aktuellen Jahresumsatzes realisiert worden sind. Offizielle Angaben dazu sollten das Kölner private Bankhaus Salomon Oppenheim jr. & Cie. KGaA, Köln, das diesbezüglich im Rhein-Ruhr-Gebiet bis Münster tätig war, die Investment-Bankgesellschaft bei der Westdeutschen Landesbank und die Landesbank Schleswig-Holstein, die an ähnlichen Transaktionen beteiligt waren, vermitteln können. Geht man von dieser, natürlich in alle denkbaren Richtungen erprobten Präzedenz-Basis aus, so gelangt man zu einem Unternehmenswert für die Eckernförder Stadtwerke von ca. 100 Mio. DM. Das ungewichtete Mittel aus diesen Zahlen führt auf einen realistischen Unternehmenswert für die Stadtwerke Eckernförde von 105 bis 110 Mio. DM und somit auf einen Preis für den von Ihnen angestrebten Teilverkauf von 50 bis 55 Mio. DM. Diese Werte sind keine fiktiven Werte, sondern durch Grundstücke, Gebäude, Anlagen und Verteilungsnetze natürlich auch materiell hinterlegte Werte. An der Größenordnung dieser Zahlen wird sich m.E. auch bei gewissen Schwankungen der jährlichen Umsatzerlöse der Stadtwerke oder der Alternativrenditsätze nicht viel ändern. Vernachlässigt man die perspektivische Entwicklung völlig und läßt auch die Präzedenz-fälle, die ja Zukunftspotentiale beinhalten könnten, außer acht, so kommt man auf einen realistischen unteren Anteilspreis von 45 Mio. DM. Summiert man einen strategischen Zuschlag von 0,5, so findet man einen realistischen oberen Anteilspreis von 67,5 Mio. DM. Dabei ist es zunächst völlig unerheblich, ob ein potentieller Käufer diesen Preis auch bezahlen möchte oder nicht, denn es bestehen ja keinerlei ökonomische Zwänge für die Stadt, Teile der Stadtwerke zu verkaufen. Im Gegenteil, angesichts der perspektivischen Möglichkeiten, die Gewinne der Stadtwerke drastisch zu vergrößern, scheint die Stadt gegenüber ihren Bürgern geradezu verpflichtet, dieses Potential eigenständig zu nutzen, die Stadtwerke vollständig bei der Stadt zu halten und weiterhin mit dem notwendigen Sachverstand zu bewirtschaften. Die Verluste der Stadt Eckernförde aus dem Bäder- und Hafenbetrieb, die z.Zt. mit ca. 2,0 bzw. 0,1 Mio. DM jährlich beziffert werden, sollen in diesem Zusammenhang aus guten Gründen zunächst unberücksichtigt bleiben. Auf die soll unter Punkten 4 und 5 des Schreibens noch eingegangen werden.

4. Zur Frage: "Beinhaltet das Vertragswerk nun den reellen Anteilsverkauf der Stadtwerke oder deren Schenkung an die Schleswag"? ( auch unter Brücksichtigung der Verluste aus dem Bäder- und Hafenbetrieb)

Vergleicht man die unter 3. ermittelten anteiligen Unternehmenswerte mit den vereinbarten Anteilspreisen, so fällt zunächst einmal auf, daß die Anteilpreise weniger als 25 % der ermittelbaren anteiligen Unternehmenswerte (10,73:45 Mio. DM bzw. 16,1:67,5 Mio. DM) sind. Allein aus diesem Grunde kommt der Gedanke an eine Schenkung auf. Derartig gravierende Unterschiede haben natürlich ihre Ursachen und Gründe. Diese sind nunmehr nicht nur im Falle einer rechtswirksamen Veräußerung der Stadtwerkeanteile genauer zu betrachten. Der denkbar niedrigste Gewinn der Stadtwerke ergibt sich bei Vernachlässigung der möglichen Renditeentwicklung und unter Anerkennung der Verluste aus dem Bäder- und Hafenbetrieb zu 2,4 Mio. DM jährlich. Davon stehen dem Käufer ca. 1,2 Mio. DM zu. Diese Gewinnhöhe ist mit den jährlichen Zahlungsraten von 1,3 bzw. 1,0 Mio.DM zu vergleichen. Unterstellt man aber eine volle Renditeentwicklung und eliminiert man die Bäderverluste, weil sie vielleicht aus rechtlichen und steuerrechtlichen Gründen zukünftig nicht mehr verrechenbar sein könnten, so stehen einem Gewinnanteil des Käufers von bis zu 3,4 Mio. DM die gleichen jährlichen Zahlungsraten gegenüber. Dies untermauert den Gedanken an eine Schenkung zum Schaden der Stadt und ihrer Bürger.

5. Realistisches Szenario: Crashfall

Den jährlichen Verlusten des Bäderbetriebes in Höhe von 2 Mio. DM stehen gegenwärtig bei ca. 160.000 Besuchern zu ca. 5 DM Eintrittsgeld jährliche Eintrittserlöse von ca. 0,8 Mio. DM gegenüber. Das heißt, jeder Bäderbesucher wird letztlich mit ca. 12,50 DM subventioniert! Das wird sich die Stadt zukünftig nur durch eine geschickte Stadtwerkepolitik sowie durch Rationalisierung und Neuorganisation des Bäderbetriebes und nur, ohne an die Schleswag zu verkaufen, noch leisten können. Unterstellt man, nach dem Teilverkauf der Stadtwerke lassen sich aus steuerrechtlichen Gründen einmal nicht mehr die Gewinne der Stadtwerke mit den Verlusten aus dem Bäderbetrieb verrechnen, und unterstellt man, die Gewinne der Stadtwerke wachsen zukünftig nicht wie erwartet an oder gar nicht, unterstellt man, die Steuereinnahmen sinken weiter, was alles durchaus realistisch ist, dann tritt für die Stadt und ihren Bäderbetrieb der Crashfall ein: Dann nämlich verfügt die Stadt nur über ca. 2,25 Mio. DM Gewinn aus den Stadtwerken, über sicherlich weniger Steuereinnahmen als jetzt, usw., und muß dennoch den Bäderbetrieb mit 2 Mio. DM subventionieren, während sich die Schleswag weiterhin über zumindest 2,25 Mio. DM Gewinn freuen könnte.

6. Fazit

1. Die Stadtwerke müssen 100-prozentig in kommunaler Hand bleiben und dürfen schon gar nicht verschenkt werden. 2. Die Rentabilität der Stadtwerke kann und muß einerseits durch konsequente Nutzung innerer Potentiale und andererseits durch den Auf- und Ausbau sowohl horizontaler Kooperationsbeziehungen als auch echter vertikaler Kooperationsbeziehungen, natürlich auch und vor allem mit der Schleswag, in Zukunft noch deutlich verbessert werden. Es läßt sich nämlich kein Grund nennen, weshalb die Ziele der angestrebten Kooperation mit der Schleswag bei Abschluß eines geeigneten Vertrages für beide Seiten nicht auch ohne den Teilverkauf zu erreichen wären. 3. Die Verluste aus dem Bäderbetrieb müssen und können mit Sicherheit auch moderat verringert werden.

7. Quellen:

/1/ Wöhe, G.: Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Verlag Vahlen, München 1986 /2/ Persönliche Informationen von Bankern, Wirtschaftswissenschaftlern und Energiewirtschaftlern über Wertermittlungen von Unternehmen, Herbst 2002 /3/ Empfehlungen des "Panels on Audit Effectiveness" zur Verbesserung der Qualität der Abschlußprüfung "Die Wirtschaftsprüfung" 53 / 17 (S. 793-888) Düsseldorf, Sept. 2000 /4/ Siepe, G. u.a.: Der neue IDW Standard: Grundsätze zu Unternehmens- bewertungen (IDW S1) "Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft" 19 / 2000 (S. 946-960) /5/ Eckernförder Zeitung: (1): 27.06.01; (2): 05.06.02; (3): 26.06.02; (4): 03.10.02 /6/ Postwurfsendung der Eckernförder Stadtwerke an alle Haushalte: "NEIN - Eine sinnvolle Entscheidung", Mai 2002 Sehr geehrte Damen und Herren, ich würde mich über eine Antwort auf dieses Schreiben freuen und bin gerne bereit, mit Ihnen über Argumente und Gegenargumente zu sprechen. Mit freundlichem Gruß Prof. Dr.-Ing. J. Schneider Anlagen: A1 Mein Schreiben vom 04.07.02 an die Stadt Eckernförde: Bürgerentscheid A2 Mein Schreiben vom 04.07.02 an die Stadt Eckernförde: Stadtwerke, Wertgutachten A3 Schreiben der Bürgermeisterin vom 11.07.02 an mich: Abschlägiger Bescheid Verteilung dieser öffentlichen Denkschrift: 1. Stadt Eckernförde, alle Mitglieder der Ratsversammlung 2. Stadt Eckernförde, Bürgermeisterin 3. Stadtwerke Eckernförde 4. Bürgerteam Eckernförde, Herr E. Meyn 5. Herr RA Dr. M. Arndt, Kanzlei Weißleder & Ewer, Kiel 6. Herr RA und Patentanwalt Dr. J. Tönnies, Kanzlei Boehmert & Boehmert, Kiel, (s. /5(2)/) 7. Herr K. Buß, Eckernförder Bürger, (s. /5(2)/ und /5(4)/) 8. Dr. rer. nat. A. Peters, Bund der Energieverbraucher e.V., Rheinbreitenbach 9. Frau B. Köster, Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz Kiel, (mit einer Eingabe gemäß Anlage A2) 10. Redaktion der Eckernförder Zeitung

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