Energieproduktivität

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Deutschland macht 2014 kräftigen Sprung bei Energieeffizienz

(14. Januar 2016) Um Waren im Wert von 1.000 Euro zu produzieren, werden in Deutschland derzeit 4,8 Gigajoule Energie benötigt. Das ist, so die Arbeits­gemeinschaft Energiebilanzen in ihrem jüngsten Bericht zur Ent­wicklung der Energieeffizienz in Deutschland, ein international hervorragender Wert. 2013 lag der Bedarf noch bei 5,2 Gigajoule und 1990 bei 7,6 Gigajoule. Damit ist Deutschland innerhalb der letzten 24 Jahre um gut ein Drittel energieeffizienter geworden. Im Durchschnitt betrug der Effizienzzuwachs seit 1990 knapp 1,9 Prozent pro Jahr.

Die privaten Haushalte steigerten ihre Energieeffizienz im vergangenen Jahr um knapp 6 Prozent. Während der Einsatz von Brennstoffen um gut 6 Prozent effizienter wurde, verzeichnete der Stromeinsatz eine Effizienzsteigerung um 4,1 Prozent. Im Zeitraum zwischen 1990 und 2014 hat sich die Energieeffizienz bei den privaten Haushalten um rund ein Drittel verbessert. Der Jahresdurchschnittswert von 1,6 Prozent liegt jedoch unter den Zuwächsen der anderen Verbrauchssektoren und weist auf weiterhin vorhandene Einsparpotenziale in diesem Bereich hin.

Auch die Industrie konnte ihre Energieeffizienz im vergangenen Jahr weiter optimieren. Insgesamt setzten die Betriebe 3,3 Prozent weniger Energie als im Vorjahr ein, wobei dies in Relation zum geschaffenen Produktionswert betrachtet wurde. Im langjährigen Jahresdurchschnitt kommt die Industrie auf Effizienzverbesserungen von knapp 1,6 Prozent pro Jahr.

Beim Einsatz von Strom zeigt sich Deutschland besonders sparsam. Nach den Berechnungen der AG Energiebilanzen konnte der Strom­einsatz bezogen auf die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um 4,3 Prozent vermindert werden. Dazu beigetragen haben effizientere Industrieprozesse sowie die steigende Ausstattung der Haushalte mit stromsparenden Geräten.

Auch die Stromerzeugung wird in Deutschland immer effizienter. Der durchschnittliche Wirkungsgrad aller Stromerzeugungsanlagen stieg von 36,6 Prozent im Jahre 1990 auf gegenwärtig 45,2 Prozent. Zu dieser Entwicklung ­tragen sowohl effizientere konventionelle Kraftwerke wie auch der schrittweise Ersatz der Kernkraftwerke durch die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen bei.

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Auf dem Weg zur Energiepreis-Revolution

Wachstum war bisher gleichzeitige Zunahme von Arbeitsproduktivät und Lohn. Künftig können und müssen Energieproduktivität und Energiepreise im Gleichschritt wachsen. Mit sozialer Flankierung. Dafür setzt sich  der deutsche Naturwissenschaftler und SPD-Politiker Ernst Ulrich von Weizsäcker ein.

(9. September 2012) Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ ist erst mit dem Brundtland-Bericht von 1987 in die große internationale Diskussion gekommen. Davor war es eine Art Geheimtipp der Forstleute: Nicht mehr Holz schlagen, als nachwächst. Auch die Förster haben den Begriff erst nach großen Kahlschlag-Katastrophen gelernt. Aus sich heraus haben die menschliche Wirtschaft und der technische Fortschritt eigentlich nie Interesse an der Nachhaltigkeit gezeigt. Wenn neuerdings wieder allenthalben von „neuem Fortschritt“ geredet wird, liegt dies daran, dass die Wirtschaft der Welt genau die Sorte von Kahlschlag-Katastrophen produziert, die einst die Förster bekehrten und für die unsere Enkel uns verdammen würden.

198 1441 2044 Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker

Aber wehe, man spricht in den Ländern, in denen heute das rasende Wachstum stattfindet, in China, Indien, Brasilien, von Einschränkungen um der Nachhaltigkeit willen. Das wird dort als die Arroganz der Reichen gegenüber den Armen und Aufstrebenden wahrgenommen und mit Zorn quittiert.

Ist Schrumpfung unvermeidlich?

Was tun? Selbst wenn wir im Norden um der Natur und des Klimas willen in den sauren Apfel der Schrumpfung beißen, dann heißt da ja noch lange nicht, dass uns Brasilianer oder Chinesen folgen. Sonderlich attraktiv ist Schrumpfung nicht, wie man heute in Griechenland oder Spanien sieht. Weil Wachstum weltweit die Hauptdevise der Politik ist, erwarten auch sämtliche Prognosen der Vereinten Nationen, der OECD oder auch der Privatfirmen eine schlichte Fortsetzung der Dynamik des immer größeren Naturverbrauchs, der immer stärkeren Klimabelastung, und das noch viele Jahrzehnte lang. Die Klimakatastrophe, das Abbrechen gigantischer Eismassen aus Grönland und der West-Antarktis (mit Überflutung riesiger Landstriche weltweit), das Aussterben Hundertausender von Tier- und Pflanzenarten, all das, was unsere Enkel mit Recht wütend und verzweifelt machen würde, wäre nicht mehr aufzuhalten.

Ressourcen effizienter einsetzen

Gibt es denn überhaupt Auswege? Ich denke schon. Aber der Weg heißt nicht Schrumpfung, sondern eine neue technologische Revolution. Damit meine ich nichts Geringeres als das, was wir in 150 Jahren der industriellen Revolution erlebt haben. Aber es ändert sich die Fortschrittsmelodie. Die industrielle Revolution hatte als Melodie die Steigerung der Arbeitsproduktivität. Sie ist seit den Tagen von Ferdinand Lassalle etwa um einen Faktor 20 gestiegen, völlig unvorstellbar für Lassalle und seine Zeitgenossen. Heute ist bei uns die Arbeitsproduktivität hoch und der Faktor Arbeit alles andere als knapp. Hingegen ist die Ressourcenproduktivität jämmerlich zurück geblieben, und Energie und Ressourcen sind knapp. Also sollte schon aus ökonomischen Gründen die neue Melodie des technischen Fortschritts in erster Linie die Erhöhung der Ressourcenproduktivität werden.

Nun aber ein Blick auf die Methode der Steigerung. Historiker und Ingenieure tun gern so, als sei das Ganze eben das Genie von James Watt, Giuseppe Volta, Sadi Carnot, Michael Faraday, Justus von Liebig, Gottlieb Daimler oder Thomas A. Edison gewesen. Diese Genies haben selbstverständlich Großes geleistet. Aber es gab einen alles übergreifenden Mechanismus, der eben nicht nur tolle Erfindungen hervorbrachte, sondern der systematisch und über zwei Jahrhunderte ganz speziell die Arbeitsproduktivität steigerte: Das waren die steigenden Lohnkosten. Stieg nämlich die Arbeitsproduktivität etwa durch James Watts Dampfmaschine oder durch den auf Faraday fußenden Elektromotor oder durch Justus von Liebigs Düngung, so konnte die Arbeiterklasse alsbald höhere Löhne durchkämpfen. Kaum waren aber die Löhne gestiegen, musste die Arbeitsrationalisierung weiter forciert werden, also die Arbeitsproduktivität weiter erhöht werden.

Unvorstellbare Lösungswege

So wenig wie sich Lassalle eine Verzwanzigfachung der Arbeitsproduktivität vorstellen konnte, ist es heute fast unvorstellbar, wie man die Energie- oder Materialproduktivität verfünffachen und eines Tages verzwanzigfachen können soll. Die Grundstoffindustrie sagt, sie operiere doch längst am physikalischen Anschlagpunkt. Mehr Effizienz sei beim Aluminiumschmelzen oder der Alkali-Elektrolyse nun mal physikalisch unmöglich. Sozialpolitiker behaupten, der menschliche Energiebedarf sei nun mal ein Menschenrecht. „Effizienz“ sei nur ein Tarnwort für noch mehr sparen, also noch mehr Armut.

Das darf aber nicht das Ende der Diskussion sein. Was man gemeinhin als „unvorstellbar“ ansieht, ist in Wirklichkeit gar nicht so fern. Wenn man sich ernsthaft auf die Suche macht, findet man in praktisch allen Lebensbereichen und Wirtschaftssektoren Möglichkeiten einer dramatischen Verbesserung der Ressourceneffizienz oder -produktivität. Die Suche nach solchen Verbesserungen haben wir als Autoren des neuen Buches „Faktor Fünf“ unternommen und sind fündig geworden. Es gibt tatsächlich gigantische Effizienzfortschritte, die nur darauf warten, endlich entwickelt und genutzt zu werden (siehe Grafik Seite 34).

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Wieviel kostet die Vermeidung von CO2-Emissionen!? Viele Einsparungen sind zu negativen Kosten möglich. Sie sind also profitabel!

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Eine Verfünffachung der Energie- und Ressourcenproduktivität ist im Querschnitt der Wirtschaft machbar. Dieses Zwischenziel können wir vielleicht in 40 Jahren erreichen. So lässt sich Aluminium aus Schrott mit nur einem Zehntel der Energie aufbereiten, die man benötigt, um das Leichtmetall aus Bauxit zu gewinnen. Der Heizbedarf in unseren Breiten und der Kühlungsbedarf in den Tropen können rabiat gesenkt werden. Für Deutschland ist das von Wolfgang Feist entwickelte Passivhaus das Vorbild, welches auch für Altbausanierung ein erreichbares Ziel ist. Auch Beleuchtung, Kleidung, das tägliche Brot, Mobilität und Vergnügungen lassen sich mit Bruchteilen der heutigen Ressourcen bereitstellen. Das ist der Kern des genannten Buches.

Fragt sich nur, warum dann so wenig in der Richtung geschieht. Die Antwort ist einfach: Ressourcen sind relativ billig.

Produktivität steigerte Löhne

Wir müssen die Ursachenkette der Industriellen Revolution begreifen und das Erfolgsrezept für Energie und Ressourcen kopieren. Im Kern war die Ursachenkette der Industriellen Revolution das Ping-Pong zwischen Arbeitsproduktivität und höheren Löhnen. Dieses Ping-Pong wiederholte sich Hunderte von Malen, in allen sich industrialisierenden Ländern der Welt. Wer dabei schneller war als die Konkurrenz, zog seinen Vorteil daraus.

Natürlich gab es auf dem Weg viel Wehklagen und so mancher blieb auf der Strecke. Bekanntlich verloren viele Weber ihren Job, als sich die mechanischen Webstühle durchsetzten. Ähnlich ging es Millionen von Müllern, Bäckern, Schmieden, Maurern, aber auch Knechten auf dem Hof und Dienstmädchen in bürgerlichen Haushalten: Die Arbeitgeber konnten sie sich nicht mehr leisten. Aber war das so schlimm? Hunderte anderer Berufe entstanden, und das Einkommensniveau stieg unaufhörlich.

Energiepreise erhöhen Energieproduktivität

In unserem Jahrhundert geht es um ein neues Ping-Pong, diesmal zwischen Energieproduktivität und Energiepreisen. Wenn im Jahr 2012 die Autoflotte um, sagen wir, zwei Prozent sprit-effizienter wird, dann darf der Sprit 2013 um zwei Prozent teurer werden, ohne dass sich der Preis pro gefahrenen Kilometer verändert. Wenn man das System über die Autoflotte hinaus erweitert, dann finden auch strukturelle Substitutionen statt: Bahnen und Busse werden attraktiver, der Ausbau der Netze und der Flotte rentabler. Analoges gilt für Heizung und Strom. Auf einmal bekommt auch die Infrastrukturplanung ein ganz neues Gesicht. Man denkt wieder langfristig, beim Verkehr, bei Entsorgung und Versorgung, bei der Siedlungsplanung. Im Abfallbereich wird die Wiederverwendung von Metallen und anderen Rohstoffen zum großen Renner.

Effizienz steigert Wohlstand

In anderen Worten: Die sanfte Verteuerung wird zum Anreiz eines technischen Fortschritts, der uns von Öl- und Gasimporten unabhängiger macht und der geeignet ist, die Klimaveränderung zu bremsen. Ein Land wie Deutschland, das Energie und Ressourcen hauptsächlich importieren muss, wird durch die Effizienz reicher:
Es steht mehr Wohlstand zur Verteilung zur Verfügung!

Unsere tief sitzende Angst vor hohen Energiepreisen stammt aus der Erfahrung der Ölkrisen der 1970er Jahre und ab 2000. In diesen Perioden sind unserer Volkswirtschaft für den Einkauf von Öl und Gas und einigen anderen teuer gewordenen Ressourcen unsinnige Mengen Geldes entzogen worden. Es war dieser Geldabfluss und nicht etwa der hohe Energiepreis als solcher, der die Wirtschaft in die Stagnation führte. Japan hat in den 1970er und 1980er-Jahren aus Sorge vor seiner Abhängigkeit von Energieimporten im Land die Energie künstlich im Vergleich zu den konkurrierenden Industrieländern verteuert. Die Folge war ein beschleunigter Strukturwandel in Richtung Hochtechnologie und energieeffizienter Verkehrsstruktur. Am Ende von 15 Jahren Hochpreispolitik war Japan das technologisch wettbewerbsfähigste Land der Erde.

Wirtschaften im Preis-Korridor

Will man die Energiepreise jedes Jahr im ungefähren Gleichschritt mit dem Fortschritt der Energieproduktivität anheben, dann muss man sich überlegen, wie das angesichts fluktuierender Weltmärkte zu organisieren ist. Die Grundidee ist ein langfristig festgelegter, nach oben gerichteter Preiskorridor, dessen Steigung alle paar Jahre nachjustiert wird, nach den statistisch dokumentierten Effizienzfortschritten. Innerhalb des Korridors kann es Marktschwankungen geben. Wenn der Marktpreis den Korridor nach unten verlassen würde, wird das durch zusätzliche Steuern verhindert. Wenn aber der Marktpreis nach oben durchbricht, würde der Staat durch entsprechende Steuersenkungen gegensteuern. In den Jahren von 2000 bis 2008 und seit 2010 sind die Energiepreise ohne gezielte Staatseingriffe im Durchschnitt um etwa 3,5 Prozent jährlich gestiegen. In dieser Phase hätte also der Staat nach dem Korridormodell preisdämpfend eingreifen dürfen.

Puffer für sozial Schwache

Um soziale Verwerfungen zu vermeiden, kann der Staat auch einen Niedrigpreissockel pro Person garantieren, weil der technische Fortschritt typischerweise bei den sozial Schwachen zeitlich später ankommt als bei den Begüterten. Für energieintensive Teile der Industrie sollte man anders vorgehen: Man kann die Energie durchaus verteuern, aber die abgeschöpften Abgaben an die Branche zurücklenken: jedoch nicht pro Gigajoule, sondern pro Arbeitsplatz. Dann verliert die Branche kein Geld, hat aber den doppelten Anreiz, effizienter zu werden und Arbeitsplätze zu halten.

Der Preispfad hat natürlich noch eine zweite Wirkung. Nicht nur die Technikentwicklung bekommt eine neue Richtung. Sondern auch die Zivilisation. Verschwendung und das Düsen nach Teneriffa wird auf einmal verpönt und unschick. Eine Art der „Schrumpfung“ tritt ein, die aber nicht mehr die Wirtschaft dämpft, sondern nur den Naturverbrauch. Kultur, Bildung, Wissenschaft und ein zivilisiertes Miteinander werden wieder schick. Der „Rebound-Effekt“, der über Jahrhunderte alle Effizienzfortschritte wieder aufgefressen und überflügelt hat, würde endlich auslaufen.

Vom Autor aktualisierte Fassung eines 2011 in Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte veröffentlichten Aufsatzes.

Buchtipp: Faktor Fünf | Ernst Ulrich von Weizsäcker, Karlson  Hargroves u.a. | 2010 | München; Droemer-Knaur

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