Energieprognose

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Freier Fall in die Zukunft

2030 fahren wir zu 100 Prozent elektrisch und erzeugen die Energie zu 100 Prozent solar. Autos fahren ohne Fahrer, privater Autobesitz ist sinnlos. Parkplätze werden kaum mehr gebraucht. Und es gibt keine Staus mehr. Behauptet Tony Seba und führt gute Gründe dafür an.

(23. Juni 2016) In 15 Jahren, so Seba, wird der Transport- und Energiesektor dem, was wir heute kennen, nicht mehr ähneln. Tony Seba ist Dozent in Stanford (USA). 2014 erschien sein Buch „Clean Disruption“ und auf einem Vortrag auf der AltCar Expo 2014 hat er seine Thesen erläutert. Der Vortrag steht auf Youtube zur Verfügung. Wir geben seine Argumente in Kurzform hier wieder. Denn sie können unser Denken über die Zukunft grundlegend verändern.

1257 Tony Seba

Tony Seba ist Unternehmensberater und Dozent in Stanford (USA).

Seba erzählt eine Geschichte vom Anfang des vorigen Jahrhunderts: Noch im Jahr 1900 gab es in New York kaum Autos, im Jahr 1913 gab es kaum noch Pferdekutschen. In nur 13 Jahren verschwand das Pferd als Transportmittel völlig von den Straßen. Ein solcher radikaler Wandel – Disruption genannt – ereignet sich immer dann, wenn sich technologiebestimmende Faktoren dramatisch ändern. Dann entstehen neue Märkte, bisherige Produkte verschwinden und werden in kurzer Zeit völlig vergessen. So wie kürzlich die analoge Fotografie, Schreibmaschinen, VHS-Kassetten und Schallplatten.

Es gibt drei Hauptfelder der technologischen Entwicklung, in denen sich Disruptionen gerade abzeichnen oder schon vollziehen:

  1. Elektroautos
  2. Autonome Fahrzeuge
  3. Solarenergie
Trend 1: Elektroautos

Fünf Gründe, warum ein Elektroauto disruptiv ist:

  • Elektromotoren sind fünf mal energieeffizienter als Verbrennungsmotoren.
  • Die Verbrauchskosten von Elektroautos sind zehn mal geringer als die von Verbrennern (in den USA).
  • Die Wartungskosten von Elektroautos sind fünf- bis zehnmal geringer als die von Verbrennern.
  • Induktionsladung ermöglicht ein kabelloses Aufladen.
  • Elektromotoren sind viel kraftvoller als Verbrennungsmotoren.

Eine Achillesferse der Elektroautos ist die Reichweite und damit zusammenhängend die Batterietechnik. Seit 2010 haben sich die Batteriekosten stetig um rund 16 Prozent pro Jahr reduziert. Der Preisverfall ist also exponentiell.

Die Firma Tesla errichtet derzeit in Nevada die sogenannte „GigaFactory“, das mit Abstand größte Gebäude der Welt und ein Produktionswerk für Batterien, das allein die Weltbatterieproduktion verdoppeln wird. Die Kosten für ein Elektroauto-Batteriepack werden sich dadurch um mehr als 30 Prozent reduzieren. Dabei sind noch keine Technologiedurchbrüche eingerechnet, sondern lediglich der Ausbau der Fertigungskapazität von Li-Ion-Zellen.

1257 Steckdose E-Auto

In den Jahren 2017 bis 2018 wird die Industrie in der Lage sein, Elektroautos mit 320 Kilometern Reichweite zu bauen, die nicht mehr als 40.000 Dollar kosten. Diese Elektroautos werden die Performance eines Porsche 911 Carrera in die Mittelklasse bringen. Wenn diese Fahrzeuge im Markt auftauchen, wird es unmöglich sein, noch Verbrenner dieser Preisklasse zu verkaufen. Im Jahr 2020, wird die Industrie solche Elektroautos für 31.000 Dollar verkaufen können. Das ist der Durchschnittspreis eines Verbrenners in Amerika.

Nochmal zwei bis drei Jahre später, 2023, wird man in der Lage sein, Elektroautos mit dieser Performance und Reichweite für nur noch 22.000 Dollar anzubieten. Das ist der Einstiegspreis von Verbrennern in den USA.

Das heißt: In den nächsten acht bis zehn Jahren wird die Elektroautoindustrie den Verbrennermarkt verdrängen.

  • Die massenhafte Migration von Verbrennern zu Elektroautos wird 2017/2018 beginnen.
  • Ab 2030 werden neue Autos fast ausschließlich Elektroautos sein.
  • Öl als Treibstoff für Fahrzeuge wird ab 2030 obsolet sein.
Trend 2: Autonome Fahrzeuge

Es existieren bereits Technologien für autonomes und halbautonomes Fahren; sie sind in Oberklassefahrzeugen schon längst im Einsatz und dringen derzeit in das mittlere und untere Preissegment vor: Intelligente Fahr-Assistenz-Systeme wie Parkassistenten, ein adaptiver Tempomat, Spur- und Bremsassistenten sind bereits heute in allen Klassen verfügbar. Dieser Entwicklungsprozess ist schon eine ganze Weile im Gange. Prototypen vollkommen autonom fahrender Autos sind in den USA bereits seit Jahren im Testbetrieb.

Der exponentielle Preisverfall von automatischen Systemen ähnelt dem für die Batterien von Elektroautos. Selbstfahrende Elektrofahrzeuge muss man sich im wesentlichen als Computer auf Rädern vorstellen. Sie machen rasante Fortschritte und werden sehr schnell immer billiger.

Platz- und Zeitverschwendung: Autobahnen und Staus

Zu jedem beliebigem Zeitpunkt werden bestenfalls fünf Prozent der Straßenfläche vom fahrenden Verkehr genutzt – 95 Prozent liegen praktisch brach, weil wir keine guten Fahrer sind. Unsere Geschwindigkeit sowie unsere Abstände sind unangepasst und suboptimal.

Allein durch den Einsatz adaptiver Tempomaten (Adaptive Cruise Control – ACC) ließe sich die Autobahnkapazität um 40 Prozent erhöhen. Es könnten also fast doppelt so viele Autos zur gleichen Zeit unterwegs sein, ohne Stau.

Durch ACC und Fahrzeugkommunikation (Autos teilen ihren Status anderen Autos in der Nähe mit) wäre sogar eine Steigerung der Autobahnkapazität um 273 Prozent möglich. Autonome Fahrzeuge verhindern Staus durch eine Vervielfachung der Autobahnkapazität: Zur gleichen Zeit können fast viermal mehr Fahrzeuge auf gleicher Fläche fahren.

Weitere Informationen
  • Eine deutsche Fassung des Vortrags von Seba: Clean Disruption
  • Buchhinweis: Tony Seba (Autor) | Clean Disruption of Energy and Transportation: How Silicon Valley Will Make Oil, Nuclear, Natural Gas, Coal, Electric Utilities and Conventional Cars Obsolete by 2030 | Englisch 290 Seiten | Tony Seba Verlag | Beta Auflage | 20. Mai 2014 Taschenbuch | ISBN-13: 978-0692210536 | 15,57 Euro
Autos – teure Rumsteher

Autos sind unser zweitgrößter Ausgabenposten. Die durchschnittlichen Anschaffungskosten betragen 31.000 Dollar, hinzu kommen Treibstoffkosten, Versicherungen, Wartung etc. Diese Autos stehen 96 Prozent der Zeit nur herum. Was für eine Verschwendung!

Autos als Dienstleistung – Das Ende des Autobesitzes

Die Kombination von Carsharing und selbstfahrenden Autos wird den Besitz von Autos überflüssig machen. Eigentlich brauchen wir auch keine Autos als solches. Was wir brauchen ist „Mobilität bei Bedarf”, zu einem fairen Preis. Und wenn wir diese Mobilität auf Kilometer-Basis abrechnen, kostet sie uns zehnmal weniger als der Besitz eines Autos.

Wenn wir ein Teilen-zu-Besitzen-Verhältnis von nur 5:1 annehmen (auf je 5 geteilte Autos kommt ein Besitzauto), würden wir 80 Prozent weniger Autos brauchen. Die Autoindustrie würde also statt 100 Millionen Autos jährlich nur noch 20 Millionen verkaufen. Übrigens werden dann auch 80 Prozent der heute existierenden Parkplätze nicht mehr benötigt. Stellen wir uns nur mal vor, was wir mit all dem Platz in unseren Städten anfangen könnten: Parks statt Parken!

Die Auswirkungen autonomer Fahrzeuge auf den Transportsektor sind sehr positiv: Mobilität als Service wird das Konzept des individuellen Fahrzeugbesitzes verändern, wodurch der Markt für Neufahrzeuge um 80 Prozent schrumpft und das bedeutet:

  • Disruption der Automobilindustrie
  • Disruption der Autoversicherungsbranche
  • Disruption der Ölindustrie
Trend 3: Solarenergie

Seit 1970 hat sich der Preis für Photovoltaikmodule um den Faktor 154 verringert! Gleichzeitig ist zwischen 2000 und 2013 der solare PV-Markt weltweit um 43 Prozent pro Jahr gewachsen. Die installierte Kapazität hat sich in diesem Zeitraum verhundertfacht!

Wenn man also auf der einen Seite exponentiell fallende Kosten und auf der anderen Seite einen exponentiell wachsenden Markt hat, bewirkt das mit ziemlicher Sicherheit eine Disruption.

Wenn die aktuelle Wachstumsrate von 43 Prozent pro Jahr anhält, bedeutet das, dass wir im Jahr 2030 die gesamte weltweit benötigte Energie – nicht nur die Elektroenergie – solar erzeugen werden, zu 100 Prozent!

Die entscheidende Frage ist natürlich: Kann diese Wachstumsrate beibehalten werden? Seit 1970 haben sich die Preise für konventionelle Energieträger um den Faktor sechs bis 35 vervielfacht: Die Kosten für Photovoltaik haben sich zwischen 1970 und 2013 gegenüber denen konventioneller Energieträger relativ betrachtet wie folgt verbessert:

  • gegenüber Öl um das 5.355-fache
  • gegenüber Nuklearenergie um das 1.540-fache
  • gegenüber Erdgas um das 2.275-fache
  • gegenüber Kohle um das 900-fache

Und die Solarkosten werden weiter fallen, um weitere zwei Drittel bis 2020: Bis 2020 werden die Kosten für Solartechnologie seit 1970 um den Faktor 400 gesunken sein. 2020 werden die Kosten häuslicher PV-Anlagen rund 1,12 Dollar je Watt betragen. In Australien sind es bereits jetzt nur noch 1,5 Dollar/W.

Nachsatz

Derzeit wächst der Ölverbrauch weltweit unvermindert (siehe Ölzeitalter zu Ende?). Welche Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft es haben könnte, wenn Öl knapp wird, bevor es überflüssig ist, darüber macht sich Tony Seba keine Gedanken.

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