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„Wir waren zu erfolgreich“
Ein Interview mit Ursula und Michael Sladek

„Wir waren zu erfolgreich“

Ursula und Michael Sladek aus Schönau im Schwarzwald sind hochdekorierte Veränderer der deutschen Energielandschaft und langjährige Mitglieder im Bund der Energieverbraucher. Wo stehen wir heute und was ist zu tun? Ein Interview zur ­aktuellen Situation.

(9. Januar 2016)

Wo stehen wir heute mit der Energiewende?

Ursula: Wir sind lange nicht so weit, wie wir immer denken. Im Vergleich verschiedener Länder steht Deutschland in Bezug auf Stromerzeugung aus Erneuerbaren in Europa gar nicht vorne, sondern im Mittelfeld. Nimmt man noch Verkehr und Wärme dazu, dann schneiden wir noch schlechter ab.

Michael: Den Begriff Energiewende gibt es ja schon seit den 80er Jahren, seit Tschernobyl, verstärkt dann nach Fukushima. Wir haben die Stromerzeugung aus Atomenergie mit ­einer breiten Mehrheit der Bevölkerung geächtet. Wir haben den Ausstieg beschlossen. Aber die Strukturen für die Energiewende fehlen noch. In der Politik erleben wir derzeit eine Rolle rückwärts wieder hin zu den zentralen Strukturen. Auf den unterschiedlichsten Ebenen. Aber die Energiewende ist von ihrem Wesen her dezentral und geht von den Menschen aus. Natürlich brauchen wir auch die zentralen Struk­­turen im Hintergrund, das ist gar keine Frage. Im Moment wird in Berlin wieder alles dafür getan, dass die Großen die Kleinen kaputtmachen dürfen. Da wird ein Mäntelchen drüber gehängt, die ­Großen bekommen ihre Offshore-Windparks. Dieser Strom ist doppelt so teuer wie der Strom aus PV-Anlagen. Und es geht um große Strommengen. Die EEG-Umlage wird steigen müssen und das Geld fließt in die Taschen der Großen.

1900 Ehepaar Sladek

Ursula und Michael Sladek sind die Initiatoren und Gründer der Bürgergenossenschaft Schönau. Die Genossenschaft hat das Stromnetz in dem kleinen Schwarzwaldort gekauft und versorgt bundesweit mit Strom und Gas. Mit dem Erlös wurden tausende Anlagen zur eigenen Strom­erzeugung (PV und BHKW) bundesweit unterstützt. Ursula Sladek erhielt 2013 den Deutschen Umweltpreis.

Was haben wir falsch gemacht?

Ursula: Wir waren zu erfolgreich. Die Bürger haben sehr viel getan und die Erneuerbaren aufgebaut. Jede zweite Kilowattstunde aus Erneuerbaren kommt von den Bürgern. Die Großen haben das verschlafen und wie immer, wenn man zu spät kommt, bestraft einen das Leben: Die Gewinne brechen ein und die Geschäftsmodelle ebenso.  Die Regierung jedoch bestraft diejenigen, die eigentlich belohnt werden müssten, nämlich die Bürger, die bisher so viel für die Energiewende getan haben. Sie bestraft sie durch Ausschreibungspflicht, durch die Deckelung der Stromerzeugung von Sonne und Wind an Land zugunsten der teuren Offshore-Windenergie,  durch große Stromtrassen quer durchs Land, die, wie wir wissen, überdimensioniert sind und durch die Zahlung der EEG-Umlage auf Eigenverbrauch.

Michael: Leider vertraut die Regierung ihren Bürgern nicht. Die Bürger haben eine zu schwache Lobby. Das sieht man ganz deutlich am Beispiel der Vergaben von Konzessionen für die Stromnetze. Die Kartellbehörden haben bei der Vergabe der Netzkonzes­sion Grundrechte der Kommunen außer Kraft gesetzt. Es läuft fast immer auf eine Konzessionierung der Großen hinaus. Wir haben ein sehr erfolgversprechendes Modell in der Gemeinde Titisee-Neustadt. Vor drei Jahren haben wir dort das Stromnetz teilweise übernommen. Die Gemeinde selbst hat daran einen Anteil von 60 Prozent, die EWS 30 Prozent und zehn Prozent die lokalen Bürger. Die Energiefrage wird dadurch unmittelbar in die Kommune getragen.

Diese Netzübernahme hat das Bundeskartellamt durch eine Anordnung untersagt. Die Gemeinde klagt dagegen beim Oberlandesgericht  Düsseldorf. Die Kriterien, nach denen die Gemeinden das Netz nach einer Ausschreibung vergeben hat, waren angeblich zu kommunalfreundlich. Die Kommune muss zwar die Ausschreibung der Konzessionen vornehmen, darf aber selbst daran gar nicht teilnehmen. Dagegen hat die Gemeinde Titisee-Neustadt Ende letzten Jahres mit unserer Unterstützung eine Kommunalverfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Denn das im Grundgesetz Artikel 28 garantierte Recht der Kommunen, ihre Angelegenheit selbst zu regeln, wird hier unterlaufen. Das Bundesverfassungsgericht hat noch nicht entschieden, ob es die Beschwerde zulässt. Wenn die Klage zugelassen wird, rechnen wir uns gute Chancen aus. Wir haben gute mediale Unterstützung erhalten durch die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Zeit“. Ein Problem besteht darin, dass es kein neues Gesetz gibt, gegen das man klagen könnte. Aber das Bundeskartellamt hat mit seinem Leitfaden 2012 zur Neuvergabe von Konzessionsverträgen ohne demokratische Legitimation neues Recht geschaffen. Es ist dadurch ein Staat im Staat entstanden. Auch durch die Überarbeitung 2015 ist der Leitfaden nicht besser geworden. Dadurch hängen derzeit in Deutschland viele Neuvergaben von Konzessionen in der Luft, denn es besteht keine Rechtssicherheit mehr. Wir hoffen, dass das Verfassungsgericht Leitplanken einzieht, an die sich dann alle halten müssen. Wir hoffen, dass dann auch viele Bürger einsteigen und sich an dem Kauf der Netze beteiligen.

Damit die Energiewende gelingt, müssen Bürger und Versorger bei den örtlichen Verteilnetzen zusammenwirken. Es liegen noch gewaltige Potenziale bei den Menschen vor Ort, über deren Verhalten als Verbraucher, aber auch als Erzeuger von Energie und auch als Investor mit allen Chancen und Risiken. Der Bürger wird durch seine Beteiligung zum Kleinunternehmer, zum Prosumer.

1900 Ehepaar Sladek

Was genau ist denn ein Prosumer?

Michael: Das ist ein Verbraucher, der gleichzeitig auch selbst Produzent ist, also den Strom vom Dach oder aus einem BHKW im Keller nutzt. Falls dies nicht geht, kann er sich an einer Anlage beteiligen. Als Mitglied einer Energiegenossenschaft weiß er auch, woher sein Strom kommt. Er kann das Gefühl haben, aktiver Teil einer Gesamtkette zu sein.

Ursula: Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern auch die Bereitschaft, selbst Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen. Energie ist dabei ein ganz wichtiger Punkt. Denn auch in ein paar hundert Jahren wollen Menschen bei uns und auf der ganzen Welt zufrieden leben.

Wie sieht das konkret aus?

Ursula: Das fängt damit an, dass man sich mit dem Thema beschäftigt. Man muss den Kreis derjenigen ausweiten, die bereit sind, sich für die Energiewende zu engagieren. Dabei muss man Hilfestellung geben.

Michael: Uns wird erzählt, das ginge alles ganz ohne Konsumverzicht, wenn man nur diese oder jene Energieform verwendet. Das wird aber nicht der Fall sein. Wir brauchen auch eine Verhaltensänderung. Und was ich im Kopf weiß, muss ich über meine Handlungen, das ist die Herzebene, in Aktionen münden lassen. Wir in Schönau haben zum Beispiel mit Stromsparwettbewerben angefangen. Weiter muss sich jeder Verbraucher über Folgendes klarwerden: Wie viel Strom verbrauche ich, wie viel CO2 verursache ich, wie sieht meine Mobilität aus? Es kann nicht sein, dass jeder glaubt, an jede Stelle der Welt fliegen zu können. Das verkraftet unsere Welt einfach nicht. Es ist also eine Verhaltensänderung nötig.

Ursula: Man sollte sich auch überlegen, ­welcher Bank man sein Geld anvertraut. Fördert die Bank damit Dinge, die ich gar nicht will?

1900 Ursula Sladek

Warum ist die Verbraucherlobby in Berlin so schwach, was können wir daran ändern?

Michael: Wir haben das Bündnis Bürgerenergie gegründet und wollen damit dem Bürger in Berlin ein Gesicht geben, auch der Bund der Energieverbraucher ist dort Mitglied. Diese Bürger sind nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern sie sind auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ein Energiebürger will die Energieversorgung aktiv mitgestalten. Dadurch entsteht eine ganz neue Gesellschaftskultur.

Dem müssen auch die Parteien endlich Rechnung tragen, wir haben ja bald wieder eine Wahl. Wir müssen die Parteien in unsere Überlegungen einbeziehen. Leider beobachten wir derzeit, dass sich die Parteien nicht wesentlich unterscheiden bei uns wichtigen Punkten. Das trifft teilweise auch für die Grünen zu. Man gewinnt den Eindruck, dass Macht korrumpiert.

Die Wahlen helfen uns also nicht wirklich weiter?

Ursula: Deshalb kann es nur um Mobilisierung der Basis gehen. Denn die Politik bekommen wir nicht in die richtige Richtung. Die Schönauer wollen eine bürgergetragene dezentrale Energiewende. Die Politik tut aber derzeit alles, um genau diesen Weg zu verbarrikadieren.

Wie bekommen wir das dennoch hin?

Michael: Wenn die größte Partei die der Nichtwähler ist, dann hat sich das politische System verselbständigt und von den Bürgern abgekoppelt. Ich bin dennoch Anhänger der Demokratie. Wir müssen das System von unten reparieren. Dinge, die die Politik augenscheinlich nicht lösen kann, müssen wir selbst in die Hand nehmen. Da ist Schönau ein gutes und wichtiges Beispiel.

Wie können wir das genau anstellen?

Michael: Wir wollen einen dezentralen Ansatz gemeinsam mit Kommunalpolitikern verwirklichen. Wir haben auf diesem Weg schon viel erreicht. Es hat Änderungen bei den Stromversorgern gegeben. Die Geschäftsberichte sehen heute anders aus als noch vor einigen Jahren. Bei einigen Energieversorgern  wird heute bereits Ökostrom als Grundversorgung geliefert. Das hat der Druck von unten bereits bewirkt. Wir müssen ein Ziel formulieren und die Schritte festlegen, die dorthin führen.

1900 Michael Sladek

Kriegsflüchtlinge sind heute das Gesprächsthema. Aber es gibt auch schon die ersten Klimaflüchtlinge. Die Savannengebiete breiten sich aus und machen ganze Landstriche unbewohnbar. Wir müssen auch in diesen Ländern dezentrale Stromversorgungsstrukturen aufbauen, wir müssen auch dort CO2 einsparen. Wo gehen die Leute aus Bangladesch hin, wenn das Land im Ozean versinkt? Wir können doch dieses Problem nicht mit Mauern und Panzern lösen. Die Lösung aus der Sicht der Klimapolitik kann nur sein, dass wir das CO2 nicht mehr in die Atmosphäre bringen dürfen, selbst wenn wir noch genügt Öl und Gas finden würden. Denn die Klimaänderungen werden dramatisch sein.

Auch hier haben wir einen konkreten pragmatischen Ansatz, um den Menschen in diesen Ländern zu helfen. In der Nachbarstadt von Schönau wurde ein Verein gegründet, um Kaffeebauern in Kamerun zu unterstützen. Mit den Gewinnen wird eine lokale Infrastruktur (Schulen, Wasserleitungen usw.) aufgebaut, die den Menschen dort Möglichkeiten gibt, in ihrer Heimat bleiben zu können und damit nicht Flüchtlinge werden zu müssen. Über diesen Verein beziehen wir und viele Menschen in Schönau und natürlich auch die EWS ihren Kaffee. Der Verein ist ehrenamtlich organisiert. Es gibt viele solche tollen Projekte überall in Deutschland. Eins davon ist auch der Bund der Energieverbraucher. Das sind unsere Ressourcen, das ist unser Weg. Darauf wird die Politik auch reagieren müssen, wenn das zu einer wirksamen, spürbaren Kraft geworden ist.

Ursula: Auch die Presse hat eine Verantwortung. Sie hat uns viel zu lange etwas von dieser unseligen Strompreisbremse erzählt, ohne das zu hinterfragen. Aber den Großbetrieben wurden fünf Milliarden Euro erlassen, die von den Kleinen gezahlt werden müssen, pro Haushalt rund 60 – 70 Euro im Jahr.

Wie sieht es mit der Aktion gegen das Atomkraftwerk Hinkley Point aus?

Michael: Wir waren erfolgreich, müssen aber noch einen guten Abschluss finden.

Ursula: Wir haben über 175.000 Beschwerdebriefe von Bürgen an die EU-Kommission gesammelt. Die liegen bei uns im Büro in Post­säcken. Brüssel muss nun jeden dieser Briefe einzeln beantworten, den Eingang bestätigen und ein Aktenzeichen vergeben. Das überfordert diese EU natürlich. Daraus wollen wir jetzt eine gute öffentliche Aktion machen. Mit unserer Aktion wollen wir auch die Klage des Staates Österreich gegen die Milliardensubventionen für das Atomkraftwerk unterstützen. Gerne hätten wir für die Aktion mehr Presseunterstützung gehabt. Aber die Medien halten das Thema nicht für besonders wichtig. Die meisten Leute haben noch nie von Hinkley Point gehört. Wir müssen erreichen, dass das den Leuten, die das genehmigt haben, auf die Füße fällt. Derzeit wollen die Chinesen, die auch schon bei Hinkley Point beteiligt sind, in Großbritannien noch ein weiteres subventioniertes Atomkraftwerk bauen. Zahlen müssen das letztlich die Steuerzahler in Großbritannien. Die wissen das aber noch gar nicht. Dadurch könnte Großbritannien zu einem zweiten Griechenland werden, damit trifft es auch uns hier in Deutschland.

Vielen Dank für das Gespräch!