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Umsteigen auf einen elektrischen Klimakiller?

Umsteigen auf einen elektrischen Klimakiller?

Der Umstieg auf Elektrofahrzeuge führt in den nächsten beiden Jahrzehnten zu einer zusätzlichen Klimabelastung. Das spricht nicht unbedingt gegen Elektrofahrzeuge, jedoch für eine grundsätzliche Wende in der Energie- und Verkehrspolitik, meint Dieter Seifried.

(12. Januar 2018) Leise schnurrt das E-Mobil über die vielbefahrene Durchgangsstraße ins Zentrum der Stadt. Herr Meier freut sich über die souveräne, emissionsfreie Fahrt und fast empfindet er etwas Mitleid mit den Fahrern neben und vor ihm, die sich beim Tanken die Hände schmutzig machen und mit mulmigem Gefühl zur Kasse gehen. Er hingegen tankt bei der Arbeit kostenlos und die 10 oder 20 Kilowattstunden, die er zuhause mit Ökostrom zutankt, kosten ihn gerade mal drei bis sechs Euro. Dafür bekommt er jedoch einen Bonus auf seine Stromrechnung, weil er seine Autobatterie als Speicher für das öffentliche Netz zur Verfügung stellt.

1378 1517 1900 3049 Dieter Seifried

Dieter Seifried studierte Energie- und Kraftwerkstechnik in München und Volkswirtschaftslehre in Freiburg. Seit 17 Jahren ist er Geschäftsführer des Beratungsbüros „Ö-quadrat“. E-Mail: seifried@oe2.de

Früher ist er mit seinem Diesel oder manchmal auch per Bus und Straßenbahn zur Arbeit gefahren, aber die Prämie für das E-Mobil, die anhaltende Diskussion um die Klimaveränderung, die hohe Schadstoffbelastung in den Städten und nicht zuletzt die geringen Kosten für den sauberen „Sprit“ haben ihn zum Kauf des E-Fahrzeugs bewegt und ihn zu einem begeisterten Nutzer gemacht. Herr Meier hat es gut gemeint und man kann ihm keinen Vorwurf machen. Aber leider ist für das Klima nichts gewonnen, im Gegenteil: Mit jedem Umstieg von einem Benzin- oder Diesel-PKW auf ein E-Fahrzeug steigen die Treibhausgas-Emissionen an – selbst, wenn der ambitionierte Umweltschützer und Autofahrer sein Fahrzeug an eine Steckdose mit Ökostrom hängt.

Liste der emissionsarmen Fahrzeuge vom VCD

Warum ist das so? Dafür schauen wir uns zunächst die Ergebnisse der neuen VCD Auto-Umweltliste an: bdev.de/autoumweltliste

In dieser Liste werden 19 Benziner und Benzin-Hybride aufgelistet, die nach Prüfung des VCD als umweltfreundlich und zukunftssicher eingestuft werden und auf der Straße nicht mehr als 150 g CO2 pro Kilometer ausstoßen, was in etwa einem Benzinverbrauch von 6,4 Litern/100 km entspricht. Diesel-Fahrzeuge sind in der Liste nicht aufgeführt, da sie im Realbetrieb die NOx-Grenzwerte nicht einhalten und vor „Fahrverboten nicht völlig sicher sind“.

Die Liste umfasst aber auch 10 Elektrofahrzeuge, die zumeist unterhalb der Mittelklasse eingruppiert werden und eine durchschnittliche Batteriekapazität von 25 kWh aufweisen. Für alle Fahrzeuge listet der VCD nicht nur die Herstellerangaben für Benzin- und Stromverbrauch auf, sondern gibt für die Fahrzeuge auch einen realitätsnahen Energieverbrauch auf der Basis von spritmonitor.de, ADAC-Ecotest sowie anderen Quellen an.

Aus den Verbrauchswerten werden dann im nächsten Schritt die CO2-Emissionswerte der Fahrzeuge bestimmt. Bei den Benzinern wurden hierzu die CO2-Emissionen der Kraftstoffbereitstellung (Ölförderung, Raffinerie, Transport) hinzuaddiert. Bei den Elektrofahrzeugen wurden die durchschnittlichen CO2-Emissionen der Stromerzeugung unterstellt.
Diese werden vom Umweltbundesamt für den deutschen Strom-Mix mit 527 g CO2 je kWh angegeben.

Vergleicht man nun die Emissionswerte der Benziner mit den Elektrofahrzeugen, so liegen die Stromer eindeutig vorne: Während die Benziner 153 g CO2/km ausstoßen, werden bei den E-Fahrzeugen im Durchschnitt nur 107 g CO2/km erreicht. Ein deutlicher Vorteil für die E-Fahrzeuge – oder etwa nicht?

1900 Überschwemmung / Foto: pixabay.com/Hans

Nicht mit Durchschnittsemissionen rechnen

Leider nein: Die Berechnungen beruhen auf falschen Annahmen. Will man wissen, wie viel Emissionen ein zusätzlicher Stromverbrauch verursacht, darf man nicht mit einem Durchschnittswert für die Kraftwerksemissionen rechnen, sondern muss fragen, welche Kraftwerke für den zusätzlichen Strombedarf eingesetzt werden. Die Antwort darauf ist eindeutig: Bei dem derzeitigen Ausbautempo der erneuerbaren Energien wird Strom für Elektrofahrzeuge in den nächsten 15 Jahren nicht aus umweltfreundlichen Energiequellen kommen, sondern aus einer Mischung von Braunkohle, Steinkohle und Erdgas. Unterstellen wir einen Mix von jeweils 40 Prozent für Steinkohle und Braunkohle sowie 20 Prozent Erdgas, so betragen die durchschnittlichen Emissionen laut dem Umweltbundesamt pro kWh Strom 884 g CO2. Anstatt eines scheinbaren Vorteils für Elektrofahrzeuge errechnen sich nun Mehremissionen! Statt 107 g CO2/km emittieren die Elektrofahrzeuge nun 179 g CO2.

E-Autos laden Kohlestrom

Doch warum darf man bei den Emissionsberechnungen nicht den bundesdeutschen Strom-Mix zugrunde legen? Die Erklärung ist einfach, aber nicht zu widerlegen: Photovoltaikanlagen, Windkraftanlagen und AKW produzieren immer, wenn sie können und betriebsbereit sind, da ihre variablen Kosten sehr gering oder nahezu null sind. Wegen eines zusätzlichen E-Fahrzeugs werden sie nicht mehr Strom produzieren (können). Also muss der zusätzliche Strom aus einem Kraftwerk kommen, das bislang nicht ausgelastet ist. Denkbar wäre auch, dass weniger Strom exportiert wird – doch dann würde im Ausland ein fossiles Kraftwerk hochgefahren, denn dort gilt das gleiche betriebswirtschaftliche Prinzip für die Stromerzeugung.

So entstehen mit dem Anschluss und dem Laden der E-Fahrzeuge an der Steckdose in einem durchschnittlichen Kohlekraftwerk Mehremissionen von rund 0,9 kg CO2 pro Kilowattstunde. Diese Situation wird auch dann noch vorherrschen, falls in zehn oder zwanzig Jahren über 50 Prozent der Stromerzeugung durch regenerative Energiequellen stattfindet. Wer also mit den niedrigen Emissionswerten des Kraftwerks-Mix rechnet, lügt sich eins in die Tasche – mancher bewusst, mancher aus Unkenntnis.

Ökostrom ist Mogelpackung

Gutmeinende erwähnen bei der Emissionsbetrachtung für Elektrofahrzeuge, dass diese natürlich nur dann sauber sind, wenn die Halter sie mit Ökostrom betanken. Dabei übersehen sie jedoch, dass es sich bei fast allen Ökostromangeboten um reine Mogelpackungen handelt.

Mit Wohnort Freiburg kann ein Stromkunde derzeit beispielsweise zwischen 458 Stromlieferanten auswählen. Davon bieten 289 einen „Öko- oder Klimastrom“ an. Doch wie funktioniert das? Der Stromhändler kauft die Menge Ökostrom, die er dem Kunden „liefert“, in Österreich, der Schweiz oder Norwegen als Wasserkraftstrom ein. Im Gegenzug bezieht der Verkäufer des Wasserkraftstroms, Kohlestrom aus Deutschland oder Polen. So kann jeder Stromhändler in Deutschland mit einem minimalen Aufschlag auf den Verkaufspreis nahezu beliebig viel Ökostrom beschaffen. Gerne auch zertifiziert, durch ein TÜV-Zertifikat, das lediglich belegt, dass der Strom aus Wasserkraft stammt.

Eigener Strom verpufft

„Wenn ich aber eine eigene Solaranlage auf dem Dach habe, dann fahre ich doch emissionsfrei?“ ist die häufigste Frage im Gespräch mit Freunden und Bekannten. Meine Antwort: Leider auch nicht! Denn den Strom, den ich für das Elektromobil verbrauche, hat meine PV-Anlage nicht in das Netz eingespeist, wodurch die Emissionen im Kraftwerkssystem hätten reduziert werden können. Lade ich mein Fahrzeug an der Solaranlage, verbrauche ich den sonst eingespeisten Strom selbst und damit fällt auch die Emissionsminderung weg. Einzige Ausnahme: Die Solaranlage wäre ohne das Elektromobil nicht gebaut worden.

Mobilitätswende anpacken!

Geholfen wäre der Umwelt zunächst mit einem Umstieg vom Auto auf einen E-Roller, aufs Fahrrad, auf öffentliche Verkehrsmittel oder durch Verkehrsvermeidungsmaßnahmen und andere emissionsmindernde Maßnahmen wie einem Tempolimit. Ein einfacher Umstieg von umweltbelastenden Dieselfahrzeugen auf alternative Antriebe hilft hingegen nicht, da der hierfür notwendige zusätzliche Stromverbrauch für den elektrifizierten Verkehr bei dem jetzigen Ausbautempo der Erneuerbaren die nächsten 30 Jahre aus fossilen Kraftwerken kommen würde. Und natürlich löst das E-Mobil auch nicht die Stauprobleme. Deshalb ist die Verkehrswende „ein Muss“. Die Verkehrswende besteht aus einer umfassenden Strategie, die von der Verkehrsvermeidung über eine Verlagerung auf öffentliche Verkehrsmittel reicht, sowie eine Verlangsamung und Umverteilung der Verkehrsflächen beinhaltet, um den Verkehr insgesamt umweltfreundlicher und sozial gerechter zu gestalten. Sie erfordert auch eine rasche und konsequente Durchsetzung der technisch längst möglichen Abgasreinigung für neue Benzin- und Dieselfahrzeuge für die Übergangszeit.

Der Einstieg in die Elektromobilität kann nur dann einen Klimavorteil bringen, wenn der Anteil der erneuerbaren Energiequellen durch einen verstärkten Ausbau sowie verlässliche Rahmenbedingungen rasch erhöht wird und gleichzeitig die Energieeffizienz und der Ausbau der Kraft--Wärme-Kopplung systematisch vorangetrieben werden, um die Emissionen im Energiesektor zu reduzieren.

Politischen Ansatz überdenken

Eine Energiepolitik, die herkömmliche Energieträger einfach durch Stromanwendungen ersetzt, wird sich als Bärendienst fürs Klima entpuppen. Das gilt für die Wärmepumpe oder die Elektroheizung genauso wie für das E-Fahrzeug. Die von der Politik als Lösungsansatz proklamierte Sektorenkopplung von Energie- und Verkehrssektor ergibt nur Sinn, wenn auf der Stromseite die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden und auch der Verkehrssektor auf einen nachhaltigen Pfad geführt wird. Das kann nicht von heute auf morgen erreicht werden, aber die Weichen müssen heute gestellt werden! Dazu gehören insbesondere eine klare Zielsetzung und vor allem konkretes, zielgerichtetes Handeln. Dann ergibt die Markteinführung von leichteren, langsameren und effizienteren E-Fahrzeugen Sinn.