Intelligente Zähler

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Smart-Meter wider Willen

Im Aufmerksamkeitsschatten von Brexit und Europameisterschaft hat der Bundestag mit dem „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“ den Zwangs-Rollout von Smart-Metern beschlossen. Auf Verbraucher kommen neue Kosten zu.
Von Louis-F. Stahl

(23. September 2016) Für die Politik sind Smart-Meter ein einfacher „Schlüssel zum Gelingen der Energiewende“, für den Romanautor Frank Elsberg sind Smart-Meter hingegen der Auslöser für einen potenziellen „Blackout“. Doch beide Positionen gehen an der Wirklichkeit vorbei. Denn im Gegensatz zu intelligenten Ortsnetztransformatoren, die auf lokaler Ebene wirklich smart auf erneuerbare Einspeiser reagieren und den Netzbetreibern Auskunft über die Auslastung von Netzabschnitten geben könnten, sind die beschlossenen Smart-Meter einfach nur teure Stromzähler mit Online-Anbindung. Zwar könnten diese zukünftig theoretisch mit Abschaltvorrichtungen für säumige Stromkunden oder zu stark einspeisende Photovoltaikanlagen ausgestattet werden. Diese Anwendungen sind jedoch bisher nur angedacht.

1845 Stromzähler: \

Fraglicher Nutzen

Verbraucher, die sich hingegen ein Smart-Meter mit weitreichenden Auswertungsoptionen wünschen, beispielsweise zur Optimierung des Eigenverbrauchs aus einer PV-Anlage, können sich bereits seit Jahren ein Smart-Meter von einem freien Messstellenbetreiber wie Discovergy installieren lassen (Bericht in ED 2/2013). Für die Mehrheit der Verbraucher wird der jetzt beschlossene Smart-Meter-Zwangs-Rollout in erster Linie ein weiterer Kostenfaktor auf der Stromrechnung sein. Inwieweit Webportale oder Apps der örtlichen Netzbetreiber Verbrauchern überhaupt nützliche Auskünfte über deren Stromverbrauch geben werden und ob zeitvariable Tarife Verbrauchern eine Ersparnis bringen können, bleibt abzuwarten. Selbst die optimistischen Rechnungen der „Kosten-Nutzen-Analyse“ für das Gesetz gehen bei kleinen Letztverbrauchern von einem „durchschnittlichen Stromkosteneinsparpotenzial von annähernd drei Euro pro Jahr“ aus. Gleichzeitig sollen nach dem Gesetz Kleinstverbrauchern aber ab 2020 bis zu 23 Euro für ein Smart-Meter pro Jahr berechnet werden.

Voraussetzungen für den Rollout

Wann der für 2017 vorgesehene flächendeckende Zähleraustausch (Rollout) Verbraucher im Einzelnen treffen wird, macht das neue Gesetz vom Vorliegen bestimmter Bedingungen und von Preisobergrenzen abhängig.

Diese Regelung ist nicht grundsätzlich neu: Bereits vor fünf Jahren hatte der Gesetzgeber mit einer Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes den Zwangs-Rollout von „Messsystemen“ beschlossen. Die damals definierten technischen Anforderungen und die wirtschaftliche Vertretbarkeit sind jedoch bis heute nicht eingetreten. Auch nach dem neuen Gesetz ist fraglich, ob der nunmehr für den 1. Januar 2017 vorgesehene Rolloutbeginn durchführbar ist. Dafür müssten drei Zählerhersteller Gateways zur Anbindung von Smart-Metern an das Internet anbieten. Zertifiziert ist bisher jedoch kein einziges „Smart-Meter-Gateway“.

Preisobergrenzen

Neben der technischen Machbarkeit, also der Verfügbarkeit von drei zertifizierten Gateway-Modellen, müssen Preisobergrenzen eingehalten werden, damit Netzbetreiber ab 2017 binnen acht Jahren zwangsweise Smart-Meter bei den Verbrauchern installieren dürfen.

Für Letztverbraucher mit einem Jahresstrombedarf ab 10.000 kWh beträgt diese Preisobergrenze 130 Euro im Jahr und steigert sich auf maximal 200 Euro ab 50.000 kWh. Direkt ab 2017 ist der Einbaubeginn nicht nur für Verbraucher ab 10.000 kWh Jahresbezug, sondern auch für Einspeiser ab sieben kW Anlagenleistung vorgesehen, wobei die Preisobergrenze hier 100 Euro pro Jahr beträgt. Für Stromverbraucher unter 10.000 kWh oder mit Einspeiseanlagen unter sieben Kilowatt Erzeugungsleistung soll der Rollout frühestens ab 2020 beginnen.

Besonders Betroffene

Neben der Verpflichtung durch den Netzbetreiber, kann ein Rollout im Einzelfall auch durch den sogenannten Anschlussnehmer, in Mehrfamilienhäusern zumeist der Eigentümer, angestoßen werden. Durch diese Sonderregelung kann ein Vermieter beispielsweise ein Heizkostenabrechnungsunternehmen auf Kosten der Mieter mit einem sofortigen Smart-Meter-Rollout beauftragen und damit die Mieter auch ihres Wahlrechts auf einen freien Messstellenbetreiber berauben. Zwar gelten auch in diesem Fall die Preisobergrenzen, ob diese Einschränkung des Verbraucherwahlrechtes allerdings mit europarechtlichen Verbraucherschutzvorschriften vereinbar ist, wird durch den Europäischen Gerichtshof noch zu klären sein.

Eines ist jedoch bereits jetzt klar: Weder für die Energiewende, noch für Energieverbraucher wird der jetzt beschlossene Zwangs-Rollout einen Gewinn bringen – ganz im Gegensatz zu Netzbetreibern, Heizkostenabrechnern und Zählerherstellern.

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