Leserbrief eines Atomkraft-Befürworters

(Online gestellt: 21.01.2003)

Zufällig bin ich beim Surfen auf Ihrer Webside gelandet. Nachdem dort von Ihnen ausschließlich Jubel - Artikel erscheinen, erlauben Sie mir an dieser Stelle auch einmal etwas Kritik, falls Sie diese vertragen. Denken Sie zuerst an den Spruch: Hochmut kommt vor dem Fall (immer!)

Meiner Meinung nach sind Ihre Einlassungen bezüglich der Atomenergie von Einseitigkeit, um nicht zu sagen vom Haß bestimmt. Wir Arbeitnehmer in der Atomindustrie kennen das, wir sind in eine Minderheitenposition gedrängt worden. Obwohl durch eine rechtswidrige Blockadepolitik viele unserer Arbeitsplätze verloren gegangen sind und in Zukunft noch verloren gehen, müssen wir uns noch beschimpfen lassen. So weit so gut! Was ich sagen möchte ist folgendes:

Selbstverständlich ist klar, dass es endliche Reserven gibt, und zwar, wie sie richtig ausführen auch für Kohle, Öl und Gas. Nur sollten Sie den Lesern Ihrer Information mitteilen, was sie für den Zeitraum danach als Alternative anbieten, und da sind Sie auffällig sprachlos.

Bei der Kernenergie vergessen Sie dann eben auch, weil es unangenehm für Ihre Argumentation ist, die folgen zwei wichtigen Punkte: immerhin gibt es einen Brennstoffkreislauf und den möglichen Zugriff auf den gehorteten Nuklearbrennstoff aus der militärischen Verwendung. Denn darin, das die militärische Verwendung geächtet werden muß, sind wir uns ja wohl einig. Durch diese beiden Möglichkeiten dürfte wohl der Zeitraum von 37 Jahren um ein Vielfaches verlängert werden. Trotzdem ist klar, auch danach wird irgendwann alles erschöpft sein.

Was ist also zu tun? Wenn Sie sich vor der Antwort drücken, dann möchte ich hier wenigstens einen Denkanstoß geben: Was halten Sie davon, wenn man einen MIX aus allen, und zwar wirklich allen Energieträgern anstrebt, also auch unter Einschluß der Kernenergie? Das hätte den Vorteil, dass die Zeiträume der Erschließung der Vorräte noch weiter verlängert werden könnten. Dadurch gewinnt die Menschheit die wichtige Zeit zu einer echten globalen Umstellung und die Chance zur Entdeckung neuer Möglichkeiten in der Energiebereitstellung, vielleicht durch Kernfusion oder Wasserstofftechologie. Also alle Vorräte nutzen, aber nachhaltig und unter Anwendung aller Reziklierungsmethoden zusammen mit den regenerativen Energiequellen. Zuerst müßte da aber in den Köpfen der Menschen ein Umdenken stattfinden. Dazu gehört zuerst, dass man ehrlicher wird, und Sie müssen aufhören, den Menschen vorzumachen, dass man mit den heute zur Verfügung stehenden alternativen Methoden schon alles erreichen kann. Sie wissen doch genauso wie ich, dass weder mit Windkraftwerken noch mit Solarzellen oder Biomassekraftwerken eine Grundlastenergie bereitgestellt werden kann, die diese Bezeichnung überhaupt verdient. Und gleichmäßige, ausreichende Grundlast brauchen wir, nicht zuletzt auch für die Herstellung der Komponenten der "regenerativen" Energieformen.

Steigen Sie also von Ihrem Elfenbeinturm herunter, so wie es die Kernenergie-Befürworter Ihnen vorgemacht haben. Von den Arbeitnehmern wurde erwartet, dass sie die Einsicht haben, dafür Ihre Arbeitsplätze zu opfern. Nach dem Ende aller Reserven wird uns keine Alternative mehr zum gemeinsamen Handeln bleiben. Belügen Sie die Menschen nicht, sondern sagen Sie Ihnen, dass es Radioaktivität immer geben wird, auch ohne Kernenergie, und dass es eine Risikofreiheit in der Zivilisation auch nicht geben wird. Was es aber gibt, das ist das Vermögen der Menschen zur Vernunft und zur Zusammenarbeit, auch wenns schwerfällt.

Meinen Sie nicht, dass diese Gedanken überlegenswert sind?

Mit freundlichen Grüßen

 Bodo Zierenberg

Antwort

Hallo Herr Zierenberg,

danke für Ihre Mail. Mein Haupteinwand gegen Atomenergie ist, dass sie nur zur Stromherstellung taugt. Drei Viertel unseres Energieverbrauchs ist aber nicht Strom. Da hilft uns der Atomstrom garnichts, selbst wenn er günstig und unendlich zur Verfügung stände.

Was uns hilft, ist eben nur die Sonne, und davon gibt es genug. Wer so komplexe Technik wie Atomkraft beherrscht, für den kann auch Sonnenenergie kein Problem sein. Also lassen Sie es uns gemeinsam anpacken.

Gruss von Aribert Peters

Segment-ID: 1306

Sehr geehrter Herr Peters,

Sie fordern meinen Widerspruch heraus mit der Bemerkung, dass Atomenergie nur zur Stromherstellung taugen soll. Erinnern Sie sich noch an den Hochtemperatur-Reaktor in Hamm-Uentrop? Das war nur ein Beispiel für zusätzliche Anwendung zur Stromerzeugung. Das Prinzip der Prozesswärme für die Chemische Industrie z.B. wurde mit diesem Reaktortyp nicht widerlegt, es könnte durch gemeinsames Handeln wiederbelebt werden. Ich meine, es würde sich lohnen, darüber nachzudenken, auch über andere denkbaren Anwendungsfälle eines Kernreaktors. Ein für die Menschheit sehr wichtiges Thema wäre z. B. die Meerwasserentsalzung. Auch die Wasserstofftechnologie ist ein Beispiel, wenn man nicht will, dass dieser solar erzeugt und zu uns transportiert wird. Was sagenen Sie nun?

Gegen die Nutzung der Sonnenenergie hat kein vernünftig denkender Mensch irgendeinen Einwand - auch ich nicht. Aber erklären Sie bitte auch den Menschen, dass die Herstellung der dafür benötigten Komponenten einen hohen Energiebetrag erfordert, und dass nur die Massenherstellung der Zellen etwas an den exorbitant hohen Kosten ändern wird. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn ohne Grundlastenergie in elektrischer Form wird dies nicht möglich sein. Trotz allem ist unser einer gerne zur Mitarbeit an dieser neuen Technologie bereit. Niemend soll verteufelt werden, auch die Kernenergie nicht, wäre das nicht ein Denkanstoß?

Mit freundlichen Grüßen

Bodo Zierenberg

Antwort

Hallo Herr Zierenberg,

natürlich kann man grundsätzlich mit Atomkraft auch Kraft-Wärme-Kopplung betreiben. Da man Wärme aber nur über kurze Entfernungen transportieren kann, müsst man dann die Reaktoren in die Nähe von dichten Wohnsiedlungen bauen. Von de rfaktischen Gefährung einmal abgesehen ist dies alleine schon deshalb nicht möglich, weil dies die Bewohner niemals akzeptieren würden. Darüber laufen Atomkraftwerke mit einer geringeren Temperatur als andere Wärmekraftwerke und sind deshalb rein technisch für die Wärmeauskopplung nicht besonders geeignet.

Wasserstofftechnologie ist auch ein Beispiel für eine sehr ineffiziente Technologie, vgl. Pflanzenöl oder Wasserstoff: Treibstoff der Zukunft? Auf die Sonne als Lösung können wir uns gerne und ohne wenn und aber als Kompromiss verständigen. Dass Atomkraft zur Lösung unserer Energiezukunft einen Beitrag leisten kann, vermag ich angesichts der aufgeführten Probleme nicht zu erkennen. Dabei habe ich noch nicht einmal alle Punkte aufgeführt, die gegen die Kernkraf tsprechen wie zB Kosten, Sicherheit, Endlager usw. Aber diese Punkte braucht man gar nicht diskutieren, weil allein die genannten Punkte es ausschliessen, dass Atomkraft eine Zukunftsenergie ist.

Herzlichen Gruss von Aribert Peters

Segment-ID: 1307