"Wir sind jetzt in der Zwickmühle"
- E.on Hanse: Internes Papier. Controlling des norddeutschen Gasversorgers schrieb "Diskussionspapier". Auf der Suche nach Argumenten für höhere Preise. Von Mathias Eberenz aus dem Hamburger Abendblatt vom 23. November 2005
(25. November 2005) Am Montag hat der norddeutsche Gasversorger E.on Hanse die Kalkulation seiner Preise offengelegt. Doch Verbraucherschützer gehen die der Öffentlichkeit präsentierten Daten nicht weit genug. Sie erwarten mehr Details.
Zum Zwecke der Kalkulation hatte das Controlling von E.on Hanse ein internes Diskussionspapier erstellt. Wie berechnet man einen Gaspreis? Welche Argumente für die Tariferhöhungen der vergangenen Monate sollte man dem Landgericht Hamburg vorlegen? Diese und andere Fragen werden in dem 50seitigen Beitrag der Controller aufgeworfen und in dem Papier, das dem Abendblatt vorliegt, beantwortet.
Wie auch immer das Dokument in die Öffentlichkeit gelangte - zumindest Richterin Helga Langenberg, die dem Verfahren vorsitzt, dürfte wenig erfreut darüber sein, durchgehend als "Helga" tituliert zu werden. Das beginnt schon beim Vorwort.
"Ziel des Entwurfes ist es", so der Autor, daß "alle Kaufleute, Juristen, Techniker, ggf. Presse oder auch Helga vom LG etc. die Gaskalkulation in ihren Grundzügen verstehen und die Risiken erkennen (letzteres gilt natürlich nicht für Helga)". Gemeint ist Richterin Langenberg vom LG, also dem Landgericht in Hamburg. Sie hatte E.on Hanse dazu aufgefordert, die Gaspreiskalkulation offenzulegen - und sie wird voraussichtlich frühestens am 8. Dezember entscheiden, ob die von E.on Hanse vorgelegten Fakten eine Erhöhung der Preise - immerhin rund 25 Prozent seit Oktober 2004 - rechtfertigen. Ein Novum. Noch nie mußte ein Energieunternehmen derartige Einblicke in sein Allerheiligstes, die Gaspreiskalkulation, gewähren.
"Helga" ist diejenige, die E.on Hanse offenbar von der "Angemessenheit des Gewinns im Vertrieb" - so die Überschrift des Kapitels 7.6 auf Seite 40 - überzeugen muß. Und einfach scheint dies aus Sicht des Autors aus der Abteilung Controlling offenbar nicht zu sein.
"Selbst der Ansatz mit der Umsatzrendite hinkt, wenn Helga nicht begreifen will, daß 1+1+1=3,2 ist", heißt es auf Seite 40 des Dokumentes. Daß die Zahlen wirklich korrekt offengelegt werden, davon geht der Autor des Papiers offenbar gar nicht aus. "Wir sind jetzt in der Zwickmühle: Wenn wir die Kalkulation offenlegen (auch wenn diese nur rudimentär ist) könnten wir eine Größenordnung von z.B. 0,9 ct/kWh mit nichts begründen...." An anderer Stelle heißt es: "Wir hätten eigentlich die Preise senken können, da die Erdgasbezugskosten zum 1.1.2004 um ca. 0,2 ct/kWh günstiger geworden sind", so der Autor auf Seite 43. Unter Punkt "7.8 Maximales Risiko" im Kapitel "Betriebswirtschaftliche Risiken" rechnet der Autor vor, welche Summe das Gericht beim Privatkundenergebnis des Konzerns möglicherweise anzweifeln könnte: genau 61,3 Millionen Euro. Auf die Gesamtzahl aller E.on-Hanse-Kunden gerechnet ergibt sich dabei ein Betrag von 122,6 Euro pro Kunde und Jahr.
Welche Risiken sich aus Sicht des Unternehmens bei einer kritischen Durchleuchtung der Zahlen vor Gericht ergeben könnten, schildert der Autor auf Seite 39 in Kapitel 7.3 am Beispiel der Lagerung von Gas. "Die effektive Speicherabgabe war in 2004 (wegen milder Witterung) nur rd. 3,85 Mio. Euro. Wir gehen auf die Vorhaltleistung bei -7°C. Das ist zwar alles plausibel, könnte aber auch ganz anders aussehen." Am Ende des Absatzes steht der Effekt der Maßnahme, falls das Gericht Zweifel hat: "Das Privatkundenergebnis steigt um rund 6,8 Mio. Euro auf 13,1 Mio. Euro (0,10 ct/kWh)." Und weiter: "Wird der Speicherverrechnungspreis überhaupt vom Gericht anerkannt? Wenn nicht, steigt das Privatkundenergebnis um 8,44 Mio. auf 14,74 Mio. Euro (0,17 ct/kWh)." An anderer Stelle, im Kapitel "Netzkosten und deren Allokation auf die Privatkunden" werden im Text "mal eben Millionenbeträge von einer Kundengruppe zur anderen geschaufelt". Und weiter: "Wir haben u.E. den Bogen dabei nicht überspannt, denn: Wer will könnte unsere Berechnung zumindest zum wackeln bringen, aber ganz kippen wird er es nicht." Der Effekt wird auch hier deutlich: "So 12 Mio. Euro könnte man ohne große Schwierigkeiten von den Privatkunden zu den Großkunden bringen. Das Privatkundenergebnis steigt dann um 12 Mio. Euro auf 18,3 Mio. Euro (0,145 ct/kWh)."
Bei den Verwaltungs- und Vertriebskosten entdeckt der Autor 12,3 Millionen Euro Risikopotential für das Unternehmen. Sein Fazit: "Erfolgt auf Grund der Sammelklage keine Preiserhöhung, ist nicht nur das Privatkundenergebnis vernichtet, sondern unser gesamtes Preissystem könnte ins Trudeln kommen."
Die offizielle Position von E.on Hanse zu diesem Dokument stellt Sprecherin Esther Seemann gegenüber dem Abendblatt klar: "Es handelt sich um einen frühen Stand der internen Meinungsbildung auf Arbeitsebene. Die realen Zahlen haben wir dem Gericht am Montag vorgelegt. Wir haben uns dafür zweier neutraler Wirtschaftsprüfer bedient - und die haben unser Vorgehen und das Zahlenwerk testiert." Außerdem, so die Sprecherin weiter, "spiegelt dieses Arbeitspapier keinesfalls unsere Haltung gegenüber dem Gericht wider". erschienen am 23. November 2005