Dipl. Volkswirt Bernd Steinhauer,
Betreuer der LG Schleswig- Holstein/Mecklenburg-Vorpommern,
Verband kommunaler Unternehmen VKU,
Brohler Str. 13,
50968 Köln

Frau Bürgermeisterin
Susanne Jeske Paasch
Rathausmarkt 4-6
24340 Eckernförde

12.11.2001

Überlegungen der Stadt zur Veräußerung eines Anteils von 49,9 % an der Stadtwerke Eckernförde GmbH

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,

uns wurde berichtet, dass sich die Stadt Eckernförde mit Überlegungen befasst, einen Anteil von 49,9 % zu einem Kaufpreis von rd. 16 Mio. DM an die SCHLESWAG AG zu veräußern. Gestatten Sie mir als Betreuer der Landesgruppe Schleswig-Holstein/Hamburg/Mecklenburg-Vorpommern und als Hauptreferent in der betriebswirtschaftlichen Abteilung des VKU, der sich mit betriebswirtschaftlichen Grundsatzfragen, Steuern und Finanzierung der kommunalen Unternehmen befasst, einige Hinweise für den Entscheidungsprozess.

Die Stadtwerke Eckernförde GmbH haben im Jahr 2000 bei einem Umsatz von rd. 33 Mio DM ein Betriebsergebnis und ein Finanzergebnis von zusammengefasst rd. 2,4 Mio DM erzielt. Nach Eliminierung der Verluste aus dem Bäderbetrieb von rd. 2 Mio. DM und aus dem Hafenbetrieb von rd. 0,1 Mio. DM beträgt das zusammengefasste Betriebs- und Finanzergebnis rd. 4,5 Mio. DM. Bezogen auf die Umsatzerlöse von 33 Mio. DM für die Versorgungssparten ergibt sich eine Brutto-Umsatzrendite von rd. 13,6 %. Dies stellt auch im Vergleich zu anderen kommunalen Unternehmen ein hervorragendes Ergebnis dar.

Ertragsverbesserungen sind gleichwohl möglich, wie die Untersuchung der Norddeutsche Treuhand- und Revisionsgesellschaft mbH und der Energiesystem Nord GmbH ergeben hat.

Dieses Wertsteigerungspotential durch weitere personelle Verschlankung des Unternehmens, realisierbar durch reguläre Ruhestandsregelungen von Mitarbeitern, kann verbunden werden mit verstärkter horizontaler Kooperation mit anderen kommunalen Unternehmen. Hier sei verwiesen auf die schon bestehende Zusammenarbeit mit der EEG Schleswig-Holsteinische Energie-Einkaufsgesellschaft mbH, Norderstedt, und mit der EED im regionalen Umfeld. Neben dem reinen Energieeinkauf, der schon erfolgreich mit großen Einsparungen bei der Beschaffung von Energie praktiziert wird, dürften verstärkt der Vertrieb, gemeinsame IT-Systeme, sowie sonstige kaufmännische und technische Bereiche bis hin zum gemeinsamen Netzbetrieb dafür in Frage kommen.

Wie uns der Geschäftsführer der EEG, Herr Mairhöfer, berichtet hat, haben die Stadtwerke Eckernförde GmbH im Vergleich zu anderen Stadtwerken im Lande sehr günstige Strom- und Gaspreise. Allein bei Anhebung auf das durchschnittliche Niveau dürfte eine erhebliche Ergebnisverbesserung (ggf. bis zu 1 Mio. DM, sofern man Restriktionen aufgrund der Kostenbindung durch das Strompreisgenehmigungsverfahren außer Acht lässt) eintreten. Die hier beschriebenen Synergiepotentiale und die günstigen Energiepreise der Stadtwerke lassen die Aussage zu, dass mittel- bis langfristig auch bei verstärktem Wettbewerbsdruck bzw. bei evtl. nicht auszuschließender Absenkung der Netznutzungsentgelte die wirtschaftliche Situation der Stadtwerke Eckernförde GmbH hervorragend sein wird. Ein Bedarf zu einem teilweise Verkauf von Stadtwerke-Anteilen zur Anbindung an einen "starken" Partner ist aufgrund dieser Ausgangslage nicht erkennbar, wenn man den Verkauf mit der Erwartung verbindet, das Unternehmen könne nur über diesen Weg dauerhaft gestärkt und in seiner wirtschaftlichen Substanz dauerhaft gesichert werden. Gründe für eine finanzielle Notlage der Stadt Eckernförde, die zu einem Teilverkauf zwingen könnten, sind nach unserer Information nicht gegeben. Dem Vernehmen nach ist daran gedacht, den Erlös aus dem Teilverkauf dauerhaft einem Fonds der Stadt zuzuweisen, der jedenfalls nicht kurzfristig in Anspruch genommen werden soll. Mit dem Verkauf an einen privaten Anteilseigner, der im Regelfall in seinem Versorgungsgebiet eine marktbeherrschende Position einnimmt, die Erwartung verbunden, dass der Wettbewerbsdruck gegenüber dem eigenen Stadtwerk vermindert wird. Dies ist nicht zwingend der Fall.

Auch kann ein privater Minderheitsgesellschafter als Vorlieferant nicht vor evtl. notwendigen Preisanpassungen schützen, wenn die eigenen Preise (Netzentgelte, Energiepreise) nicht ausreichend wettbewerbsfähig sind. Überdies steht zu befürchten, dass der private Gesellschafter versuchen wird, durch Abbau von Personal im Stadtwerk und verstärktem Angebot von Dienstleistungen an das Stadtwerk die Wertschöpfung in sein Unternehmen zu lenken. Ein derartiges Interesse ist betriebswirtschaftlich nur allzu natürlich. Es ist daran zu zweifeln, ob es bei einer Beteiligung von 49,9 % gelingen wird, sich dem Druck des unternehmerisch überlegenen Gesellschafters so entziehen zu können, dass das Unternehmen Dienstleistungen nur nach Wettbewerbskriterien (Preis und Qualität) einkaufen kann.

Wie der Geschäftsführer der Stadtwerke Eckernförde GmbH, Herr Pötzsch, dem Unterzeichner berichtet hat, besteht die Möglichkeit, dass die Stadtwerke Eckernförde GmbH technische Dienstleistungen für die SCHLESWAG im Umland erbringen können. Das Interesse der SCHLESWAG habe sich aufgrund des übermäßigen eigenen Personalabbaus ergeben. Dadurch könne das Ergebnis der Stadtwerke verbessert werden. Wir begrüßen dieses Interesse der SCHLESWAG, fragen uns jedoch, warum derartige Geschäfte, wie dies allgemein im Geschäftsleben üblich ist, nicht aufgrund von Verträgen zwischen unabhängigen Partnern abgewickelt werden können.

Beiliegend übersenden wir Ihnen die Ausarbeitung der Schneider & Moritz Managementberatung GmbH mit dem Thema "Absage an den Ausverkauf " Die Eigenständigkeit mittlerer und kleinerer kommunaler Versorgungsunternehmen erhalten". Die Ausarbeitung befasst sich mit einem kommunalen Versorgungsunternehmen, das auf Kreisebene die Stromversorgung und den Verkehr betreibt. An diesem Fall untersucht das Beratungsunternehmen die Vor- und Nachteile der Beibehaltung der Eigenständigkeit eines kommunalen Unternehmens. Die Entscheidungsfindung ist verbunden mit einer Restrukturierung des Unternehmens. Im Falle der Stadtwerke Eckernförde GmbH sind die wirtschaftlichen Grundlagen für die Versorgungsbetriebe hervorragend, so dass eine Restrukturierung auf äußerst solidem Fundament stattfinden könnte. Die Stadtwerke Eckernförde GmbH könnten sich aktiv an einem Prozess der kommunalen Kooperation im Lande und der Region beteiligen. Auf diesem Feld ist für kleine kommunale Unternehmen ein erheblicher Neustrukturierungsbedarf gegeben. Dies eröffnet jedoch Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten.

In der Diskussion ist ein Kaufpreis von ca. 16 Mio. DM für den 49,9 %-Anteil an der Stadtwerke Eckernförde GmbH. Dabei ist die Minderung des Ertragswertes durch die Verlustbeteiligung an dem Bäderbetrieb und dem Hafenbetrieb, die vor Steuern rd. 2,1 Mio. DM Verlust erbringen, bereits berücksichtigt. Nach unserer Auffassung ist dieser Kaufpreis völlig unzureichend, sollte sich die Stadt tatsächlich für die Aufgabe der Eigenständigkeit der Stadtwerke entscheiden. In jüngster Zeit haben sich für kommunale Versorgungsunternehmen Kaufpreise ergeben, die das Zwei- bis Dreifache des jährlichen Umsatzes ausmachen. Wir verweisen auf die beigefügte Übersicht des Bankhauses Sal. Oppenheim. Vergleichbare Angaben kann aber auch die Investmentbankgesellschaft der Westdeutschen Landesbank machen, die an der Landesbank Schleswig-Holstein beteiligt ist. Die Tendenz ist steigend. Nach unserer Auffassung sind die gezahlten Kaufpreise nicht strategisch überhöht. Denn auch im internationalen Vergleich werden vergleichbare Kaufpreise für Versorger (Utilities) gezahlt. Die Kaufpreise sind durch die Sachzeitwerte der Versorgungsanlagen der Unternehmen "physisch" unterlegt. Geht man vorsichtig nur vom Zweifachen des Umsatzes aus, dann würde der Marktpreis für das gesamte Unternehmen rd. 66 Mio. DM betragen. Bei Annahme des 2,5-fachen des Umsatzes würde der Kaufpreis für das Gesamtunternehmen sogar 82,5 Mio. DM betragen. Die Ertragslage ohne Berücksichtigung der Bäderverluste rechtfertigt ohne Weiteres eine derartige Bewertung. Regelmäßig erwirtschaftet die Wasserversorgung aufgrund der kommunalpolitisch bedingt niedrigen Preisstellung nicht eine angemessene kalkulatorische Verzinsung für das eingesetzte Sachanlagevermögen, wie sie von einem rein privatwirtschaftlich geführten Unternehmen vorgenommen würde. Würde dies korrigiert, dann dürfte sich allein dadurch eine Verdoppelung bis Verdreifachung des Betriebsergebnisses der Wasserversorgung ergeben. Vor diesem Hintergrund erscheint der in der Diskussion befindliche Kaufpreis von 16 Mio. DM für 49,9 % der Anteile als deutlich zu niedrig. Zwar sind dabei die laufenden Verluste für die Bäderbetriebe berücksichtigt, die das der SCHLESWAG zuzurechnende Ergebnis vermindern. Geht man von einem eher niedrig angesetzten Gesamtkaufpreis von rd. 65 Mio. DM für die Stadtwerke aus, dann müsste der SCHLESWAG-Anteil brutto vor Berücksichtigung der Bäderverluste mindestens rd. 33 Mio. DM ausmachen. Beim Zweieinhalbfachen des Umsatzes, ein Wert, der angesichts der geringen Schulden der Stadtwerke durchaus angezeigt erscheint, würde dieser sogar rd. 41,25 Mio. DM betragen.

Wird die Absicht einer Veräußerung einer Minderheitsbeteiligung an den Stadtwerken weiter verfolgt, dann müsste geklärt werden, inwieweit Steuern anfallen, wenn der Veräußerungserlös den unternehmerischen Bereich der Stadt verlässt. Im Regelfall dürfte hierauf eine Belastung von 25 % Körperschaftsteuer und 10 % des verbleibenden Betrages an Kapitalertragsteuer, insgesamt also 32,5 % anfallen.

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin, wir hoffen, Ihnen mit diesen Ausführungen einige praktische Hinweise für Ihre Entscheidungsfindung gegeben zu haben. Gerne sind wir bereit, unsere Einschätzung über die Zukunft der Stadtwerke auch mündlich, selbstverständlich auch im Rahmen einer Anhörung, vorzutragen.

Der Geschäftsführer der Stadtwerke Eckernförde GmbH, Herr Pötzsch, erhält eine Kopie dieses Schreibens.

Mit freundlichen Grüßen

Steinhauer

Anlagen

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