Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

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Filmdokumentation: "Die wahre Geschichte von Tschernobyl"

(18. April 2011) Eine Filmdokumentation über den SuperGAU von Tschernobyl am 26. April 1986 von Thomas Johnson aus dem Jahre 2007

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In der Todeszone von Tschernobyl

Wer glaubt, dass die Todeszone von Tschernobyl menschenleer ist, irrt. Auch 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe arbeiten und leben hier tausende Menschen.

(10. April 2006) Julia Marusych ist auf Gäste vorbereitet. Täglich kommen Delegationen aus aller Welt nach Tschernobyl. In fließendem Englisch klappt die Leiterin der Informations-Abteilung des ukrainischen Atomkraftwerks ein Modell des am 26. April 1986 explodierten Blocks 4 auf. Professionell beantwortet sie sämtliche Fragen. Sogar die kritischen. Nur aus dem Fenster zu fotografieren erlaubt sie nicht. "Stopp! Das ist strengstens verboten", reißt mir die hübsche Ukrainerin fast den Fotoapparat aus der Hand. Denn vom Fenster aus sieht man aus unmittelbarer Nähe die langsam vor sich hinbröselnde Betonhülle des Originals: Den gefürchteten Sarkophag.

Aufräumarbeiten bis heute

"Damals musste alles viel zu schnell gehen", zeigt Julia Marusych auf ihrem Modell auf die rissigen Betonwände, die längst wieder Radioaktivität durchlassen. In großen Leuchtziffern misst das Gerät an der Wand im Sekundentakt die aktuelle Belastung. Bei jedem Windstoß ändert sich die gefährliche Strahlung. Mal ist sie ein bisschen höher, mal ein bisschen weniger, doch ungefährlich ist sie nie.

20 Jahre nach der Katastrophe sind die Aufräumarbeiten im Inneren des Reaktors nach wie vor im Gange. 400 Männer riskieren im Schichtdienst auch heute noch ihre Gesundheit. "Der radioaktive Staub ist so fein, dass ihn auch Gasmasken nicht filtern", sagt die Ukrainerin. 15 Minuten dauert ein Einsatz im Sarkophag, dann ist Pause. Jeder Arbeiter ist in dieser Zeit einer Strahlung von mindestens 3400 Röntgen pro Stunde ausgesetzt. Zum Vergleich: In Österreich liegt die erlaubte Durchschnittsbelastung bei rund 0,4 Röntgen pro Jahr.

"Der Zustand im Inneren des Sarkophags ist selbst heute noch nicht restlos geklärt", setzt Julia Marusych ihre Erläuterungen fort. Noch immer laufen dort chemische Reaktionen. Im Bauch der Kraftwerksruine herrschen 31 Grad Celsius.

Angst hat Julia Marzsych deswegen aber nicht. "Wir kommen Tag für Tag hierher und niemand denkt: Oh Gott, wo bin ich?"

Das Wir, das sind 3600 Arbeiter, die noch immer auf dem Reaktorgelände arbeiten. In den Verwaltungsräumlichkeiten des Akw Tschernobyl herrscht rege Geschäftigkeit. An den Drehkreuzen im elektronisch gesicherten Eingangsbereich gehen die Mitarbeiter ein und aus - wie in einem ganz normalen Großbetrieb. Dabei ist die gesamte Kraftwerksanlage seit dem Jahr 2000 außer Betrieb.

Seit 2000 abgeschaltet

"Wir nehmen jetzt die Anlage vom Netz", erklärt Pressechef Semjon Michailowitsch Stejn. Sein Unmut darüber ist aber deutlich zu spüren: "Der Weiterbetrieb von Block 1, 2 und 3 wäre eigentlich kein Problem gewesen. Nach dem Super-Gau wurden immerhin 300 Millionen Dollar in die Modernisierung der übrigen Akw-Teile gepumpt", macht er seiner Kritik an der Abschaltung Luft. "Das war keine wirtschaftliche, sondern eine rein politische Entscheidung", fügt er trotzig hinzu.

Auch Sergej Netschiporenko ist noch immer ein glühender Anhänger der Atomenergie: "Atomkraft ist nichts Schlimmes, man muss nur wissen, wie man damit umgeht", sagt der ehemalige Liquitator - so wurden jene 600.000 Soldaten und angeblich freiwilligen Helfer genannt, die nach dem GAU die ersten Aufräumungsarbeiten durchführten. Dass Tschernobyl sein "Leben beendet hat", ist für den mittlerweile 53-Jährigen offenbar kein Widerspruch. Den 27. April 1986 wird der Ex-Leutnat der Reserve eines ABC-Abwehrregiments jedenfalls nie vergessen: Als er von der Arbeit heimkam, warteten bereits Soldaten vor seiner Tür: "Genosse Netschiporenko, ihr Einberufungsbefehl". Netschiporenko musste gleich mitfahren.

Fast zwei Monate lang, lediglich mit Uniform und Gasmaske bekleidet, "räumte" er dann in der Todeszone auf. Zuerst wurden Gebäude, technische Einrichtungen und Wasseraufbereitungsanlagen abgetragen. Rund um den zerstörten Reaktor mussten 70 Zentimeter verseuchtes Erdreich beseitigt werden. "Unser Auftrag war, die Ukraine und Europa vor dem Tod zu bewahren", versucht er heute dem Einsatz positive Seiten abzugewinnen. Seinen Orden als "Tschernobyl-Veteran" trägt er mit sichtlichem Stolz. "Ich hatte keine Angst, man hat ja nichts gerochen und nichts gefühlt", erinnert er sich.

Dass er sich aber in akuter Gefahr befand, wurde dem Anführer einer 415 Mann starken Einheit aber bereits nach den ersten Tagen bewusst: "Ich hatte so einen metallischen Geschmack im Mund. Wir mussten husten und hatten ein ganz rotes Gesicht."

Der Krebs kam in September

Der Krebs kam dann im September: Zwei Mal wurde Netschiporenko mittlerweile an der Schilddrüse operiert. Plötzliche Ohnmachtsanfälle, Kreislaufbeschwerden und Gliederschmerzen plagen ihn bis heute. Dabei kann er noch von Glück reden: "Von 19.000 Helfern aus der Region Charkow sind nur noch 4000 am Leben", schätzt der Veteran, der bereits mit 34 Jahren pensioniert werden musste.

Laut den Behörden in der Ukraine wohnt niemand mehr in der Todeszone. "Maximal nur einige Wenige" der damals evakuierten Bewohner seien zurückgekehrt. Für die offizielle Vorzeige-Stadt Pripyat mag das druchaus stimmen. Doch die freundlichen Burschen von der Agentur Tschernobyl Inter Inform führen ausländische Besucher gegen etwas Kleingeld auch in die Siedlungen, in denen fast überall Licht brennt.

"Warum soll ich weggehen?"

Auf Nummer 71 in der Straße des 25. Oktober beispielsweise wohnt Olga Gawrilenko. "Warum sollte ich von hier weggehen?", fragt die 76-Jährige ganz verwundert. "Warum sollte ich mich fürchten? Jeder muss doch irgendwann sterben." Drei Tage nach der Evakuierung sei sie wieder zurück gekommen, erinnert sich die zweifache Mutter an die Katastrophe. "Ich mag das Leben hier sehr, es ist schließlich meine Heimat."

"Wollen Sie Nüsse?", fragt sie ihre Besucher. Das Angebot wird freundlich, aber dezidiert abgelehnt. "Sie haben Angst, stimmt's?", lacht die Rentnerin wissend. "Kein Problem, ich esse sie schon seit 20 Jahren."

"Zeitbombe" Sarkophag

Der "Sarkophag" aus Beton, der 1986 um den geschmolzenen Reaktor errichtet wurde, befindet sich in einem katastrophalen Zustand. Der Beton ist alt und rissig. Experten warnen: Bereits ein schwerer Sturm oder ein leichtes Erdbeben genügen, und die Betondecke könnte in sich zusammenkrachen. Längst dringt wieder Radioaktivität aus. Zudem sickert durch die Risse Wasser ein, das jederzeit eine neue Explosion der Reaktorruine auslösen könnte.

Der Bau eines neuen Sarkophags ist seit Jahren geplant. 2007 soll er angeblich fertig sein. Doch es könnte noch länger dauern, wie Julia Marusych, die Leiterin der Informations-Abteilung des Atomkraftwerks Tschernobyl, mittlerweile offen zugibt. "Wenn der Boden - so wie jetzt gerade - derart gefroren ist, kann man natürlich nicht arbeiten." Auch die Finanzierung der gigantischen Konstruktion ist nicht geklärt. Die Kraftwerksleitung leidet unter chronischem Geldmangel. Und die internationale Staatengemeinschaft verspricht zwar Hilfsgelder, zahlt sie aber nicht.

Der neue "Shelter" wird jedenfalls ein Überbau der Superlative. Auf Schienen soll die 108 Meter hohe, tunnelartige Konstruktion über den alten Sarkophag geschoben werden. "Dann sind 100 weitere Jahre Schutz vor den tödlichen Strahlen gesichert", betont Julia Marusych. Und das ist auch wichtig: Plutonium braucht schließlich fast 250.000 Jahre, bis es endgültig zerfallen ist.

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