Der Stromwettbewerb

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Was die Kunden wechselscheu macht

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König Kunde zahlt drauf

Von der Liberalisierung des Strommarkts haben überwiegend die Kapitaleigner profitiert. So lautet das Fazit einer Studie der Ökonomen Heinz-Josef Bontrup und Ralf-Michael Marquardt von der FH Gelsenkirchen, die von der Hans-Böckler-Stiftung finanziert wurde.

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Ralf-Michael Marquardt

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Heinz-Josef Bontrup

(15. September 2009) Untersucht haben die Ökonomen knapp 1.000 Stromversorger, von den großen Vier bis zu kleinen regionalen und lokalen Anbietern. Sie stützten sich dabei auf Daten des Statistischen Bundesamtes. Dabei haben die Wirtschaftswissenschaftler errechnet, dass die Gewinne in der Stromwirtschaft seit der Marktliberalisierung 1998 bis 2006 nach Steuern um 118 Prozent gestiegen sind. Im gleichen Zeitraum erhöhten sich die Personalaufwendungen hingegen um 1,8 Prozent. Zur Gewinnexplosion beigetragen haben vor allem die Marktmacht der vier großen Stromerzeuger, die über 80 Prozent der Kraftwerkskapazität hielten, und ihre zurückhaltenden Investitionen in Kraftwerke.

Mehr Produktivität durch Personalabbau

Die Stromversorger steigerten ihre Produktivität in einem enormen Ausmaß: Zwischen 1998 und 2006 (dem derzeit aktuellsten Jahr in der Datenerhebung des Statistischen Bundesamtes) legte die Arbeitsproduktivität in der Branche um 62,5 Prozent zu. Diese Entwicklung ging mit einem massiven Rückgang der Beschäftigung einher teils durch Outsourcen, teils durch einen Stellenabbau, der zumeist ohne betriebsbedingte Kündigungen stattfand.

Der Personalrückgang setzte in Antizipation der Marktöffnung zum Teil schon vor 1998 ein. Zwischen 1992 und 2006 nahm die Zahl der Beschäftigten um über 80.000 ab. Fast drei von zehn Arbeitsplätzen gingen so verloren. Im Zeitraum ab 1998 waren davon rund 44.000 Stellen betroffen. Gleichzeitig legte die Wertschöpfung zwischen 1998 und 2006 um fast 33 Prozent zu. Immer weniger Beschäftigte mussten also immer mehr Leistungen erbringen. Die unregulierte Öffnung der Märkte führte so zur asymmetrischen Verarbeitung der Liberalisierung: Nach innen diente die Drohung mit Wettbewerb den Unternehmensleitungen als Rechtfertigung für Rationalisierungen, nach außen wurde der Wettbewerb auf der Absatzseite (und sicherlich auch auf Zuliefererseite) unterbunden und damit den Stromkunden der Produktivitätsfortschritt vorenthalten. Aus dem Verteilungskampf zwischen den Energieversorgern (EVU's) und den Abnehmern gingen die Nachfrager als Verlierer hervor.

Reibach für Anteilseigner

Die Anteilseigner der Energieversorger waren die eigentlichen Gewinner der Liberalisierung: Branchenweit stiegen die Gewinne nach Steuern bis 2006 um 118 Prozent. Besonders gut erging es dabei den Anteilseignern der "Big-4", also E.on, RWE, EnBW und Vattenfall. Aber auch die Stadtwerke und andere Regionalversorger konnten sich - abgesehen von der Unternehmensgruppe mit 100 bis 249 Beschäftigten - über eine deutliche Belebung ihrer Gewinne freuen.

Gewinnsteigerung 118 Prozent: Kunden gehen leer aus

Die bis 2007 hochgerechneten Produktivitätsfortschritte von über 70 Prozent reichten die Elektrizitätsversorgungsunternehmen jedoch nicht an die Kunden weiter: Nach Abzug staatlicher Belastungen kamen in diesem Zeitraum lediglich Preissenkungen von rund drei Prozent für Industrie- und 4,5 Prozent für Haushaltskunden zustande.

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Machtergreifung der Big-4

Einer kurzen Phase intensivierten Wettbewerbs folgte schnell seine Aufhebung durch Machtkonzentration in den Händen der "Big-4", die aus Fusionen der ehemaligen neun Verbundunternehmen entstanden sind.

Dabei festigten die vier Stromgiganten ihre Marktmacht gleich auf mehreren Wegen: •

  • Erstens dominierten diese Unternehmen den Markt allein schon aufgrund ihrer eigenen Größe. Die Beteiligungen an vielen Stadtwerken akzentuierten dies nur noch. •
  • Zweitens konzentrierte sich in der Hand dieser Unternehmen der größte Teil der Erzeugungskapazitäten. •
  • Drittens gibt es Indizien, dass sie ihre Größe nutzten, um den Stromhandel über die Börse zu ihren Gunsten zu manipulieren.
  • Viertens setzten sie ihre Beteiligungen an den Stadtwerken so ein, dass sich diese keinen echten Wettbewerb mit ihnen lieferten.
  • Fünftens konnten die vier großen EVUs aufgrund der vertikalen Integration der Wertschöpfungsbereiche ihre Hoheit über die Netze durch entsprechend hohe Durchleitungsgebühren zur Abschirmung vor neuen Konkurrenten ausschlachten - zumal die europäische Konkurrenz durch Engpässe an den Kuppelstellen in Deutschland keine nennenswerte Rolle spielte.
  • Sechstens stärkten sie ihre Position durch eine unaufhaltsame Eigendynamik: In dem Maße, in dem die "Big-4" den Markt immer stärker beherrschten, nahmen durch - verglichen mit den Produktivitätsfortschritten - überhöhte Preise ihre Gewinne zu. Diese setzten sie strategisch ein, um sich nicht nur national, sondern auch auf europäischer/internationaler Ebene noch unangreifbarer zu machen.
Naive Liberalisierung gescheitert

Der deutsche Strommarkt war vor der Liberalisierung zwar bereits vermachtet, aber wenigstens reguliert. Dann musste sich der Strommarkt dem Wettbewerb öffnen, während sich gleichzeitig aus ideologischer Überzeugung der Staat aus der Regulierung zurückzog. Das weichgespülte Wettbewerbsrecht tat ein Übriges. So war es kein Wunder, dass der Wettbewerb als Selbstregulativ einer marktwirtschaftlichen Ordnung versagt. Liberalisierung braucht Regulierung! Diese Lektion scheint - allerdings viel zu spät jetzt auch bei der Politik angekommen zu sein.

Investionsrückgang

Angesichts hoher Unsicherheiten und der Besonderheiten der Branche neigt diese seit der Liberalisierung verstärkt dazu, sich bei Investitionen zurückzuhalten. Dazu trägt auch die verstärkte Shareholder-Mentalität bei. So nutzten ausgerechnet die vier Marktführer ihre Gewinne in der Vergangenheit weniger, um Sachkapazitäten aufzubauen, als für Ausschüttungen und zur Finanzierung von Beteiligungen im In- und Ausland.

Inside EVU

Bislang sind die Beschäftigten bei einer wachsenden Verteilungsmasse noch vergleichsweise ungeschoren davon gekommen. Wenn aber im Unternehmen der Gürtel enger geschnallt werden muss, dürfte es für die Arbeitnehmer angesichts der inzwischen verbreiteten Gewinnanspruchsmentalität in den EVUs ans Eingemachte gehen.

Ohnehin haben sich die Unternehmenskulturen in den vergangenen Jahren schon erheblich gewandelt. Als Ergebnis von umfangreichen Befragungen ist festzustellen, dass der Druck zugenommen hat. Fast zwei Drittel der befragten Betriebsräte, die das Management ansonsten gern für die Außenkommunikation instrumentalisiert, berichteten, dass sich die allgemeinen Arbeitsbedingungen seit der Liberalisierung "verschlechtert" bzw. "stark verschlechtert" hätten. Die Untersuchung der Ökonomen an der FH Gelsenkirchen verdeutlicht zudem, dass der Alltag in den EVUs von einer modernen, demokratischen Unternehmenskultur noch weit entfernt ist. Defizite ergeben sich insbesondere in der Unternehmensmitbestimmung, der internen Kommunikation, Personalführung sowie in der materiellen Beteiligung am Unternehmenserfolg.

Fazit

Die Autoren empfehlen, neue Kraftwerke nicht mehr von den "Großen Vier" bauen zu lassen. Außerdem müsse es mehr Wettbewerb über die Grenzen hinweg geben. Zudem müsse der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung steigen.

Es gelte, die Monopolprofite der Stromerzeuger abzuschöpfen. Im Gegenzug sollten höhere Abgaben die Kosten für die Umweltbelastung verteuern. Das würde Konsumenten und Industrie über sinkende Monopolgewinne weniger belasten. Höhere Abgaben würden zugleich den Sparanreiz erhöhen.

Mit den gestiegenen Einnahmen sollte der Staat Maßnahmen zum Stromsparen finanzieren. Das gehe aber nur, wenn der Gesellschaft klar sei, wie wichtig ihr Ökologie sei.

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