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Brunsbüttel wieder am Netz
(29.03.03) Mit einer Wasserstoffexplosion nahe des Reaktordruckbehälters am 14.12.01 ist das AKW knapp an einem schwerwiegenden Störfall vorbeigekommen.

Brunsbüttel wieder am Netz

Mit einer Wasserstoffexplosion nahe des Reaktordruckbehälters am 14. Dezember 2001 ist das Atomkraftwerk Brunsbüttel knapp an einem schwerwiegenden Störfall vorbeigekommen.

(29. März 2003) Nach einjähriger Pause und Zustimmung der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde produziert das HEW-KKW Brunsbüttel an der Unterelbe wieder Strom. Es war im Februar 2002 abgeschaltet worden, nachdem man eine zerstörte Leitung im Sicherheitsbehälter entdeckt hatte. Ursache war eine Reaktion von Knallgas, das sich in der Leitung ansammelte.

AKW Brunsbüttel - beinahe GAU

Der Spiegel bezeichnet den Vorfall als bisher gravierendsten Unfall in einem deutschen Atomkraftwerk. Nur eine Reihe von Zufällen hat nach Spiegel-Angaben verhindert, dass eine radioaktiv belastende Wolke innerhalb von Minuten das nahegelegene Itzehoe und die Städte Hamburg und Kiel erreichte.

Durch eine Explosion wurde eine Rohrleitung über drei Meter völlig zerfetzt. Wäre das Rohr nicht durch eine Rückschlagklappe geschützt worden, hätte es an einer verwundbaren Stelle explodieren und damit den Weg für den Austritt von radioaktivem Dampf frei machen können. Aufgrund früherer Analysen und Modellrechnungen wurde bisher eine solche Explosion völlig ausgeschlossen.

716 Luftbild AKW Brunsbüttel

AKW Brunsbüttel am Rand der Katastrophe

Das Atomkraftwerk Brunsbüttel ist ein 25 Jahre alter Siedewasserreaktor. In den 90er Jahren war er wegen Rissen in Rohrleitungen für drei Jahre außer Betrieb genommen worden. Beim Betrieb von Siedewasserreaktoren entsteht das leicht explosive Knallgas durch die radioaktive Strahlung im Kühlkreislauf. Normalerweise wird das Gas aus dem Kühlkreislauf entfernt. Die Bedeutung des Zwischenfalls liegt darin, dass sich das Knallgas entgegen allen Berechnungen überhaupt an dieser Stelle sammeln konnte.

Reaktor lief nach dem Zwischenfall zwei Monate weiter

Nach dem Zwischenfall wurde die Aufsichtsbehörde von einer "spontanen Dichtungsleckage" informiert, der Reaktor lief ununterbrochen weiter. Erst nach langen Diskussionen zwischen Aufsichtsbehörden und der HEW als Betreiber erklärte man sich zwei Monate nach dem Zwischenfall bereit, den Reaktor herunterzufahren. Bei der Inspektion am 21. Februar entpuppte sich die "spontane Dichtungsleckage" dann als Explosion einer Rohrleitung im Sicherheitsbehälter. Daraufhin wurde die Anlage sofort ganz abgeschaltet.

Schadensursache unklar

Die mächtige Explosion in Brunsbüttel wirft komplexe und neue Sicherheitsfragen auf. Der Schadensmechanismus muss vollständig aufgeklärt werden, bevor die Anlage wieder in Betrieb gehen darf. Auch muss dafür Sorge getragen werden, dass die naturgesetzlich nicht auszuschließende Wasserstoffentstehung in anderen Siedewasserreaktoren in Deutschland (Grundremmingen 1 und 2, Philippsburg 1, Krümmel und Isar 1) nicht zu ähnlichen Schadensfällen führt.

Verhinderten Stromhöchstpreise das Abschalten?

Kurz nach dem Störfall schnellten die Strompreise auf dem Spotmarkt zwischen 17. und 19. Dezember: auf ca. 0,50 Cent je Kilowattstunde Spitzenlaststrom und 0,30 Cent für Grundlaststrom, wie ihn Kernkraftwerke herstellen. Das nährt den Verdacht, der Störfall könnte aus rein finanziellen Gründen heruntergespielt worden sein.

Der Branchenverband der Stromwirtschaft erklärt den Preisanstieg mit dem unerwarteten Kälteeinbruch: Kleine Marktlücken verursachten große Preissprünge. Preissprünge künstlich erzeugt? Unbestreitbar haben die großen Stromhersteller, also RWE und E.on sehr gut an diesen Preissprüngen verdient. Genau diese Firmen überwachen und steuern auch das Verbundnetz. Eine sehr genaue Untersuchung dieser Preissprünge könnte darum sehr interessant sein. Es müsste sogar im Interesse der großen Firmen sein, durch wirklich unabhängige Untersuchungen zu zeigen, dass sie mit den Preissprüngen, an denen sie so gut verdient haben, ursächlich nichts zu tun haben (vgl. Enron links).

Gravierender Zwischenfall in Besse (USA)

Auch im Atomkraftwerk David Besse in Ohio (USA) wurde Anfang März in dem etwa 15 Zentimeter dicken Stahldeckel des Reaktors ein durchgehendes Korrosionsloch von mehr als zehn Zentimeter Durchmesser entdeckt. Nur die dünne Edelstahlauskleidung des Reaktordeckels hielt noch dicht, war aber infolge des hohen Drucks bereits stark ausgebeult. Wäre sie gerissen, was nach Professor Klaus Traube nur eine Frage der Zeit gewesen sei, so hätte das die Anlage zu einer strahlenden Ruine gemacht. Lediglich ein vorschriftsmäßiges Funktionieren des Notkühlsystems hätte dann noch verhindert, dass auch das Gebäude zerstört und eine enorme Menge Radioaktivität in die Umgebung freigesetzt worden wäre.

Auch das Kraftwerk in Besse ist seit 25 Jahren in Betrieb. Traube: "In beiden Fällen wurden die Störfallursachen nicht vorhergesehen und bis jetzt nicht richtig verstanden. Alle Atomkraftwerke werden mit zunehmendem Betriebsalter störanfälliger". Prof. Traube fordert, dass der HEW aufgrund der Ereignisse in Brunsbüttel die Erlaubnis zum Betrieb von Atomanlagen entzogen wird.