Zahlenspiele mit geringem Wert
Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) haben sich auf einen Energiepass geeinigt.

Zahlenspiele mit geringem Wert

Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) haben sich auf einen Energiepass geeinigt. Das Dokument kann wahlweise den berechneten Energiebedarf oder den tatsächlichen Energieverbrauch ausweisen. Da beide Werte wenig aussagekräftig sind, hat der Verbaucher nicht viel vom Energiepass.

(5. Juni 2006) - In der Diskussion um den Energiepass gibt es zwei Fronten: die Befürworter der Bedarfskennwerte und die Verfechter der Verbrauchskennwerte. Die Befürworter der Verbrauchskennswerte halten die Bedarfskennwerte für zu ungenau und daher unbrauchbar.

650 Diagramm Energieausweise: Verschieden Gutachten für dasselbe Gebäude

Umgekehrt argumentieren die Befürworter der Bedarfskennwerte. Die Wohnungswirtschaft bevorzugt ihrerseits den deutlich günstigeren Verbrauchskennwert, der auf den einfach zu erfassenden Verbräuchen der Vergangenheit basiert. Bauwirtschaft und die Energieberater dagegen schwören auf den bedarfsorientierten Ausweis, dem die Dämmwerte und die Geometrie des Gebäudes zu Grunde liegen.

In der Praxis sehr ungenau

Doch egal, für welchen Wert sich Betroffene entscheiden - mit den Berechnungen können sie in der Praxis nur wenig anfangen. Denn eine neue Studie des IFEU-Instituts für Umwelt und Energie Heidelberg ergab: Der Verbraucher kann weder mit Hilfe des Energiebedarfs, noch des Energieverbrauchs seine persönlichen zukünftigen Energiekosten verlässlich einschätzen. Die Bedarfskennwerte basieren auf zu ungenauen Daten. Die Verbrauchskennwerte wiederum sind stark durch die individuellen Verbrauchsgewohnheiten geprägt, die sich nicht erfassen und objektivieren lassen. Mieter und Käufer erwarten also vom Energiepass mehr, als er liefern kann.

Ernüchternder Test

Ein Test brachte Ernüchterung: Sieben Experten untersuchten unabhängig voneinander ein einfaches Wohnhaus mit acht Wohnungen. Ergebnis: die Energiebedarfskennwerte schwankten zwischen 132 und 212 Kilowattstunden pro Quadratmeter, also um 60 Prozent. Die Kosten für die Ausweise lagen zwischen 240 und 1070 Euro (vgl. "Die Heizkostenabrechnung", Nr. 2/3 2006). Jeder Experte hatte für seine Berechnung eine unterschiedliche Fläche zu Grunde gelegt. Der Bedarfsausweis verknüpft nach einem Rechenverfahren die Flächen mit deren Wärmedämmwerten. Der Wärmedämmwert kann nicht gemessen werden, sondern wird grob geschätzt. Wie das Beispiel zeigt, sind aber auch die Flächenmessungen höchst ungenau. Und das Rechenverfahren selbst ist darüber hinaus auch umstritten.

Diagramm Energiekennzahlen im Vergleich

Vergleich von Energieverbrauch und -bedarf des Gebäudes und der Wohnungen bei einem Mehrfamilienhaus.

Die Berliner Energieagentur untersuchte eine Berliner Liegenschaft mit sieben Mehrfamilienhäusern und 153 Wohneinheiten im gleichen baulichen Zustand. Der tatsächliche Verbrauch lag 23 Prozent unter dem berechneten Bedarf. Die Abweichungen der Verbrauchswerte vom Durchschnittswert schwankten zwischen minus 49 Prozent und plus 55 Prozent. Bezogen auf den Bedarfswert schwankten die Verbräuche sogar zwischen minus 70 Prozent und plus 100 Prozent.

Das IFEU hat in seiner Studie für etwa 100 Gebäude in Mannheim, Heidelberg und Koblenz die Bedarfs- mit den Verbrauchswerten verglichen. Die Auswertung zeigt eine Abweichung von bis zu 50 Prozent zwischen Bedarfs- und Verbrauchskennwerten für das jeweils gleiche Gebäude.

Eine objektive Bewertung des energetischen Zustands ist also mit dem bedarfsorientierten Ausweis unmöglich. Das deckt sich mit der persönlichen Erfahrung des Autors. Die von den Befürwortern des Bedarfsausweises beschworene höhere Objektivität des Bedarfsausweises ist - siehe oben - ein Glaubenssatz, der an der Wirklichkeit vorbei geht.

Diagramm Energiebedarf Energieverbrauch

Vergleich von Energieverbrauch und -bedarf bei Einfamilienhäusern in Heidelberg, Mannheim und Koblenz.

Sanierungsempfehlungen

Selbst für Sanierungsempfehlungen ist der bedarfsorientierte Ausweis zu ungenau und daher nur eingeschränkt brauchbar. Denn der Energieausweis erreicht nicht einmal die Genauigkeit einer Vor-Ort-Beratung. Das Dokument kann bestenfalls eine grobe Bewertung des Sanierungspotenzials leisten. Es ist außerdem wissenschaftlich erwiesen, dass die Sanierungsempfehlungen auf der Basis von Bedarfsausweisen wegen systematischer Fehler der derzeitigen Rechenverfahren falsch sind (vgl. Veröffentlichungen der Fachhochschule Braunschweig Wolfenbüttel, Prof. Dr. Dieter Wolff). Es ist deshalb dringend zu empfehlen, sich für ein konkretes Sanierungsvorhaben nicht auf den Energiepass oder eine Vor-Ort-Beratung zu verlassen. Vielmehr sollten dafür die Ergebnisse von Energiepass, Vor-Ort-Beratung und weitere Expertenmeinungen kritisch ausgewertet und ausführlich diskutiert werden.

So sieht der Pass aus

Für Wohngebäude umfasst der Energiepass vier Seiten. Auf dem Deckblatt stehen Gebäude- und Ausstellerdaten, Ausstellungsanlass und Modernisierungshinweise. Auf der zweiten Seite steht der Energiebedarf. Auf einem Bandtacho werden Primär- und Endenergiebedarf aufgetragen. Ein zweiter Tacho zeigt Referenzwerte zum Vergleich. Außerdem werden der Einsatz erneuerbarer Energien und Angaben zum Lüftungskonzept eingetragen. Die dritte Seite ist für den Energieverbrauch vorgesehen. Der Verbrauch wird auf einem Bandtacho angegeben. Die letzte Seite enthält ein kurzes Glossar. Beim Verbrauchsausweis bleibt Seite zwei leer, beim Bedarfsausweis die dritte Seite.

Die neue Verordnung wird für Anfang 2007 erwartet, also ein Jahr später, als die EU verbindlich vorgeschrieben hatte.

Energieausweis dena

Die Mehrzahl der Experten bevorzugt ein Bandracho anstelle einer Treppe. Eine Treppe kennt man von der Gerätekennzeichnung mit den Klassen A bis E.

Wer braucht einen Energiepass?

Der Energiepass ist nach der EU-Richtlinie für den Verkauf oder die Neuvermietung von Wohnungen und Häusern vorgeschrieben. Vor dem In-Kraft-Treten der neuen Energieeinsparverordnung im Frühjahr 2007 ist ein Energiepass also nicht nötig. Vor unseriösen Angeboten und falschen Informationen sollten sich alle Verbraucher in Acht nehmen.