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Gaspreise - Warum Kunden draufzahlen Seit über einem Jahr berichtet plusminus immer wiederüber die rasanten Gaspreiserhöhungen, insbesondereüber die Tatsache, dass der Preis für Endkunden sehr vielschneller steigt als der Importpreis.

Gaspreise - Warum Kunden draufzahlen

WDR, Dienstag, 4. Oktober 2005

Von Michael Houben

Seit über einem Jahr berichtet [plusminus immer wieder über die rasanten Gaspreiserhöhungen, insbesondere über die Tatsache, dass der Preis für Endkunden sehr viel schneller steigt als der Importpreis. Seit einem Jahr wird in Deutschland auch über die Ölpreisbindung diskutiert, die den Gaspreis mit den Heizölpreisen in die Höhe treibt. Um den Wettbewerb auf dem Gasmarkt voranzutreiben wurde eine Bundesnetzagentur gegründet, die langfristig dafür sorgen soll, dass jeder Kunde seinen Gaslieferanten frei wählen kann. Das Bundeskartellamt versucht, die oft vertraglich fixierte Vormachtstellung der alteingesessenen Gasgroßhändler aufzubrechen. Doch die Gaspreise erreichen gleichzeitig neue Rekorde. Allerdings nicht für jeden Gasverbraucher, wie [plusminus nun herausfand.

Seit vergangenem Jahr veröffentlicht [plusminus in der ersten bundesweiten Gaspreisdatenbank (Link s.u.) alle deutschen Erdgaspreise. Ein Update zum 1. Oktober ergab: Seit Juli 2004 sind die Erdgaspreise bundesweit um mehr als 20 Prozent gestiegen. Eine Familie in einem kleinen Reihenhaus oder einer Altbauwohnung mit Gasetagenheizung muss für Erdgas inzwischen mindestens 200 Euro mehr bezahlen als damals. Doch der alte Vorwurf bleibt bestehen: Während die Gasimporteure im Schnitt nur 0,5 Cent mehr für das Gas bezahlen müssen, stieg der Endkundenpreis im Schnitt um knapp einen Cent. Das zeigt eine Auswertung der vom Bundesamt für Außenwirtschaft geführten Statistik der Importpreise. Irgendwo in der Kette zwischen Gasimport und Endkunden scheint ein zusätzlicher Gewinn anzufallen. Aus diesem Grund haben inzwischen weit über einhundert Gaskunden bundesweit mit Berufung auf § 315 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) die Zahlung der Preiserhöhung verweigert und in den bislang ergangenen gerichtlichen Vorentscheiden in fast allen Fällen Recht bekommen.

Auch Gewerbe leidet

Nach einem früheren Bericht über die Entwicklung auf dem Gasmarkt, meldete sich Gerrit Ophey bei uns. Er ist Besitzer des Tenniscenters "Bolsdorfer Tälchen" in der Eifelgemeinde Hillesheim. Seit er den Betrieb vor sieben Jahren übernahm, hat sich sein Gaspreis fast verdreifacht. Allein im vergangenen Jahr stieg er um rund 20 Prozent. Vor wenigen Tagen erhielt er eine Ankündigung für die nächste Preiserhöhung. Ein Viertel der gesamten Betriebskosten seiner Halle entfallen bereits auf die Heizung. Weil auch Strom teurer geworden ist, müsste er längst die Preise erhöhen. Doch die Kundschaft hat - auch wegen steigender Energiepreise - immer weniger Geld übrig und muss eigentlich selbst sparen, zum Beispiel an der Zahl der gebuchten Tennisstunden. Gerrit Ophey steht zunehmend mit dem Rücken an der Wand und fürchtet, den Betrieb nicht mehr lange weiterführen zu können. Ganz ähnlich ergeht es bundesweit vielen Gewerbetreibenden mit Erdgasanschluss. Keiner will es gewesen sein Die Stadtwerke und Regionalversorger schwören Stein und Bein, sie würden nur die Preissteigerung ihrer Vorlieferanten an die Endkunden weitergeben. Vieles spricht dafür, dass dies - zumindest in den meisten Fällen - auch stimmt. Eine bislang wenig beachtete Zahlenreihe des Statistischen Bundesamtes spricht Bände: Seit dem vergangenen Sommer ist der Einkaufspreis für Stadtwerke und andere Endverteiler tatsächlich ähnlich dramatisch gestiegen wie für Privatkunden und auch kleinere Gewerbebetriebe. Dieselbe Tabelle zeigt aber ganz andere Zahlen bei den Gaspreisen für große Industriekunden und mit Gas befeuerte Kraftwerke. Die sind bei weitem nicht so stark gestiegen, sondern bewegen sich noch heute auf demselben Niveau wie vor einem Jahr. Wenn man noch einige Jahre weiter zurückschaut, zahlen solche Großkunden heute kaum mehr als vor drei Jahren! Wie kann das sein? Dass ein Großkunde weniger zahlt, leuchtet noch ein. Aber auch sein Preis müsste doch eigentlich mit dem Ölpreis dramatisch gestiegen sein. Wie kann es also sein, das sich solche Kunden heute noch über weitgehend stabile Gaspreise freuen können? Von e.on Ruhrgas erhalten wir - kurz vor der Sendung - eine überraschende Antwort.

Kohle- statt Ölpreisbindung

e.on Ruhrgas schreibt wörtlich: "Wir kaufen das Erdgas für unsere Kunden bei verschiedenen Produzenten zum jeweils vereinbarten Preis. In den Preisformeln ist durch entsprechende Bindungen berücksichtigt, dass Erdgas in verschiedenen Absatzsegmenten mit unterschiedlichen Konkurrenzenergien im Wettbewerb steht. Für die Stromerzeugung aus fossilen Energieträgern ist Steinkohle der maßgebende Wettbewerber für Erdgas. Auch der Preis für Steinkohle ist in den vergangenen Jahren bei weitem nicht so stark gestiegen wie der Preis für leichtes Heizöl." Es gibt also offenbar beim Erdgas auch andere Preisformeln als die Ölpreisbindung. Wenn es um Gas für Kraftwerke und die Industrie geht, dann lassen sich die Versorger auch auf preisgünstigere Preisformeln ein. Und das muss auch nicht unbedingt nur die Kohlepreisbindung sein, wie e.on Ruhrgas weiter schreibt: "Die Industrie ist im Unterschied zu Haushalten und Gewerbekunden häufig in der Lage, statt Erdgas auch schweres Heizöl einzusetzen. Die Preissteigerungen für schweres Heizöl waren in den letzten Jahren nicht so stark wie beim leichten Heizöl."

Für Kleinkunden nur Ölpreisbindung

Jetzt gibt es neben der normalen Ölpreisbindung also eine Kohlepreisbindung und eine Schwerölbindung. Aber was ist das überhaupt? Schweröl ist ein deutlich "dreckigeres" Öl, das in der Raffinerie zu einem festen Prozentsatz zwangsläufig anfällt. Bis in die achtziger Jahre wurde es häufig für Industriefeuerungen und Kraftwerke benutzt. Es ist jedoch sehr umweltschädlich und erfordert aufwändige Anlagen. In Europa sinkt seine Bedeutung rapide. Da es in der Raffinerie zwangsläufig anfällt, muss es sich inzwischen mühsam weltweit einen Markt suchen. Es wird insbesondere noch als Schiffsdiesel benutzt, wobei die Schiffe den enthaltenen Ölschlamm häufig illegal auf See entsorgen. Der Preis von Schweröl ist deshalb seit einem Jahrzehnt zumindest sehr viel langsamer gestiegen als der von leichtem Heizöl. Wer seinen Gasliefervertrag daran gekoppelt hat, kann sich glücklich schätzen. Und laut e.on lassen sich die Lieferländer für große Mengen des nach Deutschland gelieferten Erdgases auf derart günstige Preisformeln ein. Die viel diskutierte Bindung an den Heizölpreis gilt eben nur für das an Stadtwerke, Endverteiler und damit Kleinkunden verkaufte Gas!

Schutz vor "Konkurrenzenergien"

e.on Ruhrgas verteidigt die überraschende Neuigkeit mit den Notwendigkeiten des Energiemarktes. Zitat: "Die Produzenten tragen das Preisrisiko. Dieses Preisrisiko ergibt sich daraus, dass Erdgas durch andere Energieträger ersetzt werden kann und stets wettbewerbsfähig zu diesen Konkurrenzenergien angeboten werden muss. (...) Andernfalls könnte das Erdgas diese Kunden nicht gewinnen bzw. halten, für die Produzenten bestünde die Gefahr, Absatz zu verlieren." Mit anderen Worten: Kraftwerke könnten auf Kohle umsteigen, die Industrie auf Schweröl. Deshalb koppelt e.on den Gaspreis an diese Energieträger. In der Praxis ist es natürlich schwer, ein bestehendes Gaskraftwerk auf Kohle umzustellen, genau genommen ist es unmöglich. Auch der Einsatz von schwerem Heizöl in der Industrie ist aus Umweltschutzgründen an vielen Standorten längst verboten. Da wäre es selbst für Tennishallenbetreiber Ophey noch leichter, einen Kohlekessel oder eine Holzheizung aufzubauen. Und auch ein weiter steigender Preis für Kleinverbraucher würde ziemlich schnell den Gasverkauf gefährden, zum Beispiel wenn Gewerbetreibende irgendwann aufgeben müssen oder Kunden, wie zunehmend üblich, auf Holzpellets, Erdwärme oder andere Alternativen umsteigen.

Hoffen auf Wettbewerb

Das Bundeskartellamt versucht seit langem, die meist auf Jahrzehnte abgeschlossenen Lieferverträge zwischen Großhändlern und Stadtwerken zu lockern. Eine Einigung scheiterte bisher ausdrücklich an e.on Ruhrgas. Nun will der Präsident des Kartellamtes, Dr. Ulf Böge, eine Vertragslockerung auf dem Rechtsweg erzwingen. Doch selbst wenn das zuständige Gericht einem Eilantrag zustimmt, wird das noch mindestens ein Jahr dauern. Gut möglich, dass es danach auch Stadtwerken gelingt, günstigere Lieferkonditionen auszuhandeln.

Der Besitzer des Tenniscenters in Hilleheim hat von einem belgischen Tennisverein erfahren, dass Gas dort viel billiger ist. Dort kann jeder seinen Gasversorger frei wählen. Der Anbieter "Citypower" beispielsweise wirbt mit zwei Cent pro Kilowattstunde. Hinzu kommt dann noch eine klar definierte Leitungsgebühr für das örtliche Gasunternehmen. Der freie Wettbewerb macht Gas in Belgien preiswert: "Das bedeutet, dass wir statt fünf Cent pro Kilowattstunde nur drei bis 3,5 Cent in Belgien bezahlen müssten und dadurch im Betrieb natürlich erhebliche Kosten einsparen würden", sagt Gerrit Ophey. Doch so einfach ist das leider nicht: "Wir haben in Belgien angerufen. Die Belgier haben aber leider ablehnen müssen, weil die Durchleitung nach Deutschland so teuer würde, dass sich der Endpreis für uns nicht mehr rechnen würde."

Laut Gesetz müsste jeder Verbraucher auch in Deutschland schon lange mit fairen Leitungspreisen seinen Lieferanten frei wählen können, doch bis das auch für Kleinkunden funktioniert, kann es noch dauern. Sieben Jahre nachdem - per Gesetz - der freie Gasmarkt verkündet wurde, ist erst in diesem Sommer eine Bundesnetzagentur geschaffen worden. Sie soll dafür sorgen, dass jeder Kunde sich seinen Lieferanten und damit dann auch seine "Preisformel" selber wählen kann. Bis die dafür nötigen Durchleitungspreise bundesweit geregelt sind, wird es nach einhelliger Auskunft aller Beteiligten aber noch rund zwei Jahre dauern. Erst dann wird sich zeigen, ob die gesetzlichen Regelungen wirklich für einen funktionierenden Markt reichen.

Vielleicht sollte Gerrit Ophey mit seinem Tenniscenter doch besser auf Kohleheizung umsteigen. Zwei Jahre warten kann er jedenfalls nicht mehr: "Wir haben versucht zu optimieren, wo es geht. Wir haben einen Energieberater hier gehabt, der geprüft hat, ob es noch Möglichkeiten zur Einsparung gibt. Die sind nicht festzustellen, und so werden wir darüber nachdenken müssen, dass wir diesen Betrieb dann schließen müssen." Vier Arbeitsplätze hängen hier an den Energiepreisen!

letzte Änderung: 19.03.2015