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Wie sich Deutschland versorgt

Wie sich Deutschland versorgt

Aktuelle Daten über unsere Energieversorgung zeigen uns, wo wir mit der Energiewende in Deutschland stehen und auf Kosten welcher Ressourcen wir leben. Sie zeigen uns aber auch einen Trend auf, in welche Richtung sich unsere Energieversorgung entwickelt.
Von Louis-F. Stahl und Aribert Peters

(29. Juni 2018) Deutschland benötigte im Jahr 2017 rund ein Prozent mehr Energie als noch im Jahr zuvor. Der Primärenergiebedarf stieg auf insgesamt 13.550 Petajoule (3.764 Terrawattstunden). Zu diesem Ergebnis kommen die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e. V. (AGEB) und darauf aufbauende Analysen von Energieexperte Dr. Hans-Wilhelm Schiffer.

Gesamt-Primärenergiebedarf

Die Ursache für den gestiegenen Energiebedarf wird von beiden Analysen in der positiven Konjunkturentwicklung gesehen. Preisbereinigt, daher unter Herausrechnung der Inflation, stieg das Bruttoinlandsprodukt sogar um 2,2 Prozent. Effizienzmaßnahmen ist es zu verdanken, dass der Energieverbrauch nicht noch stärker gestiegen sei. Betrachtet man jedoch den Energieaufwand im Verhältnis zum erzeugten Bruttoinlandsprodukt, so brauchen wir heute, verglichen mit 1990, rund 38 Prozent weniger Energie. Insgesamt konnten die Treibhausgasemissionen in Deutschland, verglichen mit 1990, um rund 27 Prozent reduziert werden. Auch im weltweiten Vergleich nutzt Deutschland seine Energie effizient: Im Mittel brauchen andere Länder die doppelte Menge an Energie, um die gleiche Wirtschaftsleistung zu erzielen. Deutschland ist jedoch gut beraten seine Effizienzbemühungen zu intensivieren.

988 Grafik Struktur des Primärenergieverbrauchs in Deutschland 2017 / Daten: AGEB

Hohe Importabhängigkeit

Bei den beiden wichtigsten Energieträgern Öl und Gas ist Deutschland zu 98 und 93 Prozent abhängig von Energieimporten aus dem Ausland. Bei beiden Energieträgern ist Deutschland in erster Linie von Russland abhängig: 37 Prozent des in Deutschland verbrauchten Öls, rund 40 Prozent des Erdgases und 35 Prozent der Steinkohle stammen aus Russland. Weitere wichtige Lieferländer sind: Norwegen, Großbritannien, Niederlande, Kasachstan, Lybien, Irak, Nigeria und Aserbaidschan. Nur rund 23 Prozent der Rohölimporte Deutschlands entfielen 2017 auf die für den weltweiten Rohölpreis maßgeblichen OPEC-Staaten. Auch Steinkohle muss Deutschland zu 93 Prozent importieren. Bei den fossilen Energieträgern stammt einzig die Braunkohle mit 99 Prozent nahezu ausschließlich aus heimischem Abbau.

Keine Abhängigkeit von Importen besteht bei den erneuerbaren Energien, die vollständig in Deutschland bereitgestellt werden konnten. Insgesamt musste Deutschland im Jahr 2017 rund 70 Prozent des Energiebedarfes mit Lieferungen aus dem Ausland decken. Hierfür wurden 79,6 Milliarden Euro aufgewendet. Diese Zahl zeigt, wie wichtig ein stärkerer Ausbau erneuerbarer Energien nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Perspektive ist.

Energiemix: Erdöl dominiert

Mit rund 35 Prozent war Erdöl im Jahr 2017 der wichtigste Energieträger für die Versorgung von Deutschland. Es folgen Erdgas mit 24 Prozent, erneuerbare Energien mit 13 Prozent, Steinkohle mit 11 Prozent, Braunkohle mit ebenfalls 11 Prozent und Kernenergie mit 6 Prozent. Insgesamt ist Deutschland damit noch immer zu 87 Prozent abhängig von fossilen Energien – jedoch mit fallender Tendenz: Die Erneuerbaren konnten ihren Anteil 2017 im Vergleich zu 2016 um 6 Prozent ausbauen. Bei diesem Wachstum wird es jedoch noch sehr lange dauern, bis die Erneuerbaren die Fossilen überholen. Erschreckend ist, dass die Kernenergie zwar um 10 Prozent und die Steinkohle sogar um 11 Prozent verloren hat, dies jedoch nicht ausschließlich von den Erneuerbaren kompensiert wird. Der Anteil des Mineralöls ist um 3 Prozent und der von Erdgas sogar um 6 Prozent gestiegen.

Öl und Gas im Detail

Die Ursache des stark steigenden Erdgasverbrauchs wird in drei Faktoren gesehen: Der Bedarf privater Haushalte zu Heizzwecken stieg um 5 Prozent, die Industrie ersetzt zunehmend Steinkohle mit Erdgas und benötigte daher 4 Prozent mehr Erdgas. Den größten Faktor mit 8 Prozent Mehrverbrauch machen flexible Gaskraftwerke zur Stromerzeugung aus. Die Zunahme des Verbrauchs an Mineralölen ist zu etwa gleichen Teilen auf die Sektoren Verkehr, Industrie und Haushalte zurückzuführen. Die in den Medien oft behauptete Zunahme des Benzinverbrauchs wegen des Dieselskandals wird durch die Daten nicht bestätigt: Sowohl der Verbrauch an Ottokraftstoffen als auch der Verbrauch von Diesel haben um jeweils 2 Prozent zugenommen.

Kohle

Während sich beim flächenverzehrenden Braunkohleabbau in der Lausitz, im Rheinland und Mitteldeutschland genau wie beim Anteil dieses Energieträgers am Energiemix keine wesentliche Änderung von 2016 zu 2017 ergeben hat, zeichnet sich bei der Steinkohle das Ende dieses Energieträgers ab. Nicht nur hat sich der Anteil der Steinkohle am Energiemix um 11 Prozent verringert, auch die Förderung hat sich um 9 Prozent reduziert und die letzten beiden Steinkohlebergwerke in Ibbenbüren sowie Bottrop werden zum 31. Dezember 2018 geschlossen. Die für die Förderung der Kohle verantwortliche RAG-Stiftung soll nicht nur die darauffolgenden Stilllegungsarbeiten bis 2021 abschließen, sondern auch für die zutreffend als „Ewigkeitsaufgaben“ bezeichnete Bewältigung der Folgeschäden des Bergbaus einstehen.

988 Grafik Struktur der Stromerzeugung in Deutschland 2017 / Daten: AGEB

Stromversorgung

Der deutsche Bruttostromverbrauch ist um 0,5 Prozent auf 599,8 TWh angestiegen. Deutschland bleibt auch weiterhin Stromexporteur: 83,3 TWh Elektrizität wurden in die Nachbarländer insgesamt exportiert. Demgegenüber stand ein zeitweiser Import von 28,4 TWh, so dass sich für 2017 ein Exportsaldo von 54,9 TWh ergibt. Der Anteil der Erneuerbaren am Strommix hat sich um gut 15 Prozent erhöht. Damit erfolgte die Stromversorgung 2017 zu etwa 35 Prozent regenerativ. Innerhalb der Erneuerbaren hat die Windenergie besonders stark zugelegt und ihren Anteil von 12,3 Prozent im Jahr 2016 auf 16,2 Prozent im Jahr 2017 ausbauen können. Biomasse und Wasserkraft konnten nicht zulegen. Bei der Photovoltaik ist der Anteil von 5,9 im Jahr 2016 auf 6,1 Prozent im Jahr 2017 um nur 0,2 Prozentpunkte gestiegen, was einem Wachstum von 17 Prozent entspricht. Der PV-Ausbau bleibt damit selbst hinter den in den letzten Jahren bereits drastisch reduzierten Ausbauzielen der Bundesregierung zurück.

988 Grafik Veränderung des Primärenergieverbrauchs in Deutschland 2017 gegenüber 2016 / Daten: AGEB

Mit zusammen 58,3 Prozent stellen Öl und Gas den Großteil unseres Energieverbrauchs. Deutschland muss bei diesen Energieträgern rund 95 Prozent des Bedarfs importieren. Trotz eines Ausbaus um 6,1 Prozent konnten die heimischen Erneuerbaren zum deutschen Gesamtenergieverbrauch 2017 nur einen Anteil von lediglich 13,1 Prozent beisteuern. Betrachtet man hingegen den Stromsektor isoliert, beträgt der Anteil der Erneuerbaren bereits 33,2 Prozent – hier zeigt sich ein deutlicher Nachholbedarf in den beiden übrigen Sektoren Wärme und Verkehr. Auffällig ist auch, das Mineralöl als größter und derzeit wachsender Energielieferant im Stromsektor bereits keine Rolle mehr spielt.

Preisentwicklung

Die durchschnittlichen Preise für Rohölimporte stiegen binnen eines Jahres um gut 29 Prozent. Der durchschnittliche Importpreis für Erdgas verteuerte sich ebenfalls, wenn auch nur um gut 23 Prozent. Als Ursache machen die Analysten neben stark sinkender Fördermengen in den Niederlanden (siehe auch Drohender Engpass im Erdgasnetz), die stark steigende LNG-Nachfrage in Asien und die dadurch entstehende Verknappung auf dem Weltmarkt ausfindig. Deutlich gestiegen ist auch der Preis für Kohleimporte mit einer Verteuerung um gut 40 Prozent.

Der Preis für Benzin stieg um 5,3 Prozent auf durchschnittlich 1,36 Euro pro Liter. Der Preis für Diesel stieg um 7,8 Prozent auf durchschnittlich 1,16 Euro pro Liter sowie der Preis für Heizöl EL um 15,9 Prozent auf 56,61 Cent je Liter. Für Erdgas ist der Preis sogar von durchschnittlich 6,54 Cent je kWh auf 6,15 Cent je kWh und damit um gut 6 Prozent gefallen. Beim Strom haben sich die Großhandelspreise im Jahr 2017 um gut 18 Prozent auf 3,42 Cent je kWh für Grundlaststrom und 3,81 Cent je kWh für Spitzenlaststrom erhöht. Die privaten Stromverbraucher zahlten pro Kilowattstunde im Mittel 29,86 Cent und mussten damit einen Anstieg von nur 1,6 Prozent hinnehmen. Im Hinblick auf die deutlich stärker gestiegenen Rohstoffpreise dürfte der geringe Anstieg der Strompreise nicht zuletzt auf den deutlichen Anteil der Erneuerbaren im Stromsektor zurückzuführen sein.

  • Hans-Wilhelm Schiffer, Deutscher Energiemarkt 2017, Energiewirtschaftliche Tagesfragen, Heft 3/2018, S. 49-62
  • Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e. V., Energieverbrauch in Deutschland im Jahr 2017, Volltext-PDF: bdev.de/energieverbrauch2017
  • Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt, Monitoringbericht 2017, Volltext-PDF: bdev.de/monitoring17, Zusammenfassung in Energiedepesche 1/2018, S. 27