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Spirale des Schweigens

Spirale des Schweigens

Es mutet gespenstisch an, wenn die Herausforderungen unserer Zeit, wie der Klimawandel und das Versiegen fossiler Energiequellen, in der öffentlichen Diskussion nicht stattfinden. Wie konnten diese Themen aus der öffentlichen Diskussion verschwinden?
Von Aribert Peters

(30. Juli 2018) Eine einleuchtende Erklärung gibt die Psychologie. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman konstatiert dazu: „Die Berichterstattung in den Medien wird durch Neuigkeit und Prägnanz der Meldungen verzerrt. Medien prägen nicht nur das Interesse der Öffentlichkeit, sie werden ihrerseits von diesem Interesse beeinflusst. Redakteure können die Forderungen der Öffentlichkeit nach ausführlicher Berichterstattung über bestimmte Themen und Standpunkte nicht ignorieren.“ So werden mitunter Nichtereignisse von den Medien und der Öffentlichkeit aufgeblasen, bis es unsere Fernsehbildschirme füllt und zum alleinigen Gesprächsthema wird.

Aufmerksamkeitsspirale

Menschen bevorzugen Informationen über Themen, über die sie schon etwas wissen. Etwas Vertrautes, über das man schon öfter etwas gehört hat, erzeugt gute Laune, erscheint wahr und interessant. Das ist eine gute Erklärung dafür, dass Themen wie Terrorismus, Rechtspopulisten und Einwanderung die Schlagzeilen beherrschen und von dort nicht zu vertreiben sind. Die Menschen wollen genau darüber lesen und hören. Es ist eine sich selbst verstärkende Aufmerksamkeitsspirale. Sie lässt sich nicht bremsen. Und welche Themen auf diese Art medial nach oben gespült werden, hat mit der Wichtigkeit dieser Themen nicht das Geringste zu tun.

Schweigespirale

Das Gegenstück der Aufmerksamkeitsspirale ist die Schweigespirale. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind genau die gleichen. Über diese Themen redet man nicht, es interessiert niemanden, es sind Randthemen, die Unbehagen bereiten. Es gibt eine stillschweigende Übereinkunft, darüber nicht zu reden. Dieser Schweigespirale sind in letzter Zeit so wichtige Themen wie Klimaschutz, Energiesparen und erneuerbare Energien zum Opfer gefallen. Bei Google-Trends (trends.google.de) kann man sich informieren, welche Themen die Menschen wirklich interessieren – zu denen die Menschen im Internet von sich aus nach Informationen suchen.

1900 Grafik Interesse an den Themen Energie, Klima und Terrorismus

Die wahren Interessen

Tatsächlich ist das Interesse an sowohl „Energie“ als auch „Klima“ jeweils für sich genommen seit vielen Jahren konstant doppelt bis dreimal so hoch wie an „Terrorismus“, „Kriegen“ oder „Flüchtenden“.  Wobei interessant ist, dass in der Medien- und Politikstadt Berlin mehr als doppelt so häufig nach „Terrorismus“ gesucht wird, wie in allen anderen Bundesländern. Für das „Klima“ wird sich hingegen bundesweit gleich stark interessiert. Interessant sind auch regionale Besonderheiten: In Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein ist das generelle Interesse an „Erneuerbaren Energien“ besonders hoch. Interessanterweise ist umgekehrt das konkrete Interesse an „Photovoltaik“ besonders in Bayern, dicht gefolgt von Baden-Württemberg, wiederum deutlich höher als im Norden der Republik.

Wir schweigen uns zu Tode

Die Politikwissenschaftlerin Esra Küçük stellte unlängst in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ zutreffend fest, dass in der politischen Debatte und den Medien inzwischen „Schweigen über alle wichtigen Themen herrscht“. Selbst im letzten Bundestagswahlkampf habe man Politiker und Parteien bestenfalls durch die Farbe ihrer Plakate und Krawatten unterscheiden können. Alle warben mit austauschbaren Allgemeinplätzen wie „Gute Bildung“, „Zukunft wird aus Mut gemacht“ oder „Zeit für mehr Gerechtigkeit!“

Angela Merkel hat dieses Schweigen zur politisch erfolgreichen Taktik entwickelt. „Kluge Politikwissenschaftler nennen diese Taktik asymmetrische Demobilisierung“, kommentiert Küçük und schreibt weiter: „Dem Land aber könnte sie irgendwann zum Verhängnis werden. Denn die Folgen dieser Politik zeigen sich in einer Entpolitisierung der Politik. Die fehlende Oppositionskultur stellt sich schleichend ein und verschafft radikalen politischen Bewegungen Aufwind.“

Wir müssen Reden!

Themen gäbe es genug, meint Esra Küçük: „Die Schere zwischen arm und reich wird sichtbar von Tag zu Tag größer. […] Und wir sind schon lange nicht mehr international Vorreiter der nachhaltigen Energiewende. Das sind Themen, die wir angehen sollten, anstatt uns auszuruhen. Darüber müssen wir aber jetzt reden. […] Denn wenn eine Gesellschaft verlernt, über ihre Ziele zu streiten, kann sie keine Zukunft formulieren.“