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Schüler fordern sofortigen Klimaschutz

Schüler fordern sofortigen Klimaschutz

Seit einem halben Jahr demonstrieren Schüler in Deutschland freitags für einen stärkeren Klimaschutz und die sofortige 
Ergreifung wirksamer Maßnahmen seitens der Politik. Die über 100 lose organisierten Ortsgruppen der Bewegung „Fridays for Future“ haben sich jetzt auf konkrete Forderungen verständigt.
Von Louis-F. Stahl

(1. Juli 2019) Eine ernstgemeinte inhaltliche Auseinandersetzung seitens der deutschen Politik-Elite mit den Protesten der Schüler ist bisher nicht zu beobachten. Von PR-Profis gut beratene Politiker sprechen den Schülern zwar inzwischen ihre Anerkennung und Verständnis für die Forderungen aus – unterlassen aber jegliches erkennbare Handeln (siehe ED 1/2019, S. 4). Eine klare Position des Unverständnisses für die Probleme und Herausforderungen unserer Zeit haben nur die Parteien AfD und FDP eingenommen: Klimaschutz „ist eine Sache für Profis“ polterte beispielsweise der FDP-Bundesvorsitzende – wahrscheinlich in Unkenntnis darüber, dass die Schüler seit Beginn der Proteste nicht nur lautstark auf den fehlenden Klimaschutz hinweisen, sondern dabei stets skandieren: „Hört auf die Wissenschaftler, nicht auf uns!“

1900 Klimastreik Schüler / Foto: Jörg Farys (CC BY 2.0)

Zweifelhafte Organisationsform

Woche für Woche – auch in den Ferien – begeben sich deutschlandweit derzeit rund 20.000 bis 25.000 Schüler auf die Straße und koordinieren ihren Protest basisdemokratisch in etwa 110 lokalen WhatsApp-Gruppen.

Die Kontrolle über die bundesweiten Social-Media-Präsenzen, die deutsche Webseite und damit die Anzeige der Zielkonten für Spenden sowie die Bestimmung was „offizielle Merchandise-Artikel“ sind, befindet sich jedoch in der Hand einer kleinen und undurchsichtigen Gruppe professionalisierter Aktivisten, die zudem über diese Wege die Presseanfragen beantworten und damit die Gesichter der Bewegung in den Medien sind. Diese Konstruktion und die Instrumentalisierung einer Jugendbewegung als persönliches Karriere-Sprungbrett durch einige Wenige ruft nicht zu Unrecht Kritiker auf den Plan – gleichwohl dies nichts an den Überzeugungen, Werten und dem Protest von zehntausenden Jugendlichen ändert. www.fridaysforfuture.de

Scientists for Future

Angespornt durch die weltweiten Schülerproteste haben rund 80 Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen eine Stellungnahme erstellt und stellen darin unmissverständlich fest, dass die „Anliegen der demonstrierenden jungen Menschen […] berechtigt und gut begründet [sind]. Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei weitem nicht aus. […] Deutschland wird die selbstgesteckten Klimaschutzziele für 2020 verfehlen. […] Ohne tiefgreifenden und konsequenten Wandel ist ihre Zukunft in Gefahr.“ Diese Stellungnahme haben binnen weniger Wochen 26.800 Wissenschaftler unterzeichnet. www.scientists4future.org

Parents for Future

Nicht nur die Wissenschaft steht hinter den engagierten Schülern. Zahlreiche Eltern begleiten ihre Kinder zu den Demonstrationen oder koordinieren die Beaufsichtigung ihrer Schützlinge mit anderen Eltern und haben sich dafür in „Parents for Future“ genannten Gruppen zusammengeschlossen. Eine Online-Petition an den Deutschen Bundestag der gut vernetzten Eltern hat mehr als 50.000 Unterschriften erhalten, so dass die Politik nun gezwungen ist, sich auch parlamentarisch mit den Forderungen der Schüler auseinander zu setzen. www.parentsforfuture.de

Forderungen der Bewegung

Vertreter der lokalen Schülergruppen haben sich in einem konsensualen Prozess auf sechs Forderungen verständigt, die seit ihrer Veröffentlichung am 8. April 2019 von allen an den Fridays-for-Future-Demonstrationen teilnehmenden Schülern mitgetragen werden. Die drei ersten Forderungen sollen kurzfristig bis zum Jahresende umgesetzt werden:

  • Ende der Subventionen für fossile Energieträger
  • Ein Viertel der Kohlekraftwerke abschalten
  • Eine Steuer auf alle Treibhausgasemissionen, die so hoch ausfallen soll, 
wie die Kosten, die durch die Emissionen zukünftigen Generationen entstehen
  • Kohleausstieg bis zum Jahr 2030
  • Bis zum Jahr 2035 nur noch so viele Treibhausgase ausstoßen, wie über natürliche Prozesse wieder gebunden werden können
  • 100 Prozent erneuerbare Energien 
bis zum Jahr 2035
Extinction Rebellion

Deutlich radikaler als die Schülerbewegung sind die Ziele und Methoden der „Extinction Rebellion“: 6.000 Aktivisten brachten im November 2018 durch die Besetzung von Brücken über die Themse sowie von wichtigen Straßenkreuzungen den Autoverkehr in London zum Erliegen. In der Karwoche 2019 wiederholte sich dieses Spektakel und führte zur Festnahme von 600 Brücken- und Straßenbesetzern. Am 15. April 2019 hat die Bewegung mit der erfolgreichen Besetzung der Oberbaumbrücke in Berlin durch rund 300 Aktivisten ihre erste größere Aktion in Deutschland gestartet. Sollte die Politik Schülern, Eltern und Wissenschaftlern weiterhin kein ausreichendes Gehör schenken, könnte diese Protestform auch in Deutschland bald zum Straßenbild gehören. www.extinctionrebellion.de