Erdgas forever?
Die Ansichten über die Endlichkeit fossiler Energiequellen gehen weit auseinander.
(6. März 2004) - Staatssekretär Georg-Wilhelm Adamowitsch sagte am 10. Dezember 2003 auf einer Tagung in Berlin: "Ein Ende des Ölzeitalters ist nicht abzusehen. Die statischen Reichweiten liegen bei Einbeziehung nur von konventionellen Erdölreserven und -ressourcen bei 67 Jahren".

Am 9. Januar 2004 nahm der zweitgrößte Ölkonzern der Welt, die Royal Dutch/Shell-Gruppe, eine Neubewertung seiner Ölreserven vor. Der Konzern verfügt über 20 Prozent weniger Öl als bisher angenommen und demnach über sicher gewinnbare Reserven in Höhe von 13,3 Jahresförderungen.
Noch 149 Jahre Erdgas?
"Beim Erdgas reichen allein die konventionellen Reserven circa 64 Jahre, bezieht man die Ressourcen ein, sind es 149 Jahre." sagte Adamowitsch. Professor Christian Beckervordersandforth von Ruhrgas AG verglich auf derselben Tagung die statistischen Reichweiten der Welterdgasreserven.
1970 reichte das Erdgas noch bis zum Jahr 2010, wenn man die damals bekannten Welterdgasreserven durch die Jahresförderung dividiert. Im Jahr 2000 reicht das Gas nach dieser Rechnung noch bis 2064. Wer denkt, das Gas reiche noch für 64 Jahre und dann hätte man sicher noch viel mehr Gas gefunden, der irrt sich gewaltig.
Das Verbrauchswachstum
Betrachten wir die Entwicklung des Weltgasverbrauchs. Er stieg von 36 Tcf (Trillion Cubic Feet) im Jahr 1970 auf 87 Tcf im Jahr 2000. Ein weiteres Wachstum des Gasverbrauchs auf 176 Tcf bis 2025 wird prognostiziert. Gegenüber dem Jahr 1970 wird sich der Verbrauch dann verfünffacht haben. Die Reichweite der heute bekannten Vorräte verringert sich durch diesen Verbrauchszuwachs auf etwa die Hälfte.
Der Anstieg der Reserven
Das US-Energieministerium hat eine Grafik über den Zuwachs der weltweiten Reserven zusammengestellt (rechts). Zwischen 1976 und 1993 nahmen die Reserven weltweit um 67 Jahresverbräuche zu. Nach 1993 flachte das Wachstum weiter ab, während die Verbräuche rasch weiter wuchsen.
In den zehn Jahren zwischen 1993 und 2003 sind die Reserven nur noch um ganze fünf Jahresverbräuche gewachsen. Die statische Reichweite sinkt also erstmals in der Geschichte, weil in zehn Jahren nur der Verbrauch für fünf weitere Jahre neu entdeckt wurde.
Gashydrate als Ausweg?
Einen Ausweg sollen angeblich Gashydrate bieten: Es gibt davon laut Ruhrgas doppelt soviel wie fossiles methan, also erdgas. Methanhydrat ist ein Methan/Wasser-Gemisch. Es lagert am Meeresboden und in Permafrostgebieten. Bei tiefen Temperaturen und hohem Druck hat dieses Gemisch einen festen eisähnlichen Aggregatzustand. Ändern sich Temperatur oder Druck, löst es sich wieder in Methan und Wasser auf, wobei das Gas nach oben entweicht.
Diese physikalischen Eigenschaften, machen eine Förderung sehr schwierig, denn die Methanhydratschichten sind nicht sehr dick, dafür aber über große Flächen verteilt. Es müsste also in sehr großem Maßstab der Meeresboden praktisch "umgegraben" werden. Ein hoher Energieaufwand und zusätzlich riskant, falls dabei Methan entweicht. Methan in der Atmosphäre ist ein weit schädlicheres Klimagas als Kohlendioxid.

In mehr als 20 Jahren wurde bis heute noch kein einziges abbauwürdiges Methanhydratfeld gefunden. In über 2.000 Probebohrungen wurden nur dreimal größere Hydratproben gewonnen. Die größte Probe wies eine Hydratdicke von etwas mehr als einem Meter auf.
Die Ludwig-Bölkow-Stiftung kommt zu der Bewertung: "Die theoretischen Abschätzungen scheinen wenig mit der Realität zu tun zu haben. Aus heutiger Sicht muss man daher davon ausgehen, dass dieses Methan nicht in großem Stile als Energiereserve verfügbar wird. Unseres Erachtens dient die große Betonung der Hydratreserven, ohne dass sich die Industrie ernsthaft um eine Erschließung oder genauere Erkundung bemüht, vor allem dazu, den Eindruck eines auf lange Sicht gesicherten Energiepfades Erdgas zu erwecken".
Regionale Verfügbarkeit fraglich
Auch regional ist die Verfügbarkeit von Erdgas nicht gesichert. Sie basiert in der Hauptsache auf den russischen Erdgasvorkommen und deren Erschließbarkeit. Dazu gibt es eine Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik (Roland Götz: "Russlands Erdgas und die Energiesicherheit der EU"). Der Bundesarbeitskreis Ressourcen der Grünen hat die Widersprüche verfügbarer Statistiken zusammengetragen und politisch bewertet.
Download Beschluss Bundesarbeitskreis Grüne zur Ressourcenverknappung 12.2003