Wohlig-warmer Lebens(t)raum mit Zusatzrente
Passivhäuser stehen zu Unrecht im Ruf schlechter Wohn- und Lebensqualität. Das zeigt Familie Bauer aus Wilhelmsdorf. Kinder spielen immer gerne dort, wo es heimelig und gut temperiert ist.
Von Hans-Jürgen Bauer
(4. Juni 2006) - Es ist wirklich schön anzuschauen, wie unsere Kinder sich in dem wohl temperierten Haus zum Spielen auf dem Fußboden ausbreiten. Ihre kleinen Autos flitzen durch den ganzen Raum, und oft wird dann in Bauchlage die detaillierte Unfallszene nachempfunden.

Wir Eltern werden dann und wann auf unsere Fußbodenheizung angesprochen, die es gar nicht gibt. Wir haben lediglich auch den Fußboden so gut gedämmt, dass die Körperwärme nicht abfließt. Deshalb bekommt man bei uns keine kalten Füße. Auch die dreifach verglasten Fensterscheiben sind im Winter innen nicht kalt. Zum Staunen der Kinder finden sich, nach so mancher kalter Winternacht die von unserer Oma beschriebenen Eisblumen wieder. Aber eben nur auf der Außenseite, denn die Wärme, welche innen geblieben ist, hat das Kunstwerk der Natur nicht abgetaut und uns unserer morgendlich bestaunten "Ice-Art" beraubt. Die Fenster reichen im Erdgeschoss passivhaus-typisch meist bis an den Fußboden, was unseren "Kurzen" einen Ausblick aus dem Fenster ermöglicht.
Schwäbische Häuslebauer sparen - aber nicht am falschen Fleck
Sie lieben sie vielleicht wegen des guten Geschmacks oder wegen der vielen Geschmacksrichtungen und Zutaten: Die aus dem Schwäbischen stammende Schokolade mit dem Slogan: quadratisch, praktisch, gut. Nach diesem Prinzip haben wir unser Haus geplant und gebaut. Zugegeben: Wir haben auf der Zubehörliste so manches gestrichen, was uns lieb (und teuer) geworden wäre. Aber das Streben nach Unabhängigkeit haben wir verknüpft mit dem Ziel, uns frei zu machen vom Monopol der Energielieferanten. Ganz gelungen ist das nicht, doch sind wir frei von der Preistreiberei der Öl- und Gaslieferanten und brauchen nur für 130 Euro im Jahr Pellets zu kaufen: Für Warmwasser und Heizung. Das ganze Jahr. Das ganze Haus. Das hat uns in der Bauphase etwa acht Prozent Mehrkosten verursacht - oder anders: 100 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche mehr gegenüber einem Niedrigenergiehaus. Das sind unsere Extras.

Kurioserweise warten wir ab und zu zu lange mit dem Nachheizen mit Pellets. Die Sonne könnte ja kommen und wir könnten ja da und dort doch noch einige Cent sparen. Da kommt dann der Schwabe durch.
Wir haben keinen Keller und keine Sauna. Aber auf jeden Fall genügend Abstellraum für die nötigen Dinge für das Leben im Jahreskreis und darüber hinaus: Kartoffeln und Äpfel kaufen wir beim Bauer direkt. Ein Fahrradraum und ein Vorratsraum sind im Carport integriert. Zudem haben wir Abstellräume im Haus - und die wollen auch alle aufgeräumt und gepflegt werden. Der ausreichend kleine Grundriss und die geringen Unterhaltskosten nehmen uns die Sorge um die prickelnde Rentenauszahlung in der dritten Lebensphase.

Selbst wenn der Wiederverkauf zur Debatte stünde, wäre ein zukunftsfähiges Bauwerk eher an den Mann/Frau zu bringen, als ein Energiefresserchen, gebaut in der Neuzeit nach Richtlinien der Vergangenheit.
Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung: ein Gewinn für das ganze Haus
Sie dürfen sich das mal vorstellen: Sie stehen aus dem mit Sommerdecken bestückten Bett auf und Ihr Schlafzimmer ist bereits gelüftet. Die Dämpfe beim Duschen werden abgezogen und der sonst typische Badgeruch ist nach kurzer Zeit verschwunden. So auch die Alltagsgerüche menschlichen Seins - selbstverständlich meine ich das Kochen: nachdem die Lieblingsspeise angerichtet und verzehrt wurde, ist nur noch kurz ein Hauch des wohlriechenden Gerichts zu erhaschen - bis dann auch dieser abgezogen ist. Und sollten Sie nach einem Arbeitstag nach Hause kommen, können Sie getrost ins T-Shirt wechseln. Die fast immerwährend herrschenden 21 Grad Celsius lassen auch im Winter Sommergefühle wach werden.
Aber Lüftungsanlagen sind ja nichts Neues. Wir begegnen solchen Systemen im Kino, im Tanzlokal und natürlich im Auto. Dort drehen wir im Winter alle an der Gebläsekurbel und lassen das Fenster geschlossen. Apropos Fenster: Auf unseren Fenstersimsen können die Blumen das ganze Jahr über stehen bleiben und müssen nicht bei jeder Stoßlüftung abgeräumt werden!

Lebensraum - ein Lebenstraum
Nicht zuletzt wegen der immer frischen Raumluft war es möglich, die Küche, das Esszimmer und das Wohnzimmer in einen "Lebensraum" zu fassen. Ein Raum für alle, in dem alle Bewohner sich für die verschiedensten Dinge des täglichen Tuns und Erlebens aufhalten. Respekt vorausgesetzt. Wussten Sie, dass Krisen auch die Beziehungen untereinander stärken? Räume prägen das Leben der Bewohner. In guter Art und Weise konnten wir in den vergangenen drei Jahren erleben, wie sich dieses Haus mit Wärme und Licht gefüllt hat und wie dieser Funke auf uns Bewohner übergesprungen ist. CO2- neutral, versteht sich.
Das hat auch positive Auswirkungen auf den Alltag. Dass wir dabei auch noch Geld sparen, ist eine enorme Rendite im Bezug auf die Mehrkosten.
Technische Daten
- Einfamilienwohnhaus
- Wohnfläche: 154 m²
- Holzkonstruktion
- Außenwand: U-Wert: 0,116 W/(m²K)
- Bodenplatte: U-Wert: 0,113 W/(m²K)
- Dach: U-Wert: 0,104 W/(m²K)
- Fenster und Türen: Profil: Ultrapur S Holz, Uw = 0,7 W/(m²K), Ug = 0,60 W/(m²K), g = 60%
- Lüftung: Zu- und Abluftanlage mit Wärmerückgewinnung und Zuluft-Nachheizung, Luft- Erdwärmetauscher mit erd- verlegtem PE-Rohr, Fabrikat: Heka-therm DN 200
- Heizung: Holzpellet-Kaminofen mit Heizwasser-Wärmetauscher, Verteilung über Zuluft der Lüftungsanlage
- Pelletverbrauch im Winter 2005/ 2006: 850,5 kg x 0,15408 E/kg = 131,05 €. - Der günstige Einkaufspreis der Pellets von brutto 154,08 €/Tonne resultiert aus einer Einkaufsgemeinschaft der Wilhelmsdorfer Pelletverbraucher. Zusätzlich hat mir mein Nachbar Adolf zum Geburtstag zwei Eimer Pellets geschenkt, in denen wiederum vier Flaschen Weizenbier versteckt waren. Diese zusätzliche Menge ist nicht ein- bezogen und somit in obiger Aufstellung nicht enthalten. Trotz des längeren Winters und der tieferen Temperaturen ist kein merklicher Mehrverbrauch entstanden.
- Warmwasser: Solaranlage mit Duospeicher 750 l, Pelletofen mit Heizwasserwärmetauscher, elektr. Heizstab
- Luftdichtheit: 0,37
- Ökologische Aspekte: 8 m² Solaranlage für Warmwasserbereitung
- Heizwärmebedarf: 14,8 kWh/m²a
- Primärenergiebedarf: 81 kWh/m²a
- Baukosten pro m² Wohnfläche: 1.623 Euro
- Planung Grundriss: Martin Wamsler, Freier Architekt, Weinsteige 2, 88677 Markdorf
- Planung der Haustechnik: Ingenieurbüro Gerlach, Arlener Str. 22, 78239 Rielasingen
- Bauzeit: Baubeginn: Mai 2002 Fertigstellung: Dezember 2002
- Weitere Details: http://www.architekt-wamsler.de/
Gütezeichen Passivhaus

Das RAL-Institut vergibt ein Gütesiegel für Niedrigenergiehäuser und Passivhäuser. Damit erhält der Verbraucher Sicherheit, dass er wirklich ein gut geplantes und gebautes Haus erhält. Das RAL-Gütezeichen Niedrigenergie-Bauweise kennzeichnet Gebäude mit besonders niedrigem Heizenergiebedarf. Es bezieht sich auf Planung und Bauausführung. Folgende Anforderungen sind zu erfüllen:
- Einhaltung festgelegter Grenzwerte für den Wärmeschutz
- Vermeidung von Wärmebrücken
- Einhaltung von Grenzwerten für die Luftdichtheit
- Heizanlage mit geringen Verlusten
- Effiziente Lüftungsanlagen
Das Gütesiegel wird durch die Gütegemeinschaft Niedrigenergie-Häuser e. V. vergeben. Planung und Bauausführung werden durch unabhängige Güteprüfer überwacht. Unangemeldete Stichproben finden regelmäßig statt.
Infos: www.guetezeichen-neh.de