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Infraschall
Bundesanstalt mit Rechenschwäche

Infraschall: Bundesanstalt mit Rechenschwäche

Von Louis-F. Stahl

(13. September 2021) Windkraftgegner aber auch Behörden und Politiker haben sich bei der Argumentation um Abstandsregelungen in den letzten Jahren vermehrt auf eine Studie mit dem Titel „Der unhörbare Lärm von Windkraftanlagen“ der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus dem Jahr 2005 bezogen. Die BGR warnte damals vor den Auswirkungen von sogenanntem „Infraschall“, der für den Menschen unhörbar ist, aber angeblich erhebliche Auswirkungen habe. Zu den auf Basis dieser Studie konkret festgelegten Abständen zählen unter anderem 15-Kilometer-Abstände zu Mikrobarometer-Messstationen. Aber auch viele andere Abstandsregelungen wurden unter Berücksichtigung der vermeintlich hohen Infraschallemissionen durch Windräder erlassen.

130 Symbolbild: Rechnen wie früher mit Abakus und  Stift mit Zettel  / Foto: alphaspirit / stock.adobe.com

Wie sich kürzlich herausstellte, sind diese Studienergebnisse der BGR in mehrfacher Hinsicht grob fehlerhaft. Von einer deutlich abweichenden Leistung des Windrades bis zu Rechenfehlern fanden Wissenschaftler der Universität Bayreuth und der Physikalisch-Technische Bundesanstalt diverse handwerkliche Fehler. Initiiert hatte die Untersuchung Dr. Stefan Holzheu, der die BGR nach eigenen Angaben bereits vor drei Jahren erstmals auf Ungereimtheiten angesprochen haben will. Im Sommer 2020 machte er seine Bedenken erstmals im Internet öffentlich. Über ein Jahr hinweg stimmten ihm immer mehr Wissenschaftler und Einrichtungen zu. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk zeigte sich der Erlanger Physik-Professor Martin Hundhausen entrüstet: „Ich habe da draufgeguckt, und innerhalb von zwei Stunden wusste ich, das ist falsch.“ Wie falsch die BGR lag, darüber sind die Wissenschaftler noch uneins. Der reine Rechenfehler führt in etwa zu einer Übertreibung der Infraschallemissionen von Windrädern um den Faktor 1.000. Dr. Holzheu bezieht sich hingegen nicht nur auf den offensichtlichen Rechenfehler: „Insgesamt schätze ich den Faktor auf 10.000, weil auch die Windradleistung falsch angesetzt war.“

Die BGR selbst versuchte in einer am 27. April 2021 veröffentlichten Erklärung die eigenen Fehler zu kaschieren und spricht lediglich von „neuen Erkenntnissen“ aus „fachlich-wissenschaftlichen Diskursen“. Der für die BGR verantwortliche Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier findet deutlichere Worte: „Es tut mir sehr leid, dass falsche Zahlen über einen langen Zeitraum im Raum standen.“ Es liegt jetzt an Politik und Verwaltung, sämtliche unter Bezugnahme auf die übertriebenen Infraschallzahlen zustande gekommenen Abstandsregelungen für Windkraftanlagen auf den Prüfstand zu stellen.