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Drohender Engpass im Erdgasnetz

Drohender Engpass im Erdgasnetz

In Deutschland gibt es mit H-Gas und L-Gas zwei Erdgassorten in getrennten Netzen. Das zum Großteil aus den Niederlanden stammende L-Gas wird in den nächsten Jahren absehbar aufgebraucht und nach einem Erdbeben muss die Förderung jetzt zusätzlich schnell und drastisch reduziert werden.
Von Louis-F. Stahl

(30. Juni 2018) In der niederländischen Provinz Groningen bebte im Januar 2018 erneut die Erde. Mit einer Stärke von 3,4 auf der Richterskala handelte es sich absolut betrachtet zwar nur um ein sehr leichtes Erdbeben, dennoch wurden über 900 Häuser beschädigt. Fotos mit dicken Rissen in Hauswänden füllten erneut die lokalen Zeitungen. Denn dieses Beben ist kein Einzelfall: Im Verlauf des Jahres 2017 kam es zu über 18 Beben mit einer Stärke von über 1,5 sowie vielen weiteren kleineren Beben.

311 Seenlandschaft / Foto Peter Heeling (CC0)

Erdgasfeld Groningen

Das erste heftigere Beben ereignete sich im August 2012 und führte zu einer 100 Millionen Euro teuren Untersuchung, welche die Erdgasförderung als eindeutige Ursache nachweisen konnte. Mit ursprünglich 2.800 Milliarden Kubikmeter Erdgas ist das Groninger Gasfeld jedoch die bis heute wichtigste Erdgaslagerstätte innerhalb der Europäischen Union und einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Region. Es versorgt nicht nur 93 Prozent der niederländischen Bevölkerung mit Erdgas, sondern deckt auch rund 22 Prozent des deutschen Gesamterdgasbedarfs (siehe Wie sich Deutschland versorgt). Betrachtet man das L-Gasnetz isoliert, beträgt die deutsche Importabhängigkeit vom Gasfeld Groningen sogar etwa 60 bis 70 Prozent.

L-Gas und H-Gas

Das stickstoffhaltige und niederkalorische Groninger L-Gas (englisch: „Low calorific gas“) unterscheidet sich in seiner Zusammensetzung stark von dem in Deutschland sonst gebräuchlichen H-Gas („High calorific gas“), das in Russland, Norwegen und der Nordsee gefördert wird. Aufgrund des unterschiedlichen Brennwertes von etwa 8,2 kWh pro m3 bei L-Gas und 11,1 kWh pro m3 bei H-Gas, müssen Heizkessel, Gasherde und andere Verbrauchsgeräte entweder für L-Gas oder für H-Gas ausgelegt und eingestellt werden, um störungsfrei funktionieren zu können. Aus diesem Grund müssen L-Gas und H-Gas in zwei separaten Netzen transportiert werden. Solche L-Gasnetze finden sich in Deutschland in Teilen der Bundesländer Bremen, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt.

311 Karte L-Gas Gebiete - H-Gas Gebiete Deutschland / Quelle: Bundesnetzagentur

L-Gas-Engpass

Dass die Vorräte des Erdgasfeldes Groningen zur Neige gehen, ist seit vielen Jahren bekannt. Zumindest bis zum ersten Beben im Jahr 2012 wurde jedoch von einem nur schleichenden Auslaufen der Förderung und einem Ende der Importe nach Deutschland nicht vor 2030 ausgegangen. Diese Einschätzung änderte sich 2012 schlagartig: Nach dem ersten stärkeren Beben kam es zu einem Förderstopp und um die Förderung wieder aufnehmen zu dürfen, musste die „NAM“ als Betreiber gegenüber dem niederländischen Staat zusichern, die weitere Erdgasförderung zu drosseln und für entstandene Schäden aufzukommen. Die Fördermenge wurde aufgrund staatlicher Vorgaben und Urteile des obersten niederländischen Verwaltungsgerichtes seitdem bereits auf zuletzt 21,6 Mrd. m3 halbiert. Nach dem neuerlichen Beben im Januar 2018 wurde seitens der niederländischen Regierung Ende März eine weitere drastische Reduzierung der Förderung auf maximal 12 Mrd. m3 pro Jahr binnen weniger Jahre angekündigt.

Grenze der Leistungsfähigkeit

Ganz aktuell wurde die Förderung im April 2018 verglichen mit März 2018 um rund 40 Prozent reduziert. Ein konkreter Grund wurde bisher nicht bekannt und diese Entwicklung ist verglichen mit den Vorjahren unüblich. Nach Analysen der Zeitschrift „Energiewirtschaftliche Tagesfragen“ (Heft 4/2018, S. 22) kam es bereits im März zeitweilig zu einer Verfünffachung der Handelspreise für kurzfristige Lieferungen. Die Gasspeicher wurden dabei auf bis zu 22 Prozent entleert, was einem Fünfjahrestief entspricht.

Marktraum-Umstellung

Bereits das absehbare natürliche Ende der Vorräte in Groningen mit einem Horizont nach dem Jahr 2030 war Anlass für die Planung einer „Marktraumumstellung“ von L- auf H-Gas. Im Rahmen dieses Prozesses werden lokale Gasnetze oder Netzbereiche innerhalb größerer Gemeinden von L- auf H-Gas umgestellt. Der Ablauf ist einfach:

  1. Der örtliche Gasnetzbetreiber informiert die Haushalte frühzeitig über die Umstellung.
  2. Techniker nehmen die Daten aller Gasgeräte in den Haushalten auf und veranlassen bei Bedarf die Bestellung von Umrüstsätzen bei den Geräteherstellern.
  3. Die Umrüstung der Geräte erfolgt kurz vor der Umstellung eines Netzabschnittes von L- auf H-Gas und dauert dank guter Vorbereitung und passend bestellter Teile nur wenige Minuten.

Die Umrüstung ist für die betroffenen Haushalte grundsätzlich kostenfrei. Die gesamten Kosten der Marktraumumstellung werden über eine Umlage von allen Erdgaskunden getragen. Eine Ausnahme bilden Geräte, für die wegen fehlender Teile oder aus anderen Gründen keine Anpassung möglich ist. Hier müssen Besitzer auf eigene Kosten ein neues Gerät anschaffen und erhalten dafür einen Zuschuss von 100 bis 600 Euro.

311 Grafik Ablauf der Marktraumumstellung für betroffene Verbraucher / Grafik: Bundesnetzagentur

Schleppende Umstellung

Seit Beginn der Marktraumumstellung im Jahr 2015 wurden jedoch nur gut 2,2 Prozent der in Deutschland installierten L-Gasgeräte auf H-Gas umgestellt. Dies klingt zunächst wenig, entspricht allerdings 110.000 umgerüsteten Heizungen, Herden und Öfen, wenn man sich vor Augen führt, dass nach Schätzungen der Gasnetzbetreiber insgesamt 5 Millionen Geräte betroffen sind. Im Laufe der kommenden zwei Jahre soll die Umrüstungsleistung nun auf bis zu 500.000 Geräte pro Jahr erheblich gesteigert werden. Eine noch stärkere Beschleunigung der Umrüstzahlen ist aus Kapazitätsgründen nicht möglich. Um dem L-Gas-Engpass dennoch begegnen zu können, haben die Netzbetreiber die Umstellung von Großverbrauchern wie Industriebetrieben und Kraftwerken vorgezogen.

H-Gas-Konvertierung

Ein weiterer Baustein ist die Errichtung von Gas-Konvertierungsanlagen, die hochkalorisches H-Gas durch Stickstoffbeimischung zu niederkalorischem L-Gas strecken können. Mehrere dieser Anlagen wurden kürzlich unter anderem in Broichweiden, Rehden und Ganderkesee in Betrieb genommen. Ein weiterer potenzieller Standort wurde am Grenzübergangspunkt Oude Statenzijl ausgemacht und soll bis 2019 in Betrieb gehen (Entwurf des Netzentwicklungsplans Gas 2018-2028 vom März 2018). Diese Anlagen sind jedoch im Betrieb sehr kostenintensiv und stellen daher keine dauerhafte Lösung dar.

Gesetzliche Anpassungen

Auch die Bundesregierung hat den drohenden Engpass im L-Gasnetz erkannt und einen Gesetzentwurf zur Anpassung des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) auf den Weg gebracht, der den Anschluss neuer Verbraucher an das L-Gasnetz verhindern soll. In der Gesetzesbegründung nimmt das für den Entwurf federführende Bundeswirtschaftsministerium kein Blatt vor den Mund: „Angesichts der drohenden Gefahren für das Allgemeingut der Versorgungssicherheit, die mit dem Anschluss neuer Industrie- und Haushaltskunden verbunden sind und die im ungünstigsten Fall zu einer ganz oder teilweisen Unterbrechung der L-Gasversorgung führen könnten, […] ist [es] erforderlich, einen Anspruch auf den Anschluss neuer Letztverbraucher an L-Gasversorgungsnetze […] soweit wie möglich einzuschränken.“

Prognose der Bundesnetzagentur

Deutlich nüchterner wiederholte die Bundesnetzagentur kurz nach dem Engpass im März die von der Behörde bei den L-Gasnetzbetreibern eingeholte Aussicht für den kommenden Winter: „Von daher ist die ab 2018/2019 [der Prognose nach] nur knapp positive Mengenbilanz nach Ansicht der deutschen Fernleitungsnetzbetreiber nicht als Signal der Entspannung zu verstehen.“ Dieses Fazit zogen Netzbetreiber und Bundesnetzagentur jedoch vor der Ankündigung der niederländischen Regierung die Fördermenge zukünftig zu halbieren und vor dem Rückgang der Förderung um 40 Prozent in den darauffolgenden Wochen. So bleibt aktuell nur zu hoffen, dass die zweifellos sinnvollen und notwendigen Maßnahmen, wie die Intensivierung der Marktraumumstellung, die Errichtung von H-Gas-konvertern, eine angedachte Ausweitung der Speicherkapazität für L-Gas und flankierende gesetzliche Maßnahmen zur Entlastung des -L-Gasnetzes ausreichen werden.

Von der Umstellung betroffene Gasnetze

Folgende Netzbetreiber planen die Umstellung ihres Gasnetzes kurzfristig in diesem Jahr oder im Laufe des Jahres 2019: Avacon (Burgwedel, Isernhagen, Helmstedt, Peine, Salzgitter, Wolfenbüttel), BS Netz, Burgdorf Netz, Celle-Uelzen Netz, Energienetz Mitte, EVB Butzbach, Ewe Netz, Gemeindewerke Peiner Land, LSW Wolfsburg, Mittelhessen Netz, OberhessenGasNetz, Osterholzer Stadtwerke, Technische Werke Osning, Wesernetz (Bremen), Westnetz (Belm, Bissendorf, Bohmte, Borgholzhausen, Dissen, Melle, Ostercappeln und Werther) sowie die Stadtwerke Bad Nauheim, Friedberg, Marburg, Osnabrück, Peine und Wolfenbüttel.

Sofern Sie in einem der betroffenen Netzgebiete Gasgeräte betreiben, können Sie sich bei Ihrem örtlichen Netzbetreiber nach dessen Umstellungsplänen erkundigen. Die meisten Netzbetreiber veröffentlichen detaillierte Zeitpläne auf ihren Webseiten.