Riskante Strahlen

Im Dezember 2007 machte eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz Schlagzeilen: Kinder erkranken in der Nähe von Atomkraftwerken nachweislich häufiger an Blutkrebs und Tumoren.

(23. März 2008) - Forscher unter der Leitung der Mainzer Epidemiologin Maria Blettner hatten die Daten des Deutschen Kinderkrebsregisters analysiert und dabei festgestellt, dass zwischen 1980 und 2003 im Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren 77 Kinder an Krebs erkrankt waren. 37 davon hatten Leukämie. Im statistischen Durchschnitt wären nur 48 Krebsfälle (17 Leukämiefälle) zu erwarten gewesen, schreiben die Forscher im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und dem Bundesamt für Strahlenschutz. Die Analyse umfasste alle 16 Standorte deutscher Atomkraftwerke während eines Zeitraums von 23 Jahren. Experten haben mehrfach betont, dass die Studie methodisch sauber ist.

Verharmloste Ergebnisse?

Dennoch kritisieren Wissenschaftler die Studie und ihre Auswertungsmethoden. Der Bremer Epidemiologe Eberhard Greiser beispielsweise hält die Ergebnisse der Kinderkrebsstudie für deutlich brisanter als zunächst dargestellt. Die Studie zeige nicht nur ein erhöhtes Leukämierisiko für Kinder in einem Umkreis von fünf Kilometern um ein AKW. Auch in weiter entfernten Bereichen sei das Risiko erhöht - und zwar in einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern um ein Kernkraftwerk.

Strahlenexperten wie der Mediziner Edmund Lengfelder von der Ludwig-Maximilians-Universität München erinnern daran, dass es ähnliche Studien bereits vor 15 Jahren gegeben habe. Auch damals hätten Statistiker "die Daten so verwässert, dass kein Effekt mehr zu beobachten war". Doch eine genauere Analyse der Daten habe schon damals ergeben, dass sich die Gefahr innerhalb eines Radius von fünf Kilometern erhöhe. Allerdings zog man - vermutlich aus politischen Gründen - den Kreis einfach weiter. Mit dem Ergebnis, dass in einem Radius von 15 Kilometern kein erhöhtes Risiko mehr auftrat. Laut Lengfelder wurde auch nach dem Super-Gau von Tschernobyl kräftig getäuscht und verharmlost.

2138 Strahlenbelastung

29 Kinder erkrankten durch die Nähe eines Atomkraftwerks an Krebs: Die erhöhte Strahlenbelastung bietet keine plausible Erklärung dafür.

Rätselraten um Ursache

Ein weiterer Punkt, der Atomgegner stutzig macht, ist die Tatsache, dass die Forscher um Maria Blettner angeben, dass ihre Analyse keine Rückschlüsse darauf erlaube, warum das Krebsrisiko erhöht ist: "Diese Studie kann keine Aussage darüber machen, durch welche biologischen Risikofaktoren diese Beziehung zu erklären ist." Radioaktive Strahlung schließen sie jedoch als Ursache aus. Die Strahlung sei viel zu gering, um das Krebsrisiko messbar zu erhöhen. Experten schätzen, dass eine Person, die maximal fünf Kilometer von einem Atommeiler entfernt wohnt, durch Strahlung aus der Luft mit 0,3 bis 0,002 Mikrosievert belastet wird. Zum Vergleich: Die jährliche natürliche Strahlenexposition in Deutschland beträgt im Mittel etwa 1.400 Mikrosievert.

Fragwürdige Grenzwerte

Zwar gibt es Grenzwerte, die die Bevölkerung vor Gesundheitsrisiken durch radioaktive Strahlen schützen sollen. In der Diskussion um die Ergebnisse der Kinderkrebsstudie haben Wissenschaftler und Politiker immer wieder betont, dass von Atommeilern gar keine Gefahr ausgehen könne, weil die Kraftwerke entsprechende Grenzwerte stets eingehalten hätten. Diese Werte - je 0,3 Millisievert für Abwasser und Abgase - beruhen jedoch nicht auf medizinischen Daten, die beweisen, dass diese Strahlung für den Menschen ungefährlich ist. Vielmehr stammen sie von mehr oder weniger willkürlichen Berechnungen aus den 50er-Jahren. Seither haben die zuständigen Gremien die Werte zwar mehrfach modifiziert. Dennoch bezweifeln Strahlenbiologen, dass die Einhaltung dieser Grenzwerte einen wirksamen Schutz vor einer Krebserkrankung bieten, denn für ionisierende Strahlen gibt es keine Dosis-Wirkungs-Beziehung.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat das Gutachten zur Prüfung an die Strahlenschutzkommission des Bundes überwiesen. Diese Auswertung wird vermutlich noch einige Monate auf sich warten lassen.

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