Aufbruch ins Land der günstigen Preise
Wenn die Preise für Öl und Gas explodieren, greift der Staat zur Gießkanne. Das kostet Milliarden, lindert aber nur die Symptome. Was wirklich helfen würde – und wie Verbraucher gut durch die Energiekrise kommen.
Von Volker Kühn und Julia Graven
(27. Juli 2026) Als am 28. Februar die ersten Raketen im Iran einschlagen, reagieren die Gasmärkte auf der ganzen Welt sofort. An der Börse in Amsterdam springt der TTF, der wichtigste europäische Referenzpreis für Erdgas, von 31 auf 45 Euro. Mitte März macht er einen weiteren Satz auf 74 Euro, als bekannt wird, dass der Iran den größten Erdgaskomplex in Katar zerstört hat. Zu Friedenszeiten produzierte die Anlage in Ras Laffan ein Fünftel des weltweiten Flüssigerdgases (LNG). Die Reparatur könnte fünf Jahre dauern.
Auch durch Europas Tankstellenmarkt jagt der Iran-Krieg Schockwellen. Der Liter Diesel, mit 1,75 Euro Anfang Februar im Rückblick ein Schnäppchen, schießt in den ersten Kriegswochen auf bis zu 2,45 Euro. Teurer als im April waren Diesel und Benzin in Deutschland nie, meldet der ADAC. Ein Fünftel des europäischen Diesels kommt aus dem Nahen Osten. Ein großer Teil davon muss die Straße von Hormus passieren. Doch der Iran sperrt die Meerenge, die Öltanker stauen sich, der Nachschub stockt.
Die Energiekrise kommt nur vier Jahre, nachdem die Preise schon einmal explodiert sind, als Reaktion auf den russischen Einmarsch in die Ukraine. Die Suezkrise in den Fünfzigern, der Jom-Kippur-Krieg mit autofreien Sonntagen in den Siebzigern, die Irak-Kriege der Achtziger, Neunziger und Nullerjahre, der Bürgerkrieg im Förderland Libyen ab 2011 – kaum ein Jahrzehnt verging ohne Preisschocks.
Kriege in Erdölstaaten, Versorgungslücken: Krisen sind Bestandteil des Systems
Und doch wirkt die Reaktion der Politik in vielen europäischen Ländern auch diesmal, als seien Öl- und Gaskrisen historische Ausnahmen und nicht die Regel. In Deutschland senkt die Bundesregierung die Spritsteuern für zwei Monate, ähnlich wie nach Beginn des Ukraine-Kriegs. 1,6 Milliarden Euro kostet das den Bundeshaushalt. Dabei profitieren Gutverdiener davon überproportional; »eine sehr schlechte Idee«, nennt Top-Ökonom Gabriel Felbermayr vom Sachverständigenrat der Bundesregierung denn auch den Tankrabatt. Obendrein ist unklar, wie viel davon tatsächlich bei den Verbrauchern ankommt und wie viel auf den Konten der Mineralölkonzerne landet.
Bringen solche Maßnahmen also überhaupt etwas? Müsste der Staat womöglich ganz anders auf Energiekrisen reagieren? Um das zu beantworten, muss man sich anschauen, wie die Energiemärkte funktionieren.
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Das Gesetz von Angebot und Nachfrage kennen schon Grundschulkinder. Wenn sie in der Pause Sammelbilder tauschen, merken sie sofort: Der Ersatztorwart von Kanada ist weniger wert als die seltene Glitzerkarte von Lionel Messi. Auf den Energiemärkten gilt dasselbe Prinzip, allerdings sind die Einsätze höher. Die Händler treffen sich auch nicht auf dem Pausenhof, sondern sitzen an Computern in London, New York oder Singapur.
Der Preis entsteht durch Angebot und Nachfrage, doch was ihn bewegt, ist komplex. Friert es in Nordamerika, wächst die Nachfrage nach Erdgas und der Preis steigt. Schwächelt Chinas Konjunktur, fallen Nachfrage und Preis. Solche Faktoren wirken rund um die Uhr, und die Energiehändler reagieren umgehend.
Zwei Märkte sind dabei entscheidend. Auf dem Spotmarkt, auch Intraday-Markt genannt, wird Energie zur sofortigen Lieferung ge- und verkauft, zum aktuellen Tagespreis. Wer kurzfristig eine Ladung Flüssiggas braucht, kauft sie hier. Die Preise schwanken stark, weil jede Information sofort eingepreist wird. Droht der Iran mit einer erneuten Blockade der Meeresenge, schlägt der Gaspreis TTF unmittelbar aus.
Daneben existiert der Terminmarkt. Dort schließen Käufer und Verkäufer Verträge über künftige Lieferungen, in sechs oder zwölf Monaten zum Beispiel. Eine Airline sichert sich so den Kerosinpreis für den Winter, eine Raffinerie deckt ihren Rohölbedarf für das nächste Quartal. Diese Terminkontrakte heißen Futures. Sie dienen der Absicherung gegen Preisrisiken, ziehen aber zugleich Spekulanten an, die auf steigende oder fallende Preise wetten. So sorgen sie dafür, dass aktuelle Erwartungen und Zukunftsängste bereits heute in den Preisen stecken.
Öl und Gas sind damit keine reinen Rohstoffe mehr, sondern globale Finanzprodukte, die zigfach gehandelt werden, bevor sie irgendwann im Tank oder einer Heizung landen.
Europa ist nicht länger von russischem Erdgas abhängig – aber abhängig ist es noch immer
Gegen Spekulanten und Kriege können sich Staaten nur begrenzt wappnen. Sie können Ölreserven in großen unterirdischen Lagern anlegen, wie das Deutschland tut. Das hilft in Energiekrisen eine Weile. Und sie können versuchen, die Beschaffung zu diversifizieren, also bei möglichst vielen Lieferanten einzukaufen. Das gelingt Deutschland eher mäßig. Bis 2021 kam mehr als die Hälfte des Erdgases aus Russland; europaweit waren es 40 Prozent. Heute liegt der Kontinent nur noch bei sechs Prozent, aber abhängig ist er weiterhin: Statt durch Putins Pipelines kommt das Gas jetzt zu einem erheblichen Teil per LNG-Tanker aus den USA.
Und selbst wenn Europa noch so große Reserven anlegt und Quellen in aller Welt anzapft, ändert sich nichts daran, dass der rohstoffarme Kontinent seinen Bedarf an Kohle, Öl und Gas nicht selbst decken kann. 2025 zahlten die EU-Länder nach Angaben der Kommission 335 Milliarden Euro für den Import fossiler Rohstoffe. Allein in Deutschland sind es pro Jahr gut 80 Milliarden Euro.
Ist Europa den Launen von Autokraten und dem Treiben von Spekulanten also schutzlos ausgeliefert? Nein, denn arm an Rohstoffen ist nicht gleichbedeutend mit arm an Energie. Dänemark war das erste Land in Europa, das das erkannt hat. Nach dem Preisschock der Ölkrise von 1973/74 begann das Land, systematisch in erneuerbare Energien zu investieren. Vor allem die Windkraft sollte Dänemark helfen, aus der fossilen Falle zu entkommen.
Bürgerenergiegesellschaften und Pionierunternehmen wie der frühere Landmaschinenhersteller Vestas trugen dazu bei, dass das Land seinen Strombedarf heute zeitweise zu mehr als 100 Prozent mit Ökostrom deckt.
Deutschland startete erst zwei Jahrzehnte später in die Energiewende und hielt – bis heute – nicht so konsequent daran fest wie die Dänen. Aber auch hier verdrängen erneuerbare Energien die fossilen zunehmend, schlicht weil sie in der Erzeugung günstiger sind.
Allerdings führt auch das manchmal zu extremen Preisausschlägen.
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Am 1. Mai 2026 ruht die Arbeit. Fabriken stehen still, Büros bleiben leer. Entsprechend niedrig ist die Stromnachfrage. Doch weil zugleich die Sonne strahlt und im Norden ein frischer Wind weht, ist das Angebot riesig. Im Ergebnis fallen die Strompreise auf dem Spotmarkt – in der Spitze auf minus 499,99 Euro je Megawattstunde.
Solche negativen Preise treten seit einigen Jahren immer häufiger auf, 2025 bereits in mehr als 570 Stunden des Jahres. Für Haushalte mit Smart Meter und dynamischem Stromtarif ist das eine gute Nachricht. Sie können dann etwas Geld verdienen. Ein Durchlauf von Waschmaschine und Trockner bringt ein paar Cent, ein vollgeladener Autoakku einen niedrigen Eurobetrag. »Wer einen hohen Stromverbrauch hat und in der Lage ist, ihn in möglichst günstige Zeiten zu verschieben, der kann mit einem dynamischen Stromtarif Geld sparen«, sagt Benjamin Weigl von der Verbraucherinformation Finanztip gegenüber der Energiedepesche.
Doch was flexible Haushalte freut, ist anderen ein Dorn im Auge. Denn negative Preise belasten die Staatskasse, da ein Teil der Stromerzeuger auch in diesen Phasen eine Vergütung je Kilowattstunde bekommt. Zudem gefährden sie den Erneuerbaren-Ausbau: Wenn private Investoren fürchten müssen, dass ihre Anlagen immer öfter kein Geld verdienen, fehlt der Anreiz, weitere Projekte hochzuziehen.
Sind negative Preise ein Marktversagen? Im Gegenteil, sagen Ökonomen
Kritiker der Energiewende sehen die Schuld für negative Preise in den Erneuerbaren. Die Überschüsse an Wind- und Solarstrom belasteten die Volkswirtschaft, der Ausbau müsse gedrosselt werden. Allerdings braucht Deutschland noch viel mehr Kapazität aus sauberen Quellen, wenn es bis 2045 klimaneutral sein will. Zudem sind es die konventionellen Kraftwerke, die nicht schnell genug heruntergeregelt werden können, teils aus technischen Gründen, teils weil sie neben Strom auch Wärme produzieren. Sie zahlen lieber drauf, als ihre Anlagen abzuschalten, und tragen damit maßgeblich zum Phänomen negativer Preise bei.
Strommarktexperten weisen zudem die These zurück, dass Negativpreise Zeichen eines Marktversagens seien. »Der Preis spiegelt schlicht das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wider«, sagt Leonhard Gandhi vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme im Gespräch mit der Energiedepesche. Er warnt davor, in den Mechanismus einzugreifen, nach dem sich der Preis auf dem Strommarkt bildet, die sogenannte Merit Order. So bezeichnet man die Reihenfolge, in der Kraftwerke eingesetzt werden, um die Stromnachfrage zu decken.
Zunächst werden die Kraftwerke herangezogen, die am günstigsten Strom erzeugen. Das sind grundsätzlich Solaranlagen und Windparks. Dann werden die nächstteureren Kraftwerke zugeschaltet, bis die Nachfrage schließlich gedeckt ist. Das teuerste Kraftwerk, das dazu gerade noch gebraucht wird, bestimmt den Preis, den sämtliche Stromproduzenten bekommen.
Kritiker halten das für ungerecht, weil Solarstromerzeuger genauso viel Geld bekommen wie Betreiber von Gaskraftwerken, obwohl sie viel geringere Kosten haben. Doch im Grunde ist es das Prinzip des Wochenmarkts: Kein Bauer würde seine Äpfel weit unter dem Preis der anderen verkaufen, nur weil er günstiger ernten konnte. »Die Merit Order ist sehr effizient«, sagt Gandhi. »Sie sorgt dafür, dass teure Kraftwerke aus dem Markt verdrängt werden und Investitionen vor allem in saubere und günstigere Technologien fließen.«
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Die Antwort auf fossile Energiekrisen sind Erneuerbare – das sehen längst auch marktliberale Kräfte so. Europa müsse ihren Ausbau beschleunigen, um die Preise langfristig zu senken, forderte das grüner Umtriebe unverdächtige Wirtschaftsmagazin »Economist« bereits 2022. Doch die Krise verlangt nicht nur langfristige Antworten, sondern auch solche, die unmittelbar helfen.
Hier zeigt der Blick ins Ausland, was möglich wäre. »Andere Länder machen vor, wie in der Energiekrise zukunftsgerichtet investiert und zielgerichtet entlastet wird«, erklärt Marie-Louise Zeller, wissenschaftliche Referentin der Stiftung Zukunft KlimaSozial, gegenüber der Energiedepesche. Frankreich hat einen Elektrifizierungsbooster beschlossen; ein Paket zum E-Auto-Leasing für einkommensschwache Haushalte wurde verdoppelt. Bulgarien überweist bei hohen Spritpreisen Geld direkt auf das Konto von Menschen mit geringem Einkommen. Spanien hat den »Sozialbonus Wärme« erhöht, eine jährliche Einmalzahlung an einkommensarme Haushalte. »Diese Beispiele zeigen, dass soziale Entlastungen nicht zwangsläufig mit der Gießkanne erfolgen müssen, sondern auch gezielter eingesetzt werden können«, so Zeller.
Klug seien in der Krise vor allem solche Lösungen, die denjenigen helfen, die es am nötigsten haben, und zugleich den Umbau des Energiesystems antreiben, statt ihn zu bremsen, heißt es bei Verbraucherschutzorganisationen wie der Deutschen Umwelthilfe. Statt fossile Energien über Maßnahmen wie einen Tankrabatt mit Milliarden zu subventionieren, müssten grüne Technologien vergünstigt und für alle zugänglich gemacht werden.
Die Lektion der Energiekrisen von den autofreien Sonntagen der Siebziger bis zu den Schockwellen des Iran-Kriegs ist immer dieselbe: Abhängigkeit macht verwundbar. Ein Balkonkraftwerk für ein paar Hundert Euro, eine Solaranlage auf dem Dach, eine Wärmepumpe im Vorgarten, besser gedämmte Fenster – jede dieser Maßnahmen bedeutet etwas mehr Schutz gegen die nächste Krise. Denn die kommt bestimmt.
Zehn Tipps, mit denen Sie einfach Energie sparen
- Hydraulischer Abgleich Viele Heizungen verteilen ihr Wasser falsch: Manche Heizkörper bekommen zu viel, andere zu wenig. Ein hydraulischer Abgleich korrigiert das und senkt den Energieverbrauch um bis zu 15 Prozent. Einmalig erledigen, dauerhaft sparen (siehe auch „Kleiner Aufwand, hohe Rendite“).
- Hahn auf kalt Am Handwaschbecken den Mischer immer auf kalt stellen. Warmwasser benötigt manchmal eine halbe Minute, bis es ankommt. Bis dahin sind viele schon mit dem Waschen fertig. Also besser gleich mit kaltem Wasser erledigen – das spart Energie, und man spürt kaum einen Unterschied.
- Kühlschrank richtig einstellen Sieben Grad reichen in der Regel, minus 18 Grad im Gefrierfach. Die meisten Geräte laufen kälter – und verbrauchen dadurch unnötig Strom. Wer die Temperatur anpasst, spart sofort.
- LEDs immer ausschalten Viele kennen die Drei-Minuten-Regel, nach der das Licht nur dann ausgeschaltet werden sollte, wenn man einen Raum länger verlässt. Doch das gilt nur für alte Energiesparlampen, nicht für LED. Dort lohnt sich das Ausschalten auch für kurze Zeiträume.
- ... und den Drucker gleich mit Ein älterer Laserdrucker verbraucht im Standby bis zu 25 Euro Strom im Jahr, ohne eine Seite zu drucken. Wer ihn nach dem Drucken abschaltet oder eine Steckdose mit Schalter nutzt, spart sofort.
- Wäsche schleudern Waschen Sie erst, wenn die Trommel voll ist, und schleudern Sie zum Schluss mit hoher Drehzahl. Dann trocknet die Wäsche schneller. Das Umweltbundesamt bestätigt den Effekt. Prüfen Sie zuvor aber, ob die Wäsche das Schleudern verträgt.
- ... und dann auf die Leine hängen Werfen Sie nicht alle Kleidung routinemäßig in den Trockner. Wind und Sonne erledigen das im Freien genauso gut. Und oft duftet die Wäsche dann sogar besser.
- Rollläden runter! Nachts die Vorhänge schließen und Rollläden herunterlassen. Damit verringern Sie den Energieverlust durch die Fenster mitunter um ein Fünftel.
- Deckel drauf! Oma hatte schon recht, wenn sie Sie ermahnt hat, nie ohne Deckel zu kochen. Denn dann verbraucht der Topf deutlich weniger Energie. Heißes Nudelwasser lässt sich nach dem Kochen etwa zum Vorspülen des Geschirrs nutzen.
- Verträge checken! Einmal im Jahr sollten Verbraucher kontrollieren, ob ihre Energieverträge noch günstig sind. Über Vergleichsportale im Internet ist das ein Kinderspiel. Ob Strom, Gas, Pellets oder Heizöl – ein Wechsel spart in vielen Fällen Hunderte Euro.



