Modernisierung aus einer Hand
Sogenannte One-Stop-Shops sollen nach Plänen der EU Sanierungen einfacher und günstiger machen. Doch Deutschland kommt mit der Umsetzung nicht hinterher. Dabei belegen Vorbilder den Nutzen solcher Anlaufstellen.
Von Werner Neumann
(17. August 2026) Wer schon ein Haus saniert hat, kennt sicher auch die Schwierigkeiten. Der Energieberater macht plötzlich Fehler, man findet keine Handwerker, die KfW kürzt nachträglich die Zuschüsse, die Bank will die KfW-Programme nicht umsetzen …. Und am Ende klappt doch alles, weil man noch einen guten Berater findet und der Wärmedämm-Handwerker nebenbei die Bauüberwachung übernimmt.
Die Modernisierung ist ein komplexer Vorgang. Eigentlich bräuchte man eine eigene Beratung, um die anderen Beratungen aufeinander abzustimmen. Das sieht man offenbar auch in Brüssel so. Deshalb sieht die EU vor, sogenannte One-Stop-Shops einzurichten – zentrale Anlaufstellen, die Eigentümerinnen und Eigentümer umfassend zu Sanierung, Finanzierung und Förderung beraten. Pro 80.000 Einwohner soll eine solche Stelle entstehen, insbesondere in Gegenden mit altem Gebäudebestand und Quartierssanierungen. Die Stellen sollen innerhalb von 90 Minuten erreichbar sein.
Doch es hapert mit der Umsetzung. Deutschland hätte die EU-Vorgaben schon im Oktober 2025 beziehungsweise im Mai dieses Jahres umsetzen müssen. Aber das ist nicht passiert – obwohl der Ansatz nur Vorteile bietet:
- bessere, klarere und verlässlichere Umsetzung der Modernisierung für Hauseigentümer,
- Integration baulicher, energetischer, wirtschaftlicher und finanzieller Aspekte,
- besserer Kundenzugang des Handwerks sowie integrierte Angebote mehrerer Gewerke,
- dauerhafte Begleitung durch Energieberater,
- besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis der Maßnahmen dank genauer Abstimmung der Maßnahmen mit den Förderkriterien von BAFA und KfW sowie mit der Finanzierung.
All das schafft ein optimales Ergebnis für Eigentümer und Mieter. Der Wohnkomfort steigt, die Energieabhängigkeit sinkt, wertvolle Bausubstanz bleibt erhalten. Und nicht zuletzt hilft eine Steigerung von Sanierungsrate und -qualität, auch dem Klimaschutz.
Dass im Entwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes (GmodG) die vorgeschriebene Einrichtung solcher integrierter Anlaufstellen dennoch nicht vorgesehen ist, lässt vermuten, dass Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und Bauministerin Stefanie Hubig genau das wollen, was die integrierte Beratung eigentlich vermeiden soll: eine vermeintlich technologieoffene Heiztechnik mit fossiler, ineffizienter und teurer Technik und verschimmelten Wänden.
Was möglich ist, wenn alles ineinandergreift, zeigen Beispiele von Hannover bis ins Allgäu
Schon vor etwa 20 Jahren wurden integrierte Beratungsstellen geschaffen, oft in Kooperation mit den Verbraucherzentralen. In Frankfurt am Main entstand 2010 der »Energiepunkt Frankfurt am Main«, in dem die Stadt, der Energieversorger, mehrere Handwerksinnungen, Architekten und Schornsteinfeger mit Konzepten wie dem Umweltlernen und dem Stromspar-Check der Caritas ein Angebot entwickelten, das genau auf die Kundschaft ausgerichtet war. In Hannover hatte »proKlima« schon 2008 das Konzept der Energielotsen erfunden.
Ein Erfolgsmodell ist auch das schon 1998 gegründete Energie- und Umweltzentrum Allgäu »eza!« (»jetzt!«). Getragen von Landkreisen, Kommunen, Energieunternehmen und Handwerkskammern organisiert »eza!« zudem Fortbildungen im Handwerk in einem gewerke-übergreifenden Netzwerk.
Und in Bottrop zeigte die »Innovation City Ruhr«, wie man die Sanierungsrate von unter einem Prozent auf vier Prozent steigern kann. Nämlich, indem die Energieberatung gezielt auf die Eigentümer und (!) Mieter zugeht, auf die familiären und finanziellen Verhältnisse eingeht (junges Paar oder alt und alleinstehend? Arm oder reich? Baulich erfahren oder nicht?) und bis zum Abschluss inklusive der Kontrolle der Verbräuche dranbleibt.
In vielen EU-Ländern entstanden One-Stop-Shops sehr spezifisch und unter Berücksichtigung von Haushalten, in denen Energiearmut herrscht. Hierzu sollte die Bundesregierung bis Dezember 2025 Vorschläge für die Umsetzung des Klimasozialfonds der EU vorlegen und mit den Verbänden konsultieren. Doch auch das ist nicht erfolgt.
Ein verbreiteter Einwand lautet: Aber wer soll das bezahlen? Dabei sind die nötigen Gelder vorhanden. Es könnten Mittel aus dem Klima- und Transformationsfonds gezielt eingesetzt werden. Denkbar sind auch Beiträge der ausführenden Firmen sowie der Hauseigentümer. Denn die Kosten für den integrierten Service liegen im Bereich weniger Prozent der gesamten Sanierungskosten. Und die sind schnell eingespart, wenn man eine Auswahl qualifizierter Angebote erhält, von der Zeitersparnis und Absicherung gegen Fehlberatungen ganz abgesehen.
Wenn die Politik den Vorgaben nicht nachkommt, müssen Verbraucher Druck machen
Gemäß den EU-Vorgaben müssen nun 1000 Zentrale Anlaufstellen eingerichtet oder ausgebaut werden. Aufgrund der geforderten Integration sollten diese mindestens fünf Personen (pro 80.000 Einwohner) umfassen, die das Spektrum Energieberatung, Handwerk, Architektur, Energie, Finanzierung und Förderung abdecken. Ihre Aufgabe ist einerseits die Akquise von Interessenten durch Veranstaltungen und Marketing, andererseits deren Vernetzung. Die Aufgaben müssen an die weiteren Akteure (Energieeffizienzberater, Energieunternehmen, Handwerk, Finanzierer) verteilt und koordiniert werden.
Neben dem Ausbau bestehender Stellen und der Verbraucherzentralen kann auch der Aufbau regionaler Stellen der Landesenergieagenturen eine schnell umsetzbare Lösung sein. Leider streichen mehrere Landesregierungen Mittel für Energieberatung, Verbraucherschutz und Klimaschutz. Daher gilt es primär, die Politik davon zu überzeugen, dass die Lösungen für Wohnungsnot, Klimaschutz, Wirtschaftswachstum in der energetischen Sanierung des Gebäudebestandes liegen. Wahrscheinlich muss der Bund der Energieverbraucher wieder Beschwerdebriefe nach Brüssel schicken. Denn es geht um viel: um komfortable Wohnverhältnisse – und um unsere Lebensgrundlagen.
One-Stop-Shops
sind zentrale Anlaufstellen für die energetische Sanierung von Gebäuden. Sie bündeln Beratung zu Technik, Förderung und Finanzierung und vernetzen alle Beteiligten – von Energieberatern bis zum Handwerk. Ziel ist es, Sanierungen einfacher, effizienter und verlässlicher zu machen sowie Eigentümer und Mieter spürbar zu entlasten.
