Wärme aus dem Container

Aachener Forscher, ein Start-up aus Österreich und ein Bochumer Wohnungskonzern nehmen das vielleicht größte Problem der Wärmewende in Angriff: Wohnblöcke.
Von Volker Kühn

(3. August 2026) Ein Mehrfamilienhaus von Gas auf Wärmepumpen umzustellen, erfordert Geld, Geduld und starke Nerven: Drei Monate Bauzeit sind keine Seltenheit, teils sind vier Gewerke zugleich im Einsatz, Mieter klagen über Lärm und kalte Heizkörper. Und am Ende steht eine Anlage im Keller, die nach Einschätzung von Wolfgang Boos nicht selten um bis zu 50 Prozent überdimensioniert ist.

Boos ist Professor für Produktionsmanagement an der RWTH Aachen und leitet die Demonstrationsfabrik DFA auf dem dortigen Campus. Er arbeitet daran, die Wärmewende in Wohnblöcken zu beschleunigen. Statt in Wochen oder gar Monaten soll der Heizungstausch künftig in einem oder maximal zwei Tagen erledigt sein. »Wenn wir unsere Klimaziele ernst nehmen, dann dürfen wir nicht im Schneckentempo weitermachen«, sagt Boos.

 ED 02/2026 Wärme aus dem Container (S.22/23) 

Die Projektpartner: Wolfgang Boos und Gregor Tücks von der DFA sowie die EncerCube-Gründer David Riedl und Laurenz Sutterlüty (von links).

Wie dringend neue Ideen für den Gebäudesektor sind, zeigt ein Blick in die Statistik: Fast die Hälfte der knapp 44 Millionen Wohnungen in Deutschland befindet sich in Mehrfamilienhäusern. Entsprechend groß ist ihr Anteil am Energieverbrauch. Doch klimafreundlich heizen die wenigsten. Denn während es für Ein- und Zweifamilienhäuser längst erprobte Wärmepumpen gibt, fehlen solche Lösungen für Mehrfamilienhäuser weitgehend. Und längst nicht überall gibt es saubere Wärmenetze, an die ein Wohnblock angeschlossen werden könnte.

Genau diese Lücke will das Start-up EnerCube aus Salzburg schließen. Die beiden Gründer David Riedl und Laurenz Sutterlüty haben einen vorgefertigten Container entwickelt, der alle Komponenten der neuen Heizanlage enthält: Wärmepumpe, Warmwasserbereitung, Hydraulik. Der Cube, etwa so groß wie zwei Parkplätze, kommt per Lkw ans Gebäude und   wird per Kran auf den vorgesehenen Platz gesetzt. Anschließend werden nur noch die bestehenden Leitungen der alten Heizung angeschlossen.

Doch so bestechend das Konzept der Österreicher war, so schwer taten sie sich dabei, es in die Breite zu tragen. In die ersten Cubes flossen Hunderte Stunden Handarbeit. »Das war fast wie in einer Manufaktur«, sagt Boos. An dieser Stelle kamen er und die Demonstrationsfabrik Aachen ins Spiel. Sie ist darauf spezialisiert, jungen Firmen beim Schritt von der Einzel- in die Serienfertigung zu helfen – vom Handwerk zum Industrieprodukt.

 ED 02/2026 Wärme aus dem Container (S.22/23) 

Installation eines Cubes in Aachen.

Serienbau und Großauftrag von Vonovia: Das Projekt nimmt Fahrt auf

In der Aachener Fertigungshalle arbeitet Boos' Team derzeit in enger Abstimmung mit den Gründern daran, die Produktion auf Effizienz zu trimmen. In einem ersten Schritt stellten sie die Herangehensweise um. Anfangs wurden alle Komponenten in einem Container mit geschlossenem Dach zusammengeschraubt.

Jetzt werden sie auf einer offenen Bodenplatte montiert, sodass die Arbeit mit einem Kran möglich ist. Seitenwände und Dach folgen später. »Allein das hat die Montage um 20, 30 Stunden beschleunigt«, sagt Boos. Anfang des Jahres produzierte die Fabrik im Schnitt zwei Cubes pro Woche. Ende des Jahres sollen es 100 sein.

Seinen Durchbruch könnte das Konzept aber ausgerechnet einem Unternehmen verdanken, das unter Mieterverbänden nicht unbedingt den besten Ruf genießt: dem Bochumer Wohnungskonzern Vonovia. 

Im September 2025 unterzeichneten EnerCube, die Demonstrationsfabrik und Vonovia einen Rahmenvertrag über den Bau von 1000 Cubes bis Ende 2029. An die 20.000 Wohnungen aus dem Vonovia-Bestand werden damit umgestellt; für EnerCube bedeutet das Erlöse in siebenstelliger Höhe. »Klimafreundliches Heizen entwickelt sich zum neuen Standard«, erklärte die zur Vertragsunterzeichnung angereiste NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur.

Vonovia wählte für den Start Wohnungen aus, die sich besonders gut für die Umrüstung eignen: Mehrfamilienhäuser mit rund 600 Quadratmetern Grundfläche. Neue Heizkörper, Fenster oder umfangreiche Dämmungen sind in der Regel nicht nötig. Das liegt nach Worten von Boos auch daran, dass die Cubes mit Wärmepumpen des Tiroler Herstellers Lambda ausgestattet sind. Sie erreichen eine Vorlauftemperatur von etwas über 70 Grad. »Damit können Sie die bestehenden Heizsysteme in den Wohnungen so lassen, wie sie sind. Sie brauchen nichts anzufassen«, sagt Boos.

 ED 02/2026 Wärme aus dem Container (S.22/23) 

Die Container versorgen bis zu 40 Wohnungen – sauber und leise

Je nach Gebäudegröße gibt es den Cube in verschiedenen Leistungsstufen. Eine Anlage reicht für 10 bis 40 Wohnungen. Die Wärme zieht sie aus der Außenluft – und weil das System von Anfang an auf Lärmminimierung ausgelegt wurde, stört es auch in eng bebauten Stadtquartieren niemanden. Zudem wurde auf eine ansprechende Optik geachtet. Mit verschrammten Seecontainern haben die Cubes nichts gemein. 

Inzwischen sind die ersten Cubes im Einsatz. Bei einem Zwölfparteienhaus, Baujahr 1972 in Donauwörth, sei es gelungen, die Heizkosten der Mieter um etwa 40 Prozent zu senken, heißt es bei Vonovia. Zu den Kosten für die Investoren kursieren Angaben von gut 10.000 Euro je Wohneinheit.

Was EnerCube noch fehlt, ist ein eigenes Servicekonzept. Einen 24-Stunden-Notdienst kann das Start-up nicht stemmen. Boos setzt langfristig auf Condition Monitoring: Sensoren, die einen Ausfall vorhersagen, bevor er passiert. In der Automobilindustrie ist das längst Standard. In der Heizungsbranche nicht.

letzte Änderung: 04.07.2013