Energy Sharing –  zwischen Pioniergeist und Regulatorik

Strom aus PV-Anlagen oder Windrädern digital mit Nachbarn, Freunden oder der Familie teilen – dieses Konzept nennt sich Energy Sharing. Es gilt als wichtiger Baustein einer dezentralen Energiewende. Während die Politik bei der Umsetzung lange gezögert hat, schaffen Plattformen wie WeShareEnergy Fakten.
Von Aribert Peters

(7. Juli 2026) Die Grundidee des Energy Sharings ist ebenso elegant wie bestechend: Mehrere Personen nutzen gemeinsam den Strom aus einer oder mehreren Erneuerbare-Energien-Anlagen, verteilt über das öffentliche Netz – ohne dass dafür eine eigene, teure Stromleitung quer durch das Viertel gebaut werden müsste. Wer eine Photovoltaikanlage besitzt und im Sommer mehr Strom produziert, als er selbst verbrauchen kann, speist diesen nicht mehr ausschließlich gegen eine vergleichsweise geringe, starre Vergütung ins öffentliche Netz ein. Stattdessen wird der Überschuss virtuell an eine selbst gewählte Community weitergegeben – etwa an Mieter, Nachbarn, Vereinsmitglieder oder regionale Netzwerke.

 ED 02/2026 Energy Sharing – zwischen Pioniergeist und Regulatorik (S. 26-29) 

Endlich gibt es eine Gesetzesgrundlage. In der Praxis lässt es sich jedoch kaum umsetzen

Seit dem 1. Juni 2026 ist das Energy Sharing endlich auch in Deutschland gesetzlich verankert: Der neue Paragraf 42c des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) setzt damit verspätet die Vorgaben der EU aus der Strombinnenmarktrichtlinie (EMD III) um. Für Verteilnetzbetreiber besteht nun die gesetzliche Verpflichtung, das Teilen von Strom in ihrem Netzgebiet zu ermöglichen.

Doch bei genauem Hinschauen ist die staatliche Lösung in der Praxis noch kaum nutzbar. Von Bürgerenergieverbänden wird das deutsche Vorgehen aus mindestens drei Gründen scharf kritisiert:

  • Die Smart-Meter-Pflicht als Nadelöhr: Das Gesetz verlangt zwingend ein zertifiziertes intelligentes Messsystem (iMSys), das Erzeugung und Verbrauch viertelstundengenau erfasst. Das Problem: Bislang sind in Deutschland gerade einmal rund 5,5 Prozent aller Zähler entsprechend umgerüstet.
  • Die räumliche Beschränkung: Geteilt werden darf laut Gesetz zunächst streng nur innerhalb desselben Netzgebiets beziehungsweise eines einzelnen Bilanzierungsgebiets.
  • Bürokratischer Overkill: Für die gesetzliche Variante müssen Verbraucher zwei separate Verträge parallel managen – einen klassischen Liefervertrag für den Reststrom sowie eine zusätzliche, komplexe Nutzungsvereinbarung für den Sharing-Anteil. 

5,5 Prozent der Haushalte besitzen ein Smart Meter. Der Zähler ist die Voraussetzung für Energy Sharing / Quelle: BNetzA

Pragmatismus statt Bürokratie: Das Modell von WeShareEnergy

Um diese Hürden zu umgehen, beschreitet , beschreitet die Düsseldorfer Firma WeShareEnergy (WSE) einen neuen Weg: den einer sogenannten Energy Community. Alle Teilnehmer einer Community wechseln zu WeShareEnergy als ihrem neuen, regulären Stromanbieter. Elektrisch ändert sich am Hausanschluss dadurch rein gar nichts; lediglich das Abrechnungsmodell im Hintergrund wird digital neu geordnet. WSE übernimmt beim Wechsel sogar die Kündigung beim bisherigen Versorger, um die Hürde für Verbraucher so gering wie möglich zu halten. WSE ist – rein juristisch betrachtet – kein echtes Energy Sharing im Sinne der neuesten Richtlinien der Europäischen Union, sondern basiert auf einem kaufmännischen Versorgerwechsel.

Als Mitglied einer Community kann man als Erzeuger (Prosumer) festlegen, zu welchem Preis und an wen man seinen selbst produzierten Solarstrom verkaufen möchte. Auf der anderen Seite haben Verbraucher die Freiheit, gezielt auszuwählen, von welchen Mitgliedern der Community sie ihren Strom vorrangig beziehen möchten. Reicht der selbst erzeugte Strom einmal nicht aus, ergänzt die Plattform von WSE die Versorgung automatisch mit zugekauftem Ökostrom, etwa aus zertifizierter Windkraft. 

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Die Erzeuger legen den Preis ihres Stroms fest – die Abnehmer entscheiden, von wem sie sich beliefern lassen wollen.

Nutzer berichten in Foren von einem hohen Motivations- und Identifikationsfaktor. Das visuelle Feedback der Plattform, das genau anzeigt, wann der Nachbar oder die lokale Genossenschaft Überschuss produziert, führt zu einer Verhaltensanpassung: Verbraucher schalten die Waschmaschine oder die Wallbox gezielt dann ein, wenn die Sonne in der Community brennt. Initiatoren regionaler Gemeinschaften betonen, dass die Abwanderungsquote bei einmal gestarteten Communitys gegen null tendiert, weil das Gefühl, den Strombezug demokratisch und lokal zu organisieren, die Menschen dauerhaft bindet.

Während der Gesetzgeber Hürden aufbaut, hebelt das Düsseldorfer Modell die Smart-Meter-Pflicht elegant aus. Für die Teilnahme an einer WSE-Community genügen ein einfacher digitaler Zähler, eine stabile WLAN-Verbindung und ein spezieller optischer Lesekopf. Dieser Lesekopf wird für einmalig zum Preis von rund 90 Euro auf den vorhandenen Zähler gesetzt. Er liest die Daten aus und übermittelt den Verbrauch viertelstundengenau an die Plattform von WeShareEnergy. Eine aufwendige, amtliche Smart-Meter-Installation ist nicht erforderlich, was den Einstieg enorm erleichtert.  Für PV-Betreiber bleibt die Absicherung durch die gesetzliche EEG-Vergütung vollständig erhalten, wenn sie  Mitglied einer Energy-Community werden. 

Liegt der in der Community vereinbarte Preis über der gesetzlichen Vergütung, erhalten sie sogar eine zusätzliche Zahlung über die Plattform. Für nicht in der Community verkauften Strom erhält der Einspeiser die gesetzliche Vergütung. Im Schnitt pendeln sich die intern verhandelten Preise bei acht bis neun Cent pro Kilowattstunde ein. Bereits rund 30.000 Kilowatt Peak werden über die Communities von WSE gehandelt. 

Für Strombezieher ist der Preis des WSE-Ökostroms die Obergrenze. Er ist regional unterschiedlich und lässt sich über das Internetportal abfragen. Wer einen dynamischen Tarif bevorzugt, kann bei WSE auch dorthin wechseln und über den Lesekopf viertelstundengenau abrechnen. Damit verabschiedet man sich allerdings aus der Community. Die Vertragslaufzeit bei WSE liegt bei einem Monat – ein Wechsel ist jederzeit unkompliziert möglich.

Transparenz nur für Mitglieder, hohe Netzentgelte: Kritikpunkte des Modells 

In Internetforen gibt es auch Kritik an WeShareEnergy. Die Nutzererfahrungen offenbaren im Wesentlichen drei Schwachstellen:

  • Um Einblick in eine lokale Community zu erhalten und die internen Strompreise einzusehen oder verbindlich mit den Erzeugern zu verhandeln, verlangt WSE den vollständigen Abschluss eines Stromliefervertrags. Manche fühlen sich gezwungen, die Katze im Sack zu kaufen. Die kurze Kündigungsfrist von einem Monat federt dieses Risiko allerdings ab.
  • Da der Strom physisch durch das öffentliche Leitungsnetz fließt, fallen die vollen Netzentgelte an (selbst wenn der Strom lediglich zum Nachbarn transportiert wird). Zudem sind Umlagen, Stromsteuer, Konzessionsabgaben und Mehrwertsteuer fällig. Während Nachbarländer wie Österreich, Italien oder die Schweiz den Wert von lokal erzeugtem Strom bereits anerkennen und die Netzentgelte für regionale Sharing-Gemeinschaften deutlich reduziert haben, weigert sich die deutsche Politik beharrlich, solche Anreize zu schaffen. 
    Deutschland verstößt damit gegen die EU-Norm, die verursachungsgerechte Netzentgelte vorschreibt. Wenn der PV-Anlagen-Besitzer aus purem Altruismus oder Nachbarschaftshilfe seinen Strom für extrem günstige zehn Cent (inklusive einem Cent Transaktionsgebühr für WSE) anbietet, schlagen die Netzkosten und staatlich veranlasste Kosten im Schnitt mit rund 19 bis 20 Cent zu Buche. Der Empfänger zahlt am Ende also dennoch rund 29 bis 30 Cent pro Kilowattstunde.
  • Wie viel ein Haushalt am Ende tatsächlich spart, lässt sich  nicht vorhersagen. Es hängt vom Netzgebiet und den individuellen Angeboten innerhalb der jeweiligen Community ab. Wer in einer Region mit traditionell hohen Netzentgelten wohnt oder wessen Community-Mitglieder den virtuellen Marktplatz nicht optimal pflegen, hat einen geringeren Nutzen.

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Die Strompreise in der Community sind günstig. Wer es auf den letzten Cent anlegt, findet aktuell aber niedrigere Tarife.

Wirtschaftlichkeits-Check: Die Strompreise 2026 im Vergleich

Um zu bewerten, ob sich der Wechsel in eine WSE-Community trotz der Netzkosten lohnt, muss man die aktuellen Marktdaten für Privatkunden im Juni 2026 heranziehen. Verglichen mit dem starren, bundesweiten Gesamtdurchschnitt aller deutschen Haushalte (37 Cent) ergibt sich zwar ein theoretisches Einsparpotenzial von fast zehn Cent pro Kilowattstunde. Wer jedoch ein aktiver Tarifhopper ist und regelmäßig die günstigsten Neukundentarife auf dem freien Markt vergleicht (die teils wieder bei 23 bis 24 Cent liegen), fährt mit einem klassischen Versorgerwechsel oft günstiger als mit der Stromcommunity. Für Wenigwechsler ist die Stromcommunity interessanter.

8–9 Cent erhalten Stromerzeuger in der Community  von WeShareEnergy im Schnitt / Quelle: WSW

Der unsichtbare Motor und die genossenschaftliche Alternative

Ein hochinteressanter Aspekt, der vielen Endkunden gar nicht bewusst ist: WeShareEnergy tritt am Markt meistens überhaupt nicht unter eigenem Namen auf. Das Unternehmen fungiert als rein technologischer und regulatorischer Dienstleister im sogenannten White-Label-Verfahren. Er stellt seine hochkomplexe Softwareplattform regionalen Partnern zur Verfügung, die dann als lokale Marke das Vertrauen der Menschen vor Ort genießen. Bekannte und erfolgreiche Praxisbeispiele hierfür sind: Heinergy, ein Bürger-Energy-Sharing-Netzwerk für Südhessen und den Raum Aschaffenburg, sowie die Bürgerstrom Community und die EEG Hellweg-Sauerland eG.

Der Bund der Energieverbraucher prüft derzeit intensiv, seinen zahlreichen Mitgliedern eine maßgeschneiderte, eigene Stromcommunity auf der Plattform von WeShareEnergy anzubieten – voraussichtlich unter einem griffigen Namen wie »Mitmachstrom«. Wer dieser Gemeinschaft beitritt, würde technisch und kaufmännisch komplett über die Infrastruktur von WSE versorgt, während nach außen das vertraute Logo des Bundes der Energieverbraucher für Transparenz und Sicherheit bürgt. 

Wer eine rein gemeinwohlorientierte, nicht-privatwirtschaftliche  Alternative sucht, stößt unweigerlich auf die Bürgerwerke eG. Die Bürgerwerke fungieren als mächtige Dachgenossenschaft von über 125 regionalen Bürgerenergiegenossenschaften. 

Bei den Bürgerwerken verkaufen die einzelnen Genossenschaften den Strom aus ihren eigenen Wind- oder Solaranlagen direkt an die Dachgenossenschaft. Diese tritt dann ganz klassisch als bundesweiter Stromversorger auf und beliefert Privathaushalte. Die gesamte wirtschaftliche Wertschöpfung bleibt vollständig innerhalb des genossenschaftlichen, demokratischen Verbunds.

Fazit: Für wen lohnt sich die Mitgliedschaft in einer Energy-Community?

Während der deutsche Gesetzgeber mit dem brandneuen Paragrafen 42c EnWG mühsam versucht, die hochgradig bürokratischen Leitplanken für ein zukünftiges Energy Sharing zu errichten – und die breite Masse der Verbraucher mangels Smart-Meter-Infrastruktur noch jahrelang vertröstet werden muss –, beweist WeShareEnergy eindrucksvoll, dass gemeinschaftliche Stromversorgung im Hier und Jetzt digital umsetzbar ist.

letzte Änderung: 25.06.2013