Klimaschutz, der allen nutzt
Wie die Energiewende Gesellschaft und Wirtschaft stärkt: Ein Gastbeitrag von Claudia Kemfert
(2. Februar 2026) Die globalen Klimaverhandlungen haben erneut gezeigt, wie groß die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Notwendigkeit und politischer Umsetzung bleibt. Zwar wurden Fortschritte bei der Klimafinanzierung erzielt, doch zentrale Entscheidungen zum Ausstieg aus fossilen Energien wurden verwässert oder verschoben. Ökonomisch betrachtet ist dies ein teures Zögern: Je länger der fossile Pfad fortgeführt wird, desto höher werden die Folgekosten der Klimakrise und desto mehr Investitionen müssen später unter größerem Zeitdruck nachgeholt werden. Die internationalen Beschlüsse bestätigen die Bedeutung der Transformation, verfehlen aber weiterhin das Tempo, das wirtschaftlich sinnvoll und nötig wäre.
Die Ökonomin Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am DIW. Ihr Schwerpunkt liegt auf den Folgen des Klimawandels und den Chancen der Energiewende.
Diese globale Unsicherheit überträgt sich direkt auf die europäische und deutsche Politik. Der Green Deal bietet einen stabilen Rahmen, doch viele Elemente geraten unter Druck. Eine Abschwächung der CO₂-Bepreisung oder zusätzliche Ausnahmen für fossile Industrien wären nicht nur klimapolitisch, sondern auch wirtschaftlich kontraproduktiv: Regionen, die frühzeitig auf erneuerbare Energien, Effizienz und moderne Technologien setzen, sichern langfristig niedrigere Energiekosten und eine höhere Wettbewerbsfähigkeit. Verzögerungen hingegen führen zu höheren Kosten, gefährden Investitionen und verstärken soziale Spannungen.
In Deutschland zeigt sich besonders deutlich, wie eng Klimapolitik und soziale Fragen miteinander verbunden sind. Die Energiekrise hat klargemacht, dass Haushalte mit geringen Einkommen am härtesten betroffen sind, obwohl sie am wenigsten zur Klimakrise beitragen. Aus ökonomischer Sicht ist dies ineffizient, denn es schwächt die Akzeptanz notwendiger Transformationsschritte. Eine Pro-Kopf-Klimaprämie würde hier doppelt wirken: Sie entlastet niedrige und mittlere Einkommen und stärkt zugleich die Wirksamkeit des CO₂-Preises – eines der effizientesten Lenkungsinstrumente in der globalen Klimapolitik überhaupt. Internationale Beispiele belegen, dass eine direkte Rückverteilung der Einnahmen die Zustimmung zur Klimapolitik deutlich erhöht.
Auch im Gebäudebereich ist soziale Ausgewogenheit entscheidend. 5,3 Millionen Menschen in Deutschland lebten 2024 laut dem Statistischen Bundesamt in Wohnungen, die sie nicht bedarfsgerecht heizen konnten. Energieeffizienz und moderne Heiztechnologien amortisieren sich volkswirtschaftlich, doch für viele Haushalte sind die notwendigen Investitionen ohne Unterstützung nicht leistbar. Sozial gestaffelte Förderquoten, ein stärker auf Geringverdienende ausgerichtetes Förderdesign und ein klarer mietrechtlicher Rahmen sind daher zentrale Bestandteile einer gerechten Energiewende. Ein gezielt ausgestalteter Sozialfonds für energetische Sanierungen könnte helfen, dass auch Haushalte mit geringem Einkommen von sinkenden Energiekosten und höherer Unabhängigkeit profitieren.
Weniger Emissionen, höhere Akzeptanz und soziale Gerechtigkeit – das sind die Chancen, die in günstigen Nahverkehrstickets liegen
Ähnlich gilt im Verkehrsbereich, dass sozial gerechte Angebote zentrale Transformationshebel darstellen. Günstige und einfach verständliche Nahverkehrstickets können hier einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie Mobilität bezahlbar halten und gleichzeitig volkswirtschaftliche Kosten durch Staus, Emissionen und Infrastrukturverschleiß senken. Österreich zeigt, wie erfolgreich ein unkompliziertes, landesweit gültiges Ticket sein kann: Es hat die Nachfrage im öffentlichen Verkehr deutlich erhöht, Einnahmen stabilisiert und eine spürbare Verlagerung vom Auto hin zu klimafreundlichen Alternativen ausgelöst.
Deutschland könnte von solchen Erfahrungen profitieren, indem bezahlbare und verlässliche Tarifmodelle entwickelt werden, die soziale Teilhabe und klimagerechte Mobilität verbinden. Ergänzend können sozial gestaffelte Leasingmodelle für Elektrofahrzeuge Menschen mit niedrigem Einkommen den Zugang zu moderner Mobilität erleichtern. Sie müssen jedoch in ein breiteres Mobilitätssystem eingebettet sein, das Bus, Bahn, Carsharing und Radverkehr gleichermaßen stärkt.
Besonders viel Potenzial liegt in Bürgerenergie und kommunaler Teilhabe. Wenn Kommunen, Genossenschaften oder Mieterinnen und Mieter direkt an Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien beteiligt sind, entsteht regionale Wertschöpfung, die vor Ort bleibt. Studien zeigen, dass solche Modelle die lokale Akzeptanz erhöhen, Planungsprozesse beschleunigen und langfristig zu niedrigeren Energiekosten beitragen. Ein sozial ausgestalteter Energie-Basistarif könnte zudem Energiearmut abbauen und die Grundversorgung bezahlbar halten, während höherer Verbrauch stärker bepreist wird – ökonomisch effizient und sozial ausgewogen.
Damit wird deutlich: Globale Klimaverhandlungen setzen wichtige Signale, doch entscheidend ist, wie ambitioniert Länder wie Deutschland sie umsetzen. Ökologisch notwendiger Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Stärke sind keine Gegensätze, sondern drei miteinander verbundene Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transformation. Eine konsequent sozial gerechte Klimapolitik schafft Planungssicherheit, stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und sorgt dafür, dass die Energiewende nicht nur ökologisch wirkt, sondern gesamtgesellschaftlich getragen wird.
Die Bundesregierung allerdings setzt ihre Prioritäten derzeit anders. Sie gibt dem Drängen aus Teilen der Industrie nach und plant die Einführung eines Industriestrompreises. Das allerdings ist ein teurer Irrweg. Ein Industriestrompreis belohnt jene, die weiterhin auf energieintensive, ineffiziente Prozesse setzen, und benachteiligt diejenigen, die längst in Effizienz, Eigenversorgung und Erneuerbare investiert haben. Das ist nicht nur unfair, sondern volkswirtschaftlich unklug. Denn nur eine moderne, klimafreundliche Industrie kann dauerhaft wettbewerbsfähig sein.
Der Industriestrompreis schafft auch ein soziales Ungleichgewicht: Während große Industrieunternehmen entlastet werden, bleibt der Mittelstand außen vor. Viele kleine und mittlere Betriebe, Handwerksunternehmen oder innovative Start-ups profitieren nicht – obwohl sie die tragenden Säulen unserer Wirtschaft sind. Die Kosten tragen letztlich alle Steuerzahlerinnen und Steuerzahler.
