Sanierung in Bürgerhand

Nachbarn schließen sich zusammen und sanieren mithilfe sogenannter One-Stop-Shops ihr Eigenheim: Mit diesem Konzept treibt die EU den Klimaschutz im Gebäudesektor voran. In Deutschland steckt es noch in den Kinderschuhen.
Von Kathinka Burkhardt

(11. Mai 2026) Die Renovierung ihres Cottages im irischen Fethard schoben Anne und ihr Mann lange vor sich her: zu kompliziert. Woher sollten die Rentner wissen, welches Heizsystem sinnvoll für ihr Haus ist? Bei Bekannten hatte sich die Lieferung von Fenstern und Türen über Wochen verzögert. Wie sollten sie solche Unsicherheiten händeln? »Und wir dachten auch, es wird zu teuer«, sagt Anne.

Doch dann bekamen sie einen Tipp: Meldet euch mal bei EcoVision. Das ist eine gemeinnützige Organisation, die in der Region Tipperary Renovierungsprojekte von Bürgern begleitet – ein sogenannter One-Stop-Shop, der von der ersten Information bis hin zur Endabnahme auf der Baustelle alle Schritte begleitet. Nach einer ersten Beratung kam schnell Bewegung in die Sache. »Ich hätte nicht gedacht, dass alles so reibungslos gehen kann«, sagt die Irin. 

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Irland ist ein Pionier der gemeinschaftlichen Sanierung. Hier konnte die EU-Initiative an bereits vorhandene Strukturen anknüpfen.

Seit den 2010er-Jahren fördert die irische Regierung Bürgerinitiativen, die in ihren Kommunen Energie sparen und das Klima schützen. Eine dieser Initiativen begann, in Tipperary alte Häuser zu sanieren, auch von Menschen mit wenig Geld. Um größere Förderungen vom Staat zu bekommen, schlossen sich 2014 vier solcher Initiativen zusammen. Es war der Vorläufer von EcoVision. Heute besteht die Non-profit-Organisation aus einem großen Team ehrenamtlicher Experten und einem Netzwerk von Baufirmen. Sie ist eine bekannte Größe, die auf lokalen Klimaschutzwochen oder Informationsabenden versucht, Bürger wie Anne auf ihre Angebote aufmerksam zu machen.

Anne ist voll des Lobs. »Das Team hat sich auch darum gekümmert, dass wir die Förderung erhalten, wodurch die Sanierung für uns finanziell tragbar wurde.« Das Ergebnis: Ein wohltemperiertes Zuhause, das dank moderner Heizungsanlage und Solarpaneelen ein Drittel weniger Energiekosten produziert als zuvor. 

Die EU setzt auf den Gemeinsinn

Solche Organisationen wünscht sich die EU in allen Mitgliedsstaaten. Bis 2050 soll Europa klimaneutral sein, doch der Gebäudesektor hat gewaltigen Nachholbedarf. Ein Hebel soll die energetische Sanierung von Gebäuden durch Mieter, Vermieter und Bürgergemeinschaften sein. Citizen-Led-Renovation (CLR) nennt die EU dieses Vorgehen. Sie fördert sogenannte Enabler wie EcoVision: Organisationen, die Bürger dazu befähigen, ihre Renovierungspläne in konkrete Maßnahmen umzusetzen.

In der Praxis scheitert das oft nicht an den Bürgern selbst. Viele Mieter und Eigentumswohnungsbesitzer wünschen sich gut gedämmte Wände oder eine PV-Anlage auf dem Dach, um die Energiekosten zu senken. Doch sie sind abhängig von Vermietern oder Eigentümergemeinschaften, die wiederum vor der Komplexität einer Sanierung zurückschrecken.

Deshalb fordert die EU in der Gebäuderichtlinie EPBD die Staaten auf, vermehrt One-Stop-Shops für CLR-Projekte als Anlaufstellen zu schaffen. Bürger und Nachbarschaftsgruppen sollen Hilfe erhalten und Käufergemeinschaften bilden können, um Renovierungspläne umzusetzen. Deutschland muss die EPBD bis Ende Mai in nationales Recht überführen.

»Hätten Hauseigentümer oder eine Eigentümergemeinschaft einen dauerhaften Ansprechpartner, der über das Wissen gesetzlicher Anforderungen, technischer Aspekte, Fördermöglichkeiten und eventuell auch Finanzierungsoptionen verfügt, wäre das ein enormer Abbau der Hemmnisse für viele« sagt Felix Suerkemper vom Wuppertal Institut.

Er und sein Team haben im EU-Projekt ProRetro fünf Organisationen in Deutschland dabei begleitet, vorhandene Strukturen unter Berücksichtigung der Erfahrungen erfolgreich agierender One-Stop-Shops in anderen europäischen Ländern zu zentralen Anlaufstellen auszubauen. Aber: »Wenn die bereits vorhandenen Organisationen und Strukturen in Europa ausgebaut werden und noch weitere hinzukommen, kann dies relevante Hemmnisse für die energetische Sanierung von Wohngebäuden deutlich reduzieren.«

Vorbilder in Frankreich und Österreich

Ein relativ breites Angebot finden Bürger im Norden Frankreichs mit dem regionalen Renovierungsprogramm von Hauts-de-France Pass Renovation, das von der technischen Planung bis zur Beauftragung von Handwerksfirmen und der Projektumsetzung alles anbietet. Die Organisation vergibt zudem Darlehen, die nach Abnahme des Projekts gemessen an den erzielten Energieeinsparungen zurückgezahlt werden.

In Wien erhalten Bürger bei der »Hauskunft« ein umfassendes Beratungspaket. Sie klärt über Möglichkeiten zur Sanierung und Dekarbonisierung sowie Fördermöglichkeiten auf  und nimmt Eigentümern Vorbehalte. »Viele Privatpersonen wissen überhaupt nicht, wo sie anfangen sollen«, sagt Margit Schön, stellvertretende Leiterin der Hauskunft. Das Team begleitet zwar nicht bei Renovierungen vor Ort. Aber die Mitarbeitenden dürfen an die »Qualitätsplattform Sanierungsplaner« verweisen, bei der Baubetriebe Mitglied werden können, wenn sie bestimmte Qualitätsvorgaben erfüllen. 

Mit Infoabenden und Besuchen bei Eigentümerversammlungen versucht die Hauskunft, mehr Bürger für Gebäudesanierungen, Heizungsumstellungen und ähnliche Schritte zu gewinnen. Um dafür eine Förderung zu bekommen, benötigt man ein konkretes Konzept für die Maßnahmen, Kostenschätzungen und den Energieausweis. Ein Knackpunkt aus Schöns Erfahrung: »Die Erstellung dieses Konzepts ist mit Kosten verbunden und war daher ein Punkt, an dem es oft gescheitert ist. Deshalb ist es wichtig, Interessierte auf die Fördermöglichkeiten hinzuweisen.« Bei Mehrfamilienhäusern ab drei Einheiten gibt es einen einmaligen, nicht zurückzuzahlenden Zuschuss von 50 Prozent der Kosten bis zu 5000 Euro. »So kommen viele Eigentümerinnen und Eigentümer schneller ins Tun.«

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Gründerzeitfassade in Wien: Schon die Erstellung eines Sanierungskonzepts wird finanziell gefördert.

Die Situation in Deutschland

So breit aufgestellte One-Stop-Shops findet man in Deutschland nicht. Aktuell fehle es in vielen Organisationen, die als One-Stop-Shops fungieren könnten, an Personal und finanziellen Ressourcen, um derart umfassende Beratungsleistungen zusätzlich anbieten zu können, sagt Suerkemper. Das könnte sich ändern, wenn in Deutschland die neue EU-Gebäuderichtlinie als nationales Gesetz ausgestaltet ist und dafür auch Gelder eingeplant werden.

Um herauszufinden, auf welchen Strukturen man in Deutschland ein ähnliches Angebot aufbauen könnte, begleitete Suerkemper in dem Projekt ProRetro auch die Klimaschutzagentur Region Hannover. Vor 25 Jahren von den Kommunen und privaten Unternehmen gegründet, bündelt sie Energieeffizienz-Informationen und Beratungsleistungen für energetische Modernisierungen.

Um neben der Erstberatung weitere Bausteine anbieten zu können, schloss sich die Klimaschutzagentur Region Hannover in dem Projekt mit dem Enercity-Fonds ProKlima und für den Baubereich mit dem regionalen Netzwerk Modernisierungspartner zusammen. »Diese Achse hat wichtige Angebote verknüpft und eigentlich sehr gut funktioniert«, sagt Marc Zimmermann von der Klimaagentur Hannover.

Nicht nur Eigentümergemeinschaften und Hausbesitzer finden dort Hilfe, sondern auch Mieter und sogenannte vulnerable Haushalte, die über wenig Einkommen verfügen. Unter anderem können sie mit dem bundesweiten Angebot des Stromsparchecks, den Verbrauch von Geräten und Leuchtmitteln in ihrer Wohnung überprüfen lassen und LED-Lampen und einen Zuschuss für einen energieeffizienten Kühlschrank bekommen.

Für die Projektumsetzung mithilfe eines One-Stop-Shops wie in Irland sieht Zimmermann eine klare Grenze: Der Auftrag sei es, Bürger neutral auf ein Projekt vorbereitend zu beraten. »Wir dürfen nicht in den Markt eingreifen, indem wir bestimmte Unternehmen empfehlen.«

Oder gar den Weg zu einer Förderung abkürzen. Sowohl Kreditinstitute als auch die KfW verlangen eine Bestätigung der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der energetischen Maßnahmen durch einen Energieeffizienzberater. Deren Vermittlung oder die von Handwerksbetrieben für das Projekt wie in anderen europäischen One-Stop-Shops ist hierzulande bisher nicht vorgesehen. Dafür finden Bürger anders als in manchen anderen EU-Mitgliedstaaten andere Anlaufstellen wie das Netzwerk Modernisierungspartner, Innungen oder Verbände, die Handwerker und Fachbetriebe in der Region vermitteln, sagt Zimmermann.

Gemeinschaftlicher Klimaschutz

Um Sanierungen zu fördern, hat die EU die Initiative Citizen-Led Renovation gestartet. Dabei werden Bürger aktiv in die Planung und Umsetzung einbezogen.

Ein wichtiger Baustein sind dabei One-Stop-Shops: zentrale Anlaufstellen für Sanierungen. Sie bieten Beratung, Fördermittel, Handwerkerkontakte und Unterstützung bei Anträgen – alles aus einer Hand.

Hilfe bietet auch REScoop.eu, das europäische Netzwerk für Bürgerenergiegenossenschaften, das lokale Projekte für erneuerbare Energien und energetische Sanierungen fördert.

letzte Änderung: 27.06.2013