Freie Radikale im Zählerschrank
Mit dynamischen Stromtarifen können manche Haushalte viel Geld sparen. Nötig dazu sind Smart Meter. Doch deren Ausbau stockt – und die Bunderegierung könnte ihn weiter verzögern.
Von Volker Kühn
(7. April 2026) Preispolitik ist Psychologie, das weiß jeder, der schon mal Socken für 9,99 Euro gekauft hat, die er für einen glatten Zehner vermutlich nicht mitgenommen hätte. Doch es gibt auch Preise, die nur auf den ersten Blick wie ein krummes Lockangebot wirken, in Wahrheit aber das Gegenteil bezwecken. Exakt 888,98 Euro verlangte der Netzbetreiber Bayernwerk Anfang 2025, wenn Kunden sich auf eigenen Wunsch ein Smart Meter einbauen lassen wollten. Die Summe sollte offensichtlich abschrecken. Genau wie die 973,59 Euro, die der größte deutsche Verteilnetz- und Messstellenbetreiber Westnetz Berichten zufolge dafür aufgerufen hat.
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An der Strombörse schwankt der Preis laufend. Niedrig ist er, wenn das Stromangebot die Nachfrage übersteigt. Ein dynamischer Stromtarif gibt den Börsenpreis an die Verbraucher weiter: Sie zahlen keinen Festpreis je Kilowattstunde, sondern mal mehr, mal weniger. Wer seinen Verbrauch in günstige Zeiten legt, kann sparen. Dazu braucht man einen intelligenten Stromzähler, ein Smart Meter. Das gibt es beim grundzuständigen Messstellenbetreiber (meist der lokale Netzbetreiber) und bei freien Anbietern.
Die Fälle mögen Extrembeispiele sein, sie wurden abgemahnt und sie sind nicht mehr zulässig – als angemessen gelten laut Gesetz Einbaukosten von maximal 100 Euro. Und doch stehen sie sinnbildlich für die Probleme beim flächendeckenden Einbau von intelligenten Stromzählern, dem sogenannten Smart-Meter-Rollout. Denn sie illustrieren das monopolartige Gebaren vieler der insgesamt 866 deutschen Verteilnetzbetreiber, die als grundzuständige Messstellenbetreiber an erster Stelle für den Einbau von Smart Metern verantwortlich sind. Nicht wenige scheinen die Geräte nicht als Chance zu sehen, sondern als lästige Pflicht – oder als Gefahr für ihre Geschäftsmodelle.
100 Prozent: Schweden führt den Smart-Meter-Rollout an.
Dabei ist ein Smart Meter weit mehr als ein bloßes Strommessgerät. Es kann ein Herzschrittmacher der Energiewende sein. Denn es ermöglicht Verbrauchern, ihren Stromverbrauch in Echtzeit nachzuvollziehen und ihn mithilfe dynamischer Tarife in Zeiten zu legen, in denen die Strompreise niedrig sind.
Kosten senken, Netze entlasten, Klima schützen: der dreifache Nutzen von Smart Metern
Damit können die Verbraucher nicht nur selbst unmittelbar Geld sparen. Sie entlasten zugleich die Stromleitungen und reduzieren so die Kosten des Netzausbaus, den die Allgemeinheit über Netzentgelte trägt. Indem sie ihren Verbrauch an das Angebot anpassen, helfen sie obendrein, mehr Strom aus erneuerbaren Energien zu nutzen. Denn das Angebot ist immer dann hoch, wenn Sonne und Wind viel Strom liefern. So verdrängen sie fossilen Strom und sparen Treibhausgase ein.
Smart Meter bringen zudem Transparenz ins Stromnetz. Bislang können Netzbetreiber kaum nachvollziehen, was auf den letzten Metern der Leitungen passiert. Die intelligenten Messsysteme aber ermöglichen eine gezielte Steuerung, um Überlastungen zu vermeiden und die Netzstabilität zu erhöhen.
Und doch kommt der Rollout in keinem Land Europas so schleppend voran wie hier. 96 Prozent aller Haushalte haben entweder noch analoge Zähler (Ferraris-Zähler mit Drehscheibe) oder digitale Zähler, denen aber ein Gateway fehlt: die Sendeeinheit, die den in 15-Minuten-Intervallen gemessenen Verbrauch an den Messstellenbetreiber schickt.
99 Prozent: Auch in Italien ist er praktisch abgeschlossen.
Auf der Höhe der Zeit sind nur 3,8 Prozent aller Haushalte, wie der Smart-Meter-Atlas zeigt, eine Initiative der Stromversorger Octopus Energy, Tibber, Ostrom und Rabot Energy. Etwas besser sieht es bei jenen Verbrauchern aus, bei denen der Einbau eines Smart Meters verpflichtend ist. Das sind vor allem Haushalte, die einen Jahresstromverbrauch von mindestens 6000 Kilowattstunden haben, eine Solaranlage mit mindestens sieben Kilowatt Spitzenleistung besitzen oder über eine sogenannte steuerbare Verbrauchseinrichtung verfügen, also etwa eine Wallbox (siehe „Die Lizenz zum Drosseln“).
Ende 2025 mussten laut Gesetz 20 Prozent dieser Haushalte mit Smart Meter ausgestattet sein. Die zehn größten Netzbetreiber haben die Quote allesamt klar erfüllt. Insgesamt liegt der Anteil aktuell bei gut 26 Prozent.
Smarter ...
Das Smart Meter erfasst den Verbrauch im 15-Minuten-Takt. Über eine Sendeeinheit, das Gateway, schickt es die Zählerstände an den Messstellenbetreiber, der sie dem Stromlieferanten gibt. In einer App oder im Webportal des Lieferanten (manchmal auch des Messstellenbetreibers) können Kunden ihren Verbrauch einsehen und Verbesserungspotenzial erkennen. Über die jeweiligen Strompreise werden sie am Vortag informiert. So können sie planen, wann sie zum Beispiel das Auto laden wollen.
Dass zumindest etwas Bewegung in den Markt gekommen ist, hat zwei Gründe: Zum einen hat die Bundesnetzagentur Zwangsgelder für Messstellenbetreiber angedroht, die gesetzliche Mindestquoten beim Einbau in ihrem Gebiet verfehlen. Zum anderen gibt es neben den grundzuständigen Messstellenbetreibern inzwischen gut zwei Dutzend wettbewerbliche Anbieter, die Smart Meter installieren. Dazu zählen Firmen wie Metrify Smart Metering, Energy Metering, Solandeo oder Inexogy. Zusammengenommen decken sie nach Schätzungen aus der Branche rund 15 Prozent der Einbauten ab. Sich selbst bezeichnen sie gern mal als »freie Radikale«. Sie sind angetreten, um den Platzhirschen Beine zu machen.
98 Prozent: Spanien folgt fast gleichauf dahinter.
Freie Messstellenbetreiber bringen Schwung in den Markt – doch ihre Rolle ist bedroht
Zum Teil kooperieren diese Unternehmen mit Anbietern dynamischer Tarife. Für Verbraucher ergeben sich dabei mitunter günstige Angebote. Wer zu einem bestimmten Stromanbieter wechselt, erhält beispielsweise den Einbau des Smart Meters gratis. Die Gefahr, sich dadurch für lange Zeit an einen Stromanbieter zu ketten, der sich später als Fehlentscheidung entpuppt, besteht nicht: In der Regel sind dynamische Tarife mit einer Frist von zwei oder vier Wochen kündbar. Vor einem Wechsel lohnt es sich daher, das Angebot auf Vergleichsportalen oder auch direkt auf den Websites der Anbieter zu sichten.
In welchem Umfang es solche Angebote noch geben wird, ist aktuell aber unklar. Denn das Bundeswirtschaftsministerium hat in einem Zehn-Punkte-Papier Ende 2025 angekündigt, die Rolle wettbewerblicher Messstellenbetreiber zu beschneiden. »Die Verantwortung für den verpflichtenden Rollout liegt künftig bei den Verteilnetzbetreibern und damit im regulierten Anlagevermögen«, heißt es darin. Zumindest im Bereich des Pflichteinbaus wären die freien Radikalen damit raus. Ihnen bliebe wohl nur der Einbau auf Kundenwunsch in Haushalten mit eher geringem Stromverbrauch. Doch gerade denen bringen Smart Meter wenig.
~ 78 Prozent: Europaweit kommt der Ausbau gut voran.
Die junge Branche reagierte aufgebracht. Sie warnt vor einer »Remonopolisierung« des Markts. »Man fragt sich, warum ausgerechnet eine CDU-geführte Bundesregierung ernsthaft glauben kann, man befördere Tempo und Digitalisierung, indem man Wettbewerb abwürgt und stattdessen per Gesetz Verantwortlichkeiten dort bündelt, wo bereits jetzt die gesetzten Ziele nicht flächendeckend erreicht werden«, erklärten Vertreter von Inexogy, Metrify Smart Metering und Energy Metering in einem Gastbeitrag im »Tagesspiegel«. Unterstützung erhielten sie unter anderem von Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).
Sollten die Pläne des Wirtschaftsministeriums umgesetzt werden, könnten sie den gerade erst in Schwung gekommenen Rollout wieder zurückwerfen. Ob sie dauerhaft Bestand hätten, ist allerdings zweifelhaft. Die Unternehmen Enpal, Techem, Lichtblick, Octopus Energy und Inexogy haben ein Gutachten der renommierten Kanzlei Raue LLP vorgelegt, wonach dem Schritt die europa- und verfassungsrechtliche Basis fehlt – eine Klagewelle könnte die Folge sein.
Am smartesten
Für Solaranlagen ab sieben Kilowatt Peak sind Smart Meter verpflichtend. Dasselbe gilt ab einem Stromverbrauch von 6000 Kilowattstunden im Jahr. Selbst mit E-Auto erreicht man das aber oft nicht. Wer trotzdem ein Smart Meter wünscht, kann es beim grundzuständigen Messstellenbetreiber ordern oder einen wettbewerblichen Anbieter wählen (etwa Octopus, Inexogy, Metrify). Die Betriebskosten liegen je nach Verbrauch bei 30 bis 50 Euro pro Jahr. Der Einbau kann bis zu 100 Euro kosten.
Smart Meter lohnen sich vor allem bei hohem Verbrauch – etwa für E-Auto-Fahrer
Bleibt die Frage, wer von einem Smart Meter mit dynamischem Stromtarif profitieren kann. Grundsätzlich gilt: Je höher der Verbrauch und je besser er sich planen lässt, desto größer das Sparpotenzial. Familien mit E-Auto können stärker profitieren als Singles mit geringem Verbrauch. Gegenzurechnen sind die Betriebsgebühren, die aber gedeckelt sind. Bei einem Verbrauch bis 6000 Kilowattstunden etwa sind es 30 Euro pro Jahr. Allerdings wird auch für alte Zähler eine Gebühr fällig; meist liegt sie unter 20 Euro. Der Stromverbrauch des Smart Meters fällt kaum ins Gewicht. Er ist vergleichbar mit dem eines Internetrouters, der ebenfalls rund um die Uhr läuft.
Zudem müssen Kunden wissen, dass sie in dynamischen Tarifen das Risiko hoher Börsenstrompreise tragen. Die können kurzfristig auftreten, etwa in Dunkelflauten. Wer gerade dann das Auto lädt, zahlt mehr. Langfristig können Energiekrisen durch Kriege wie im Iran die Börsenstrompreise treiben. Allerdings schlagen solche Krisen auch auf das Niveau fester Stromtarife durch.
3,8 Prozent: Deutschland ist das Schlusslicht in Europa.




