Energiesystem: Small is beautiful
Eine aktuelle Studie belegt: Kleine, dezentrale Kraftwerke sind günstiger und erhöhen die Versorgungssicherheit. Verbraucher und Unternehmen könnten massiv profitieren.
Von Aribert Peters
(2. Januar 2026) Eine komplett erneuerbare Strom- und Energieversorgung braucht neue Spielregeln. Dazu hat ein neues Unternehmensbündnis dezentraler Energieanbieter eine von Roland Berger erarbeitete Studie vorgestellt. Sie beziffert den ökonomischen Nutzen dezentraler Energielösungen bis 2045 auf 185 bis 255 Milliarden Euro, also bis zu 13 Milliarden Euro pro Jahr.
Die Ersparnis entsteht durch sinkende Investitionskosten, geringere laufende Systemkosten, vermiedenen Netzausbau, zusätzliche Arbeitsplätze sowie deutliche finanzielle Vorteile für Haushalte und kleine und mittlere Unternehmen. Private Verbraucher könnten ihre Energiekosten im Schnitt um bis zu 50 Prozent reduzieren – rund 900 bis 1200 Euro pro Haushalt und Jahr.
Der Kühlturm des Kohlekraftwerks Boxberg II wurde gesprengt: Die Zeit fossiler Großkraftwerke läuft ab.
Die Untersuchung im Auftrag unter anderem von Enpal, Bosch, 1Komma5, Lichtblick, Octopus Energy und Techem zeigt: Ein zukunftsfähiges, effizientes Energiesystem benötigt drei Säulen – den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien, flexible Back-up-Kapazitäten und vor allem eine umfassende Integration dezentraler Technologien wie PV-Batteriesysteme, Wärmepumpen, Wallboxen und E-Autos.
Durch intelligente Integration dezentraler Flexibilität lassen sich zudem 40 bis 50 Prozent der geplanten Netzinvestitionen im Niederspannungsbereich einsparen. Auch die Kosten für Redispatch-Maßnahmen sinken um rund 40 Prozent im Vergleich zu konventionellen Kraftwerkslösungen. Gleichzeitig entstehen rund 100.000 neue Jobs bis 2045.
Die Rolle der Verbraucher wandelt sich: Sie werden zunehmend zu »Flexumern«
Die Studie betont, dass dezentrale Technologien kein »Nice-to-have« seien, sondern ein notwendiges System-Upgrade sind. Verbraucher entwickeln sich zu aktiven »Flexumern«, die nicht nur produzieren und verbrauchen, sondern auch flexibel auf Preissignale reagieren und das Netz entlasten. Damit dezentrale Lösungen ihren vollen Wert entfalten können, fordert das Unternehmensbündnis klare politische Rahmenbedingungen: gleiche Wettbewerbsbedingungen mit zentralen Erzeugungsformen, reformierte Netzentgelte, beschleunigte Digitalisierung, Förderung von Smart Grids sowie die Einführung bidirektionalen Ladens.
15 Prozent niedriger waren die Börsenstrompreise 2024 dank dezentraler Photovoltaikanlagen
Quelle: Enervis
Forschungen und Modellrechnungen des DIW und der TU Berlin haben bereits gezeigt, dass eine stärker dezentrale Stromversorgung mit lokalen Speichern und intelligentem Lastmanagement den Netzausbau um die Hälfte reduzieren könnte. Eine Dena-Studie ergab, dass der Ausbaubedarf des Übertragungsnetzes um mehr als 60 Prozent mit dezentral organisiertem Stromhandel gesenkt werden kann.
Die Energiewende wird mit dezentralen Lösungen günstiger, schneller und sicherer. Werden die Maßnahmen umgesetzt, könnte die Gesellschaft massiv profitieren.
