Energiewende mit sozialer Basis
Klimaschutz gelingt nur, wenn auch Menschen mit kleinem Einkommen profitieren. Ob Stromspar-Check, Klimageld oder Bürgerenergie: Viele Lösungen liegen längst auf dem Tisch. Ein Debattenbeitrag von Werner Neumann
(9. Februar 2026) Die Energiewende wird oft als rein technologisches Projekt verstanden – als Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energieträger. Sie ist aber auch ein soziales Projekt – sie betrifft nicht nur die Energieträger, sondern auch die Träger des Energiesystems, die Gesellschaft. Sie ist ein »Gemeinschaftswerk«, wie es die Ethikkommission schon im Jahr 2011 formulierte. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müssen Haushalte mit geringem Einkommen unterstützt werden. Denn um von den Einsparungen zu profitieren, die der Abschied von fossilen Rohstoffen bedeutet, sind zunächst Investitionen nötig. Die folgenden Ideen und Vorschläge können helfen, dem Klimaschutz eine soziale Basis zu geben und die Akzeptanz zu stärken.
Stromspar-Check
Vor etwa 20 Jahren wurde der Stromspar-Check durch den Caritas-Verband Frankfurt und den Autor erfunden, damals Leiter des dortigen Energiereferats. Die Idee: Arbeitslose werden ausgebildet, um Haushalten mit geringem Einkommen beim Strom- und Wassersparen zu helfen (siehe Energiedepesche 2/2025). Diese Ersthelfer in Sachen Energie haben schon in mehreren Hunderttausend Haushalten Technik installiert, um den Strom- und Wasserverbrauch zu senken. Die Einsparungen von 10 bis über 30 Prozent sind gut dokumentiert und evaluiert. Nun müsste nur das Bundesministerium für Umwelt seine Förderung ausweiten, damit der Stromsparcheck mit Unterstützung von Kommunen und Stadtwerken, bundesweit flächendeckend angeboten werden kann. (Infos: stromspar-check.de)
Bezahlbare Sanierungen
Wenn Vermieter Wohnungen energetisch sanieren, dürfen sie jährlich (!) acht Prozent der Aufwendungen auf die Miete umlegen. Diese Mietsteigerungen sind für viele allerdings unbezahlbar. 2012 haben daher der Deutsche Naturschutzring, der Deutsche Mieterbund und der BUND – vertreten durch den Autor – das Drittelmodell entwickelt. Die Sanierungskosten werden dabei fair aufgeteilt. Die Vermieter übernehmen einen Teil als Instandhaltung, der Staat steuert einen Teil als Förderung bei und die Mieter tragen einen Teil in Form einer Mieterhöhung, die aber warmmietneutral gestaltet wird: Die Erhöhung und die eingesparten Heizkosten sollen sich ausgleichen. Davon profitieren alle: Die Vermietenden erhalten ein Haus mit deutlicher Wertsteigerung, die Mietenden eine komfortable Wohnung und der Staat einen Beitrag zum Klimaschutz. Das Modell wurde zuletzt 2024 mit neuen Parametern vom ifeu-Institut im Auftrag von DMB und BUND vorgestellt. Von der Bundesregierung gibt es jedoch keinen Ansatz zur Umsetzung. (Infos: bdev.de/BUND)
Klimageld endlich auszahlen
Seit 2021 Jahren kassieren Finanz- und Umweltministerium die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung von Wärme und Verkehr. Jährlich kommen rund zehn Milliarden Euro zusammen. Diese sollen als Klimageld an alle Haushalte zurückbezahlt werden – pro Kopf wären das jährlich über 100 Euro. Das würde Haushalte mit relativ geringem Verbrauch (ob dies technisch bedingt oder aufgrund geringen Einkommens) stärker belohnen als Verschwender. 2024 stoppte Finanzminister Christian Lindner die Auszahlung, weil er angeblich keinen Auszahlungsmechanismus habe. Dieser ist nun wohl im Finanzministerium aufgebaut worden (IBAN plus Steuernummer). Eine Auszahlung der Milliarden steht dennoch aus.
Bürger beteiligen
Immerhin, Betreiber von Windrädern können einen Betrag von 0,2 Cent je Kilowattstunde an die umliegenden Kommunen zahlen. In einigen Ländern ist das schon vorgeschrieben, so in NRW. Eine weitere Forderung ist, dass Anwohnern der Windparks auch Anteile an der Investition angeboten werden müssen. Große Hoffnungen gibt es weiterhin bei der Bürgerenergie und dem Energy Sharing, das seit Jahren durch eine EU-Verordnung vorgeschrieben ist (siehe „Mein Nachbar, mein Energieversorger“). In Österreich gibt es mittlerweile Hunderte von Gemeinschaften. Ein dortiger Erfolgsfaktor, die Senkung der Netzentgelte für den regionalen Stromaustausch, fehlt jedoch im vor Kurzem eingeführten Paragraf 42a des Energiewirtschaftsgesetzes. Zudem weist er kaum verständliche Regeln auf. Ebenso fehlen einfache, kostengünstige Smart Meter für die Abrechnung.
Soziale Verkehrswende
Es war ausgerechnet ein FDP-Minister in der Ampelregierung, der das Deutschland-Ticket erfand. Doch inzwischen wird es durch höhere Preise zunehmend unattraktiv. Dabei erspart es den Fahrgästen den Tarifdschungel von Dutzenden von Verkehrsverbünden. Hilfreich wären nun der Ausbau eines pünktlichen Nahverkehrs sowie die Einführung von Verteilbussen als Zubringer, die »on demand«, also nach Bedarf fahren. Dafür ließen sich Milliarden für Umgehungsstraßen einsparen. Für die sozial günstige Einführung von Elektroautos ist Frankreich mit einem E-Auto-Car-Sharing Vorbild. Können diese bidirektional geladen werden, hilft dies zudem, den Stromnetzausbau zu mindern und kann den Nutzern bis zu 500 Euro im Jahr einbringen. (Infos: bdev.de/agora)
Klima-Sozialfonds
Im Mai 2023 hat die EU die Grundlagen des Klima-Sozialfonds geschaffen, finanziert durch die CO2-Abgabe. Aus diesem soll eine Vielfalt von möglichen Maßnahmen gefördert werden können, ob nun Hilfen bei der Gebäudesanierung, Wärmenetze, Stromsparen, Mobilität, Beratung und vieles mehr. Doch die Bundesregierung hat es nicht geschafft, wie erforderlich bis zum 30. Juni 2025 den Nationalen Klimasozialplan einzureichen. Dies soll nun bis Ende des Jahres noch erfolgen. Doch das erscheint fraglich: Ein Entwurf und eine Beteiligung der Verbände sind nicht in Sicht. Dabei geht es um 5,3 Milliarden Euro für die Jahre 2026 bis 2032, die mit 1,77 Milliarden Euro aus hiesigen Etats aufzustocken wären. Bezogen auf den Anteil von 20 Prozent ärmerer Haushalte wären dies 500 Euro pro Kopf. Das ist sicherlich noch zu wenig – aber allemal besser, als das EU-Geld verfallen zu lassen.
Klimaschutz sozial umsetzen
Es fällt auf, dass Bundesregierungen seit Jahren soziale Komponenten im Klimaschutz übergehen. Andererseits haben zahlreiche Organisationen, Institute und Thinktanks Konzepte vorgestellt (etwa »Zukunft KlimaSozial«). Vielfach wurden sie schon im Kleinen umgesetzt. Umwelt-, Sozial- und Verbraucherschutzverbände sollten sich mit den Anbietern und Trägern von Projekten der Bürgerenergie zu einer großen Kraft zusammenschließen.
Der Autor Dr. Werner Neumann ist Vorstand des Bundes der Energieverbraucher und Sprecher des Bundesarbeitskreis Energie des BUND.