Die Mär vom teuren Industriestrom
Mit der Drohkulisse von Fabrikschließungen ergattern Konzerne Milliarden aus der Staatskasse. Das ist unfair gegenüber Verbrauchern – denn sie sind es, die diese Subventionen schultern müssen.
Kommentar von Aribert Peters
(2. November 2026) Die Strompreise der Großindustrie werden mit Milliardensubventionen gestützt. Das Ausmaß ist den wenigsten bekannt. Bezahlt wird das vom Steuerzahler und von privaten und mittelständischen Stromkunden. Ist das gerecht, zulässig, sinnvoll? Angeblich braucht die Großindustrie den Rabatt, um global wettbewerbsfähig zu sein. Sie verbreitet diese Behauptungen, damit niemand die Milliardengeschenke infrage stellt. Aber stimmen sie? Gehen wir sie mal durch.
Erstens: Ist die Exportindustrie tatsächlich notleidend? Der Exportüberschuss lag 2025 bei 200 Milliarden Euro, 2015 waren es 253 Milliarden. Deutschland konsumiert und investiert weniger, als es erwirtschaftet. Höhere Investitionen, Löhne oder Sozialleistungen würden die Inlandsnachfrage stärken, der Exportüberschuss sänke – ärmer würde Deutschland aber nicht. Denn mehr Wirtschaftsleistung käme den Menschen im Inland zugute. Der Exportindustrie geht es gut, Spielraum für mehr Binnennachfrage ist da.
Zweitens: Sind deutsche Strompreise höher als anderswo? Für Haushalte liegen sie laut einer Verivox-Auswertung höher als in allen anderen G20-Ländern, doppelt so hoch wie im G20-Schnitt. Beim Industriestrompreis liegt Deutschland laut Eurostat im EU-Vergleich auf Platz vier. Die hochsubventionierten Strompreise der Chemie liegen in Deutschland laut einem Agora-Bericht sogar nur auf US-Niveau von etwa sieben Cent je Kilowattstunde. »Und nirgendwo auf der Welt ist die Spreizung der Strompreise zwischen Großverbrauchern und Haushaltskunden so hoch wie in Deutschland«, resümiert Gunnar Harms, früherer Energiemanager eines Chemieparks.
Die gepamperten Branchen wirken groß – tatsächlich sind sie eher klein
Die begünstigten Branchen haben für Wertschöpfung und Beschäftigung in Deutschland nur eine untergeordnete Bedeutung: Chemie, Aluminium, Stahl, Papier und Kupfer machen laut einer Studie zusammen nur 2,5 Prozent der Bruttowertschöpfung und 1,4 Prozent der Beschäftigung aus (bdev.de/wettisi). Strompreise sind auch kein Argument für oder gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland, auch wenn die Drohung in der Politik regelmäßig wirkt: Seit mehr als drei Jahrzehnten erhebt und vergleicht das Weltwirtschaftsforum vielfältige Faktoren für die nationale Wettbewerbsfähigkeit. Energiepreise werden in dieser Studie nicht als relevanter Indikator für Wettbewerbsfähigkeit genannt. Eine Untersuchung des ESRC Research Centre anhand von 62 Sektoren in 42 Ländern zeigt den geringen Einfluss von Energiepreisen auf Importe.
Nach den Ölpreisschocks der Siebziger verteuerte Japan die Energie gezielt – und baute zugleich eine der stärksten Industrien der Welt auf. »Prinzipiell ist es möglich, auch bei hohen Energiepreisen eine führende Industrienation zu sein«, schreiben Schiffer und Ulreich im »ifo Schnelldienst«.
Von Netzentgelten bis Steuern: die Vergünstigungen im Detail
Deutschland verbilligt den Strom von Großverbrauchern auf verschiedene Arten:
Bei der Konzessionsabgabe zahlen Haushalte je nach Gemeindegröße 1,32 bis 2,39 Cent pro Kilowattstunde – Industriebetriebe mit Sondervertrag nur 0,11 Cent.
Bei der Stromsteuer zahlt das produzierende Gewerbe den EU-Mindestsatz von 0,05 Cent – Haushaltskunden 2,05 Cent. Kosten für den Staat: 1,5 Milliarden Euro 2026, ab 2027 dauerhaft drei Milliarden jährlich.
Bei der Umlage nach dem KWKG-Gesetz zahlen Haushaltskunden derzeit 0,446 Cent, begünstigte Unternehmen davon nur 15 bis 25 Prozent.
Von den Netzentgelten zahlen Großverbraucher über zehn Gigawattstunden Jahresverbrauch nur 10 bis 20 Prozent. Die fehlenden rund 1,5 Milliarden Euro finanziert eine Umlage, die auf die Strompreise von Haushaltskunden und Mittelstand aufgeschlagen wird. Der EuGH erklärte aufgrund einer Beschwerde des Bunds der Energieverbraucher frühere Befreiungen aus 2012/13 bereits 2024 für rechtswidrig und ordnete Rückzahlungen an.
Der Staat übernimmt über die »Strompreiskompensation« die Kosten des Emissionshandels von 325 Unternehmen, Kostenpunkt 2027: fünf Milliarden Euro.
Ab 2026 kommt der »Industriestrompreis« hinzu, der erst mit dem Bundeshaushalt 2027 gesetzlich beschlossen wird: Der Staat subventioniert den Strompreis energieintensiver Betriebe auf fünf Cent für die Hälfte des Verbrauchs, Kostenpunkt 3,8 Milliarden Euro bis 2028. Die sogenannten Wirtschaftsweisen und auch vier renommierte Wirtschaftsforschungsinstitute sprachen sich gegen diese Subvention aus (siehe „Subventionierte Strompreise in der Kritik“).
Die Industrie kassiert, Haushalte und Mittelstand zahlen drauf
Ja, es gibt einen Strompreismissstand. Doch nicht die Industriestrompreise sind zu hoch, sondern die für Privathaushalte und Mittelstand. Sie liegen über dem internationalen Niveau, die Spreizung zwischen Industrie und Privatkunden ist rekordverdächtig. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer einseitigen Wirtschaftspolitik. Industriestrompreise werden bezuschusst, Strompreise von Privatkunden und der nicht privilegierte Mittelstand werden mit Steuern und Abgaben belastet.
Im Bundeshaushalt 2027 sind 7,5 Milliarden Euro an direkten Strompreissubventionen geplant. Deren Nutzen wird selbst von Experten bestritten. Bei Klimaschutz, Wohngeld, Entwicklungshilfe dagegen wird gestrichen. Menschen spüren, wenn Politik an ihren Interessen vorbeigeht. Wenn der Staat Milliardenbeträge ohne Rechtfertigung, Nutzen und Wirksamkeit verteilt, sollte man die Neutralität der politischen Entscheidungen auf den Prüfstand stellen.
Weit verbreitet bleibt das Dogma: Geht es der Industrie gut, geht es dem Land gut. Die Entwicklung von Löhnen und Kapitaleinkünften widerlegt das. Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Die Umverteilung von den Vielen zu den Wenigen mit der Begründung, die angeblich bedrohte Wettbewerbsfähigkeit zu retten – »Gürtel enger schnallen« – ist eine alte Erzählung. Clara Mattei nennt sie eine antidemokratische Reaktion gegen gesellschaftlichen Wandel von unten.
Die Verschlechterung der Lebensverhältnisse treibt viele nach rechts. Wir sollten für faire Strompreise kämpfen, für Privatkunden und Mittelstand, nicht für Konzerne.
