Subventionierte Strompreise in der Kritik
(22. September 2026) In der ökonomischen Debatte in Deutschland herrscht unter den führenden Wirtschaftsforschungsinstituten und wissenschaftlichen Beratungsgremien seltene Einigkeit: Ein subventionierter Industriestrompreis (oft als „Brückenstrompreis“ bezeichnet) wird weitgehend abgelehnt. Kritisiert werden vor allem die Hemmung des Strukturwandels, Wettbewerbsverzerrungen zulasten von Mittelstand und Privathaushalten sowie Fehlanreize für die Energieeffizienz.
Die wichtigsten Institute und ihre Kernargumente
1. Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesfinanzministerium (BMF)
- Kernaussage: Subventionen für energieintensive Branchen bergen die Gefahr, dass Wertschöpfungsketten, die langfristig in Deutschland keine komparativen Vorteile haben, künstlich mit Steuergeldern am Leben gehalten werden. Sie behindern notwendige Anpassungsprozesse.
- Wissenschaftlicher Beirat beim BMF (2023): Ein Industriestromtarif für Deutschland?, Stellungnahme 02/2023, Berlin.
2. DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung)
- Kernaussage: Ein breiter subventionierter Industriestrompreis ist kein zielgenaues Instrument. Er verteilt Milliarden mit der Gießkanne, verzerrt den Wettbewerb und mindert die Transformationsanreize. Besser seien gezielte Transformationshilfen (z. B. Klimaschutzverträge) statt operativer Betriebskostenzuschüsse.
- Bernhardt, L. / Duso, T. / Kemfert, C. / Neuhoff, K. et al. (2023): Breiter Industriestrompreis ist kein geeignetes Entlastungsinstrument, DIW-Wochenbericht 38/2023, S. 543–551.
3. ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (Mannheim)
- Kernaussage: Ein subventionierter Industriestrompreis begünstigt Großverbraucher und schwächt im Gegenzug innovative und mittelständische Unternehmen, die keinen Zugang zu diesen Ausnahmen erhalten. Das dämpft Produktivitätsgewinne und Innovationen.
- ZEW Mannheim (2023/2024): Industriestrompreis: Risiken für Effizienz, Wettbewerb und den Mittelstand, ZEW policy brief / Analysenreihe Energieökonomik, Mannheim.
4. ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (München)
- Kernaussage: Präsident Clemens Fuest und ifo-Ökonomen warnen vor einer Dauersubventionierung. Wenn Strom dauerhaft knapp und teuer sei, müsse sich die Industriestruktur anpassen; Subventionen verlagern die Kosten lediglich auf die Steuerzahler und andere Sektoren.
- Fuest, C. (2023): Warum ein subventionierter Industriestrompreis der falsche Weg ist, ifo Standpunkt / ifo Schnelldienst, München.
5. RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (Essen)
- Kernaussage: Energieökonom Manuel Frondel betont, dass die hohen Kosten hausgemacht durch staatliche Umlagen und Steuern sind. Die Lösung dürfe nicht in neuen Subventionen für Großkonzerne liegen, während Haushalte und Handwerk die Differenz finanzieren müssen.
- Frondel, M. (2023): Subventionierter Industriestrompreis: Falsche Signale für Transformation und Verteilungsgerechtigkeit, RWI Positionspapier / RWI Essen.