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Urbane Mobilität: E-Roller statt Dieselbus?

Urbane Mobilität: E-Roller statt Dieselbus?

Kampfradler, Einkaufspanzer, Staus und Parkplatznot – denkt man an die Mobilitätssituation in unseren Städten, schießen einem unweigerlich viele negative Begriffe in den Kopf. Aber es gibt sie: Neue Ansätze, die das Vorankommen und das Leben in der Stadt gleichermaßen verbessern können.
Von Louis-F. Stahl

(9. Juli 2019) Über zwei Aspekte sind sich alle Experten einig: Die Emissionen des Verkehrs – sowohl die Luftschadstoffe als auch der Lärm – müssen drastisch reduziert werden und der Raumbedarf des Verkehrs darf dabei nicht zunehmen. Denn kurzerhand ganze Häuserzüge einzureißen, um schnell und kostengünstig eine Stadtbahn zu bauen, mag in anderen Ländern funktionieren, aber nicht in deutschen Großstädten, die ohnehin an akuter Wohnraumnot leiden.

Öffentlicher Verkehr

Ein Schlüssel zur Emissionsminderung ist der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV). Sein Ausbau schafft zudem Platz ohne Ende, wie schon eine Werbeanzeige im Jahr 1990 anschaulich zeigte. Nur zwei Jahre später fuhr der erste umweltfreundliche Erdgasbus in Deutschland. Dennoch ist der ÖPNV-Ausbau in den letzten Jahrzehnten – wenn überhaupt – nur schleppend vorangekommen. Im Gegenteil: Kleine Nebenbahnen vom Land in die Stadt wurden stillgelegt, der U- und S-Bahn-Ausbau ist nahezu zum Erliegen gekommen, Straßenbahnen sowie O-Busse wurden zurückgebaut und Busse dieseln durch die Städte.

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Anzeige aus dem Jahr 1990!

Hauptursache sind die klammen Gemeindekassen. Und diese Entwicklung verstärkt sich: Mehrere Städte wie beispielsweise Hamburg führten kürzlich Parkgebühren für die Park+Ride-Anlagen am Stadtrand ein.
Die Folge: Die Auslastung der Parkplätze sank dramatisch und Pendler parken die Wohngebiete rund um U- und S-Bahnstationen zu – oder fahren mit dem Auto direkt zu ihrem Ziel in der Stadt, weil Fahrschein und Parkticket zusammen teurer sind als die Autofahrt.

Politische Luftschlossflucht

Mögliche Verbesserungen wie nahezu rußfreie und sehr schadstoffarme Erdgas- und Biomethanbusse wurden zwar entwickelt und stehen seit über 25 Jahren zur Verfügung, werden aber aufgrund geringer Mehrkosten kaum genutzt. Im Gegenteil: Die spärlichen Fördergelder für Kommunen in diesem Bereich wurden kürzlich weiter gekürzt und so wurden beispielsweise in Rosenheim und Hersbruck alte Biomethanbusse durch neue Dieselfahrzeuge ersetzt.

Fördergelder gibt es für Elektrobusse, die zwar deutlich teurer, aber dafür auch leiser und zumindest lokal schadstofffrei fahren können. Was fehlt, sind die nötige Ladeinfrastruktur und Bushersteller, die Fahrzeuge liefern können. So wurden aus dem 1,5 Milliarden Euro schweren „Sofortprogramm Saubere Luft“ gegen Diesel-Abgase aus dem Jahr 2017 bis zum Mai 2019 nur 15,6 Millionen Euro – daher gut ein Prozent – abgerufen.

Doch statt sich den Problemen unserer Zeit anzunehmen, präsentieren Spitzenpolitiker wie Verkehrsminister Andreas Scheuer und Dorothee Bär lieber „Flugtaxis“ als mögliche Lösung, die vielleicht in 10 oder 20 Jahren fliegen, dabei einen Höllenlärm produzieren und in den zugeparkten Städten natürlich keinen Landeplatz finden.

Mikromobilität

Eine Verkehrswende der ganz anderen Art, die in Metropolen wie San Francisco, New York, Madrid, Wien und Paris bereits seit gut einem Jahr stattfindet, sind kleine E-Roller. Die Miniscooter sehen aus wie die aus den 1990er Jahren bekannten klappbaren Tretroller, fahren aber elektrisch und bis zu 35 km/h schnell. Der Akku ist entweder in die Lenkstange oder das Standbrett integriert und die meisten Modelle verfügen neben der Möglichkeit zur Rekuperation – dem Verzögern über den Elektromotor im Generatorbetrieb zur Energierückgewinnung – über starke Bremsen sowie eine eingebaute LED-Beleuchtung. Der Clou: Man kann diese Roller zwar kaufen, muss es aber nicht, da sich Mietmodelle etabliert haben. Die bekanntesten Anbieter heißen Lime, Bird, Tier, Wind und Hive. Der Grundpreis pro Ausleihe beträgt zumeist einen Euro beziehungsweise einen Dollar zuzüglich 10 bis 20 Cent pro Minute. Für eine kurze Strecke kommen so 1 bis 3 Euro und für eine Stunde Stadtrundfahrt rund 10 Euro zusammen. Die Ausleihe erfolgt über Smartphone-Apps der Anbieter und nach der Fahrt werden die Roller einfach irgendwo abgestellt. Nachts sammeln die Anbieter die leeren Roller ein und laden die Akkus auf.

757 Miniscooter / Foto: HUK-Coburg

Mietfahrzeugflut als Problem

Die kleinen Roller können aber auch zum Problem werden: In den sozialen Medien häufen sich Berichte aus den USA über Scooter-Plagen. Nahe beliebter Plätze stapeln sich die kleinen Roller oder werden achtlos auf Bürgersteigen abgestellt. Defekte Geräte bleiben einfach in Gebüschen liegen oder vermüllen Vorgärten. Verstärkt wird dieses Problem durch einen derzeit stattfindenden Verdrängungswettbewerb: Jeder Anbieter versucht, die meisten Roller auf die Straße zu bringen und so seine Konkurrenten zu verdrängen. Ein Phänomen, das in China bereits seit Jahren im Bereich der Fahrradmietdienste grassiert und nach der Pleite des Mietrad-Anbieters Obike im Juli 2018 auch deutsche Städte betraf. Rund 10.000 Mieträder standen plötzlich verschlossen und unbenutzbar in München, Berlin und Hannover herum. Die Klärung der Eigentumsverhältnisse und damit der Beseitigungsschuld zog sich über Monate und wurde erst im April 2019 abgeschlossen. Es liegt in der Hand der einzelnen Städte, der modernen Mikromobilität einen Platz zuzuweisen – beispielsweise durch die Umwidmung von Parkplätzen am Straßenrand – und das achtlose Abstellen an anderen Orten zu verbieten. Städten wie London, Stuttgart, Paris und Hamburg ist dies bereits vor Jahren im Zuge des damals aufkommenden Mietfahrradbooms erfolgreich gelungen.

Straßenzulassung?

Nicht nur in den „ruhenden Verkehr“ müssen sich die kleinen E-Scooter noch einfügen, auch in Bewegung stellt sich die Frage: wo fahren? Zunächst sollten die Roller in Wien und Paris auf dem Gehweg fahren. Dafür sind diese jedoch zu schnell und die Fahrer oft zu rüpelhaft: Unfälle waren die Folge. Jetzt dürfen die E-Scooter nur noch auf Radwegen oder der Straße fahren. Wer in Paris mit den dort „Trottinette“ genannten Gefährten auf dem Gehweg fährt, der kassiert seit April 2019 eine Buße von 135 Euro.

In Deutschland darf man die bereits erhältlichen „Elektrokleinstfahrzeuge“ übrigens im Straßenverkehr überhaupt nicht nutzen! Weder als Leihroller noch als selbst gekauftes Fahrzeug. Denn bisher hat noch kein Modell eine Typenzulassung vom Kraftfahrtbundesamt erhalten. Eine Verordnung zur „Straßenzulassung“ wurde im Mai 2019 beschlossen und sieht folgende Anforderungen vor:

  • Begrenzung der Geschwindigkeit auf 20 km/h
  • Lenkstange und Beleuchtungssystem
  • Effektives Bremssystem
  • Versicherungspflicht und Anbringung eines Versicherungskennzeichens
  • Typenzulassung (ABE) durch das Kraftfahrtbundesamt

Sollten die ersten E-Roller mit Typenzulassung in einigen Monaten erhältlich sein, werden die versicherten und zugelassenen Kleinstroller auf deutschen Radwegen entsprechend der gesetzten Anforderungen bei 20 km/h von lachenden E-Bike-Fahrern ohne Zulassung und Versicherungskennzeichen mit 25 km/h sowie noch deutlich schnelleren Rennradfahrern überholt.

Es ist nicht absehbar, ob und welche Hersteller möglicherweise eine Nachrüstung der sich erst im Typgenehmigungsprozess ergebenden Änderungen am Fahrzeug nachträglich anbieten werden. Wahrscheinlich bleiben die derzeit erhältlichen Roller ohne Zulassung und damit auf Fahrten im Bereich von Privatgrundstücken beschränkt.

Das System machts

Nur mit Elektro-, Biomethan- und Wasserstoffbussen wird die Verkehrswende in den Städten nicht gelingen – zumal diese Techniken bisher nur im Rahmen von Schaufensterprojekten stattfinden und in der Masse neue Dieselbusse beschafft werden. Mehr Straßen-, U- und S-Bahnen wären nochmals deutlich teurer und aufwendiger. Dennoch liegt in der Attraktivitätssteigerung und im Ausbau sowie der Dekarbonisierung des ÖPNV unzweifelhaft der Schlüssel der urbanen Mobilitätswende. Eine Verringerung des Platzbedarfes – insbesondere durch weniger Autos im ruhenden Verkehr – bewirkt aber auch die Sicherstellung der individuellen Mobilität mit Mietsystemen. Carsharinganbieter und Fahrradmietsysteme haben sich in Deutschland bereits etabliert und es bleibt spannend zu sehen, welche Rolle die E-Scooter ab ihrer Zulassung in den kommenden Monaten einnehmen werden.