ED 01/11
Nichts spricht gegen, alles spricht für eine gute Wärmedämmung. Dennoch ist sie ins Gerede gekommen.

Wärmedämmung – ohne geht es nicht!

Nichts spricht gegen, alles spricht für eine gute Wärmedämmung. Dennoch ist sie ins Gerede gekommen. Verbraucher sind verunsichert. Wärmedämmung ist zu wichtig, um sie in Frage zu stellen. Wir geben Orientierungshilfe.
Von Aribert Peters

(9. April 2015) Alle seriösen Institutionen des Verbraucherschutzes und der Wissenschaft sind sich einig: Die meisten Argumente gegen die Wärmedämmung sind völlig übertrieben oder sogar ganz und gar haltlos. Wichtiger noch: Ohne eine rasche und sehr gute Wärmedämmung kann die Energiewende nicht gelingen (Siehe Energiewende zu Ende gedacht).

Meine persönliche Erfahrung mit Wärmedämmung: Im Jahr 2004 habe ich mein Haus mit einem zwölf Zentimeter dicken Styropor-Wärmedämmverbundsystem ummanteln lassen. Der Energieverbrauch hat sich nahezu halbiert. Mehr noch: Weil die Innenwände nun wärmer sind, wohnt es sich angenehmer.

Im Folgenden führen wir wichtige Einwände gegen Wärmedämmung auf und bewerten diese Einwände.

„Wärmedämmungen sind in der Praxis überhaupt nicht wirksam.“

Es gibt hunderttausende gut gedämmte Häuser, die das Gegenteil beweisen. Es gibt umfangreiche Sammlungen konkreter Fallbeispiele im Internet (zum Beispiel Effizienzhaus-Datenbank unter www.dena.de oder www.energiesparaktion.de). Es gibt darüber hinaus viele Studien zur Wirksamkeit von Wärmedämmung. Und es gibt Naturgesetze, an denen niemand vorbeikommt: Der Inhalt einer Thermoskanne bleibt dank guter Dämmung sehr lange warm.

Wie viel Heizenergie gespart wird, hängt von der Dämmstoffstärke und von der Wärmeleitfähigkeit des Dämmstoffes ab. Viel hilft hier ausnahmsweise wirklich viel. Richtig ist jedoch auch, dass die Energieeinsparungen durch Dämmung in der Praxis oft hinter zu hoch gesteckten Erwartungen zurückbleiben. Dabei kann man heute ohne weiteres schon Häuser bauen, die wie eine gute Thermoskanne, kaum mehr Heizwärme benötigen. Und man kann mit relativ hohem Aufwand selbst Altbauten durch Dämmung auf Passivhausniveau sanieren.

348 Grafik Gewinn durch Dämmung

„Wärmedämmung ist unwirtschaftlich.“

Die Wirtschaftlichkeit hängt von den Kosten der Dämmung und vom künftigen Kostenanstieg fossiler Brennstoffe ab.

Eine Wärmedämmung rechnet sich meist dann, wenn die Außenhülle des Hauses ohnehin saniert wird. Dann muss sowieso ein Gerüst gestellt sowie Farbe und Putz aufgebracht werden. Die Gesamtkosten für Gerüst, Anstrich und Dämmung teilen sich auf in Kosten, die auch ohne Dämmung entstehen würden, und die Zusatzkosten für die Dämmung. Man hat am Ende nicht nur ein gedämmtes Haus, sondern auch ein Haus mit neuem Putz und neuem Anstrich. Dieser zusätzliche Nutzen hat einen Preis, der von den Dämmkosten abzuziehen ist. Dadurch wird in den meisten Fällen auch bei heutigen Energiekosten die Wärmedämmung wirtschaftlich. Ähnlich amortisiert die Anschaffung eines spritsparenden Autos nicht dessen Anschaffungskosten, meist jedoch die Mehrkosten gegenüber dem Standardmodell. Deshalb ist der richtige Zeitpunkt für eine Wärmedämmung der Augenblick, an dem das Gebäude ohnehin einen neuen Putz oder neue Farbe bekommt.

Natürlich ist bei 35 Pfennig pro Liter Heizöl die wirtschaftliche Dämmdicke eine andere, als bei 80 Cent pro Liter. Aber rüstet der bei 35 Pfennig in nur sechs Zentimeter Dämmung investierende Hausbesitzer 20 Jahre später bei 80 Cent Ölpreis seine Wand auf zwölf Zentimeter nach, hat er den insgesamt teuersten Weg gewählt. Dürfen also Techniken, die 50 und mehr Jahre genutzt werden, mit dem aktuellen Energiepreis bewertet werden? Antizipieren wir die zwei oder drei Euro, die ein Liter Heizöl in 20 Jahren kosten wird, für unsere heutigen Bauentscheidungen? Oder bauen wir heute billig, um später teuer zu wohnen? Anders betrachtet: Eine Wärmedämmung ist eine Art zusätzlicher Rentenversicherung. Die heutige Investition führt zu künftig anwachsenden Ersparnissen an Heizenergie. Im Ergebnis führt Wärmedämmung zu steuerfreien Einkünften (Einsparungen) in der Zukunft – verglichen zur Situation ohne Dämmung.

„Die Dämmung reduziert solare Gewinne.“

Genau genommen gibt es keine solaren Gewinne, sondern nur eine Reduktion der Transmissionswärmeverluste durch Aufheizung des äußeren Wanddrittels für einige Stunden an einigen solarstrahlungsreichen Tagen des Winters bei nach Süden orientierten Wänden. Die Kernmonate des Winters haben pro Monat nur 40 bis 60 Sonnenstunden. Die solaren Gewinne sind prozentual über die Außenbauteile  nach der Dämmung die gleichen wie vor der Dämmung: Die Gewinne haben sich absolut reduziert, aber die Verluste sind auch um 60 bis 90 Prozent gesunken. Wenig gewinnen und noch mehr verlieren ist keine Lösung.

„Wärmedämmung schadet dem Haus. Sie macht das Haus luftdicht, und dann verschimmelt es.“

Die Wärmedämmung macht kein Haus luftdicht. Denn Wände atmen nicht: Sie sind mit oder ohne Wärmedämmung weitestgehend undurchlässig für Luft und auch für Feuchtigkeit. Der Luftdurchgang durch Baumaterialien, Fugen und Ritzen sichert keine Lüftung. Auf diesem Wege käme auch eher schadstoffhaltige Luft ins Haus, denn in Ritzen wuchern häufig Schimmel und Bakterien. Im Zuge einer energetischen Sanierung werden oft und sinnvollerweise undichte Stellen im Gebäude beseitigt, zum Beispiel durch neue Fenster und Türen. Die witterungsabhängigen und unkontrollierbaren Wärmeverluste durch eindringende Kaltluft werden gestoppt und ebenso der damit einhergehende Feuchtetransport ins Haus. Die Lüftung der Innenräume und damit der Abtransport der Feuchte aus den Innenräumen muss dann durch eine Lüftungsanlage oder häufiges Fensterlüften erfolgen.

348 Vergleich Wand Schimmelpilzbildung

Schimmelpilze brauchen zum Gedeihen Feuchtigkeit. Besonders an kalten Wänden schlägt sich feuchte Luft nieder. Eine verbesserte Wärmedämmung der Außenwände hebt die Temperatur der Wände im Hausinneren an. Schimmel hat dann keine Chance mehr. In ungedämmten Altbauten ist Schimmel immer dort zu finden, wo die Wärmedämmung besonders schlecht ist, in Ecken und Winkeln. Eine sachgemäß angebrachte Wärmedämmung ist somit das beste Mittel gegen feuchte Wände und Schimmelbefall.

Tipp: Der Bund der Energieverbraucher e. V. verleiht an seine Mitglieder eine Antischimmelbox, um dem Schimmel auf die Spur zu kommen. Darüber hinaus können mit den kostenlos entleihbaren Wärmebildkameras vom Verein Kältebrücken, an denen sich die Feuchtigkeit niederschlägt, aufgespürt werden.

„Wärmedämmverbundsysteme saugen sich mit der Zeit mit Wasser voll, verlieren dann die Wirksamkeit und verrotten.“

Eine länger andauernde Durchnässung einer Dämmschicht muss unbedingt vermieden werden. Normalerweise schützt der Außenputz vor Durchfeuchtung von Wänden und die Dachziegel bei einer Dachdämmung. Schäden an Putz oder Dachziegeln müssen sofort behoben werden, mit oder ohne Dämmung. Im Sockelbereich ist besondere Sorgfalt nötig, damit nicht Feuchtigkeit aus dem Erdreich angesaugt wird. Allerdings hat Polystyrol keineswegs die Neigung, sich vollzusaugen. Es gibt sogar Styrodurplatten für die Außendämmung von Kellerwänden gegen das Erdreich, die auch ständige Nässe gut aushalten.

„Gedämmte Fassaden neigen zur Veralgung und sehen deswegen schnell hässlich aus.“

Die zunehmende Veralgung unseres Siedlungsraumes ist nicht nur ein Problem gedämmter Wände. Zuerst veralgten die Dächer, weil Algen Wasser brauchen. Heute sind auch ungedämmte Wände, Gehwegplatten, Zäune, Straßenschilder, Vorhangfassaden, Dämmputze usw. veralgt. Dieser Prozess nimmt noch zu. Die verputzten und gedämmten Wände waren 1990 zuerst betroffen, weil durch den verringerten Wärmestrom aus dem Gebäude, die Fassadenoberfläch im Winter kälter und feuchter bleibt. Das erhöht das Risiko einer Veralgung. Andere Risikofaktoren sind ein zu geringer Dachüberstand – oft in Folge der Wärmedämmung, ein Mangel an Sonneneinstrahlung (vor allem bei Nordfassaden), Pflanzen nahe an der Fassade und generell feuchte, neblige Standorte wie beispielsweise nahe Flüssen. Algen sind keine gesundheitliche Gefahr. Es geht um ein rein optisches Problem, denn Algen haften nur leicht auf der Fassade an und sind abwaschbar.

„Wärmedämmverbundsysteme sind brandgefährlich. Sie müssten deswegen verboten werden.“

Alle in Deutschland verwendeten Dämmstoffe sind bauaufsichtlich zugelassen und sicher. Hauseigentümer wählen zu 85 Prozent das kostengünstige Polystyrol als Wärmedämmverbundmaterial. Das ist zwar als „schwer entflammbar“ eingestuft, ist aber nicht unbrennbar. Die Brennbarkeit von Baumaterialien führt in den Bauvorschriften der Länder nicht zum Verbot, sonst würde man auch keine hölzernen Dachstühle mehr zulassen dürfen, die übrigens sehr häufig brennen. Brandschutz ist Bauordnungsrecht und wägt das Brandrisiko mit dem wirtschaftlichen Aufwand zur Vermeidung und den individuellen Freiheitsrechten ab. Sonst würden wir schon alle in Zimmern mit unbrennbarem Mobiliar wohnen. Brandschutzrecht fragt auch: Wie entwickeln sich Brände, ändert eine brennbare Fassadenbekleidung etwas an dem ohnehin ablaufenden Brand? Aus solchen Abwägungen heraus gibt es keine Brandschutzanforderungen an Einfamilienhäuser. Abgesehen von den Grenzabständen zum Nachbarn, damit ein Brand nicht zum nächsten Haus überspringt. Denn bei diesem Haustyp dominiert der Zimmerbrand mit inhäuslicher Ausbreitung und die Fassade ist egal. Deshalb darf man im EFH sogar mit normalentflammbaren Dämm- und sonstigen Fassadenbekleidungen bauen. 80 Prozent der Brände sind Zimmerbrände.

348 Dämmung von Fassaden

„Styropor ist gefährlicher Sondermüll“.

Werner Eicke-Hennig schrieb in der Energiedepesche 2013: „Während man aus Polystyrolbechern Kaffee an mit Polystyrol-Lacken beschichteten Tischen trank, diskutierte man Innenluftbelastungen durch auf Wänden von außen angebrachte Polystyrol-Dämmstoffe. Als dann endlich einmal am ersten Passivhaus in Darmstadt bei 28 Zentimeter WDVS aus Polystyrol die Raumluftbelastung mit monomerem Styrol gemessen wurde, gab es Entwarnung: Nach einer minimalen Anfangsbelastung des Neubaus waren schon sechs Monate nach Bezug die Innenluftwerte gleichauf mit der normalen Styrolkonzentration in der Außenluft“.

Styropor ist kein Sondermüll. Den Begriff „Sondermüll“ gibt es im Abfallrecht ohnehin nicht. EPS ist mit dem Abfallschlüssel für „Gemischte Bau- und Abbruchwerkstoffe“ eingestuft. In Verbindung mit anderen Bau- oder Abbruchabfällen ist Styropor dem Abfallschlüssel 17 09 04 zugeordnet und gilt damit als nicht gefährlicher Abfall. Nach dem heutigen Erkenntnis- und Wissensstand geht von der Verwendung von Styropor keine nachweisliche gesundheitliche oder umweltrelevante Gefährdung aus. Polystyrol ist physiologisch unbedenklich und als Lebensmittelverpackung sogar für rohes Fleisch oder Fisch uneingeschränkt zugelassen.

„Dämmstoffe verursachen ein Entsorgungsproblem.“

Massivbaustoffe, nicht Dämmstoffe sind unser Bauschuttproblem. Sie blockieren in großen Mengen die Deponien. Zu den heute zum Glück nur noch 9,3 Millionen Jahrestonnen Massivbauschutt kommen – bei 80 Prozent Recyclingquote – pro Jahr künftig 32.000 Tonnen EPS hinzu. Das sind 0,34 Prozent, wenn alle Wände mit EPS gedämmt wären und eine Nutzungsdauer von 50 Jahren unterstellt würde, die auch erreicht wird, wie wissenschaftliche Langzeitbeobachtungen zeigen.

Polystyrol ist ein Wertstoff, deshalb muss es bis 2020 zu 70 Prozent recycelt werden. Und schon laufen die Forschungen: Das erfolgversprechendste Recyclingverfahren kommt vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung. Der CreaSolve-Prozess löst das EPS an der Baustelle chemisch auf, die Menge ist dann gut transportierbar und nachgelagert wird das HBCD herausgelöst. Aus dem entstandenen Styrol können wieder Dämmplatten produziert werden. Der Fortschritt bringt die Lösung, die Menschen vervollkommnen nicht nur ihre Waffentechnik.

„Das Flammschutzmittel HBCD macht Dämmplatten zu gefährlichem Gift.“

Das bisher vor allem in Dämmplatten eingesetzte Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan, kurz HBCD, wird ab August 2015 voraussichtlich europaweit verboten. Der Stoff ist giftig für Gewässerorganismen wie zum Beispiel Algen, reichert sich in Lebewesen an und steht im Verdacht, Säuglinge über die Muttermilch zu schädigen. Der Dachverband der Dämmstoffhersteller gibt an: „Die deutschen Dämmstoffhersteller werden schon gegen Ende des Jahres 2014 alle Styroporplatten ohne HBCD produzieren“. Das HBCD wird in der Müllverbrennung in zwei Sekunden bei 900 °C völlig vernichtet, kann aber auch auf chemischem Wege bei den kommenden Recyclingverfahren (s.o.) abgespalten werden.

Das Umweltbundesamt hat dazu im Dezember 2014 eine Informationsbroschüre veröffentlicht.

Darin heißt es: „HBCD ist nach der CLP-Verordnung nicht als akut toxisch für den Menschen eingestuft. Das bedeutet, dass nach einmaliger Exposition sogar mit hohen Dosen von HBCD keine unerwünschten akuten Wirkungen zu erwarten sind […]. Auch wer in einem Haus mit HBCD-haltigen Dämmplatten wohnt, muss nach heutigem Kenntnisstand bei fachgerechter Anwendung keine negativen Effekte auf seine Gesundheit befürchten, da in der Nutzungsphase nur wenig HBCD aus den Platten austritt, das über die Luft oder den Hausstaub von den Bewohnern aufgenommen werden könnte […]. Ebenso sind in der unmittelbaren Umgebung kaum akute Umweltwirkungen zu erwarten, da auch bei ungeschützt außen angebrachten Dämmstoffen nur sehr geringe Konzentrationen des wenig wasserlöslichen HBCD durch das Regenwasser ausgewaschen werden.“

Zur Entsorgung schreibt die Broschüre: „HBCD-haltige Dämmplatten unterschreiten den maßgeblichen Grenzwert für Gesundheitsschädlichkeit nach Art. 2 Abs. 2 Nr. 4 der Abfallverzeichnis-Verordnung. HBCD-haltige Dämmstoffabfälle sind somit dem Abfallschlüssel „17 06 04 Dämmmaterial mit Ausnahme desjenigen, das unter 17 06 01 und 17 06 03 fällt“ zuzuordnen. Auch mit einer Umweltrisikobetrachtung der Entsorgung dieses Abfalls ergibt sich keine andere abfallrechtliche Gefährlichkeitseinstufung.“ Das Umweltbundesamt empfiehlt dennoch die Verwendung HBCD-freier Dämmstoffe.

„Durch die Fassade entweicht ohnehin nur ein kleiner Teil der Wärme, da lässt sich kaum etwas sparen.”

Das Institut Wohnen und Umwelt hat für 46 Wohngebäudetypen der deutschen Gebäudetypologie, vom EFH über das Reihen- bis zum Hochhaus, die Kosten und das Einsparpotenzial durch zwölf Zentimeter Außenwanddämmung berechnet. Die Einsparungen liegen zwischen zehn Prozent bei einem Reihenhaus mit viel Südverglasung, bis zu 52 Prozent bei einem achtstöckiges Mehrfamilienhaus (siehe auch Gebäudetypen).

Basis jeder sachgerechten Wärmedämmung ist eine Analyse von Dämmung und Heizanlage eines Hauses, zum Beispiel mit dem www.sanierungskonfigurator.de oder dem einfachen Rechenprogramm CASAnova  oder durch eine Energieberatung.

„Ein Austausch der Heizungsanlage ist doch viel sinnvoller.“

Wieviel Heizenergie ein Kessel ins Gebäude liefern muss, hängt von dessen Größe und von der Dämmung seiner Außenbauteile ab. Der Kessel kann noch so modern sein, bleibt die Hülle eines Altbaus ungedämmt, muss er viel Wärme ins Haus liefern. Der Austausch einer alten Heizung macht eine Wärmedämmung also nicht überflüssig. Effiziente Heizungen können den Nutzenergieverbrauch des Gebäudes nicht vermindern, sondern nur die Abgasverluste verringern. Der richtige Weg ist immer: Erst den Energiebedarf verringern und dann das Heizsystem anhand des neuen, verringerten Wärmebedarfes optimieren (siehe Grafik).

348 1900 Kesselaustausch Wärmedämmung

„Die Herstellung einer Wärmedämmung verursacht einen so hohen Energieaufwand, dass diese Methode zum Energiesparen untauglich ist.“

Die Erstellung von Häusern ist mit nur 2,5 Prozent am jährlichen Primärenergieverbrauch Deutschlands beteiligt. Ein zwölf Zentimeterdickes WDVS aus Polystyrol spart, über 25 Jahre betrachtet, 23 Mal mehr Primärenergie beim Heizen ein, als zu seiner Herstellung benötigt wird. Als Alternative zur Polystyrol-Dämmung (als Erdölprodukt) werden dickere Ziegel vorgeschlagen – obwohl gerade Ziegel wegen der Notwendigkeit des Brennens in der Herstellung energieintensiv sind.

„Wärmedämmung mit synthetischen, unnatürlichen Materialien ist unökologisch.“

Es stehen viele unterschiedliche Dämmmaterialien zur Auswahl, darunter einerseits Materialien aus Naturstoffen wie Holz, Kork, Steinwolle und Cellulose, aber andererseits auch synthetische Materialien wie Polystyrol und Polyurethan. Es fragt sich, was genau man unter „ökologisch“ versteht: Geht es um Umweltbelastungen oder darum, ob das Material natürlich ist? Keineswegs sind jedoch synthetische Materialien stets „böse“ und natürliche Materialien „gut“.

Einige Beispiele:

  • Bei der Verbrennung von Polystyrol entstehen zwar giftige Gase (wie Kohlenmonoxid), aber viel weniger als bei Holzspanplatten, Cellulose, Kork oder auch bei Bauholz. Es wäre also absurd, wegen giftiger Gase im Brandfall lieber Holz als Polystyrol einzusetzen.
  • Polystyrol-Dämmungen benötigen für ihre Herstellung einen wesentlich höheren Energieaufwand als Cellulose-Dämmungen (z. B. aus Altpapier), aber einen geringeren als Holzfaserdämmplatten.
  • Gegenüber Schimmel im Falle der Durchfeuchtung sind natürliche Materialien anfälliger als synthetische. Die Lebensdauer sollte auch ein ökologisches Merkmal sein.

In aller Regel sind Umweltbelastungen durch die Dämmstoffherstellung weitaus geringer als die durch den verringerten Heizenergiebedarf vermiedene Belastung.

„Der Bedarf für Sanierungen besteht nicht. Unsanierte Häuser aus den frühen Nachkriegsjahren gibt es in Deutschland kaum noch.“

Die Broschüre „Sanierungsbedarf im Gebäudebestand – Ein Beitrag zur Energieeffizienzstrategie Gebäude“ des Bundeswirtschaftsministeriums hat die Wohngebäude nach ihrem Baualter gruppiert: 64 Prozent der Gebäude stammen aus den Jahren 1949 bis 1978. Gerade diese Gebäude haben einen besonders hohen Energieverbrauch von 208 kWh/m2a. Ein modernes Gebäude aus aus dem Jahr 2010 verbraucht dagegen weniger als ein Viertel an Heizenergie.

Die „Metastudie Wärmedämmstoffe“ des Forschungsinstitutes Wärmeschutz e. V. München (FIW) kommt ebenfalls zum Ergebnis, dass derzeit 65 Prozent aller Wohngebäude in Deutschland modernisierungsbedürftig sind (siehe Grafik).

348 500 1277 End- und Primärenergiebedarf von Gebäuden nach Baualter

Der durchschnittliche Endenergieverbrauch von heutigen Gebäuden liegt um den Faktor 4,5 niedriger als bei Gebäuden aus der Vorkriegszeit.

„Dicke Wände alter Häuser dämmen genug.“

Gebäude mit 38 bis 64 Zentimeter Wandstärke wurden früher aus Vollziegel oder Bruchsteinen gebaut. Das sind zwar gute Wärmespeicher, jedoch auch ebenso gute Wärmeleiter. U-Werte unter ein W/m2K sind selbst bei dicken historischen Wänden die absolute Ausnahme. Auch hier kann Wärmedämmung eine Senkung der Wärmeverluste um 80 bis 90 Prozent bewirken. Als Speicher helfen sie nicht, denn alles was dort im Winter eingespeichert wird, stammt aus der Heizungsanlage. Das ist günstigstenfalls ein Nullsummenspiel. Massivhäuser mit Speichermasse verbrauchen bei der heute üblichen Dauerheizung ein bis zwei Prozent mehr als Häuser mit wenig Speichermasse.

„Die energetische Sanierung verschandelt unsere Städte.“

Nicht das WDVS verschandelt, sondern der Hauseigentümer, dem die Fassade seines Hauses egal ist. 95 Prozent unserer Bausubstanz sind Profanbauten und quadratisch-praktisch gut. Und diese Bauten könnten durch Dämmung optisch sehr viel gewinnen, wenn der Bauherr dafür Geld auszugeben bereit ist. Es gibt viele Beispiele dafür, dass vorher sehr heruntergekommen aussehende Häuser hinterher weitaus ansprechender aussehen. Für denkmalgeschützte Gebäude bleibt noch die Möglichkeit einer Innendämmung.

“Als Vermieter lohnt sich für mich die Wärmedämmung doch gar nicht – ich habe ja nur die Kosten.”

Vermieter können die Kosten einer energetischen Sanierung mit elf Prozent jährlich den Mietern anlasten. Der Vermieter hat nach rund zehn Jahren ein entsprechend wertvolleres Haus. Die ehemals gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften ertüchtigen ihre Häuser kontinuierlich seit 40 Jahren mit Sanierungsquoten von drei Prozent pro Jahr. In ihren Geschäftsberichten stehen drei bis zehn Prozent Eigenkapitalrendite und die Sanierung wird auch noch sozialverträglich abgewickelt.  Wenn die das können, mit ihren nur begrenzt mietzahlungsfähigen Mietern, können es andere Vermieter auch.

„Als Mieter lohnt sich für mich die Wärmedämmung doch gar nicht – ich zahle ja dann mehr Miete.“

Mieter sollten darauf achten, dass die umzulegenden energetischen Sanierungskosten um reine Renovierungskosten bereinigt sind. Aber selbst dann kann eine energetische Sanierung in der Tat die Kaltmiete stärker erhöhen, als die Heizkosten sinken, zumindest in den ersten drei bis fünf Jahren. Denn: In wenigen Jahren können die Heizkosten so steigen, dass die Rechnung anders aussieht. Wenn der nächste Ölpreisschock kommt, wird jeder froh sein, der in einem wärmegedämmten Haus lebt – ob als Besitzer oder als Mieter. Wenn ein solcher Mietaufschlag aufgrund der Marktlage durchgesetzt werden kann, so wäre dies früher oder später auch aus anderen Gründen erfolgt.

Eine aktuelle Studie der Heinrich-Böll-Stiftung stellt fest, dass nur 5,3 Prozent des Mietpreisanstiegs, den der Berliner Mietspiegel abbildet, auf Kosten der energetischen Modernisierung zurückgehen. Der größte Mietpreistreiber sei die unbegrenzte Möglichkeit der Mietpreisanhebung bei Neuvermietungen.

„Die Dämmstoffbranche ist völlig unglaubwürdig geworden durch manipulierte Siegel, falsche Angaben von Dämmwerten und Kartellabsprachen.“

Kritik an einzelnen Missständen der Branche darf aber nicht zu einer Ablehnung der Wärmedämmung insgesamt verleiten. Die Kritik an der Organspende-Vergabe würde doch niemand dazu verleiten, Organtransplantationen insgesamt in Frage zu stellen.

Fazit

Die Kritik an der Wärmedämmung ist gut, weil sie Aufmerksamkeit auf das Thema lenkt und auch Missstände aufdeckt. Aber die Wärmedämmung ist insgesamt gut und sehr sinnvoll für Bauherren, Wohnbaugesellschaften und auch für unsere Gesellschaft insgesamt. Sie muss beschleunigt und darf nicht gebremst werdenKasten:

Webhinweise:

letzte Änderung: 30.08.2024