Kraft der Gemeinschaft
Wenn Haushalte selbst erzeugten Strom teilen, profitieren alle: Erzeuger, Verbraucher und die Umwelt. Neue digitale Plattformen vereinfachen solche Strom-Communitys radikal. Jetzt ist auch der Bund der Energieverbraucher dabei – mit seinem Angebot Mitmachstrom.
Von Volker Kühn und Svenja Fleig
(26. Oktober 2026) Es war in der Oberstufe, als es bei Hendrik Schubert klick gemacht hat. Als er im Unterricht Al Gores aufrüttelnden Film »Eine unbequeme Wahrheit« sah, sei ihm bewusst geworden, wie zerbrechlich das Leben auf dem Planeten ist und wie wichtig der Umstieg auf saubere Energien. »Wir müssen den Absprung von den großen Kohlekraftwerken hin zu dezentralen erneuerbaren Energien schaffen«, sagte Schubert kürzlich in einem Podcast.
Auf dem Dach seines Elternhauses in Norddeutschland ist der Absprung bereits erfolgt. Dort erzeugt eine Solaranlage Strom. In seiner Kölner Stadtwohnung allerdings waren Schuberts Möglichkeiten, aktiv an der Energiewende teilzuhaben, lange Zeit begrenzt. Doch das ist inzwischen anders. Heute nutzt er den Strom seines Vaters, wann immer dessen PV-Anlage mehr erzeugt, als vor Ort verbraucht wird. Denn Schubert und sein Vater sind Teil einer Strom-Community – einer digitalen Plattform, über die Erzeuger und Verbraucher von erneuerbaren Energien zusammenfinden, um Strom zu teilen.
Strom für alle! Nachbarn, Freunde und Familien teilen Solarenergie: Beim Energy Sharing profitieren Verbraucher und die Umwelt
Dahinter steht die 2023 gegründete Düsseldorfer Firma WeShareEnergy (WSE), deren Geschäftsführer Schubert ist. Mehr als 40 Communitys in ganz Deutschland organisiert WSE bereits. Energiegenossenschaften in Städten wie Darmstadt und Aschaffenburg sind darunter, Unternehmen, die ihre Mitarbeiter mit Strom aus eigenen Wind- und Solarparks versorgen, oder die Robin-Gut-Stiftung, in deren Podcast Schubert von seinem Aha-Moment in der Oberstufe berichtete.
Und seit Kurzem besitzt auch der Bund der Energieverbraucher eine Strom-Community bei WSE. Ihr Name: Mitmachstrom.
Wer Energie übrig hat, teilt sie – wie bei einer Powerbank.
Freunde können Vorzugspreise vereinbaren. Erzeuger erhalten oft mehr als über das EEG
Das Prinzip dabei ist simpel: WSE vernetzt Produzenten und Verbraucher. Wer grünen Strom erzeugt, sei es mit Solarpaneelen, Windrädern oder in einem Wasserkraftwerk, kann die Überschüsse daraus anderen Mitgliedern der Community anbieten. Den Preis dafür verhandeln beide Seiten individuell. Hendrik Schubert etwa zahlt für den Solarstrom seines Vaters einen Vorzugspreis von fünf Cent je Kilowattstunde. Hinzu kommen die üblichen Steuern, Umlagen und Entgelte, denn der Strom fließt über das öffentliche Leitungsnetz. Je nach Region macht dieser Posten derzeit gut 13 Cent aus. Was Produzenten nicht in der Community loswerden, wird zum jeweils gültigen EEG-Tarif vergütet.
So profitieren alle: Verbraucher zahlen im Schnitt nach Angaben von WSE meist etwas weniger als bei herkömmlichen Stromversorgern. Und Produzenten erhalten oft etwas mehr als über die EEG-Vergütung. Damit treiben Strom-Communitys zugleich die Energiewende voran. Denn indem sie eine sichere Vertriebsmöglichkeit für selbst erzeugten Strom schaffen, machen sie Investitionen in neue Solaranlagen attraktiv.
Strom-Communitys tragen damit etwas von dem Geist in sich, der die Anfangstage der Energiewende prägte. Damals ging es darum, der Marktmacht der großen Versorger etwas entgegenzusetzen. Bürgerinnen und Bürger stellten Windräder auf, bauten Solaranlagen auf ihre Dächer und zapften Biogasanlagen an, um ihre Energieversorgung in die eigene Hand zu nehmen. Sie schlossen sich lokal zusammen, mal locker und informell, mal in Energiegenossenschaften. Von »Stromrebellen« schrieben die Zeitungen damals. Auf diese Weise trieben sie die Politik vor sich her, bis Rot-Grün die Energiewende mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz aus dem Jahr 2000 schließlich auch formal in Gang setzte.
Heute existieren in Deutschland zwischen 2500 und 3000 Bürgerenergiegenossenschaften. Gut ein Drittel davon arbeiten lokal; aktuell haben sie 220.000 Mitglieder. Rund 3,2 Milliarden Euro investierten Genossenschaftler bisher in die Energiewende vor Ort – 3200 Euro im Schnitt pro Kopf.
Auftrieb erhielten die Bürgergenossenschaften um 2012, als der damalige Bundesumweltminister Peter Altmaier die Vergütung für PV-Strom drastisch reduzierte und den Ausbau deckelte. Vom »Altmaier-Knick« ist im Rückblick die Rede. Er ruinierte die deutsche Solarindustrie, zugleich aber stärkte er den Widerstandsgeist an der Basis. Die Bürgerenergie verzeichnete damals viele neue Mitglieder.
»Solche Modelle können sehr verbraucherfreundlich sein«
Thomas Zwingmann, Verbraucherzentrale NRW
Ähnlich könnte es angesichts des drohenden »Reiche-Knicks« wieder laufen. Sollte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche wie in der EEG-Novelle vorgesehen die feste Einspeisevergütung für Solaranlagen abschaffen, müssten sich die Stromerzeuger selbst um eine Vermarktung kümmern – etwa, indem sie sich einer Strom-Community anschließen. Hendrik Schubert jedenfalls berichtet, man erhalte derzeit sehr viele Anfragen.
Das gesetzliche Energy Sharing ist komplex. WSE bietet eine pragmatische Alternative
Das dürfte auch daran liegen, dass das WSE-Modell simpler ist als das »offizielle« Energy Sharing, das die Bundesregierung zum Juni 2026 eingeführt hat. Sie setzt damit eine Vorgabe der EU um – allerdings mit reichlich Verspätung und sehr viel komplizierter als in Ländern wie Österreich oder Italien. Das deutsche Modell kritisieren Verbraucherschützer als extrem bürokratisch. Es sei weder für Stromabnehmer noch für Erzeuger attraktiv, insbesondere wenn es um kleinere Strommengen gehe. »Ob Energy-Sharing auf der Grundlage ins Laufen kommt, steht für mich in den Sternen«, sagt Thomas Zwingmann, Leiter der Gruppe Energie und Klima bei der Verbraucherzentrale NRW, im Gespräch mit der Energiedepesche.
Gemeinsam stärker: In einer Community muss sich niemand allein abstrampeln.
Im Vergleich dazu seien Dienstleistermodelle wie das von WSE eine einfache und barrierearme Möglichkeit. »Solche Modelle können sehr verbraucherfreundlich sein. Ich muss mich nicht um die administrativen Aufgaben kümmern und wenn etwas schiefläuft, habe ich einen Ansprechpartner«, sagt Zwingmann. Auch hier sollten Verbraucher aber auf transparente und faire Preise sowie die genaue vertragliche Ausgestaltung achten.
Formuliert man es positiv, dann ist der typische deutsche Stromkunde eine treue Seele. Er wechselt seinen Versorger selbst dann nicht, wenn anderswo günstige Angebote locken. Nicht wenige Kunden harren sogar in der besonders teuren Grundversorgung aus, sei es aus Trägheit, Unwissenheit oder Desinteresse. Im Ergebnis zahlen Haushaltskunden im Schnitt bis zu 37 Cent je Kilowattstunde Strom. Und das, obwohl es Neukundentarife seit Jahren für unter 30 Cent gibt.
Was Kunden in den Stromcommunitys von WSE zahlen, hängt stark von der jeweiligen Gemeinschaft ab, sprich: welche Erzeuger dort mit welchen Anlagen Strom anbieten und welche Freundschaftspreise sie gegebenenfalls einräumen. Meist rangiert das Preisniveau unter dem bundesweiten Schnitt. »Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es durchaus günstiger geht, wenn man jedes Jahr den billigsten Tarif heraussucht oder Graustrom bezieht, bei dem die Herkunft unklar ist«, sagt Schubert. »Das hat dann aber natürlich nichts mehr mit Energy Sharing und der gemeinschaftlichen Energiewende zu tun.« Es ist die Kombination aus einem ordentlichen Preis und dem Gemeinschaftsgedanken, der Community-Mitglieder überzeugt.
Nicht jede Anlage passt: Wann sich der Einstieg für Stromerzeuger lohnt
Eine Community lebt von ihren Erzeugern. Doch nicht jede PV-Anlage eignet sich dafür. WSE nennt eine Faustregel: Der Beitritt lohnt sich erst, wenn eine Anlage mehr als 5000 Kilowattstunden im Jahr ins Netz einspeist. Balkonkraftwerke fallen damit heraus.
Zweite Bedingung ist der Zähler. Ein alter Ferraris-Zähler genügt nicht, nötig ist ein digitaler Zähler, auf den ein Lesekopf gesetzt wird (siehe „Mitmachstrom ermöglicht privaten Stromhandel“). Ein Smart Meter muss es aber nicht sein.
Den Eigenverbrauch der Stromerzeuger rührt die Community nicht an: Der Lesekopf meldet nur die Überschüsse, die tatsächlich ins Netz fließen. Voraussetzung für die Gründung einer Community ist eine gewisse Größe. Sie rechnet sich wegen des Verwaltungsaufwands meist erst für Vereine, Firmen oder Genossenschaften.
Was manche Verbraucher hindern könnte, sich einer Community anzuschließen, ist die Tatsache, dass sie die genauen Preise darin erst nach Abschluss des Vertrags sehen. Sie kaufen die Katze im Sack. Das Risiko ist allerdings überschaubar, denn die Kündigungsfrist beträgt einen Monat. Doch die meisten Mitglieder sind wie der typische deutsche Stromkunde: treu. Die Quote der Austritte sei verschwindend gering, heißt es bei WSE.
Energy Sharing
Seit Juni dürfen Privatleute, Kommunen und kleine Firmen Solarstrom über das öffentliche Netz teilen. Das regelt Paragraf 42c des Energiewirtschaftsgesetzes. Doch das Modell ist kaum umsetzbar, da es mehrere Hürden schafft: Es enthält eine Smart-Meter-Pflicht, ist räumlich auf einzelne Netzgebiete beschränkt und sehr bürokratisch. Strom-Communitys dagegen beruhen auf dem sogenannten Dienstleister-Modell, zu dem auch die Bundesnetzagentur rät. Dabei übernehmen Anbieter wie WeShareEnergy die Abwicklung des Energy Sharings und sorgen für die Einhaltung energiewirtschaftlicher Anforderungen.


