ED 04/12 Eine Welt ohne Öl (S.30-31)

Anpassung an Erderhitzung

Schutz vor der Erderhitzung – Eile ist geboten

Wie können wir uns als Gesellschaft, als Gemeinschaft und als Einzelner wappnen gegen unvorhersehbare Extremereignisse wie Hitze, Fluten, Stürme, Trockenheit – also den künftig häufigeren Folgen der Erderhitzung? Wie können wir vorsorgen, dass uns diese Ereignisse nicht verhungern, ertrinken oder an Hitze sterben lassen?
Von Aribert Peters

(25. Juni 2024) Wir müssen uns an zwei Gegebenheiten anpassen: an den bereits erfolgten Klimawandel ebenso wie an den unweigerlich auf uns zukommenden. Dadurch können wir die Folgen für uns Menschen abmildern. Allein im Sommer 2022 starben laut Robert-Koch-Institut 4.500 Menschen in Deutschland durch Hitze, 2023 waren es 3.200. Das Klima wird sich weiter ändern, und zwar nicht zu unserem Vorteil: denn die Treibhausgasemissionen steigen immer noch, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre nimmt zu und die jährliche mittlere Temperatur geht stetig nach oben. 

 ED 01/2024 Schutz vor der Erderhitzung – Eile ist geboten (S.16) 

Wir wollen Sie kurz vertraut machen damit, was bezüglich der notwendigen Anpassung schon geschehen ist und was noch zu tun bleibt. Die amtliche deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel besteht aus drei Elementen:

  • Die „Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel“ (DAS) gibt es seit 2008 und sie ist seither fortgeschrieben worden. 
    Der zweite Fortschrittsbericht zur DAS wurde im November 2020 veröffentlicht. Und in der „Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 für Deutschland“ wurden 102 Klimawirkungen und 13 Handlungsfelder untersucht und bewertet.
  • Das Klimaanpassungsgesetz gibt nunmehr einen verbindlichen Rahmen für Bund, Länder und Kommunen vor.
  • Die Anpassungen werden flächendeckend finanziell unterstützt durch Bund und Länder.
Was regelt das Klimaanpassungsgesetz?

Am 16. November 2023 wurde vom Bundestag ein Klimaanpassungsgesetz verabschiedet.

Damit möchte die Bundesregierung der Klimaanpassung in Bund, Ländern und Gemeinden einen verbindlichen Rahmen geben.

  • Die Bundesregierung muss bis zum 30. September 2025 eine vorsorgende Klimaanpassungsstrategie mit messbaren Zielen vorlegen und diese alle vier Jahre aktualisieren. 
  • Die Länder werden beauftragt, eigene Klimaanpassungsstrategien vorzulegen und umzusetzen.
  • Die Länder sollen Sorge tragen, dass lokale Klimaanpassungskonzepte auf der Grundlage von Risikoanalysen aufgestellt werden.
  • Träger öffentlicher Aufgaben müssen bei Planungen und Entscheidungen das Ziel der Klimaanpassung fachübergreifend und integriert berücksichtigen.
Tatenbank und Klimalotse

Das Bundesumweltministerium (BMUV) hat im Juli 2021 das Zentrum KlimaAnpassung (ZKA) damit beauftragt, Gemeinden und andere lokale Akteure bei Fragen der Klimaanpassung zu beraten und bei der Vernetzung zu unterstützen. Die Webseite des Zentrums vernetzt zu Arbeitshilfen, bietet Leitfäden zur Klimaanpassung, Workshops und weitere Informationen zum Thema.

Daneben gibt es seit 2018 das Deutsche Klimavorsorgeportal der Bundesregierung mit einer Tatenbank, dem Klimalotsen sowie Projekten und Studien. Jeder kann mitmachen!

Förderung für Klimaanpassung

Mit dem Sofortprogramm Klimaanpassung vom März 2022 werden bereits nachhaltige und integrierte Klimaanpassungsprozesse vor Ort unterstützt, zum Beispiel mit der Förderung von Klimaanpassungsmanagerinnen und -managern, dem Anlegen von Parks und anderen Projekten.

Die Erderhitzung stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Gesellschaft und jeden Einzelnen dar. Zwar werden Pläne und Strategien entwickelt, aber deren Umsetzung muss auf allen Ebenen deutlich beschleunigt werden.

Hitzewellen in Städten: Bäume statt Parkplätze

(29. September 2023) Die sommerliche Hitze wird insbesondere in großen Städten immer mehr zum Problem. „In Städten ist es im Jahresdurchschnitt um 2 bis 3 Grad wärmer als im Umland. An einzelnen Hitzetagen kann der Unterschied sogar 6 bis 10 Grad betragen“, sagt der Stadtökologe Prof. Stephan Pauleit von der Technischen Universität München. Gegen sommerliche Hitze in Städten sind Bäume das Mittel der Wahl. „Sie senken die Temperatur nicht nur durch Verdunstung, sondern schaffen auch Schatten. Unter Bäumen ist es 1 bis 2 Grad kühler als auf offener Straße. Gefühlt ist es aber im Schatten unter den Bäumen noch viel kühler“, so Paulitz.

 ED 03/2023 Hitzewellen in Städten: Bäume statt Parkplätze (S. 6)  

Der Platz für Bäume ist in Städten grundsätzlich da. Er wird heute jedoch von Parkplätzen belegt oder auch von dem fahrenden Verkehr. Die drängendste Aufgabe ist es daher, Autos durch Bäume zu ersetzen. Gleichzeitig muss man aber auch im Untergrund Raum für die Wurzeln schaffen. Das ist besonders schwierig, da dort die ganze Infrastruktur für Abwasser, Gas, Strom, Internet, Telefon verläuft. Man müsste den Anteil des Grüns in Städten auf 20 bis 25 % erhöhen, damit der Sommer auch noch 2050 erträglich ist.

 ED 03/2023 Hitzewellen in Städten: Bäume statt Parkplätze (S. 6)  

Paulitz weiß: „Die Menschen wünschen sich eigentlich mehr Grün in der Stadt. Sie wollen lebenswerte Städte. Wenn es jedoch darum geht, dass sie dafür auf ihr Auto verzichten müssen, wird es problematisch. Man kann nicht erwarten, dass die Bürger den Kampf selbst in die Hand nehmen. Daher hat die Politik die wichtige Aufgabe, eine Richtung vorzugeben.“ 

Schutz vor Hitze einfordern!

Der Klimawandel macht Deutschland im Sommer zum Backofen. Wissenschaftler warnen: Hitzetode könnten bis zum Ende des Jahrhunderts um das Zwölffache steigen! Städte, Landkreise und Gemeinden müssen handeln. Hitzeaktionspläne retten Leben insbesondere von Senioren, Babys und Outdoor-Arbeitern und sollten von den Bürgerinnen und Bürgern eingefordert werden. 
Von Aribert Peters

(11. Juli 2023)  Der Klimawandel hat Deutschland bereits deutlich verändert. Das Klima, das uns erwartet, wird sehr, sehr anders sein als das Klima, in dem wir aufgewachsen sind. Das belegt der aktuelle Bericht des Copernicus-Projekts des europäischen Erdbeobachtungsprogramms. Der Sommer 2022 war geprägt von einer enormen Dürre, die Copernicus zufolge mehr als ein Drittel Europas betraf und Landwirtschaft, Transporte und Energieversorgung beeinträchtigte. Im Winter zuvor war weniger Schnee als üblich gefallen und enorme Hitzewellen im Sommer verschärften die Situation. Im Süden Europas nahm die Anzahl der Tage deutlich zu, die als Tage mit extremem Hitzestress gelten, der als gesundheitlich gefährlich gilt. Außerdem war die Sonneneinstrahlung so intensiv wie zu keinem anderen Zeitpunkt in den vergangenen 40 Jahren.

 ED 02/2023 Schutz vor Hitze einfordern! (S. 28/29) 

Vor allem ältere Menschen, Babys und Kleinkinder und Arbeitende im Freien leiden unter der starken Hitze.

Laut einem Bericht der Weltwetterorganisation WMO werden die kommenden fünf Jahre voraussichtlich die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnung. Die Wahrscheinlichkeit sei gestiegen, dass die globale Durchschnittstemperatur in dem Zeitraum erstmals mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegt, erklärte die Organisation in Genf. Beschleunigt wird die Erwärmung durch den Beginn einer sogenannten El-Niño-Periode noch in diesem Jahr. Das Wetterphänomen sorgt zusätzlich zum wärmenden Effekt des Klimawandels für höhere globale Temperaturen. Dadurch wird laut den Fachleuten Extremwetter begünstigt – also zum Beispiel starke Niederschläge oder Dürren in bestimmten Regionen.

Klimawandel und Hitzeereignisse – Aus dem Beschluss des Bundes-verfass-ungs-gerichts vom 24.4.2021

„Es besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten extremer Hitzetage. Schon gegenwärtig bedroht der Klimawandel durch Hitzeereignisse die menschliche Gesundheit auch in Deutschland. … Die Dauer sommerlicher Hitzewellen über Westeuropa hat sich seit 1880 etwa verdreifacht. Bei unverminderten Treibhausgasemissionen lassen Klimaprojektionen eine deutliche Verschärfung dieser Entwicklungen erwarten. Die Anzahl von Hitzewellen könnte bis zum Ende des 21. Jahrhunderts im ungünstigsten Fall um bis zu fünf Ereignisse pro Jahr in Norddeutschland und um bis zu 30 Ereignisse pro Jahr in Süddeutschland zunehmen.“

Deutsche Anpassungsstrategie

Die Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS) stammt aus dem Jahr 2008 und wird alle vier Jahre mit einem Monitoring-Bericht aktualisiert, der letzte stammt aus dem Jahr 2020.

Darin heißt es, in den zurückliegenden 40 Jahren habe sich ein Trend zunehmender Hitzeextreme abgezeichnet. Insbesondere die Anzahl der heißen Tage, an denen die höchste gemessene Temperatur 30 °C oder mehr beträgt, hat signifikant zugenommen. Dies bekräftigt ein zentrales Ergebnis der Vulnerabilitätsanalyse 2015, die den Anstieg der Hitzebelastung als deutlichstes und stärkstes Klimasignal identifiziert hat.

 ED 02/2023 Schutz vor Hitze einfordern! (S. 28/29) 

Hitzeperioden sind mit gesundheitlichen Risiken verbunden. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird ein Anstieg des Anteils der hitzebedingten Todesfälle an der Gesamtzahl aller Todesfälle im Vergleich mit einem Szenario ohne Klimawandel um das Vierfache als möglich eingeschätzt. Bis zum Ende des Jahrhunderts ist sogar ein Anstieg um das Sechs- bis Zwölffache prognostiziert.

Zusammengefasst: Die künftig zu erwartenden extremen Hitzewellen stellen selbst in Deutschland eine ernst zu nehmende gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung dar. Wie kann man dieser Gefahr begegnen?

 ED 02/2023 Schutz vor Hitze einfordern! (S. 28/29) 

Hitzeaktionspläne

Bereits jetzt gibt es hierzulande mehr Hitzetote als Tote durch den Straßenverkehr, so Bestsellerautor Nick Reimer. Im Zeitraum zwischen 2018 und 2020 verzeichnete Deutschland laut Deutschem Ärzteblatt an die 20.000 hitzebedingte Todesfälle. Betroffen waren vor allem ältere Menschen. Durch gute Vorbereitung auf eine Hitzewelle können nachweisbar viele Leben gerettet werden. Besonders wenn mehr getan wird, als nur Warnmeldungen weiterzugeben. In Italien, der Schweiz, Spanien und in Frankreich gibt es deshalb Hitzeaktionspläne (HAP), meist landesweit. 

Hitzeaktionspläne stellen ein relevantes, realisierbares und effektives Instrument dar, das von Ländern und Kommunen einschließlich Städten, Gemeinden und Landkreisen umgesetzt werden sollte. Zuständig sind die Kommunen. Aber es gibt keine Verpflichtung zur Erstellung und Umsetzung solcher Pläne und bisher verfügen nur wenige Städte und Gemeinden hierzulande über Strategien bei starker Hitze. 

Handlungsempfehlungen

2017 hat das Bundesgesundheitsministerium Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit veröffentlicht. Und die Hochschule Fulda hat zusammen mit dem Public Health Zentrum Fulda in diesem Jahr die zweite Fassung einer „Arbeitshilfe zur Entwicklung und Implementierung eines Hitzeaktionsplans für Kommunen“ erarbeitet und veröffentlicht. Darin sind viele gute Beispiele für Hitzeaktionspläne nachzulesen. Die Empfehlung stellt drei wichtige Element heraus: 

  1. klare Kommunikation an die Bevölkerung und Hilfsdienste, 
  2. Management von Akutereignissen für Risikogruppen und 
  3. langfristige Schutzmaßnahmen vor der sengenden Hitze.

Die Hitzeaktionspläne müssen die Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) aufgreifen und verbindliche Maßnahmen im Management von Akutereignissen festlegen. Nur mit guter Vorbereitung und dauerhaften Maßnahmen können wir uns effektiv gegen die Hitze schützen. Besonderes Augenmerk gilt den am stärksten gefährdeten Gruppen: Senioren, Kranke, Behinderte, Ungeborene, Babys und Kleinkinder, Outdoor-Arbeiter und Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften oder Obdachlose. Wenn die Hitze steigt, darf niemand im Stich gelassen werden!

Die Arbeitshilfe empfiehlt, die Verantwortung für eine zentrale Koordinierung des Hitzeaktionsplans direkt bei der Leitung der Verwaltung anzusiedeln und eine behörden-übergreifende Steuerungsgruppe einzurichten. Die Bürgerinnen und Bürger sollten an der Entwicklung und Umsetzung eines HAP beteiligt werden. 

Fazit

Hitzewellen werden wegen des Klimawandels zum neuen Normal werden. Deutschland muss sich nun rasch darauf vorbereiten! Hitzeaktionspläne werden zum Must-have für Länder, Städte und Gemeinden, um alle Bürger zu schützen. Auch Organisationen wie Parteien und Vereine sollten aktiv werden, um in ihrer Gemeinde einen Hitzeaktionsplan einzufordern, und diesen dann in seiner Entstehung begleiten.

Literatur

Nick Reimer, Toralf Staud: Deutschland 2050: Wie der Klima-wandel unser Leben verändern wird

Claudia Traidl-Hoffmann, Katja Trippel: Über Hitzt: Die Folgen des Klima-wandels für unsere Gesundheit

Menschheit ohne Plan(et) B

Klimawandel und Energieverknappung: Zwei unentrinnbare existenzielle Herausforderungen für die Menschheit.

Menschheit ohne Plan(et) B

Klimawandel und Energieverknappung: Zwei unentrinnbare existenzielle Herausforderungen für die Menschheit. Doch die Menschheit bleibt untätig und alle aktuellen Anstrengungen bleiben weit hinter dem zurück, was notwendig wäre. Strategien für den Umgang mit Klimafolgen fehlen.
Von Aribert Peters

(24. Januar 2020) Der Klimawandel schreitet viel schneller voran als von der Wissenschaft bisher vorhergesagt. Der Klimawandel hat eine Eigendynamik gewonnen, die ihn unabhängig von menschlichem Zutun weiter verstärkt. Jede Gegenmaßnahme, die wir heute ergreifen, muss dieser Entwicklung Rechnung tragen und umso drastischer ausfallen. Doch unternommen wird nichts. Die menschlichen Klimagasemissionen nehmen noch rascher zu als je zuvor, in erster Linie durch fossile Energien. Es spricht daher eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine weltweite Klimakatastrophe, die das Überleben der Menschheit fraglich erscheinen lässt. Die Möglichkeit einer Klimakatastrophe, eines Zusammenbruchs der weltweiten Infrastruktur und eines Versiegens von Fossilenergien wird verdrängt. Vorkehrungen für diesen Fall werden nicht getroffen, weder intellektuell noch geistig oder gar faktisch.

2712 Schild There's no Planet B / Foto: Nicola / stock.adobe.com

Klimawandel außer Kontrolle

Der Klimawandel hat schon heute eine Intensität und eine Geschwindigkeit erreicht, die eine Eigendynamik für eine immer weitere Verstärkung geschaffen hat – weitgehend unabhängig von unseren Emissionen.

Wenn die Eisdecken an den Polen abschmelzen, wird die Sonnenstrahlung dort nicht mehr vom Eis ins All zurückreflektiert, sondern erwärmt die Pole zusätzlich. Aus einem Kühlschrank wird eine globale Heizung. Im September 2018 konnte erstmals ein Containerschiff ohne Eisbrecher das Nordpolarmeer durchqueren (siehe ED 2/2019, S. 5). Weitere Kipppunkte des Klimas sind die Tropenwälder und die Meeresströmungen. Wenn die Tropenwälder durch die weltweite Erwärmung sterben, oder wie bisher vom Menschen abgeholzt werden, dann wird sehr viel zusätzliches CO2 freigesetzt und der Klimawandel enorm beschleunigt.

Klimawissenschaft im Irrtum

Die Klimawissenschaft hat das Ausmaß und das Tempo des Klimawandels gravierend unterschätzt. Was vor 20 Jahren noch als Gefahr für das Ende dieses Jahrhunderts als möglich betrachtet wurde, ist inzwischen Tatsache. Die kanadischen Permafrostböden tauten 70 Jahre eher, als das bisher von Wissenschaftlern für möglich gehalten wurde.

Die Irrtümer der Klimawissenschaft erklären sich, so die Harvard-Professorin Naomi Oreskes, einerseits aus dem Zwang zur Einigkeit, aber auch aus einer Furcht, als Panikmacher beschuldigt zu werden und einer generellen Zurückhaltung bei Prognosen.

Besonders deutliches Symbol dieses Irrtums ist der norwegische Saatgut-Tresor. Er wurde im Jahr 2008 in einem vermeintlich absolut sicheren Gebiet gebaut, um im ewigen Eis alle Katastrophen zu überdauern. Das Eis taut nun allerdings wesentlich schneller, als man es selbst im schlimmsten Szenario für möglich gehalten hatte. Der Bunker musste aufwendig vor dem eindringenden Tauwasser seines einstigen Eisschildes gesichert werden.

Regierungen handeln unzureichend

Die menschenverursachten CO2-Emissionen steigen weltweit noch immer weiter an, statt abzunehmen. Obwohl die Gefahr des Klimawandels seit Jahrzehnten bekannt ist, haben die CO2-Emissionen seit Beginn der Weltklimakonferenzen um 50 Prozent zugenommen. Selbst bei einer Umsetzung sämtlicher Zusagen aller Staaten nach dem Paris-Abkommen werden die weltweiten CO2-Emissionen bis 2030 weiter ansteigen.

Rund drei Grad und mehr sind zu erwarten. Das hat eine Untersuchung der nationalen Emissionsminderungspläne ergeben (siehe Grafik). Was das für die Erde für Folgen hat, darüber gibt es im neuen IPCC-Sonderbericht drastische Worte.

2712 Diagramm Auswirkungen globaler Treibhausgasemissionen auf die Erderwärmung / Grafik: newclimate.org

Auch für Deutschland und seine Klimapolitik sieht es nicht viel besser aus. Trotz Kohleausstieg auf dem Papier werden aktuell noch neue Kohlekraftwerke genehmigt (siehe „Datteln 4: Neues Kohlekraftwerk genehmigt“).

Die vielversprechende Solar- und Windindustrie wurde in Deutschland hingegen von der Politik sehenden Auges zerstört (siehe ED 3/2019, S. 5). Auch die aktuellen Ziele der Bundesregierung liegen weit unter dem, was zur Erreichung des weltweiten 1,5-Grad-Ziels notwendig wäre. Noch dramatischer ist die Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Emissionen und den notwendigen Minderungen.
bdev.de/wasDEtunMUSS

„Was die Zukunft anbelangt, so haben wir nicht die Aufgabe, sie vorherzusehen, sondern sie zu ermöglichen.“
Antoine de Saint-Exupéry, 1948

Hunger, Armut und Gerechtigkeit

Die Klimafolgen sind schon jetzt zu spüren. Die Lebensmittelernten haben in Europa im vergangenen Jahr durch die Trockenheit um 20 Prozent abgenommen. Vier Fünftel der Emissionen werden verursacht von Ländern, die sich den Folgen des Klimawandels zunächst noch weitgehend entziehen können. Die Entwicklungsländer im Süden sind zuerst betroffen durch Hitze, Überschwemmungen und Trockenheit. Sie tragen nach Schätzungen der Weltbank 70 bis 80 Prozent der Klimafolgeschäden, die sie am wenigsten verursacht haben. Was tun wir, wenn viele hundert Millionen Menschen in ihrer Heimat nicht mehr bleiben können, weil es dort zu heiß zum Überleben ist, die Gebiete überflutet sind oder dort kein Wasser und keine Lebensmittel mehr zur Verfügung stehen?

Weltkrieg gegen Klimawandel

Der australische Klimawissenschaftler David Spratt hält weitere CO2-Emissionen für unverantwortlich: Es stehe kein weiteres „Emissionsbudget“ zur Verfügung, wenn man die weitere Erwärmung mit einer vernünftigen Erfolgsaussicht stoppen will. Spratt fordert eine Mobilisierung der gesamten Gesellschaft, ähnlich wie in einem Krieg: „Wenn wir die Klimakrise nicht lösen, werden alle übrigen Probleme der Gesellschaft irrelevant. Wenn das Schiff sinkt, geht es nur noch ums blanke Überleben. Der Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg zeigt, welche Anstrengungen nötig und möglich sind, wenn es um existenzielle Bedrohungen geht. Im Jahr 1942 haben die USA 31 Prozent, Großbritannien 52 Prozent, Deutschland 64 Prozent und Japan 33 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für den Krieg eingesetzt. Es ist die Geschichte von Fähigkeit von Gesellschaften, auf eine überwältigende Gefahr zu reagieren.“

Klimakrieg schon verloren?

Sowohl die Folgen des Klimawandels als auch des Versiegens fossiler Energien werden geleugnet, nicht wahrgenommen, nicht diskutiert. „Obwohl die meisten Menschen die Zukunft des Planeten pessimistisch sehen, geben sie dies meist nicht zu. Was würde passieren, wenn wir, statt einander zu belügen, die Wahrheit zugeben würden“, konstatiert der Schriftsteller Jonathan Franzen und bleibt skeptisch: „Eine totale Kriegserklärung gegenüber dem Klimawandel wäre nur sinnvoll, wenn dieser Krieg zu gewinnen wäre. Hat man einmal akzeptiert, dass dieser Krieg schon verloren ist, dann sind andere Aktionen sinnvoll“.

Tiefenanpassung

Der Nachhaltigkeitsforscher Professor Jem Bendell aus Großbritannien hat das Konzept der „Tiefenanpassung“ (deep adaptation) entwickelt, um sich auf einen Kollaps der Zivilisation einzustellen. Er verabschiedet sich damit von der Hoffnung, das System zu reformieren und Dinge ändern zu können, bevor sich zerstörerische Konsequenzen des Klimawandels einstellen. Er stellt drei Komponenten heraus:

  1. Resilienz (resilience): Die Fähigkeit, sich auf Veränderungen einzustellen, sowohl biologisch als auch psychologisch. Ein halbierter Regenwurm lebt weiter. Wie kommen wir ohne Internet, Banken und Tankstellen aus? Wie behalten wir, was wir wirklich behalten wollen?
  2. Verzicht (relinquishment): Abschied von Werten, Verhaltensweisen und Überzeugungen, die die Situation verschlimmern. Zum Beispiel das Verlassen bedrohter Küstengebiete oder die Vorsorge für das sichere Abschalten der Kernkraftwerke weltweit. Was müssen wir loslassen, um die Situation nicht zu verschlimmern?
  3. Wiederherstellung (restoration): Einstellungen und Ansätze wiederentdecken, die nützlich und in Vergessenheit geraten sind. Zum Beispiel die Renaturierung von Landschaften. Was für Fähigkeiten müssen wir haben, um in einer Welt ohne Strom und Benzin zu überleben? Was können wir wieder zurückbringen, um mit kommenden Schwierigkeiten und Tragödien fertig zu werden?
Die Hoffnung bleibt

Bendell engagiert sich im gewaltfreien Widerstand der „Extinction Rebellion“ und doziert über lokale Währungen. Er plädiert für eine Stärkung und Rückbesinnung auf die wirklich tragenden Werte unserer Gesellschaft. Zum Thema Hoffnung führt Bendell aus: „Dass es zu spät ist, um eine Zerstörung unseres Lebens durch ein Klimachaos zu verhindern, heißt nicht, die Hoffnung aufzugeben. Vielmehr eröffnet dies eine tiefere Agenda: Wie können wir Schmerzen lindern, Wissen bewahren und Bedeutung und Freude an diesem Prozess haben?“ Jeder Einzelne und auch die Gesellschaft insgesamt kann und muss aktiv CO2-Emissionen vermindern. Darüber hinaus müssen wir uns mit den bevorstehenden unausweichlichen Folgen des Klimawandels auseinandersetzen und Strategien dazu entwickeln.

Private Krisenvorsorge als Strategie

„Vernünftige Vorsorge für den Krisenfall“ ist ein guter Rat, den sogar die Bundesregierung jedem Bürger mit auf den Weg gibt.

Private Krisenvorsorge als Strategie

„Vernünftige Vorsorge für den Krisenfall“ ist ein guter Rat, den sogar die Bundesregierung jedem Bürger mit auf den Weg gibt. Lebensmittelvorräte für 20 Jahre einlagern, einen privaten Luftschutzkeller bauen und sich bewaffnen ist das andere Extrem. Dazwischen liegt ein weites Spektrum privater Krisenvorsorge, das wir hier beleuchten.

(29. September 2015) Die Energieversorgung in der Krise ist ein wichtiger Teil der Vorsorge. Der plötzliche Zusammenbruch der Energieversorgung kann auf der anderen Seite auch der Auslöser einer Krise sein. Der unspektakuläre rasche und gewaltige Anstieg von Energiepreisen (Peak-Oil) kann ebenfalls zur Auflösung des aktuellen politischen und wirtschaftlichen Systems führen, für den man als Einzelner Vorsorge treffen möchte.

2393 Prepper -Krisenvorsorge - Vorräte

Panik oder rationales Handeln?

Wer die Krisenvorkehrungen von Politik und Gemeinschaft für unzureichend hält, kann als Einzelperson oder Familie selbst in den Krisenschutz investieren. Wie auch bei anderen Vorsorge- und Versicherungsmaßnahmen ist der Aufwand mitunter hoch für einen Fall, von dem nicht absehbar ist, ob und wann er eintreten wird. Es ist deshalb eine Frage persönlicher Präferenzen, welchen Aufwand man für die Vorsorge investiert. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung trifft keinerlei private Krisenvorsorge. Das ist definitiv zu wenig und kennzeichnet weniger das Ergebnis einer rationellen Abwägung als vielmehr das völlige Verdrängen des Problems. Deutsche Behörden bunkern Lebensmittelkarten, falls in einer Notsituation die Infrastruktur zusammenbrechen sollte. Wer also „Prepper“ für paranoid hält, ist selbst vor allem eines: naiv.

Prepper bereiten sich auf alle nur erdenklichen ­Krisensituationen vor

Vorbereitung eines sicheren Rückzugsplatzes für den Krisenfall (Bug out location „BOL“) mit ­sicherer Wasserversorgung, Kleidung, Brennstoffen, Saatgut, Gartengeräten und medizinischer Versorgung. Notfallrucksack (bug out bag „BOB“) enthält überlebensnotwendige Ausrüstung wie ein 72-Stunden-Kit, da meist drei Tage vergehen, bevor Hilfe von außen geleistet werden kann. Das amerikanische Rote Kreuz empfiehlt sogar eine Zwei-Wochen-Notfallvorsorge. Hartgesottene Prepper wollen sich komplett auf Dauer selbst versorgen können, falls die soziale Ordnung völlig zusammenbricht. Wer gerne länger vorsorgt, der kann die Lebensmittelversorgung für ein ganzes Jahr einlagern, 35 Jahre haltbar: Kosten­punkt: knapp 3.000 Euro in Deutschland, in den USA dank höherer Stückzahlen angeblich schon für 400 Dollar.

Während viele Menschen seit dem Altertum immer wieder an einen nahe bevorstehenden Weltuntergang glaubten (Kurze Geschichte der Apokalyptik, Michael Tilly in APuZ 51/2012), ist Peak-Oil – ein rasanter Anstieg der Energiepreise mit allen Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft – ein mit naturwissenschaftlicher Sicherheit vorhersehbares Ereignis. Vorsorge zu treffen für ein sehr wahrscheinliches Ereignis gründet sich auf einen hohen Grad von Rationalität.

Es gibt insbesondere in den USA, aber auch in Deutschland und anderen Ländern Europas bereits viele Einzelpersonen, die für sich selbst und ihre Familien eine Vorsorge für Katastrophenfälle aller Art treffen. Sie tauschen sich regelmäßig im Internet aus. Diese Menschen bezeichnen sich selbst oft als „Prepper“, abgeleitet vom englischen „Prepare“, also Vorsorgen. Andere reden von Überlebenskünstlern oder „Survivalisten“. Es gibt viele Überschneidungen zwischen den beiden Bewegungen.

Auftrieb bekamen die Prepper durch Naturkatastrophen (Tsunamis, Erdbeben, Taifun Katrina 2009), Terroranschläge (11. September 2001), Kriege und Wirtschaftskrisen (seit 2008 Bankenkrise in Griechenland). Derartige Ereignisse machen deutlich, dass die staatliche Fürsorge im Krisenfall oft versagt oder ihr sehr enge Grenzen gesetzt sind. Das kann auch für den Fall terroristischer Angriffe auf die Energieinfrastruktur, technische Pannen, Blackouts und Preiskrisen (Ölkrise Anfang der siebziger Jahre) gelten.

Notfallgepäck oder Fluchtrucksack

Wenn es mal zum Ernstfall kommt, greift man sich den Bug out Back (BOB) und hat alles Über­lebenswichtige mit einem Griff in der Hand. Das kann man sich selbst packen oder auch fertig kaufen, kostet zwischen 130 Euro (sechs Kilo) in der Miniversion und bis 500 Euro in der Luxus­variante (zwölf Kilo mit Poncho, Schlafsack, Stabtaschenlampe, Feldflasche, ­Kocher mit Brennstoff, Besteck, Pfefferspray zur Tierabwehr, Notverpflegung, Wasserkonserve, Signalpistole, 15 Meter Seil, Kugelschreiber, ­Notizbuch, Toilettenpapier, Erste-Hilfe-Set, Leuchtstab, Angelset, Schutzmaske, Arbeitshand­schuhe, Müllsack, Feuerzeug, Sicherheitsstreichhölzer, Watte, Nähset, Zahnbürste, Panzertape, Kabelbinder, Kompass, Draht, Kekse, Zeltbahn, Micropur-Tabletten, Feueranzünder, Karabiner, Schiene für Knochen­brüche, Fernglas, Klappspaten, Klapp­säge, Schlafmatte, Skalpell, Kreide).

Modetrend im Geheimen

Die persönliche Vorsorge für den Notfall ist zu einem Modetrend geworden. In den USA gehen Schätzungen von drei Millionen Preppern aus. Dabei sind die Prepper meist sehr darauf bedacht, dass ihre Bemühungen unbemerkt bleiben. Einerseits fürchtet man Spott. Andererseits will man im Krisenfall kein Angriffsziel bieten.

Das Thema Sicherheit spielt für Prepper eine wichtige Rolle. In den USA sind Schusswaffen und Munition, Schießübungen, und Selbstverteidigungskurse wichtig für alle Prepper. Und beim Training gehen viele mit dem schussbereiten Gewehr durchs Gelände.

Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

In den USA gibt die Federal Emergency Management Agency (www.fema.gov) nützliche Tipps und Informationen. Aber auch in Deutschland wird von amtlicher Seite zur Vorsorge geraten. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (www.bbk.bund.de) hat einen Ratgeber herausgegeben, welche Vorsorgemaßnahmen zu treffen sind: Essen und Trinken bevorraten, Hausapotheke prüfen, Dokumente griffbereit halten, Notfallgepäck vorbereiten, Bargeld bevorraten. Kurz gesagt: Jeder Bundesbürger sollte Lebensmittel, Getränke und weiteres Material für zwei Wochen stets vorrätig halten. Denn „ist ein Notfall erst eingetreten, ist es für Vorsorgemaßnahmen meist zu spät. Wenn es brennt, müssen Sie sofort reagieren. Wenn Sie und Ihre Familie evakuiert werden müssen, können Sie nicht erst beginnen, Ihr Notgepäck zu packen. Wenn der Strom für Tage ausfällt, sollten Sie einen Notvorrat im Haus haben.“

Vieles kann man heute schon von den Preppern lernen. Im Internet gibt es frei zugängliche Bauanleitungen für beinahe alle Bereiche des Lebens. So auch fürs Energiesparen, für die Eigenversorgung mit Energie und für die Energie­erzeugung aus erneuerbaren Energien. Der Gedanke an eine Notfallvorsorge in finanziellen Dingen ist Preppern vertraut und auch für den Normalbürger nützlich: Alle wichtigen Dokumente kopieren, Bargeld für einen oder mehrere Monate bevorraten, auch Silbermünzen können nützlich sein.

Das Bundesamt rät

Machen Sie sich schon vorab Gedanken über Ihr Notgepäck und halten Sie es auch soweit wie möglich griffbereit gepackt. Das Notgepäck soll helfen, die ersten Tage außer Haus zurecht zu kommen. Oberste Grundregel: Nehmen Sie für jedes Familienmitglied nicht mehr mit als in einen Rucksack passt. Ein Rucksack ist praktischer als ein Koffer, da Sie beide Hände frei haben. Benutzen Sie bei Gefahr durch radioaktive oder chemische Stoffe einen Heimwerker-Mundschutz oder feuchte Tücher, die Sie sich vor den Mund halten. Für die Kinder: Brustbeutel oder eine SOS-Kapsel mit Namen, Geburtsdatum und Anschrift. SOS-Kapseln erhalten Sie in Kaufhäusern, Apotheken und Drogerien. Laut der englisch­sprachigen Wikipedia gehört zum Notfallgepäck auch eine Schusswaffe und extra Munition.

Stubenhocker der Apokalypse

Politisch gesehen sind Prepper eher dem konservativen Lager zuzuordnen: Man sorgt für sich selbst, bewaffnet sich und misstraut den anderen. „Mit seiner neodarwinistischen Ideologie vom Kampf aller gegen alle kann sich der Prepper nicht vorstellen, dass die Schrecken einer ­wirtschaftlichen Depression eher durch eine schlichte Umverteilung zu vermeiden wären als durch einen strategischen Ortswechsel. Der Prepper weigert sich, sich auf eine Welt nach dem Kapita­lismus vorzubereiten“, schreibt der Ethno­loge Denis Duclos (Le Monde diplomatique, Juli 2012). Die entsprechenden Gedanken führen im linken Lager zu einer Bewegung des Teilens und der verstärkten Solidarität. 

Webhinweise:

Gemeinsame Vorsorge

Sind wir als Gesellschaft gewappnet gegen die Belastungen, die ein künftiger Energiepreisanstieg mit sich bringt?

Gemeinsame Vorsorge

Sind wir als Gesellschaft gewappnet gegen die Belastungen, die ein künftiger Energiepreisanstieg mit sich bringt? Diese Frage wird zu selten diskutiert. Eine Ausnahme macht eine aktuelle Studie aus Österreich.

(4. September 2015) Wird auf einer Computerplatine auch nur ein Draht durchgeschnitten, oder geht auch nur ein einziges Bauteil kaputt, funktioniert nichts mehr. Ein Fall für den Mülleimer. Lebende Organismen haben dagegen ­Reparaturmechanismen wie zum Beispiel das menschliche Immunsystem entwickelt, die extrem komplex aber effizient organisiert sind und sich zusätzlich auch noch laufend an veränderte Bedrohungen anpassen können.

2393 Comic Globus wird abgebaggert

Die Fähigkeit, mit Angriffen und Veränderungen umzugehen, ist ein wesentliches Merkmal des Lebendigen. Der Ausdruck „Resilienz“ umschreibt diese Fähigkeit. Ob unsere Zivilisation sich ausreichend vor schock­artigen Veränderungen schützt, daran muss gezweifelt werden. Schon der Ausfall von einer oder zwei der wichtigen Lebensadern, an ­denen unsere Energieversorgung hängt – Höchstspannungsleitungen, Gas- oder Ölpipelines – führt zu unabsehbaren Zuständen. Über die Folgen hat nie jemand ernsthaft nachgedacht oder daraus Resilienz-Strategien ent­wickelt. Wer sich jetzt entspannt zurücklehnt in der Hoffnung, die Energiewende sei ja gestartet und im Gange, der irrt sich. Unsere Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen liegt auf EU-Ebene bei 53 Prozent und hat zugenommen.

Studie zur Resilienz

Eine aktuelle österreichische Studie hat untersucht, wie krisenfest die Regionen Österreichs angesichts mittelfristig weltweit rückläufiger Erdölförderung sind (Peak-Oil). Dafür wurde Faktoren nachgespürt, die einer Gesellschaft inneren Halt geben, damit sie in Krisenzeiten nicht zerbricht. Resilienz ergibt sich der Studie nach aus dem Verhältnis zwischen Verwundbarkeit und Anpassungsfähigkeit.

Peak-Oil könnte einen Rückgang der weltweiten Ölförderung um jährlich ein Prozent bedeuten. Das Weltbruttoprodukt könnte ebenfalls um jährlich ein Prozent abnehmen. Sinkender Output wäre, so die Studie, kaum noch im Rahmen einer kapitalistischen Produktionsweise denkbar. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt auch die Studie der Bundeswehr zu den Folgen von Peak-Oil (Peak-Oil: Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen, 2011, PDF-Download: http://tinyurl.com/ntd23ut).

Aus der Vergangenheit lässt sich lernen, welche Erfahrungen unterschiedliche Länder mit der Verknappung von Erdöl gemacht haben (Japan, Nordkorea, Kuba). Über die Studie von Jörg Friedrichs haben wir in der Energiedepesche bereits berichtet.

Bemerkenswert ist die neue österreichische Studie, weil sie schwer fassbare gesellschaftliche Faktoren in die Betrachtung einbezieht und sich nicht nur auf technische Faktoren wir Energieeffizienz oder die Abhängigkeit von fossilen Energien beschränkt. Soziale Gleichheit ist von zentraler Bedeutung für Lebensqualität, Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen und Innovationen, so die Resilienzstudie. Eine Grafik zeigt eine deutliche Beziehung zwischen Gesundheits- und Sozialproblemen und der Einkommensungleichheit. Soziale Gleichheit korreliert positiv mit Innovations- und Kooperationsfähigkeit, Vertrauen, sozialer Verantwortlichkeit und ökologisch verträglichem Verhalten.

2393 Diagramm Index von Gesundheits- und Sozialproblemen

Eine wichtige Komponente der Resilienz ist das Sozialkapital. Die Studie beschäftigt sich mit dem Sozialkapital in Form von bonding = Zuneigungsbeziehungen = Zusammenhalt innerhalb von Gemeinschaften (Vereine, Gewerkschaften, Genossenschaften), Bridging = Brückenbeziehungen = Zusammenhalt zwischen verschiedenen Gemeinschaften (Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung, Integrations­willigkeit) und Linking = Kontaktbeziehungen = vertikale Netzwerke von Gemeinschaften zu mächtigeren Akteuren.

Solidarische Postwachstumsgesellschaft

Der Höhepunkt der Erdölförderung markiert einen Epochenbruch, so die Studie. Die damit einhergehende dramatische Reduktion von Energieverbrauch und wirtschaftlichem Output erfordert einen sozio-ökonomischen Umbau zu einer „solidarischen Postwachstumsgesellschaft“.

Änderungen sind auf drei Ebenen notwendig:

  • demokratische Krisen­pläne zur unmittelbaren Abschwächung von Peak-Oil (langfristige Bevorratung lebensnotwendiger Güter, Aufbau lokaler autarker Produktionsreserven, Planung demokratischer Zuteilungs­mechanismen essenzieller Güter im Krisenfall),
  • sektorale Anpassungen (Energieverbrauchsminderung, ÖPNV-Systeme, Rückverteilung von Reichtum, Wärmedämmoffensive, erneuerbare Energien) und
  • Wandel zu einer gemeingüterbasierten solidarischen Produktionsweise (demokratische Wirtschaftslenkung, Demonetarisierung).

Eine solche Ökonomie beruht auf einem hohen Maß sozialer Gleichheit. Erstens weil soziale Gleichheit der wichtigste Faktor für Gesundheit und Wohlbefinden in reichen Ländern ist, zweitens weil soziale Gleichheit den Zwang zum Statuskonsum und damit einen wesentlichen Verbrauchs­treiber mildert, drittens weil soziale Gleichheit die nötige Outputreduk­tion und den Übergang in eine stationäre Ökonomie erleichtert.

Integrierte Energiesiedlungen

Das internationale Forschungszentrum für Erneuerbare Energien (www.ifeed.org) hat im Auftrag der UN Planungsunterlagen für integrierte Energiesiedlungen entwickelt. Ein intelligenter Mix erneuerbarer Energien deckt den Energiebedarf. Auch die Lebensbedingungen für die in der Siedlung lebenden Menschen und Tiere werden verbessert. Bisher wurden weltweit zehn Siedlungen geplant. In Wierthe in Niedersachsen wurde ein solcher Plan jetzt vollständig umgesetzt.

Welche Regionen sind resilient?

Die Studie kommt zu folgenden Schlussfolgerungen: Die Lebensqualität einer Region ist umso resilienter,

  • je geringer der Verbrauch fossiler Ressourcen ist und je besser der ÖPNV ausgebaut ist,
  • je besser die Lagerhaltung bei Brennstoffen und Nahrungsmitteln und je höher die regionale Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln ist,
  • je besser die Ausstattung mit Sozial- und Bildungseinrichtungen sowie Ärzten ist,
  • je weltoffener, toleranter, demokratischer und fremden­freundlicher sie ist,
  • je mehr sie Menschenrechte respektiert und allen Gruppen gleiche Teilhabe/Mitgestaltung ermöglicht,
  • je mehr ihre Betriebe ein starkes Sozialkapital aufweisen (Genossenschaften u.ä.) und je mehr sozial innovative Gruppen (CSA, Food Coops, Bürgerinitiativen etc.) es gibt,
  • je besser handwerkliche, landwirtschaftliche, soziale und kommuni­kative Kompetenzen im Bereich Erneuerbare ausgebildet sind und je mehr „Change Agents“ es gibt,
  • je höher das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und die Kaufkraft ­pro Kopf sind,
  • je geringer das Verhältnis von Schulden zu Einnahmen ist,
  • je krisensicherer die Einnahmen der öffentlichen Hand sind (wenig Massen- und Energiesteuern),
  • je vielfältiger, dynamischer, stabiler und ausgewogener die Wirtschaft ist und je weniger Firmen von globalen Finanzmärkten abhängen,
  • je gleicher Einkommen, Vermögen und Ressourcenbesitz verteilt sind,
  • je höher die Lohnquote und je besser das Arbeitsplatzangebot ist,
  • je intensiver, vielfältiger und kritischer die öffentliche Debatte zu gesellschaftlichen Problemlagen wie Peak-Oil ist und entsprechende Notfallpläne existieren.

Buchtipp: Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind von Wilkinson und Kate Pickett, erschienen im Tolkemit Verlag bei Zweitausendeins. ASIN: B012 U7 RE 54 Kindle, 14,99 Euro

letzte Änderung: 17.06.2024