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Der Akkudoktor

Andreas Schmitz startete mit wackeligen Youtube-Videos. Heute gestaltet er die Energiewende mit: Porträt eines Nerds und Aufklärers.
Von Nils Husmann

(9. Februar 2026) »Moin Leute!«, sagt der Mann mit der Schirmmütze zu Beginn seines Videos. Dann legt Andreas Schmitz los. 27 Minuten lang erklärt er, wie Strom aus zwei Solarpaneelen an seinem Balkon in zwei schwere Bleisäure-Akkus fließt, die ihre Energie wiederum an einen Wechselrichter abgeben. Sind die Akkus geladen, kann der Familienvater 230 Volt Wechselspannung nutzen – »zum Beispiel für den Fläschchenwärmer unseres Sohns«, wie er in dem ruckeligen Video erklärt.

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Kuckuck! Andreas Schmitz begeistert mit seiner humorvollen Art auf Youtube Hunderttausende für die Energiewende.

Sechs Jahre und fast 400 Videos später sind seine beiden Söhne dem Flaschenalter längst entwachsen. Und aus ihrem Papa ist ein professioneller Youtuber mit 419.000 Abonnenten geworden. Einige seiner Videos sind bis zu zweieinhalb Millionen Mal aufgerufen worden. Vermutlich jeder, der sich auf Youtube über Balkonkraftwerke, Speicher, Wärmepumpen oder Elektromobilität informiert, hat Schmitz schon einmal gesehen. Vielen ist er besser bekannt als der »Akkudoktor« – so heißt sein Youtube-Kanal. Den Namen hat er weg, seit er in einem seiner ersten Videos zeigte, wie man schwächelnden Akkus neue Kraft einhaucht. »Ich hätte vor sechs Jahren nie gedacht, dass die Geschichte so eine Dynamik bekommen würde«, erzählt Andreas Schmitz der Energiedepesche.
Eine Eigenschaft zeichnet ihn besonders aus: Schmitz ist neugierig, er geht den Dingen gern auf den Grund; die Astrofotografie ist sein großes Hobby. Kein Wunder also, dass er Wissenschaftler wurde. Er studierte Maschinenbauinformatik und Maschinenbau, promovierte über »mathematische Optimierungsverfahren und mehrstufige Gaußprozesse« und arbeitet seit vielen Jahren im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Die ersten Videos sind ruckelig. Doch er merkt schnell, dass er damit etwas bewegen kann

Energiewende und Erneuerbare? Solche Themen hatte er lange nicht auf dem Schirm. Bis er einem Freund ein kleines Solarpanel schenken wollte, mit dem man Handys aufladen kann, wenn man es in die Sonne legt. Aus Neugierde schloss er ein Messgerät an – und war erstaunt, wie viel Energie sich mit Hilfe des Sonnenlichts erzeugen lässt. Sein Interesse war geweckt, der Weg zum ersten Video geebnet. Es entstand ebenfalls aus Neugierde. »Ich weiß noch, dass meine Frau lachte, weil anfangs alles improvisiert war«, sagt Schmitz.

Unter den Videos gibt es eine Kommentarfunktion. Als dort das erste Mal jemand etwas schrieb, den der Akkudoktor gar nicht kannte, merkte Schmitz: Er kann einen Unterschied machen. Er kann den Menschen helfen, sich besser und günstiger mit Energie zu versorgen.

»Letztlich bin ich einer von ihnen und suche nach Lösungen, wie ich meinen Strom selbst erzeugen kann«, sagt er. DIY nennt sich, wofür Schmitz auf Youtube steht: Do it yourself – mach es selbst! Die Abkürzung fasst den Grundgedanken der Bürgerenergiewende perfekt zusammen: Alle können mitmachen.

Und viele wollten auch mitmachen, als die Energiepreise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine stiegen und stiegen. Das war 2022. Das Interesse an Balkonkraftwerken stieg sprunghaft. Und Schmitz besaß einen Wissensvorsprung, den er an seine Community weitergeben konnte. »Die Leute wollten wissen, wie man sparen und autarker werden kann.« Das Interesse an der Arbeit des Akkudoktors wuchs und wuchs.

Als er im Netz bedroht wird, will er hinschmeißen. Doch seine Fans geben ihm Mut

Aber Wachstum kann auch Wachstumsschmerzen bereiten. Schmitz lernte bald auch die Schattenseiten des Internets kennen. Er hatte bereits ein professionelles Studio eingerichtet, als er seine Reichweite erstmals nutzte, um in einem Video auf die Gefahren durch die menschengemachte Erderwärmung aufmerksam zu machen. Unter dem Video gab es viel Lob für seine verständliche Zusammenfassung. Aber auch Kritik, Häme und sogar Drohungen.

Schmitz wollte hinschmeißen, doch seine Community überzeugte ihn weiterzumachen. Die Gemeinschaft sammelte sogar so viel Geld, dass der Akkudoktor Leute einstellen konnte, die ihn unterstützen; seine Stelle beim DLR konnte er auf 40 Prozent reduzieren.

Seinen Videos hat es gutgetan, dass Schmitz nun unter anderem Cutter beschäftigt, die die Beiträge schneiden. Manche Beiträge erreichen eine inhaltliche Tiefe, die auch Polit- oder Verbrauchermagazine im öffentlich-rechtlichen Rundfunk schmücken würde – zum Beispiel, wenn Schmitz erklärt, wie Interessenten bei gebrauchten Elektroautos herausfinden können, wie gut der Akku noch funktioniert. Auch als Laie kann man seinen Ausführungen folgen.

Inzwischen übt er seinen Einfluss auch politisch aus – etwa mit Petitionen im Bundestag

Mit den Jahren ist Schmitz politischer geworden. Das liegt auch an zwei Eingaben, die er in den Petitionsausschuss des Bundestags eingebracht hat. Darunter ist die bislang erfolgreichste Petition überhaupt: 100.000 Menschen setzten sich 2023 mit Schmitz dafür ein, dass Balkonkraftwerke unbürokratischer betrieben werden können. Wohneigentümer sollten Mietern keine Steine in den Weg legen dürfen. Schließlich sind Balkonkraftwerke gerade für Menschen ohne Eigentum eine Chance, die Stromkosten zu senken. Die Petition fand Gehör, alle wesentlichen Forderungen wurden umgesetzt. Heute sind mehr als eine Million Anlagen in Deutschland registriert.

»Der Boom der Balkonkraftwerke hatte seine Wurzeln schon 2015, als sie wirtschaftlich wurden, aber als Hauptpetent war Andreas 2023 unser starker Arm in der Medienpräsenz«, erinnert sich Christian Ofenheusle vom Bundesverband Steckersolar im Gespräch mit der Energiedepesche. Er hat die Petition mit Schmitz und weiteren Akteuren angeschoben.

Die Ampelregierung war dem Anliegen seinerzeit wohlgesonnen. Inzwischen aber hat sich die Stimmung gedreht. Im Herbst waren Ofenheusle und Schmitz wieder Gast im Petitionsausschuss. Diesmal wollten sie erreichen, dass private Stromspeicher flexibel zur Stabilisierung der Stromnetze eingesetzt werden können. Das würde die Kosten für den Ausbau der Stromleitungen senken und die Energiewende vorantreiben. Mit Stefan Rouenhoff, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, gab die Bundesregierung diesmal jedoch den Bedenkenträger: Man habe das im Blick, der Aufwand sei aber noch zu hoch.

Für Schmitz ist das ein Rückschlag, klar. Doch nicht nur mit seinem Youtube-Kanal, auch mit dem Forum Akkudoktor.net ist er längst zu einem Treiber der Energiewende geworden. Er lebt vor, wie es geht. Das erste Video entstand noch in einer Mietwohnung, mittlerweile lebt Schmitz im Eigenheim auf dem Land und konnte mehr Photovoltaik installieren.

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»Ich möchte mein Wissen der Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung stellen«, sagt Andreas Schmitz.

Auf die Frage der Energiedepesche, wie hoch sein persönlicher Autarkiegrad sei, ist die Antwort auf seinem Rechner nur wenige Klicks entfernt. »2022 lagen wir zu Hause bei einer Eigenverbrauchsquote von 64 und einem Autarkiegrad von 68 Prozent, mittlerweile verbrauchen wir 77 Prozent unseres Stroms selbst, die Autarkiequote liegt nun bei 54 Prozent.«  Der Grund: Die Familie hat sich immer weiter elektrifiziert, heizt und fährt beispielsweise mit Strom und verbraucht deshalb insgesamt mehr als früher. Damit zeichnet er den Weg vor, der vor dem ganzen Land liegt: Strom wird mehr und mehr zum Hauptenergieträger.

Was rät der Akkudoktor Energieverbrauchern? »Aus der Ferne gebe ich keine Tipps für Menschen, von denen ich nicht weiß, wie sie wohnen und leben – etwa ob sie mittags zu Hause sind und Strom verbrauchen. Generell sind Solarmodule und Speicher aber so günstig geworden, dass es für die meisten Leute Sinn ergeben wird«, sagt Schmitz.

Wer es genauer wissen will, dem rät er zu einem Besuch auf Akkudoktor.net. Dort gibt es unter anderem ein PV-Tool, in das Interessierte ihre Adresse und weitere Informationen wie etwa die Ausrichtung der Module eintragen können. So kommt man zu einer ersten, kostenlosen Einschätzung. Programmiert haben das Werkzeug Forumsmitglieder, die Schmitz unterstützen.

Mehr als 40.000 Nutzer haben sich inzwischen registriert. Wie geht das in Zeiten, in denen das Internet vielen als Treiber der gesellschaftlichen Spaltung gilt? Schmitz hat eine einfache Erklärung: »Bei uns wird technisch geredet, wir helfen uns gegenseitig, Politisches ist nicht willkommen.« Dazu passen die Sätze, die er 2023 im Petitionsausschuss sagte. Damals bezeichnete er Balkonkraftwerke als »vertrauensbildende Maßnahme für die erneuerbaren Energien«. Denn: »Sie können den härtesten Klimawandelskeptiker überzeugen, wenn er sieht, dass sich sein Zähler nicht mehr dreht.«

Die Energiepolitik kritisiert er scharf. Doch stoppen lasse sich die Energiewende nicht

Natürlich merkt auch Schmitz, dass die Energiewende inzwischen auf mehr Gegenwind stößt. Mit der Energiepolitik von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche geht er hart ins Gericht, bleibt aber fair. Dass die Ministerin die Energiewende effizienter und günstiger gestalten wolle, könne er nachvollziehen. »Dass sie aber den Netzausbau eindampfen will, halte ich für eine Katastrophe. Ich fürchte, es geht ihr auch darum, die Assets großer Unternehmen zu schützen«, sagt Schmitz. Für den Ausbau der Windenergie ist er eher skeptisch, der unmittelbare Nutzen erschließe sich vielen Menschen nicht. Ganz anders bei der Photovoltaik: »Die Leute installieren Solaranlagen, weil sie es cool finden – und das wird die Politik nicht mehr stoppen können.«

Menschen, die noch nicht auf Sonnenstrom setzen, es aber in Zukunft vorhaben, ist die Unterstützung von Schmitz und seinem Team gewiss. Auch wenn ihm das Leben als Wissenschaftler, Youtuber und Familienvater Vieles abverlangt, eine Motivation treibt ihn an: »Ich möchte mein Wissen und meine Erfahrung einer breiten Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung stellen.« Dazu kommt: Er spürt eine Verantwortung gegenüber seinen Angestellten. Und dann ist da noch die Neugierde, mit der vor sechs Jahren alles anfing.

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Tobias Volk informiert auf seinem Kanal »PV&E« über Solaranlagen, Stromspeicherung und Elektromobilität. Im Fokus sind konkrete Produkte und Hersteller.

letzte Änderung: 02.05.2011