Energierevolution in Kuba – was können wir daraus lernen?

Die Energierevolution in Kuba in den Jahren 2004/2005 stützte sich auf Ansätze, die auch für Deutschland von Interesse sein könnten: Ineffiziente Altgeräte wurden durch effizientere Geräte ersetzt und parallel dazu wurden die Stromtarife innerhalb der progressiven Tarifstruktur so angepasst, dass Vielverbraucher deutlich mehr bezahlen müssen. Zudem wurde der Kauf von effizienten Haushaltsgeräten durch Sozialkredite unterstützt.

(20. September 2013) Aufgrund der veralteten und schlecht gewarteten Kraftwerke und Netze sowie den Auswirkungen zweier Hurrikans fiel in Kuba in den Jahren 2004 und 2005 in weiten Teilen des Landes quasi täglich der Strom aus. Im Jahr 2005 gab es an 224 Tagen Blackouts, die mehr als 100 MW Leistung umfassten und länger als eine Stunde dauerten. Fidel Castro selbst rief im Jahr 2005 die „Energierevolution“ (Revolución Energética) aus. Sie führte sehr schnell zu bemerkenswerten Erfolgen: Bereits 2007 gab es in Kuba keine großflächigen Stromausfälle mehr.

3049 Kuba

Dezentralisierung der Erzeugung

Die Effizienzmaßnahmen waren nicht die einzige Überraschung im Rahmen der Energierevolution. Während Kuba wie alle planwirtschaftlich orientierten Länder bislang auf eine zentrale  Stromversorgung mit großen Ölkraftwerken setzte, investierte das Land nun in dezentrale Kraftwerke in den Regionen. Diese Wende machte auch den Weg für den verstärkten Ausbau der regenerativen Energiequellen frei, die im zentralistisch geplanten Energiesystem nur geringe Umsetzungschancen hatten.

Glühbirnentausch

Als erster Schritt der Energierevolution wurde eine rasche Abkehr von der Glühlampe vollzogen. Im Jahr 2005 zogen Studenten und Sozialarbeiter von Haus zu Haus und tauschten für die Haushalte kostenlos alle Glühbirnen gegen Stromsparlampen aus. Geht man davon aus, dass pro Haushalt etwa durchschnittlich zwei 60-Watt-Lampen über drei Stunden brennen, so errechnet sich hieraus eine jährliche Einsparung von 354 Millionen kWh Die variablen Kosten der Stromerzeugung liegen in Kuba bei etwa 20 Cent/kWh. Die von den Verbrauchern gezahlten Tarife (unter zwei Eurocent je Kilowattstunde, siehe unten) liegen deutlich darunter, so dass der Staat an jeder weniger verbrauchten Kilowattstunde verdient. Alleine durch den Lampentausch spart der Staat jährlich rund 70 Millionen Euro.

3049 Kuba

Ventilatoren

Nach den Glühlampen kamen die alten selbstgefertigten Ventilatoren an die Reihe. Diese konnten ebenfalls gegen neue, effizientere Geräte ausgetauscht werden. Nach Angaben von UNE, dem staatlichen Energieversorger, mussten 1,04 Millionen Altgeräte und Eigenbauten ausgetauscht und verschrottet werden. Während ein halbwegs effizienter Ventilator mit 30 bis 40 Watt auskommt, hatten viele Eigenbau-Ventilatoren eine Leistung von weit über 100 Watt.

Neue Kühlschränke

Die wichtigste Maßnahme war jedoch zweifellos der Austausch ineffizienter Kühlgeräte. Kühlschränke waren in den kubanischen Haushalten mit Abstand die größten Stromverbraucher und prägten mit einem jährlichen Verbrauch von 700 bis 900 kWh die Stromrechnung der Haushalte – besonders sparsame Untertischgeräte verbrauchen in Deutschland etwa 100 kWh jährlich.

3049 Kühlschrank

Dieses Einsparpotential wurde umfassend genutzt: 2,55 Millionen ineffiziente Kühlgeräte wurden durch effizientere, chinesische Modelle ersetzt. Über 90 Prozent aller kubanischen Haushalte nahmen das Angebot an. Allerdings mussten die Haushalte für einen Kühlschranktausch rund 6.100 kubanische Pesos (ca. 180 Euro) bezahlen – ein kleines Vermögen für einen durchschnittlichen kubanischen Haushalt. Die Haushalte hatten jedoch die Möglichkeit für den Kauf einen Sozialkredit aufzunehmen.

Positive Bilanz

Der volkswirtschaftliche Nutzen alleine aus den drei hier geschilderten Maßnahmen liegt bei etwa 4.120 Millionen Euro und steht Investitionen von etwa 390 Millionen Euro gegenüber. Dabei sei erwähnt, dass im Rahmen der Energierevolution noch weitere wesentliche Effizienzmaßnahmen umgesetzt wurden (Austauschprogramme für Herde, Dampfdruckkochtöpfe, Fernsehgeräte, Pumpen und Motoren).

  Leuchtstofflampen Ventilatoren Kühlgeräte Summe bzw. Verhältnis
Investitionen in Mio. Euro 0 10,4 383 393
Jährliche Einsparung in MWh 354.123 62.640 1.147.500 1.564.263
Lebensdauer in Jahre 8,3 7,0 15  
Einsparung total in MWh 2.951.025 438.480 17.212.500 20.602.005
Nutzen in Mio. Euro 590 88 3.433 4.120
Nutzen/Kosten - 8,4 9,0 10,5

Nutzen-Kosten-Abschätzung für den Gerätetausch im Rahmen der kubanischen Energierevolution

Progressive Tarife

Parallel zu den Effizienzmaßnahmen packte der staatliche Energieversorger eine Änderung in der Tarifstruktur an. Während die Strompreise für die unteren Verbrauchszonen unverändert blieben, stiegen die Tarife für Vielverbraucher deutlich an. Mit diesem Schritt wird einerseits ein teilweiser Abbau der bisherigen Subventionen des Energieverbrauchs angestrebt und andererseits soll ein verstärkter Anreiz zum Stromsparen gegeben werden, ohne dass die ärmsten Haushalte stärker belastet werden.

3049 Progressiver Stromtarif Kuba

Progressiver Stromtarif in Kuba vor und nach der Energierevolution.

Zudem wurde der Kauf von effizienten Haushaltsgeräten durch sogenannte Sozialkredite unterstützt. Sozialkredite deshalb, weil die Kreditbedingungen wie Zinssatz und Tilgungsdauer an die Einkommen und die Zahlungsfähigkeit der Haushalte angepasst wurden.

Was können wir nun von dem kubanischen Modell lernen?

Auch in einkommensschwachen Haushalten in Deutschland würde sich ein Kühlschranktausch in vielen Fällen lohnen. Doch die Haushalte, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, können sich energieeffiziente Geräte in der Regel nicht leisten. Nun gibt es mit dem Stromspar-Check ein bundesweites Projekt des Deutschen Caritasverbandes in Kooperation mit dem eaD (Verband der Energie- und Klimaschutzagenturen Deutschlands). Dieses Projekt hilft seit fünf Jahren erfolgreich Haushalten, ihren Strom- und Wärmebedarf zu reduzieren und gleichzeitig Wasser zu sparen. Der Austausch von ineffizienten Kühlgeräten, der ein Quantensprung bei der Stromeinsparung darstellen würde, wird jedoch unterlassen, weil sich das Wirtschaftsministerium querstellt.

Dabei hat ein Feldversuch in der Stadt Freiburg bereits im Jahr 2008 gezeigt (Büro Ö-quadrat/Regio Energieagentur Freiburg, 2008) dass sich ein Kühlschranktausch aus volkwirtschaftlicher Sicht lohnen würde und die Haushalte die Investitionskosten über die eingesparten Stromkosten zurückbezahlen könnten. Hier scheinen uns die Kubaner um einiges voraus zu sein.

Monatliches Einkommen
in kubanischen Pesos
Zinsatz in Prozent Tilgungszeitraum in Jahre
bis 225 2 10
226 bis 450 3 10
451 bis 600 4 10
601 bis 800 5 5
801 bis 1.000 6 4
1.001 bis 1.400 6 3
1.401 bis 1.800 6 2
über 1.800 kein Kredit -

Kreditbedingungen für Darlehen die im Rahmen der kubanischen Energierevolution für Investitionen in Effizienzmaßnahmen galten.

Neue Tarife auch in Deutschland?

Auch bei der Tarifgestaltung lohnt sich ein kleiner Ausflug nach Kuba: Während in Kuba der Strompreis mit steigendem Verbrauch kräftig ansteigt, stellt man in Deutschland das Gegenteil fest. Vielverbraucher-Haushalte zahlen in Deutschland etwa 20 bis 30 Prozent weniger pro Kilowattstunde als Haushalte mit geringem Stromverbrauch. Dabei ist es im Zeitalter der Klimaveränderung inakzeptabel, dass Haushalte beliebige Mengen an klimaschädigenden Gasen verursachen dürfen und dafür noch durch Rabatte belohnt werden.

Progressive Tarife gibt es nicht nur in Kuba, sondern auch in Italien, Kalifornien und Ägypten. Mit der kubanischen Strategie könnte man auch bei uns Einsparpotentiale erschließen und damit  die Stromrechnungen der Haushalte und des Gewerbes reduzieren. Gleichzeitig müssen die einkommensschwachen Haushalte durch eine Änderung der Tarifstruktur sowie durch spezielle Effizienzprogramme abgesichert werden. Vor diesem Hintergrund sei dem Umweltminister Peter Altmaier ein Ausflug nach Kuba empfohlen. Dabei braucht er nicht das ganze kubanische Wirtschaftssystem mitzubringen – es genügen einige gute Ideen.

Der Artikel basiert auf dem Bericht „Energierevolution in Kuba – Ein Modell für den Klimaschutz?“ Dieser Bericht kann auf der Webseite Büro Ö-quadrat in deutscher, englischer und spanischer Sprache heruntergeladen werden: www.oe2.de

1378 1517 3049 Dieter Seifried

Dieter Seifried (65) ist ein angesehener Energieexperte und Sachbuchautor. Er war von 1983 bis 1999 Mitarbeiter, Koordinator und Projektleiter des Freiburger Öko-Instituts, 1999 gründete er das Beratungsbüro Ö-Quadrat in Freiburg. Er verfasste zusammen mit Peter Hennicke und Stefan Kohler das Buch „Die Energiewende ist möglich“. Und zwar vor 28 Jahren, im Jahr 1985!

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